{"id":88692,"date":"2022-10-01T13:00:22","date_gmt":"2022-10-01T11:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88692"},"modified":"2022-10-01T14:02:04","modified_gmt":"2022-10-01T12:02:04","slug":"eine-streitschrift-fuer-kunstautonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88692","title":{"rendered":"Eine Streitschrift f\u00fcr Kunstautonomie"},"content":{"rendered":"<p>Die Freiheit der Kunst geh&ouml;rt zu den gro&szlig;en Versprechungen des B&uuml;rgertums, das es zun&auml;chst gegen die Enge der Kunst des Feudalismus und sp&auml;ter gegen Kunstdoktrinen totalit&auml;rer Systeme richtete. Mit der Zunahme von Cancel-Culture auch in westlichen L&auml;ndern erweist sich die Kunstfreiheit keineswegs mehr als selbstverst&auml;ndlich. Auf Grund innergesellschaftlicher Entfremdung und auch ganz anderer, schon viel &auml;lterer Zusammenh&auml;nge war sie das nie &ndash; das behauptet der israelische Historiker und Kulturtheoretiker <strong>Moshe Zuckermann<\/strong> in einer Streitschrift f&uuml;r die Kunstautonomie, mit der er die Kulturtheorie von Theodor Adorno und Max Horkheimer aktualisiert. Von <strong>Sabine Kebir<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Kunstautonomie stellt die ideale Seite der Kunstfreiheit dar, sofern sich ein Kunstwerk ganz nach seiner eigenen Intention und seinen eigenen inneren Gesetzen entwickeln kann, was sich in gro&szlig;en Beispielen der Kunstgeschichte auch realisierte. Das hei&szlig;t nicht, dass die Kunst, einschlie&szlig;lich der &bdquo;autonomen&ldquo;, frei von gesellschaftlichen Voraussetzungen, Einfl&uuml;ssen und Wirkungen ist. Sie  entwickelt sich von ihrer Materialbasis und von ihrer geistigen Basis her mit der Gesellschaft, in der sie entsteht und wirkt auch in sie hinein. Zuckermann erinnert an Horkheimers Diktum, wonach Kunst &ndash; jedenfalls gro&szlig;e Kunst &ndash; jedoch immer ein &bdquo;Spiel&ldquo; ist, in dem sie sich sowohl formal als auch inhaltlich autonom von den repressiven Zw&auml;ngen ihrer Zeit machen und ein utopisches, emanzipatives Moment gewinnen kann.<\/p><p>Zun&auml;chst untersucht Zuckermann eine Episode der Kunstmoderne, der sich die Frankfurter Schule nicht widmete, da sie sich erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts voll entfaltete. Sie begann 1917, als Marcel Duchamp kraft seiner Autorit&auml;t als anerkannter K&uuml;nstler ein Urinal in einer Kunstausstellung pr&auml;sentierte und es zum Kunstwerk erkl&auml;rte. Duchamps &bdquo;Fountain&ldquo; wurde damals von 500 Experten zum &bdquo;einflussreichsten Kunstwerk der Moderne&ldquo; gek&uuml;rt. Zuckermann sieht die Konzeptkunst als Sackgasse, tendenziell sogar als Suizid der Kunst, denn sie verzichtet auf ihren spezifischen Herstellungsprozess. Hier f&uuml;hre das der b&uuml;rgerlichen Kunst immanente &bdquo;Postulat der permanenten Form&uuml;berbietung [&hellip;] konsequent zugespitzt, zur radikalen Formaufhebung, mithin zur Forderung ihrer totalen Aufhebung&ldquo;. In dieser Radikalit&auml;t verzichtet die Konzeptkunst auf jeglichen Autonomieanspruch und damit auch auf einen emanzipatorischen Horizont. Entscheidender f&uuml;r Zuckermann ist jedoch, dass die von der Konzeptkunst suggerierte Aussage pr&auml;ziser im verbalen Diskurs vermittelbar ist.<\/p><p>Freilich g&auml;be es Ausnahmen wie die Verh&uuml;llung des Reichstags, die Christo und Jeanne-Claude 1995 realisieren konnten, nach 24-j&auml;hriger Ungewissheit, eine Zeit, in der tausende Zeichnungen, Gem&auml;lde, Macketten und schlie&szlig;lich auch Computersimulationen entstanden, die durchaus einen k&uuml;nstlerischen Entwicklungsweg darstellten und dessen Ergebnis beim Publikum Kunstdebatten, auratische Eindr&uuml;cke sowie intellektuelle Kontemplation &uuml;ber das verh&uuml;llte Objekt hervorrief.