{"id":88880,"date":"2022-10-06T09:28:20","date_gmt":"2022-10-06T07:28:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88880"},"modified":"2022-11-30T13:37:21","modified_gmt":"2022-11-30T12:37:21","slug":"bayern-die-ostukraine-und-der-krieg-oder-ein-etwas-anderer-blick-auf-die-ereignisse-im-donbass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88880","title":{"rendered":"Bayern, die Ostukraine und der Krieg \u2013 oder: Ein etwas anderer Blick auf die Ereignisse im Donbass"},"content":{"rendered":"<p>Die Ostukraine und Bayern &ndash; ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen scheint. Regionale Identit&auml;ten lassen sich von einer Zentralmacht nur tempor&auml;r und um den Preis von B&uuml;rgerkriegen unterdr&uuml;cken. Was also w&auml;re, wenn &hellip;? Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8427\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-88880-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=88880-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221006-Bayern-Ostukraine-und-Krieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Okay, alle Vergleiche hinken, aber sie k&ouml;nnen Strukturen sichtbar machen. Stellen wir uns also mal Folgendes vor: In Berlin k&auml;me unter massivem Druck der Stra&szlig;e, nach Einsatz scharfer Munition und unterst&uuml;tzt von einer Reihe prominenter Politiker aus dem Ausland infolge einer zweifelhaften Abstimmung im Bundestag eine Regierung an die Macht, deren erste Amtshandlung die Abschaffung zentraler Elemente des F&ouml;deralismus w&auml;re.<\/p><p>Zu den Ma&szlig;nahmen der neuen Bundesregierung w&uuml;rden die Unterstellung des Polizei- und Bildungswesens unter die Berliner Zentralgewalt und die Ank&uuml;ndigung einer einheitlichen deutschen Kulturpolitik geh&ouml;ren. Aus der M&uuml;nchner Landesregierung k&auml;men umgehend starke Proteste, man werde diesen grundgesetzwidrigen Angriffen der Berliner Putschregierung auf den F&ouml;deralismus und die bayerische Identit&auml;t auf gar keinen Fall Folge leisten. Worauf Berlin, um den Bayern zu zeigen, wo der Hammer h&auml;ngt, nicht nur auf der sofortigen Umsetzung der beschlossenen Ma&szlig;nahmen bestehen, sondern dem Bundesland den Titel &bdquo;Freistaat&ldquo; entziehen, die katholischen Feiertage abschaffen, alle bayerischen Traditionsvereine verbieten und das Sprechen des bayerischen Dialekts in der &Ouml;ffentlichkeit unter Strafe stellen w&uuml;rde.*<\/p><p>&bdquo;<strong>Berliner Putsch-Junta&ldquo; versus &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo;<\/strong><\/p><p>Mit diesen Kraftmeiereien bringt Berlin das Fass zum &Uuml;berlaufen. T&auml;glich demonstrieren in M&uuml;nchen auf dem Max-Joseph-Platz und in den Zentren aller gr&ouml;&szlig;eren bayerischen St&auml;dte Tausende von Menschen in bayerischer Tracht gegen die antif&ouml;deralen Ma&szlig;nahmen der &bdquo;Berliner Putsch-Junta&ldquo;, in den Industriebetrieben kommt es zu Warnstreiks, der Erzbischof von M&uuml;nchen und Freising und die Landesregierung erkl&auml;ren sich mit den Demonstrierenden und Streikenden solidarisch.