{"id":88680,"date":"2022-10-01T11:30:47","date_gmt":"2022-10-01T09:30:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88680"},"modified":"2022-10-03T16:08:26","modified_gmt":"2022-10-03T14:08:26","slug":"unterm-radar-wie-die-massenmedien-85-prozent-der-menschheit-uebersehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88680","title":{"rendered":"Unterm Radar: Wie die Massenmedien 85 Prozent der Menschheit \u00fcbersehen"},"content":{"rendered":"<p>Ungeheuerliche Wassermassen haben ein Drittel Pakistans &uuml;berschwemmt, mindestens 1.500 Todesopfer gefordert und zahllose Menschen ins Elend gest&uuml;rzt. In Presse, Funk und Fernsehen bekommt man praktisch nichts davon mit. Ein bedauerlicher Einzelfall? Im Gegenteil: die traurige Regel. Der Germanist und Historiker <strong>Ladislaus Ludescher<\/strong> liefert mit seiner Langzeitstudie &uuml;ber &bdquo;Vergessene Welten und blinde Flecken&ldquo; ein besch&auml;mendes Lagebild einer &bdquo;westlich&ldquo; dominierten  Medienlandschaft, in der f&uuml;r den Globalen S&uuml;den mit &uuml;ber 800 Millionen Hungernden nur ein Nischenpl&auml;tzchen &uuml;brig ist. Schuld seien &bdquo;Fehler im System&ldquo; und ein &bdquo;Diskurskarussell&ldquo;, das sich immer um sich selber dreht, erkl&auml;rte er im Interview mit den NachDenkSeiten. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.  <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3802\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88680-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220930-Unterm-Radar-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220930-Unterm-Radar-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220930-Unterm-Radar-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220930-Unterm-Radar-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88680-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/220930-Unterm-Radar-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"220930-Unterm-Radar-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Zur Person<\/strong><\/em><\/p><div style=\"float:left; padding:0 10px 0 0\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Ludescher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Ludescher-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-88681\"><\/a><\/div><p><em>Ladislaus Ludescher, Jahrgang 1983, hat Germanistik, Geschichte und Europ&auml;ische Kunstgeschichte in Heidelberg studiert und wurde 2017 mit einer Arbeit &uuml;ber die Rezeption der Amerikanischen Revolution in der deutschen Literatur promoviert. Aktuell habilitiert er an der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt (Main) &uuml;ber die Rezeption der US-amerikanischen Pr&auml;sidenten und ist unter anderem am Historischen Institut der Universit&auml;t Mannheim als Lehrbeauftragter t&auml;tig. Seit f&uuml;nf Jahren widmet er sich der Langzeitstudie &bdquo;<a href=\"https:\/\/books.ub.uni-heidelberg.de\/heibooks\/reader\/download\/599\/599-3-91668-1-10-20201203.pdf\">Vergessene Welten und blinde Flecken.<\/a> Die mediale Vernachl&auml;ssigung des Globalen S&uuml;dens. Quantitative geografische Mediendiskursanalyse &uuml;ber die Berichterstattung der Tagesschau und ausgew&auml;hlter Leitmedien.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Herr Ludescher, Ihr Herz schl&auml;gt f&uuml;r den Globalen S&uuml;den unserer Erde, von dem Sie sagen, und dies belegen Sie anhand akribischer Recherchen, dass er in der medialen Berichterstattung in Deutschland beziehungsweise den L&auml;ndern des sogenannten Westens deutlich zu kurz kommt. Ganz taktlos gefragt: Muss man sich f&uuml;r diese Erkenntnis 5.000 Folgen der ARD-<em>Tagesschau<\/em> reinziehen?