{"id":88924,"date":"2022-10-08T11:45:14","date_gmt":"2022-10-08T09:45:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88924"},"modified":"2022-10-08T12:06:32","modified_gmt":"2022-10-08T10:06:32","slug":"wahlanalyse-zu-brasilien-lulas-glanzloser-sieg-und-die-staerke-der-bolsonaristen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88924","title":{"rendered":"Wahlanalyse zu Brasilien: Lulas glanzloser Sieg und die St\u00e4rke der Bolsonaristen\u00a0"},"content":{"rendered":"<p>Die Hegemonie der Ultrarechten ist nach den Wahlen in Brasilien gefestigt. Das Ph&auml;nomen und die Mobilisierungskraft des Bolsonarismus wurde von Lula und seinen Anh&auml;ngern untersch&auml;tzt. Das wird die Regierungsf&auml;higkeit beeintr&auml;chtigen, wenn Lula denn &uuml;berhaupt seine dritte Amtszeit erreicht. Von <strong>Gerardo Szalkowicz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Gesten und Worte in der Wahlkampfzentrale der Arbeiterpartei PT dr&uuml;ckten die ersten Gef&uuml;hle deutlich aus: &Uuml;berraschung und Besorgnis. Der ged&auml;mpfte Ton von Lulas kurzer Rede konnte die Fassungslosigkeit angesichts der Ergebnisse auch nicht verbergen.<\/p><p>Eine Stunde sp&auml;ter war die Avenida Paulista nach einer kurzen und nicht sehr gro&szlig;en, fast schon protokollm&auml;&szlig;igen Feier bereits menschenleer. Es war eine Versammlung, die mehr dem Bed&uuml;rfnis diente, die Stimmung mit Bier und Cacha&ccedil;a zu heben, als dem Bed&uuml;rfnis, Siegesfreude zu verstr&ouml;men.<\/p><p>Trotz des gro&szlig;artigen Abschneidens der PT mit 48,4 Prozent der Stimmen (fast 20 Prozentpunkte mehr als in der ersten Runde 2018) schien das halbleere Glas im Mittelpunkt zu stehen, n&auml;mlich die Entt&auml;uschung dar&uuml;ber, nicht um die Stichwahl herumzukommen und &uuml;ber Bolsonaros unvorstellbare 43,2 Prozent &ndash; ein viel h&ouml;heres Ergebnis als erwartet &#8210; sowie &uuml;ber seinen gro&szlig;en Erfolg bei den Gouverneurs- und Kongresswahlen.<\/p><p>Es stimmt, dass Lula mit einem Vorsprung von mehr als sechs Millionen Stimmen einen guten Start in die zweite Runde hat, aber ohne die siegessichere Gewissheit von vor ein paar Tagen und mit dem Argwohn gegen&uuml;ber den Meinungsforschern, die ziemlich daneben lagen. Der PT-Vorsitzende wird mit Simone Tebet verhandeln m&uuml;ssen, die mit vier Prozent an dritter Stelle liegt, und er muss sehen, wie viel er von der W&auml;hlerschaft von Ciro Gomes (drei Prozent) und den 20 Prozent, die sich der Stimme enthalten haben, zusammenkratzen kann.<\/p><p>Bolsonaro gewinnt hinterr&uuml;cks. Es gibt eine breite Ablehnung gegen ihn, vor allem wegen der zunehmenden Armut (33 Millionen Menschen leiden an Hunger und 115 Millionen unter Ern&auml;hrungsunsicherheit) und wegen seiner Leugnung der Pandemie, die in Brasilien zu zehn Prozent der weltweiten Todesf&auml;lle gef&uuml;hrt hat. Durch seine Unberechenbarkeit und konfrontative Haltung verlor er die Unterst&uuml;tzung der Mainstream-Medien, der Justiz und eines gro&szlig;en Teils der traditionellen Elite, die es vorzieht, Lula zu unterst&uuml;tzten. Dennoch hat das Ph&auml;nomen des Bolsonarismus, das vielleicht untersch&auml;tzt wurde, gezeigt, dass seine H&ouml;chstmarke nicht so niedrig ist wie angenommen. Und es gelang ihm, breitere Kreise zu gewinnen als seinen bedingungslosen, reaktion&auml;ren, rassistischen und machistischen harten Kern, der auf 25 Prozent der Bev&ouml;lkerung gesch&auml;tzt wird. Seine Kost&uuml;mierung als System-Gegner zahlt sich weiterhin aus.<\/p><p>Der andere entscheidende Faktor f&uuml;r seine 51 Millionen Stimmen ist die tief verwurzelte Anti-PT-Stimmung und die direkte Verkn&uuml;pfung Lulas mit der Korruption, die sich immer wieder in den zuf&auml;lligen Gespr&auml;chen auf der Stra&szlig;e zeigt. Obwohl der Ex-Pr&auml;sident in allen F&auml;llen freigesprochen und das von Sergio Moro bef&ouml;rderte juristische Konstrukt gegen ihn nachgewiesen wurde, haben sich die Spuren der justiziellen Kriegsf&uuml;hrung gegen Lula (Lawfare) in das kollektive Unbewusste eingepr&auml;gt.