{"id":88665,"date":"2022-10-03T11:30:47","date_gmt":"2022-10-03T09:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88665"},"modified":"2022-10-04T10:34:48","modified_gmt":"2022-10-04T08:34:48","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-das-geschaeft-mit-dem-hunger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88665","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Das Gesch\u00e4ft mit dem Hunger"},"content":{"rendered":"<p>Die Welle der Preisanstiege bei Lebensmitteln h&auml;lt an und die Hungersn&ouml;te nehmen zu. Die Medien beharren darauf, dass dies eine Folge des Ukraine-Krieges sei, doch das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Zweifellos sind auch die Folgen der letzten beiden Pandemiejahre ein gewichtiger Faktor. Aber keine der beiden Entwicklungen ist der eigentliche Grund f&uuml;r die Lebensmittelkrise. Die Hauptursache liegt darin, dass die agroindustrielle Kette der Nahrungsmittelerzeugung &ndash; die einen Gro&szlig;teil der in Superm&auml;rkten und Einzelhandelsgesch&auml;ften verkauften Lebensmittel liefert &ndash; stark von einigen wenigen transnationalen Konzernen beherrscht wird, die nicht an der Ern&auml;hrung interessiert sind, sondern am Profit. Von <strong>Silvia Ribeiro<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVom Saatgut bis zu den Superm&auml;rkten, &uuml;ber den Getreidehandel bis hin zur Verarbeitung von Lebensmitteln und Getr&auml;nken kontrollieren vier bis zehn Unternehmen den Gro&szlig;teil des Weltmarktes in jedem Glied der Kette. Hinzu kommt, dass die gro&szlig;en Technologiekonzerne und Investmentmanager in den Agrar- und Lebensmittelmarkt eingestiegen sind.<\/p><p>Wie die internationale Nichtregierungsorganisation Grain <a href=\"https:\/\/grain.org\/en\/article\/6862-lurching-from-food-crisis-to-food-crisis\">analysiert<\/a>, sind wir mit einer Preiskrise konfrontiert, nicht mit einer Lebensmittelknappheit. In erster Linie ist sie der Finanzspekulation derer geschuldet, die die industrielle Nahrungsmittelkette kontrollieren, nicht dem Mangel an Produktion oder Best&auml;nden.<\/p><p>Die Ern&auml;hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zeigt in ihrem globalen Preisindex, dass die Preise f&uuml;r Lebensmittel auf dem h&ouml;chsten Stand seit Beginn der FAO-Aufzeichnungen 1990 sind. Im Jahr 2022 &uuml;bertraf der Preisanstieg sogar noch den H&ouml;hepunkt der Lebensmittelkrise von 2007\/2008.<\/p><p>Allerdings zeigen die Grafiken der FAO laut Grain, dass die Produktion und die Vorr&auml;te an gelagerten Lebensmitteln stabil geblieben sind, mit leichten Erh&ouml;hungen seit 1990, w&auml;hrend die Preise um absurd hohe Prozents&auml;tze gestiegen sind, v&ouml;llig von der Produktion und den Best&auml;nden abgekoppelt.<\/p><p>Das trifft auch auf Weizen zu, eine der Getreidesorten, von der gesagt wird, sie sei ma&szlig;geblich vom Krieg in der Ukraine betroffen. Obwohl es bis heute genug Vorr&auml;te gibt, sind die &auml;rmsten Teile der Bev&ouml;lkerungen in den L&auml;ndern, die in hohem Ma&szlig;e von Importen aus der Ukraine und Russland abh&auml;ngig sind, stark betroffen.<\/p><p>Der Grund ist, dass die Konzerne, die den Weizenhandel im Rest der Welt kontrollieren &ndash; das sind fast 80 Prozent der Exporte dieses Getreides &ndash; sich die Lage zunutze machen und die Preise erh&ouml;ht haben. Das wirkt sich besonders auf die &Auml;rmsten in st&auml;dtischen Gebieten aus, die bis zu 60 Prozent ihres Einkommens f&uuml;r den Kauf von Lebensmitteln aufwenden m&uuml;ssen.<\/p><p>Ein k&uuml;rzlich <a href=\"https:\/\/www.oxfam.org\/en\/research\/profiting-pain\">ver&ouml;ffentlichter Bericht<\/a> von Oxfam zeigt, dass der rapide Anstieg der Lebensmittelpreise mit gigantischen Gewinnen der gr&ouml;&szlig;ten Unternehmen des Nahrungsmittelsektors und ihrer Eigent&uuml;mer zusammenf&auml;llt. Zusammen mit den Technologie-, Energie- und Pharmakonzernen sind es diese vier Sektoren, die w&auml;hrend der Jahre der Covid-19-Pandemie am meisten profitiert haben.<\/p><p>Oxfam berichtet, dass der Reichtum der Milliard&auml;re des Lebensmittel- und Agrarsektors in den letzten zwei Jahren um 45 Prozent gestiegen ist. Au&szlig;erdem sind 62 Aktion&auml;re dieses Sektors zur Gruppe der globalen Milliard&auml;re hinzugekommen.<\/p><p>Cargill, der weltweit gr&ouml;&szlig;te Getreideh&auml;ndler und drittgr&ouml;&szlig;ter Konzern bei der industriellen Tierhaltung, erzielte im Jahr 2021 Nettoeink&uuml;nfte in H&ouml;he von f&uuml;nf Milliarden Dollar, den gr&ouml;&szlig;ten Nettogewinn seiner gesamten Geschichte. Voraussichtlich wird Cargill auch 2022 wieder Rekordgewinne erzielen.