<\/strong><\/p><p>Einen Eindruck von der Unausgewogenheit in der Medienberichterstattung gewinnt man schon, wenn man sich nur regelm&auml;&szlig;ig die einschl&auml;gigen Formate, also etwa die <em>Tagesschau<\/em> oder die ZDF-<em>heute<\/em>-Sendung anschaut. Noch extremer sieht es in den Nachrichtensendungen der Privatsender aus. Ich wollte allerdings meine pers&ouml;nlichen Erfahrungen auf eine wissenschaftliche Datenbasis stellen und daf&uuml;r habe ich tats&auml;chlich viel Material gesichtet, nicht nur weit &uuml;ber Tausend Stunden <em>Tagesschau<\/em>. In die Auswertung kamen auch der <em>Deutschlandfunk<\/em>, die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em>, <em>Der Spiegel<\/em> oder die TV-Sendungen <em>Brennpunkt<\/em>, <em>Anne Will<\/em>, <em>Hart aber Fair<\/em>, <em>Maischberger<\/em>, <em>Maybrit Illner<\/em> sowie f&uuml;r eine internationale Perspektive <em>CBS Evening News<\/em>, die <em>Washington Post<\/em>, <em>Time<\/em>, <em>The Guardian<\/em> und <em>Le Monde<\/em>. <\/p><p><strong>Wie hat man sich Ihre Arbeit vorzustellen? Sie hocken stundenlang vor der Glotze mit der Stoppuhr im Anschlag?<\/strong><\/p><p>Zum Beispiel habe ich mich aus dem Archiv der <em>Tagesschau<\/em> bedient und die entsprechenden Sendungen heruntergeladen. Das alles anzusehen und auszuwerten, ist schon herausfordernd. Zur Sichtung habe ich dann h&auml;ufig l&auml;ngere Zugfahrten genutzt.<\/p><p><strong>Aber wirklich &uuml;berrascht haben die Ergebnisse Ihrer Arbeit Sie nicht?<\/strong><\/p><p>Mein subjektives Gef&uuml;hl, dass die Medien einseitig und vornehmlich aus dem Blickwinkel des sogenannten Westens berichten, wurde best&auml;tigt. Dennoch war es f&uuml;r mich &uuml;berraschend, in welcher Intensit&auml;t andere Weltregionen vernachl&auml;ssigt werden. Begleitend zu meiner Studie gibt es eine <a href=\"https:\/\/www.ivr-heidelberg.de\/ausstellung\/\">Wanderausstellung<\/a>, die schon in zahlreichen St&auml;dten Station gemacht hat. Vielen Besuchern, mit denen ich gesprochen habe, ist es wie mir ergangen: Sie haben sich sehr wohl gedacht, dass der Globale S&uuml;den medial unterbelichtet wird. Dass die Ungleichgewichte aber so eklatant sind, war f&uuml;r viele doch schockierend &ndash; auch f&uuml;r mich. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie diese Unwucht anhand von Beispielen beziffern?<\/strong><\/p><p>Ich spreche immer vom &bdquo;Verschwinden der 85 Prozent&ldquo;. Der Globale S&uuml;den beheimatet mit sch&auml;tzungsweise 6,7 Milliarden Menschen 85 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung. Von der Gesamtberichtszeit der <em>Tagesschau<\/em> in der ersten Jahresh&auml;lfte 2022 wurden den betreffenden Staaten jedoch blo&szlig; sechs Prozent gewidmet. Selbst der Sport nahm einen leicht gr&ouml;&szlig;eren Raum ein als der Globale S&uuml;den. <\/p><p>Greift man sich das Thema Hunger heraus, der ja fast ausnahmslos die L&auml;nder der s&uuml;dlichen Hemisph&auml;re betrifft, dann wird die Bilanz noch d&uuml;sterer. Dabei hat ja die Zahl der Hungernden im Gefolge der Corona-Pandemie laut Vereinten Nationen massiv zugenommen und betr&auml;gt inzwischen weit &uuml;ber 800 Millionen. Hier zeichnet sich eine furchtbare Katastrophe ab und trotzdem nehmen wir kaum Notiz davon. Auf den globalen Hunger entfielen im ersten Halbjahr gerade einmal 0,5 Prozent der <em>Tagesschau<\/em>-Sendezeit. &Uuml;ber Sportereignisse wurde 13-mal mehr berichtet und sogar das britische K&ouml;nigshaus &ndash; lange vor dem Tod der Queen &ndash; erschien der Redaktion offenbar wichtiger als der drohende Hungertod von Millionen von Menschen. <\/p><p><strong>Welche anderen Ereignisse neben dem Hunger bleiben f&uuml;r gew&ouml;hnlich unter dem Radar der Leitmedien, obwohl sie eigentlich erh&ouml;hte Aufmerksamkeit verdient h&auml;tten?