{"id":8882,"date":"2011-03-30T09:45:13","date_gmt":"2011-03-30T07:45:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8882"},"modified":"2014-08-12T12:53:26","modified_gmt":"2014-08-12T10:53:26","slug":"hochschulrate-viel-macht-wenig-rat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8882","title":{"rendered":"Hochschulr\u00e4te: Viel Macht, wenig Rat"},"content":{"rendered":"<p>Die neueste Studie des bertelsmannschen CHE &uuml;ber das <a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/CHE_AP140_Strategie.pdf\">&bdquo;strategische Management&ldquo; an den Hochschulen [PDF &ndash; 1.7 MB]<\/a> kommt hinsichtlich der Hochschulr&auml;te zum Ergebnis, dass diese zwar kaum &bdquo;fachlichen Impulse&ldquo; geben, aber daf&uuml;r die Macht h&auml;tten, Strategien einzufordern. Die fehlende Kompetenz vor allem der externen Hochschulratsmitglieder &uuml;ber hochschulinterne Fragen ein fachliches Urteil zu f&auml;llen, ist f&uuml;r jeden einigerma&szlig;en Kundigen eigentlich nichts Neues.<br>\nMan fragt sich deshalb, warum die Landesgesetzgeber ihre Hochschulgesetze nicht l&auml;ngst novelliert haben, die den Hochschulr&auml;ten immer noch die Kompetenz einr&auml;umen, &uuml;ber die strategische Ausrichtung einer Hochschule zu entscheiden und eine &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; wahrzunehmen, obwohl sie fachlich damit v&ouml;llig &uuml;berfordert sind. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDas informelle Bundesbildungsministerium Bertelsmann hat mal wieder eine Studie vorgelegt. Das bertelsmannsche Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) hat den Wert und die Notwendigkeit von &bdquo;Strategien&ldquo; bei der Hochschulsteuerung untersucht. Dazu haben die Autor(inn)en der Studie 12 (auch ehemalige) Mitglieder von Hochschulleitungen, 2 Hochschulratsmitglieder und 2 Kanzler als Experten geh&ouml;rt. Hochschullehrer\/innen, Mitarbeiter\/innen, Studierende oder auch nur die Fachbereichsdekane, die Betroffenen also, wurden nicht interviewt. Wieder einmal ein Beispiel f&uuml;r das Denken in Top-Down-Management-Kategorien der Bertelsm&auml;nner. <\/p><p>Immerhin muss man den Autor(inn)en wissenschaftliche Bescheidenheit zugestehen. Sie kommen n&auml;mlich zu dem Ergebnis, dass zwar &bdquo;ohne Strategie auf der Darstellungsebene (!) nichts mehr (gehe)&hellip;aber de facto Strategie genauso offensichtlich gar nicht so einfach&ldquo; sei: &bdquo;Ganz im Gegenteil k&ouml;nnte man provokativ behaupten, dass das Scheitern von Strategien weit eher der Normalfall ist als ihr Erfolg.&ldquo; <\/p><p>Ich will hier nicht die gesamte Studie kritisch durchleuchten, sondern mich ausschlie&szlig;lich auf die Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber die strategische Relevanz von Hochschulr&auml;ten beschr&auml;nken. Immerhin sind inzwischen in den meisten Hochschulgesetzen die Hochschulr&auml;te als Aufsichtsorgane an die Stelle des Staates und des demokratischen Gesetzgebers gesetzt worden und sie sollen ja ma&szlig;geblich gerade &uuml;ber die strategische Ausrichtung der Hochschule entscheiden und die &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; wahrnehmen. So jedenfalls lautet der Auftrag im sog. Hochschul&ldquo;freiheits&ldquo;gesetz von Nordrhein-Westfalen, das das &bdquo;New Public Management&ldquo;-Modell des G&uuml;tersloher Think-Tanks am <a href=\"?p=3726\">konsequentesten umgesetzt hat<\/a>.