<\/p><p>Was f&uuml;r ein trauriges Paradoxon: Moro ist der meistgew&auml;hlte Senator im Bundesstaat Paran&aacute; geworden, wie auch sein wichtigster Lava-Jato-Kumpan, der Ex-Staatsanwalt Delton Dalagnoll, als Kongressabgeordneter.<\/p><p>In Rio de Janeiro wurde au&szlig;erdem der pensionierte General Eduardo Pazuello, Bolsonaros ehemaliger Gesundheitsminister, der sich weigerte, Impfstoffe auszugeben, zum meistgew&auml;hlten Abgeordneten; und Damares Alves, die ehemalige Frauenministerin, die durch ihren euphorischen Ausruf &ldquo;Jungen tragen Blau und M&auml;dchen tragen Rosa&rdquo; in Erinnerung geblieben ist, bekam die meisten Stimmen als Senatorin f&uuml;r Bras&iacute;lia.<\/p><p><strong>Eine noch rechtslastigere politische Landkarte<\/strong><\/p><p>Die Regional- und Parlamentswahlen festigten das Wachstum der Ultrarechten. Im Senat, in dem ein Drittel der Sitze erneuert wurde, gewann Bolsonaros Partei acht Abgeordnete dazu und wird die gr&ouml;&szlig;te Fraktion. In der Abgeordnetenkammer liegt sie mit 96 Sitzen vor der PT und ihren Verb&uuml;ndeten, die auf 79 Sitze kommen.<\/p><p>Die gute Nachricht ist, dass die Linke die Wahl der ersten Transgender-Abgeordneten, Erika Hilton und Robeyonc&eacute; Lima, der ersten indigenen Abgeordneten, Sonia Guajajara und Celia Xakriaba, und von sechs Anf&uuml;hrern der Landlosenbewegung (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) als Abgeordnete gewonnen hat. Dar&uuml;ber hinaus wurde Guillherme Boulos, Vertreter der Wohnungslosenbewegung (Movimento dos Trabalhadores Sem-Teto) in S&atilde;o Paulo zum meist gew&auml;hlten Abgeordneten.<\/p><p>Sicher ist jedoch, dass der Kongress weiterhin mehrheitlich m&auml;nnlich, wei&szlig; und konservativ sein wird. Dasselbe bei den Gouverneursposten: Von den 27 Bundesstaaten gehen nur drei an die PT und elf an rechte Kr&auml;fte. Die &Uuml;brigen m&uuml;ssen noch in einer Stichwahl entschieden werden. Die Linke schnitt in den drei wichtigsten Bundesstaaten schlecht ab: In S&atilde;o Paulo schlug der Bolsonaro-Anh&auml;nger Tarc&iacute;sio de Freitas den PT-Politiker Fernando Haddad; in Rio de Janeiro gewann Claudio Castro, ein weiterer Verb&uuml;ndeter des aktuellen Pr&auml;sidenten, und wurde wiedergew&auml;hlt; und in Minas Gerais gewann der Konservative Romeu Zema ebenfalls in der ersten Runde.<\/p><p>Zusammengefasst: Es ist eine politische Landkarte, in der sich die Hegemonie der Rechten und der Ultrarechten gefestigt hat und die Lula viele Schwierigkeiten hinsichtlich der Regierungsf&auml;higkeit bereiten wird, wenn er seine dritte Amtszeit erreicht.<\/p><p><strong>Demokratie gegen Neofaschismus<\/strong><\/p><p>Bolsonaros starke Wahl hinterlie&szlig; diesen Nachgeschmack beim Sieg von Lula, dem nur 1,6 Punkte fehlten, um in der ersten Runde zu gewinnen, etwas, was er nie geschafft hat. Nun beginnt eine weitere Partie, eine andere Wahl, bei der Kalkulationen wenig taugen.<\/p><p>Aber wenn jemand eine lange Geschichte des Durchhalteverm&ouml;gens hat, dann ist es Lula. Brasiliens erster Arbeiterpr&auml;sident, der drei Niederlagen einstecken musste bevor er 2002 gewann, der den Krebs, die Lynchkampagnen der Medien und 580 Tage unrechtm&auml;&szlig;iger Haft &uuml;berwunden hat und der am vergangenen Sonntag mit zunehmend heiserer Stimme versprach: <\/p><blockquote><p>\n&ldquo;Der Kampf geht weiter bis zum endg&uuml;ltigen Sieg. Ich habe immer geglaubt, dass wir diese Wahl gewinnen, und ich m&ouml;chte euch sagen, dass wir sie gewinnen werden&rdquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/260402\/brasilien-lulas-glanzloser-sieg\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ casa.da.photo<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84683\">Brasilien &ndash; Die zivile und milit&auml;rische Offensive zur Wahlsieg-Verhinderung von Lula<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88665\">Stimmen aus Lateinamerika: Das Gesch&auml;ft mit dem Hunger<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/4448a31104604a0d85557fa81fe19e48\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hegemonie der Ultrarechten ist nach den Wahlen in Brasilien gefestigt. 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