<\/strong><\/p><p>Ganz allgemein alle Arten von Katastrophen, die im Globalen S&uuml;den stattfinden. Es hei&szlig;t ja sehr treffend: Sobald etwas Schlimmes im Westen passiert, sind sofort die Kameras da. Dagegen braucht es in den &auml;rmeren Weltregionen schon ein viel gr&ouml;&szlig;eres Unheil, bis sich die Augen der Welt&ouml;ffentlichkeit darauf richten. <\/p><p>Aktuell steht ein Drittel Pakistans unter Wasser, etliche Millionen Menschen sind obdachlos und von Seuchen bedroht. Anfangs war das f&uuml;r kurze Zeit ein Randthema in den Medien, aber heute ist es praktisch irrelevant. So verhielt es sich mit nahezu allen gro&szlig;en &Uuml;berflutungen in diesem Jahr. Die Medien nahmen sie allenfalls kurz zur Kenntnis, mehr aber auch nicht. Dabei enden die Probleme nicht, sobald der Pegel sinkt. Und die Spendenbereitschaft der Menschen im Westen h&auml;ngt entscheidend davon ab, wie pr&auml;sent eine Krise auf dem Bildschirm ist.      <\/p><p><strong>Wobei Naturkatastrophen, auch die in gro&szlig;er Ferne, ja durchaus ihren Platz haben in den Nachrichten. Zu denken w&auml;re an den Hurrikan Katrina, der 2005 gro&szlig;e Teile von New Orleans unter Wasser setzte.<\/strong><\/p><p>Es gibt so etwas wie einen Filter, der bestimmt, was berichtenswert ist und was nicht. Nachrichtenformate sind damit sogenannte Gatekeeper. Gr&ouml;&szlig;eren Nachrichtenwert hat offenbar alles, was sich im Westen beziehungsweise im Globalen Norden ereignet. Mehr noch gilt das, sofern Deutsche unter den Opfern sind. Ein Beispiel, das zeigt, wie mit zweierlei Ma&szlig; gemessen wird: 2017 forderte Hurrikan Harvey in Texas etwa 100 Todesopfer. Das lief &uuml;ber alle Kan&auml;le. Zeitgleich wurden Bangladesch, Indien, Nepal und Pakistan von gewaltigen Fluten heimgesucht. 45 Millionen Menschen waren davon betroffen und es gab &uuml;ber 2.100 Tote. Von dem menschlichen Leid erfuhr die westliche Welt damals kaum etwas. Das Berichtsverh&auml;ltnis im Vergleich beider Ereignisse betrug etwa zehn zu eins. <\/p><p><strong>Nun besteht die bittere Ironie Ihres Unterfangens darin, dass die Medien, die Sie der Einseitigkeit &uuml;berf&uuml;hren, sich f&uuml;r Ihre Forschung genauso wenig interessieren wie f&uuml;r die &bdquo;Vergessenen Welten&ldquo; unterhalb des &Auml;quators. Die meisten der wenigen bei namhaften Presseerzeugnissen erschienenen Beitr&auml;ge zu Ihrer Studie haben Sie als Gastautor selbst geschrieben. Sind Sie frustriert?<\/strong><\/p><p>Ja, bis zu einem gewissen Grad. Nat&uuml;rlich w&uuml;nsche ich mir, dass meiner Studie beziehungsweise meinem Anliegen gr&ouml;&szlig;ere Beachtung zukommt. Eine Fernsehsendung dar&uuml;ber, wor&uuml;ber das Fernsehen nicht berichtet, w&auml;re einmal etwas Neues. Ich habe meine Ergebnisse wiederholt an die <em>Tagesschau<\/em> geschickt, ge&auml;ndert hat das ihr Berichtsschema aber nicht. <\/p><p><strong>Hat die Redaktion auf Ihre Eingaben reagiert?