<\/p><p>Die Autor(inn)en interessierte die Erfahrung ihrer Gespr&auml;chspartner(innen) vor allem in zweierlei Hinsichten, n&auml;mlich inwieweit die Hochschulr&auml;te die Strategie mit <strong>fachlichen Impulsen<\/strong> anreichern k&ouml;nnen und wieweit sie bei der internen Durchsetzung der Strategie <strong>machtpolitisch<\/strong> eine Rolle spielen.<\/p><p>Im Blick auf die <strong>fachlichen Impulse<\/strong> ergab sich &bdquo;ein klares negatives Urteil&ldquo; (S.90):<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die gro&szlig;e Mehrheit der Interviewten berichtete, dass die Hochschulr&auml;te (hier vor allem die externen Mitglieder) fachlich wenig zur Strategie der Hochschule beitragen (teils wollen, teils) k&ouml;nnen&hellip;Gleichzeitig herrschte weitgehende Einigkeit dahingehend, dass es gar nicht w&uuml;nschenswert sei, dass die Hochschulr&auml;te sich inhaltlich in die Strategieentwicklung einschalten w&uuml;rden. Bei den Vertreter(inne)n aus anderen gesellschaftlichen Feldern bestehe ohnehin nur die Gefahr, dass sie Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld oder ihrer eigenen Branche &uuml;berbewerteten&hellip; Die hochschulinternen Mitglieder des Hochschulrats wiederum verf&uuml;gen &uuml;ber den fachlichen Hintergrund, repr&auml;sentieren aber ebenfalls nur eine kleine Auswahl von Disziplinen und Bereichen. Daher sollte man auch von ihnen eher erwarten, dass sie sich mit inhaltlichen Beitr&auml;gen zur Strategie eher zur&uuml;ckhalten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Anders sehe es jedoch bei der <strong>machtpolitischen Dimension<\/strong> aus:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Hier gaben die meisten Gespr&auml;chspartner(innen), die &uuml;ber einschl&auml;gige Erfahrungen mit einem Hochschulrat verf&uuml;gen, an, dass der Hochschulrat eine wichtige Rolle spielen k&ouml;nne. Dabei geht es darum, dass er die Bedeutung der Strategie f&uuml;r die Hochschule &uuml;berhaupt unterstreichen kann, indem er eine Strategie einfordert und indem er regelm&auml;&szlig;ig die Berichte der Hochschulleitung an der Strategie misst und so die Hochschule insgesamt st&auml;rker auf die Notwendigkeit eines strategischen Hochschulmanagements einstimmt. Daneben k&ouml;nne der Hochschulrat mitunter auch bei der Durchsetzung der Strategie gegen&uuml;ber dem Ministerium hilfreich mitwirken.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Im &Uuml;brigen h&auml;tten die Hochschulr&auml;te in allen Interviews der befragten &bdquo;Experten&ldquo; eine recht untergeordnete Rolle gespielt. Man habe den Eindruck gewinnen k&ouml;nnen, dass viele Hochschulr&auml;te ihre Rolle noch nicht gefunden h&auml;tten. <\/p><p>Diese Befunde kann <a href=\"?p=8139\">ich nur best&auml;tigen<\/a>:<br>\nIch bin selbst Mitglied in einem Hochschulrat einer Hochschule und habe so seit &uuml;ber 6 Jahren Erfahrungen mit einem solchen &bdquo;Aufsichtsrat&ldquo; sammeln k&ouml;nnen:<br>\nDabei bin ich zur festen &Uuml;berzeugung gelangt: Ein ehrenamtlicher Hochschulrat ist mit den ihm per Gesetz &uuml;bertragenen Kompetenzen in aller Regel schlicht &uuml;berfordert.<br>\nDie jeweiligen Entscheidungen leiten sich allenfalls aus dem jeweils pers&ouml;nlichen Vorurteil oder der &bdquo;Erfahrung aus ihrem eigenen Umfeld&ldquo; ab oder: man folgt lieber gleich dem Vorschlag des Pr&auml;sidiums der Hochschule.