<\/p><p>Die Louis Dreyfus Company (LDC), ebenfalls unter den sieben weltgr&ouml;&szlig;ten Konzernen des Getreidehandels, hat ihre Gewinne im Jahr 2021 um 82 Prozent gesteigert.<\/p><p>Auch Walmart, das umsatzst&auml;rkste Unternehmen und zugleich gr&ouml;&szlig;ter Supermarkt der Welt, verzeichnete 2021 au&szlig;erordentliche Gewinne. Die Familie Walton, Hauptaktion&auml;rin des Konzerns, hat ihr Verm&ouml;gen seit 2020 um 8,8 Milliarden Dollar erh&ouml;ht.<\/p><p>Der transnationale Konzern Nestl&eacute;, weltgr&ouml;&szlig;tes Unternehmen bei der Verarbeitung von Lebensmitteln, hat mehr als 16 Milliarden Dollar verdient, weshalb sein Nettoeinkommen im Jahr 2021 um 38,2 Prozent h&ouml;her war als im Vorjahr. Diesen Giganten des schlechten Essens noch zu unterst&uuml;tzen, wie es der mexikanische Pr&auml;sident tat, st&auml;rkt die Position des Konzerns weiter, um solche irrsinnigen Gewinne zu erzielen, w&auml;hrend die kleinb&auml;uerlichen Produzenten miserablen Bedingungen ausgesetzt sind.<\/p><p>Das agroindustrielle Nahrungsmittelsystem, das von transnationalen Oligopolen kontrolliert wird, ist die strukturelle Hauptursache f&uuml;r die Lebensmittelkrisen, f&uuml;r die Hungersn&ouml;te und auch f&uuml;r die Krise der Immunschw&auml;che als Folge der Verbreitung von Junkfood und Essen mit schlechter N&auml;hrwertqualit&auml;t.<\/p><p>Aus dieser verh&auml;ngnisvollen Spirale der Lebensmittel- und Gesundheitskrise auszubrechen, ebenso wie aus der Abh&auml;ngigkeit von transnationalen Konzernen, ist dringend notwendig, gangbar und m&ouml;glich.<\/p><p>Es erfordert den Aufbau von Ern&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t, nicht im Sinne von Isolierung und Grenzschlie&szlig;ung, sondern so, wie es La V&iacute;a Campesina <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/256160\/la-campesina-ernaehrungssouveraenitaet\">vorschl&auml;gt<\/a>: Unter Anerkennung der Rechte und mit realer Unterst&uuml;tzung der kleinb&auml;uerlichen, nachhaltigen, agrar&ouml;kologischen Produktion auf lokalen und nationalen M&auml;rkten, in solidarischen und sozial verantwortungsvollen Systemen, die verhindern, dass Konzerne etwas so Unverzichtbares kontrollieren und ihren Spekulationen unterwerfen, wie das Essen f&uuml;r uns alle.<\/p><p><em>Silvia Ribeiro ist eine uruguayisch-mexikanische Forscherin der Grupo de Acci&oacute;n sobre Erosi&oacute;n, Tecnolog&iacute;a y Concentraci&oacute;n (ETC)<\/em><br>\n(<a href=\"https:\/\/amerika21.de\">amerika21<\/a>)<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ AB-7272<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88529\">Kolumbiens erste Linksregierung: Sich wie Erwachsene verhalten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=85733\">Keiner soll hungern, ohne zu frieren. Der Weg in die Katastrophe<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/52b8429213404c1d930ba70431f087cb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welle der Preisanstiege bei Lebensmitteln h&auml;lt an und die Hungersn&ouml;te nehmen zu. Die Medien beharren darauf, dass dies eine Folge des Ukraine-Krieges sei, doch das ist nur ein kleiner Teil des Problems. Zweifellos sind auch die Folgen der letzten beiden Pandemiejahre ein gewichtiger Faktor. Aber keine der beiden Entwicklungen ist der eigentliche Grund f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88665\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":88666,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,132,133],"tags":[1692,2884,849],"class_list":["post-88665","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-agrarwirtschaft","tag-lebensmittelindustrie","tag-nahrungsmittel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Spiel_mit_Hunger.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88665","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88665"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88665\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":88792,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88665\/revisions\/88792"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/88666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88665"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88665"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88665"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}