<\/p><p>Da Berlin nicht daran denkt nachzugeben, verh&auml;rten sich die Fronten: Die Berliner Repressalien provozieren eine Renaissance des Bayerntums. Im Bayernkurier erscheinen Essays patriotischer Historiker, die ins Ged&auml;chtnis rufen, dass bereits im Jahre 1871 der Beitritt des bayerischen K&ouml;nigreichs zum preu&szlig;isch dominierten Deutschen Reich in Wirklichkeit ein hochumstrittener Anschluss war und Ludwig II. von Bismarck mit erheblichen Summen bestochen wurde, bis er sich endlich bereit erkl&auml;rte, den Preu&szlig;enk&ouml;nig Wilhelm zum deutschen Kaiser vorzuschlagen. Unter der Herrschaft der Hohenzollern sei Bayern faktisch eine von Berliner Statthaltern regierte innerstaatliche Kolonie gewesen.<\/p><p>Der Jahrestag der Ausrufung der antipreu&szlig;ischen M&uuml;nchner R&auml;terepublik wird mit gro&szlig;em Pomp gefeiert, und auf dem M&uuml;nchner Marienplatz erinnern Honoratioren daran, dass die Niederschlagung der R&auml;terepublik durch Truppen der Reichsregierung allein in M&uuml;nchen &uuml;ber 700 Tote gefordert habe. Als Konsequenz habe Bayern entgegen der Weimarer Verfassung und im Widerspruch zum Versailler Vertrag ab Mai 1919 eine eigene Armee aus B&uuml;rgerwehren aufgestellt, die Ende des Jahres schon &uuml;ber 200.000 Mann mit schweren Waffen verf&uuml;gte. Sogar der Gleichschaltungspolitik der Nazis h&auml;tten die Bayern immer wieder offenen oder klandestinen Widerstand entgegengesetzt und nach dem II. Weltkrieg auch das Grundgesetz zun&auml;chst abgelehnt.<\/p><p>Immer rasanter mutiert bayerischer Patriotismus zu bayerischem Separatismus, und ein Vierteljahr nach dem Berliner Umsturz wird nach einem landesweiten Referendum die &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; ausgerufen, die sogleich ihren Austritt aus der Bundesrepublik Deutschland verk&uuml;ndet. Berlin verweist darauf, dass dieser Beschluss grundgesetzwidrig sei und droht, im Falle einer Umsetzung die Bundeswehr nach Bayern zu schicken, um gegen die &bdquo;Terroristen im S&uuml;den&ldquo; die &ouml;ffentliche Ordnung und den Geltungsbereich des Grundgesetzes wiederherzustellen. M&uuml;nchen regiert mit der Aufstellung einer bayerischen &bdquo;Volkswehr&ldquo;, die aus Paramilit&auml;rs und ehemaligen Bundeswehreinheiten besteht, die in ihren bayerischen Standorten zur &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; &uuml;bergelaufen sind.<\/p><p><strong>Die Bundeswehr im &bdquo;Antiterroreinsatz&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Berliner Zentralgewalt, die sich starker Unterst&uuml;tzung aus dem westlichen Ausland erfreut, macht Ernst. Sie kappt Renten und sonstige Transferleistungen nach Bayern und schickt im Rahmen eines &bdquo;Antiterroreinsatzes&ldquo; Bundeswehreinheiten Richtung S&uuml;den, denen sich antif&ouml;deralistische Freikorps anschlie&szlig;en. Ab jetzt liefern sich beide Seiten auf dem abtr&uuml;nnigen bayerischen Territorium blutige Gefechte. Bereits nach wenigen Wochen sind &uuml;ber 1.000 Tote zu beklagen.<\/p><p>Nehmen wir nun weiter an, das an Bayern angrenzende &Ouml;sterreich w&auml;re noch &ndash; wie vor dem I. Weltkrieg &ndash; eine Gro&szlig;macht. Schon tr&auml;umen nicht wenige Bayern von einem Beitritt ihrer von keinem Staate anerkannten &bdquo;Volksrepublik&ldquo; zum &ouml;sterreichischen gro&szlig;en Bruder, dem sie sich mental viel mehr verbunden f&uuml;hlen als dem verhassten Berlin und mit dem auch das &ouml;konomische &Uuml;berleben der jungen Republik gesichert w&auml;re. Wien selbst h&auml;lt sich in dieser Frage bedeckt, verweist aber immer wieder auf den &bdquo;illegalen Krieg des Berliner Putsch-Regimes gegen die eigene Bev&ouml;lkerung&ldquo;. Die bayerische Volkswehr, die zeitweilig gr&ouml;&szlig;ere Gebietsverluste zu beklagen hatte, schl&auml;gt sich auf einmal wieder erstaunlich gut und kann nach harten K&auml;mpfen strategisch wichtige St&auml;dte des verlorenen Territoriums zur&uuml;ckerobern.