<\/p><p>In der ganz &uuml;berwiegenden Zahl der zu treffenden Entscheidungen hat das hauptamtliche Pr&auml;sidium einen nicht einholbaren Informationsvorsprung und kennt die m&ouml;glichen Handlungsoptionen erheblich besser als zumindest jedes externe Mitglied des Hochschulrates.<br>\nViele Pr&auml;sidenten entwickeln sich dadurch zu Alleinherrschern bzw. zu patriarchalischen Unternehmerpers&ouml;nlichkeiten. <\/p><p>Im wirklichen Leben sieht das n&auml;mlich so aus, dass vor entscheidenden Sitzungen des Hochschulrats der Pr&auml;sident versucht, dessen externen Vorsitzenden in Vorgespr&auml;chen auf seine Seite zu ziehen und der Vorschlag des Pr&auml;sidenten wird dann in der Hochschulratssitzung selbst meistens ohne gro&szlig;e Diskussion &bdquo;durchgewinkt&ldquo;. Zur Erarbeitung eigener Vorschl&auml;ge fehlt in aller Regel schon der notwendige Unterbau an Mitarbeitern, vor allem aber auch die konkrete Anschauung vor Ort. So kann der Pr&auml;sident jeden Widerstand oder jeden seiner Position entgegenstehenden Beschluss der hochschulinternen Gremien aushebeln.<\/p><p>Letzteres ist auch der Grund, warum die Hochschulleitungen zur Absicherung ihrer ohnehin per Gesetz massiv gest&auml;rkten Durchgriffsmacht gegen&uuml;ber den Hochschulangeh&ouml;rigen ganz gut mit den Hochschulr&auml;ten leben k&ouml;nnen und sich nur allzu gerne an diese Aufsichtsrats-Struktur klammern. Deshalb ist es auch nur logisch, dass sich die befragten Hochschulleiter\/innen von den Hochschulr&auml;ten auch keineswegs &bdquo;geg&auml;ngelt oder unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig kontrolliert&ldquo; f&uuml;hlen. (S.91)<\/p><p>Wenn man also nur die Hochschulleiter\/innen befragt, wird man kaum ein negatives Echo auf die Hochschulr&auml;te h&ouml;ren. <\/p><p>Aber wenn selbst der &bdquo;Erfinder&ldquo; der Hochschulr&auml;te&ldquo;, das CHE, zu dem Befund kommt, dass die Hochschulr&auml;te zwar viel Macht haben, aber fachlich wenig zu einer Hochschulstrategie beitragen (k&ouml;nnen), dann stellt sich um so mehr die Frage, warum ihnen in den Hochschulgesetzen nach wie vor die Kompetenz einger&auml;umt bleibt, &uuml;ber die strategische Ausrichtung einer Hochschule zu entscheiden und die &bdquo;Fachaufsicht&ldquo; wahrzunehmen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neueste Studie des bertelsmannschen CHE &uuml;ber das <a href=\"http:\/\/www.che.de\/downloads\/CHE_AP140_Strategie.pdf\">&bdquo;strategische Management&ldquo; an den Hochschulen [PDF &ndash; 1.7 MB]<\/a> kommt hinsichtlich der Hochschulr&auml;te zum Ergebnis, dass diese zwar kaum &bdquo;fachlichen Impulse&ldquo; geben, aber daf&uuml;r die Macht h&auml;tten, Strategien einzufordern. Die fehlende Kompetenz vor allem der externen Hochschulratsmitglieder &uuml;ber hochschulinterne Fragen ein fachliches Urteil zu f&auml;llen, ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8882\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[232,231,567,568],"class_list":["post-8882","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-bertelsmann","tag-che","tag-hochschulfreiheitsgesetz","tag-hochschulraete"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8882"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8893,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8882\/revisions\/8893"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}