<\/p><p>Wenn Adorno zeitweise behauptete, dass nach Auschwitz kein Dichten mehr m&ouml;glich sei, umschrieb er auch die Grenzen der Kunst, zur Menschheitsemanzipation entscheidend beizutragen: Sie hatte Auschwitz nicht vorhergesehen und nicht verhindert. Doch, so Zuckermann, &bdquo;weder Unbehagen in der Kultur noch Entsetzen &uuml;ber ihr Versagen f&uuml;hren aus der Kultur heraus&ldquo;. Werde diese &bdquo;subjektive Unf&auml;higkeit&ldquo; der Kunst mit dem &bdquo;Stand der objektiven Wahrheit rationalisiert&ldquo;, bliebe eine Spalte ge&ouml;ffnet, sofern sich die Kunst selbst &bdquo;kritisch reflektiert hinsichtlich ihrer Ohnmacht gegen&uuml;ber dem, worin sie eingezw&auml;ngt ist&ldquo;.<\/p><p>In ihrer Schrift zur industriellen Massenkultur hatten Horkheimer und Adorno diese als origin&auml;ren Ausdruck der Entfremdung in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften entlarvt: Die Kulturproduktion findet hier von vornherein als reine Warenproduktion statt, weshalb sie sich am Bildungsstand und den unmittelbaren geistigen und sexuellen W&uuml;nschen des Publikums orientiert, diese aber nur reproduziert, ohne emanzipatorische Anspr&uuml;che hervorzurufen. Sie will nichts anderes als Ware sein und wenn sie ein eigenes Interesse hat, dann nur dies: die Menschen im Zustand unreflektierter Konsumenten zu halten. Die Einl&ouml;sung des Versprechens der Aufhebung des Gegensatzes zwischen &bdquo;hoher&ldquo; und &bdquo;niederer&ldquo; Kultur wird so verhindert: die  Subalternen bleiben unf&auml;hig, sich &bdquo;Hochkultur&ldquo; mit emanzipatorischem Potential anzuverwandeln.<\/p><p>Die Kritischen Theorie sah den heutigen Zustand nicht voraus, in dem Formen der Massenkultur nicht nur in die Hochkultur eindringen, sondern alle Bereiche des Lebens kolonisieren. Freier Wille herrscht nur scheinbar, realiter werden die Individuen den Erfordernissen des permanenten Konsums immer mehr angepasst: &bdquo;Ob Kunst, Unterhaltung, politisches Ereignis oder Naturkatastrophe, ob Mord oder Hungertod, Ziehung der Lottozahlen oder Abdankung des Ministers&ldquo; &ndash; alles werde im Stil warenf&ouml;rmiger Massenkultur vermittelt: &bdquo;Sterben in Afrika hat einen &ouml;konomisch kalkulierbaren prime-time-Wert; es wird als item konsumiert und hat eine Wirkungsdauer, die sich am n&auml;chsten item, an der n&auml;chsten Sensation, an der ihr folgenden Unterhaltungssendung bemisst.&ldquo; Die fetischisierte  Hinnahme dieser &bdquo;Totalvirtualisierung des Lebens&ldquo; produziere im globalen Ma&szlig;stab das, was Erich Fromm &bdquo;autorit&auml;re Charaktere&ldquo; nannte &ndash; die Grundlage, auf der totalit&auml;re oder gar faschistoide Entwicklungen im Bereich des M&ouml;glichen liegen.  <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/philosophie\/die-kunst-ist-frei.html\">Moshe Zuckermann: Die Kunst ist frei? Eine Streitschrift f&uuml;r die Kunstautonomie<\/a>, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiheit der Kunst geh&ouml;rt zu den gro&szlig;en Versprechungen des B&uuml;rgertums, das es zun&auml;chst gegen die Enge der Kunst des Feudalismus und sp&auml;ter gegen Kunstdoktrinen totalit&auml;rer Systeme richtete. Mit der Zunahme von Cancel-Culture auch in westlichen L&auml;ndern erweist sich die Kunstfreiheit keineswegs mehr als selbstverst&auml;ndlich. 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