<\/strong><\/p><p>Meine Beschwerden wurden an die <em>ARD-aktuell<\/em>-Redaktion weitergereicht und ich habe auch in zwei Schreiben R&uuml;ckmeldung erhalten, zuletzt Anfang August. Sinngem&auml;&szlig; hei&szlig;t es darin, dass sich Nachrichtenw&uuml;rdigkeit nicht prim&auml;r daran bemessen w&uuml;rde, wie viele Einwohner etwa ein Staat hat, sondern dass andere Faktoren ausschlaggebend w&auml;ren. Man m&uuml;sste einmal nachhaken, welche diese Faktoren sind. Mir jedenfalls stellen sich Fragen: Ist das Leben eines Menschen im Westen mehr wert als das eines Menschen aus dem Globalen S&uuml;den? Oder wird beispielsweise &uuml;ber die USA so viel berichtet, weil sie politisch, &ouml;konomisch und milit&auml;risch so m&auml;chtig sind? Den Nachrichtenwert eines Ereignisses ausschlie&szlig;lich daran zu bemessen, f&auml;nde ich sehr bedenklich.     <\/p><p><strong>Aber ans Aufgeben denken Sie nicht. Sie machen immer weiter und bringen die Analyse vor dem Hintergrund neuerer weltpolitischer Entwicklungen wie der Pandemie oder des Ukraine-Kriegs st&auml;ndig auf den neuesten Stand. Wie sehr dr&uuml;cken allein diese beiden Ereignisse der deutschen Nachrichtenwelt ihren Stempel auf?<\/strong><\/p><p>In den Jahren 2020 und 2021 war die Pandemie das absolut dominante Thema, wobei wiederum nur ein Bruchteil der Berichte, rund f&uuml;nf Prozent, auf die Staaten des Globalen S&uuml;dens entfielen, daf&uuml;r um so mehr auf Deutschland, L&auml;nder des Globalen Nordens, insbesondere die USA und die EU-Staaten. Dabei waren L&auml;nder wie etwa Brasilien und Indien extrem betroffen von der Krise. Aber die Medien interessierte das nur ganz am Rande. <\/p><p><strong>Und dasselbe Muster zeigt sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine?<\/strong><\/p><p>In den ersten Wochen war der Krieg an sich das alles beherrschende Thema. Inzwischen hat sich der Fokus auf die Energiekrise verlagert, vor allem die Situation in Deutschland. Bezeichnend war die Art, wie &uuml;ber die Weizenkrise und die wieder aufgenommenen Ausfuhren aus Odessa berichtet wurde. Dabei lag der Schwerpunkt auf technischen, milit&auml;rischen und politischen Aspekten. Dass die Liefereinbr&uuml;che verheerende Auswirkungen auf die Ern&auml;hrungslage im Globalen S&uuml;den hatten, wurde so gut wie gar nicht thematisiert. Das erinnert an die Fl&uuml;chtlingskrise im Jahr 2015. In den Medien erfuhr man viel &uuml;ber die Fl&uuml;chtlinge in Deutschland und Europa, aber praktisch nichts &uuml;ber die Situation in den Herkunftsl&auml;ndern, dar&uuml;ber, was die Menschen dazu n&ouml;tigt, ihre Heimat zu verlassen. <\/p><p><strong>Ticken die Medien unter dem Eindruck von Corona und dem Ukraine-Krieg noch einmal anders als davor?<\/strong><\/p><p>Die Konzentration auf ein einziges Thema in dieser Intensit&auml;t ist in der Tat etwas Neues. Versch&auml;rft hat sich damit nat&uuml;rlich die &bdquo;Blindheit&ldquo; f&uuml;r andere Ereignisse. Der Globale S&uuml;den ist seither nahezu vollst&auml;ndig aus der Berichterstattung verschwunden. Zum Beispiel in der <em>Tagesschau<\/em>: Von den &uuml;ber 3.000 Beitr&auml;gen, die 2020 in der Hauptsendung ausgestrahlt wurden, befassten sich knapp 1.300 mit der Pandemie und lediglich neun mit dem Thema Hunger. <\/p><p><strong>Jetzt k&ouml;nnte man sagen: Ich lebe in Deutschland &ndash; was interessiert mich der Sack Reis, der in China umf&auml;llt? Womit halten Sie dagegen?<\/strong><\/p><p>Das ist eine sehr kurzsichtige und zynische Sichtweise. Durch die Globalisierung sind die Staaten der Erde miteinander verbunden und gerade wir im Westen profitieren sehr stark von Produkten aus &Uuml;bersee oder seltenen Erden aus Subsahara-Afrika. Dass diese Rohstoffe unter h&auml;ufig menschenunw&uuml;rdigen Arbeits- und Lohnbedingungen gewonnen werden, ist dabei wieder so ein blinder Fleck in der Berichterstattung. Von Interesse w&auml;re das dann wohl erst, wenn es pl&ouml;tzlich beim Nachschub an Rohstoffen f&uuml;r Handys hakt. <\/p><p>2017, zur