<\/p><p>Berlin beschuldigt Wien, die &bdquo;pro&ouml;sterreichischen Separatisten&ldquo; &uuml;ber die durchl&auml;ssige Grenze zwischen Bayern (Berlin sagt: Deutschland) und &Ouml;sterreich mit schweren Waffen und Soldaten zu unterst&uuml;tzen. Wien bestreitet dies, &Ouml;sterreich beteilige sich an diesem Krieg nicht. Allerdings befinden sich unter den Gefangenen, die die Bundeswehr auf bayerischem Gebiet macht, immer wieder auch &ouml;sterreichische Staatsb&uuml;rger, die behaupten, freiwillig ihre bayerischen Br&uuml;der im Kampf gegen die &bdquo;Berliner Junta&ldquo; zu unterst&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Der festgefahrene Konflikt<\/strong><\/p><p>Jahrelang sind die Fronten weitgehend festgefahren. Gro&szlig;e Teile Bayerns stehen unter Berliner Kontrolle, zu beiden Seiten der Kampflinie kommt es fast t&auml;glich zu gr&ouml;&szlig;eren oder kleineren Scharm&uuml;tzeln. Ganze Ortschaften sind zerst&ouml;rt. Der Krieg kostete bereits &uuml;ber 14.000 Menschen das Leben. Tausende sind gefl&uuml;chtet &ndash; je nach politischer Einstellung in die von Berlin oder von M&uuml;nchen kontrollierten Gebiete. Einige auch nach &Ouml;sterreich. Der M&uuml;nchner Flughafen ist eine Tr&uuml;mmerw&uuml;ste. Die Eisenbahnverbindungen zwischen Bayern und Restdeutschland sind gekappt. Eine Busfahrt von Augsburg nach Ulm, die mehrere Grenzposten passieren muss, dauert nun sechs bis acht Stunden. Zwischen den von Berlin besetzten bayerischen Gebieten und der &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; sind selbst Telefongespr&auml;che nicht mehr m&ouml;glich, weil die Mobilfunknetze inkompatibel sind. Zahllose Familien sind zerrissen. Die meisten Menschen wollen nur noch, dass die K&auml;mpfe endlich aufh&ouml;ren.<\/p><p>Internationale Vermittlungsversuche, die im &bdquo;Bukarester Abkommen&ldquo; kodifiziert wurden, werden von den kriegf&uuml;hrenden Parteien sabotiert. Berlin weigert sich hartn&auml;ckig, seinen vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen und eine Grundgesetzreform durchzuf&uuml;hren, die den F&ouml;deralismus wieder einf&uuml;hren und Bayern innerhalb der Bundesrepublik Deutschland weitgehende Autonomierechte einr&auml;umen w&uuml;rde. Umgekehrt spricht viel daf&uuml;r, dass &Ouml;sterreich nach wie vor Waffen an die bayerischen Rebellen liefert. Zudem zahlt der Gro&szlig;e Bruder mittlerweile die Renten und Beamtengeh&auml;lter in der &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; &ndash; in Schilling, versteht sich, denn diese W&auml;hrung wurde in den von M&uuml;nchen kontrollierten Gebieten bereits vor Jahren eingef&uuml;hrt.<\/p><p>Auf der mentalen Ebene stehen sich jetzt zwei kontr&auml;re Narrative unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber: Berlin behauptet, &Ouml;sterreich habe Deutschland angegriffen und damit die europ&auml;ische Grundordnung massiv verletzt. Es f&uuml;hre einen unerkl&auml;rten hybriden Krieg auf deutschem Territorium, n&auml;mlich in Bayern, wo es das Regime der &bdquo;pro&ouml;sterreichischen Separatisten&ldquo; eingerichtet habe. Die &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; dagegen erkl&auml;rt, man werde sich der vom Ausland installierten illegalen Berliner Putschregierung, die das eigene Volk angegriffen habe, niemals beugen. Und Wien betont, es habe mit allem nichts zu tun.<\/p><p><strong>Showdown<\/strong><\/p><p>Nach fast acht Jahren geraten die Dinge dramatisch in Bewegung. Berlin, das von einer westlichen, mit Wien verfeindeten Hegemonialmacht mit gigantischen Mitteln milit&auml;risch, &ouml;konomisch und moralisch unterst&uuml;tzt wird, zieht gro&szlig;e Truppenverb&auml;nde an den Kampflinien zur &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; zusammen und l&auml;sst durchblicken, dass es nun Ernst machen und die abtr&uuml;nnigen Gebiete &ndash; koste es, was es wolle &ndash; zur&uuml;ckerobern will. Wien, das sich seinerseits von der westlichen Hegemonialmacht existenziell bedroht f&uuml;hlt, f&uuml;hrt auf dem Territorium des befreundeten Tschechiens martialische Man&ouml;ver an der Grenze zu Deutschland durch. Die Lage spitzt sich gef&auml;hrlich zu.<\/p><p>In einer letzten diplomatischen Initiative fordert Wien die westliche Hegemonialmacht ultimativ auf, Berlin nicht weiter zu unterst&uuml;tzen, und droht Berlin, alle milit&auml;rischen Mittel einzusetzen, um einen Genozid an der bayerischen Bev&ouml;lkerung, der &Ouml;sterreich sich seit ewigen Zeiten verbunden f&uuml;hle, zu verhindern. Als sowohl die Hegemonialmacht wie Berlin Wien auflaufen lassen, ist es soweit: &Ouml;sterreich erkl&auml;rt das &bdquo;Bukarester Abkommen&ldquo; f&uuml;r gescheitert und erkennt die &bdquo;Volksrepublik Bayern&ldquo; als Staat an. Zwei Tage sp&auml;ter &uuml;berfallen &ouml;sterreichische Truppenverb&auml;nde von Tschechien kommend Deutschland, zeitgleich r&uuml;ckt Wien auf breiter Front in Bayern ein.<\/p><p>Nach monatelangen K&auml;mpfen ist es &Ouml;sterreich zwar nicht gelungen, die &bdquo;Berliner Putsch-Junta&ldquo; zu beseitigen, aber es hat weite Teile Th&uuml;ringens und Sachsens unter seine Kontrolle gebracht und l&auml;sst dort &ndash; und zeitgleich im immer noch nicht ganz eroberten Bayern &ndash; Referenden &uuml;ber eine Abspaltung von der Bundesrepublik Deutschland durchf&uuml;hren. Die Ergebnisse sind aus Wiener Sicht ein voller Erfolg: Offiziellen Angaben zufolge bekundet angeblich eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit in allen drei &ndash; nun ehemaligen &ndash; Bundesl&auml;ndern den Wunsch, &Ouml;sterreich beizutreten. Ein Wunsch, der schon drei Tage sp&auml;ter gn&auml;dig gew&auml;hrt und in der Wiener Hofburg feierlich vollzogen wird &hellip;<\/p><p>Und eine ver&auml;ngstigte Welt&ouml;ffentlichkeit fragt sich: Wer ist eigentlich an allem schuld?<\/p><p>* 30.11.2022: Auf Wunsch des Autors wurde der letzte Satzteil hinzugef&uuml;gt.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89067\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: canadastock\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ostukraine und Bayern &ndash; ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen scheint. Regionale Identit&auml;ten lassen sich von einer Zentralmacht nur tempor&auml;r und um den Preis von B&uuml;rgerkriegen unterdr&uuml;cken. Was also w&auml;re, wenn &hellip;? 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