Zeit dieser gro&szlig;en &Uuml;berschwemmungen in Asien, nannte es der Auslandskorrespondent Arne Perras in einem Kommentar der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/hochwasser-in-suedasien-und-texas-es-ist-verstoerend-wie-unterschiedlich-der-westen-leid-wahrnimmt-1.3647569\">&bdquo;verst&ouml;rend, wie unterschiedlich der Westen Leid wahrnimmt&ldquo;<\/a>. Au&szlig;erdem schrieb er: &bdquo;Wenn mediale Aufmerksamkeit auch ein Gradmesser f&uuml;r Werte einer Gesellschaft ist, muss sich Europa einige Sorgen machen.&ldquo; Das gilt heute vielleicht mehr denn je. <\/p><p><strong>Die N&ouml;te des Globalen S&uuml;dens h&auml;ngen wesentlich mit dem kolonialen Erbe zusammen, was sich bis heute in ausbeuterischen Machenschaften westlicher Konzerne fortschreibt. Liegt hier nicht der entscheidende Beweggrund f&uuml;r diese mediale Nabelschau des Westens? Man tut den Teufel, die Verantwortung der f&uuml;hrenden Industrienationen f&uuml;r den Hunger in der Welt oder die Verw&uuml;stungen durch den Klimawandel an die gro&szlig;e Glocke zu h&auml;ngen. Will man solche Zusammenh&auml;nge dem Publikum vielleicht schlicht nicht vermitteln?<\/strong><\/p><p>Ich glaube nicht an eine irgendwie geartete Intention der Medienmacher, Themen und Ereignisse zu verheimlichen oder zu unterdr&uuml;cken. Ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass hier dunkle Kr&auml;fte im Hintergrund wirken w&uuml;rden, um die Menschen mit nichts als Propaganda abzuspeisen. Das Problem liegt im System selbst, speziell bei der Verteilung der Ressourcen. <\/p><p>Die Standorte der Korrespondenten der <em>ARD<\/em> decken sich sehr weitgehend mit den Orten ihrer Berichterstattung. Ein Beispiel: Die in Prag sitzenden <em>ARD<\/em>-Reporter sind f&uuml;r zwei L&auml;nder &ndash; Tschechien und die Slowakei &ndash; mit 16 Millionen Einwohnern zust&auml;ndig. Das Team in Nairobi k&uuml;mmert sich hingegen um 38 Staaten mit 870 Millionen Einwohnern. Nat&uuml;rlich f&auml;llt die Berichterstattung in Europa damit viel dichter aus als in Afrika. <\/p><p><strong>Aber nun k&ouml;nnte man doch mehr Korrespondenten nach Afrika entsenden?<\/strong><\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich auch eine Frage des Geldes oder der Sicherheit, die in solchen L&auml;ndern, etwa dort, wo ein B&uuml;rgerkrieg w&uuml;tet, nicht immer gew&auml;hrleistet ist. Und ein Argument lautet eben auch immer, dass sich die deutschen Zuschauer mehr f&uuml;r das interessieren, was geographisch und kulturell n&auml;her liegt. <\/p><p>Dazu kommen Automatismen in der Form, dass bestimmte Themen, Regionen und Personen so etabliert in den Medien sind, dass immer wieder darauf zugegriffen wird, sobald es entsprechende Neuigkeiten gibt. Wollte man aber &uuml;ber den Hunger im Kongo eine Talkshow machen, w&uuml;rden die meisten Zuschauer die geladenen Experten nicht kennen und man m&uuml;sste zun&auml;chst viel erkl&auml;ren, um die Hintergr&uuml;nde zu beleuchten. Und dann stellt sich nat&uuml;rlich gleich die Frage: Schalten dann die Menschen ein?<\/p><p><strong>Eher nicht &hellip;<\/strong><\/p><p>Vielleicht ja doch. Die Grundsatzfrage ist, ob wir l&auml;nger Medien haben wollen, die nur einen stark begrenzten Ausschnitt der Welt abbilden. Oder wollen wir Medien, die uns die ganze Welt mit all ihren Menschen, Problemen, Katastrophen und Zusammenh&auml;ngen zeigen? Ich bin guter Hoffnung, dass sehr Viele eigentlich Letzteres wollten. Daf&uuml;r m&uuml;ssten sich die Medien aber zun&auml;chst der Welt &ouml;ffnen. Im Moment k&ouml;nnen viele Leser, Zuschauer und -h&ouml;rer gar nicht ahnen, was sie alles verpassen.    <\/p><p><strong>Abseits der genannten Faktoren, die die Beschr&auml;nktheit der Medien erkl&auml;ren m&ouml;gen, existieren aber doch sehr wohl auch ideologische Motive, die die Berichterstattung pr&auml;gen. Es ist ja fraglos so, dass bestimmte politische Denkmuster, die den polit-&ouml;konomischen Status quo st&uuml;tzen, absolut dominant in den Leitmedien zum Ausdruck kommen, w&auml;hrend etwa Kapitalismuskritik keine Schnitte macht.<\/strong><\/p><p>Das will ich nicht abstreiten, ich sehe dahinter aber eben keine Verschw&ouml;rung oder einen b&ouml;sen Masterplan. Entscheidend sind f&uuml;r mich diese festgefahrenen Muster und Gewohnheiten, wodurch wiederum ein Publikumsinteresse geschaffen wird, das nach immer Demselben verlangt. Wenn die <em>Tagesschau<\/em> oder <em>Der Spiegel<\/em> ein Thema setzen, greifen die anderen Medien das auf. Aus diesem Diskurskarussell, das sich so herausbildet und immer weiter verst&auml;rkt, ist nur schwer auszubrechen. Und so kommt es, dass, sofern einmal abseits des Mainstreams berichtet wird, entsprechende Sendungen und Artikel in Spartenkan&auml;len oder auf den hinteren Seiten der Zeitungen landen, wo es nur Wenige mitbekommen.<\/p><p><strong>Aber w&auml;re es nicht auch eine Untersuchung wert, die Medienschaffenden auf den Zahn f&uuml;hlt, ob und wie sie sich durch Vorgaben der Chefredaktion, der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung oder ein politisch-ideologisches Meinungskorsett in ihrer journalistischen Freiheit eingeschr&auml;nkt sehen?<\/strong>   <\/p><p>Da m&uuml;sste man in der Tat vielleicht einmal mit Journalisten dar&uuml;ber reden, inwieweit sie sich eingeschr&auml;nkt f&uuml;hlen. Allerdings ist mein Metier die Betrachtung der quantitativen Berichterstattung in den Medien.<\/p><p><strong>Welche Projekte stehen auf Ihrer Agenda?<\/strong><\/p><p>Mich w&uuml;rde sehr interessieren, wie die Medien in China oder Russland die Welt wahrnehmen oder in den L&auml;ndern des Globalen S&uuml;dens selbst. Zun&auml;chst aber f&uuml;hre ich meine Analyse f&uuml;r 2022 fort unter besonderer Ber&uuml;cksichtigung des Hungers in der Welt. Das Weltern&auml;hrungsprogramm der UN hat Hunger als das gr&ouml;&szlig;te l&ouml;sbare Problem der Welt bezeichnet. Aktuell gibt die Staatengemeinschaft j&auml;hrlich zw&ouml;lf Milliarden Dollar f&uuml;r die Hungerbek&auml;mpfung aus. Nach Sch&auml;tzungen von Hilfsorganisationen und Forschungsinstituten k&ouml;nnten <a href=\"https:\/\/www.zef.de\/media-center\/news\/news-single-view.html?contact=1084&amp;tx_news_pi1%5Bnews%5D=4172&amp;cHash=0fc5b087726e542d1b8be6c6f035197c\">pro Jahr weitere 14 Milliarden Dollar<\/a> gen&uuml;gen, um den Hunger bis 2030 weitgehend zu besiegen. <\/p><p>Wir haben ja von der Absicht der Bundesregierung geh&ouml;rt, ein Sonderverm&ouml;gen von 100 Milliarden Euro f&uuml;r die Bundeswehr einzurichten. Vielleicht k&ouml;nnte man dar&uuml;ber nachdenken, ein Sonderverm&ouml;gen von 100 Milliarden Euro zugunsten der Bek&auml;mpfung des globalen Hungers einzurichten? <\/p><p>Titelbild: Asianet-Pakistan \/ shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/12905b065f45412db8e12e3411aa97b3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungeheuerliche Wassermassen haben ein Drittel Pakistans &uuml;berschwemmt, mindestens 1.500 Todesopfer gefordert und zahllose Menschen ins Elend gest&uuml;rzt. In Presse, Funk und Fernsehen bekommt man praktisch nichts davon mit. Ein bedauerlicher Einzelfall? Im Gegenteil: die traurige Regel. 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