{"id":88936,"date":"2022-10-09T11:45:31","date_gmt":"2022-10-09T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88936"},"modified":"2022-10-09T14:12:03","modified_gmt":"2022-10-09T12:12:03","slug":"meinungsmanipulation-von-der-wendezeit-bis-zur-zeitenwende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88936","title":{"rendered":"Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende"},"content":{"rendered":"<p>Seit Beginn des Ukrainekrieges ist wieder von &bdquo;Zeitenwende&ldquo; die Rede. Seither wiederholen sich vor allem in den Medien Ph&auml;nomene, die schon bei der Wende zu beobachten waren. Daniela Dahn, renommierte Essayistin und Mitbegr&uuml;nderin des &bdquo;Demokratischen Aufbruchs&ldquo; in der DDR, und der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld besch&auml;ftigen sich in ihrem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/tamtam-und-tabu-oxid.html\">&bdquo;Tamtam und Tabu&ldquo;<\/a> unter dem Aspekt der Meinungsmanipulation mit den Kontinuit&auml;ten, die beide Ereignisse miteinander verbinden. Das Buch liefert einen schonungslosen Befund des gegenw&auml;rtigen Zustands der Demokratie. Wir ver&ouml;ffentlichen hier einen Auszug daraus. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rainer Mausfeld: <\/strong>Die Geschehnisse in der Ukraine und der durch die milit&auml;rischen Angriffe Russlands ausgel&ouml;ste Krieg haben zu einem zivilisatorischen Regress gef&uuml;hrt, dessen Dimensionen wohl erst in den kommenden Jahren sichtbar werden. Die EU hat bei der Bew&auml;ltigung der Ukraine-Krise in einem historischen Ausma&szlig; versagt, und sie wird zu den gro&szlig;en Verlierern dieser Krise z&auml;hlen. Sie hat die Krisenregie vollst&auml;ndig an die USA abgetreten und die europ&auml;ische Stabilit&auml;t und Friedensordnung sowie den Wohlstand ihrer B&uuml;rger den imperialen geopolitischen Zielen der USA untergeordnet. Damit hat sie es erm&ouml;glicht, dass die US-Kontrolle &uuml;ber Europa in den n&auml;chsten Jahrzehnten erheblich ausgeweitet und verfestigt werden kann. De facto sind damit die EU-Staaten zu Satellitenstaaten der USA geworden, also zu deren Befehlsempf&auml;ngern. <\/p><p>Institutionell hat die EU auf der Weltb&uuml;hne als eigenst&auml;ndiger Akteur abgedankt und ist, mit allen &ouml;konomischen und politischen Folgen, zu einer Art zivilem Arm der US-dominierten NATO geworden. Geopolitisch hat sich damit ein neuer Kalter Krieg entfaltet, der das Potenzial hat, jederzeit in einen milit&auml;rischen Weltkrieg umzuschlagen. Friedenspolitische Errungenschaften liegen in Scherben, durch eine neue Aufr&uuml;stungsspirale wird dem Kampf gegen die zu erwartende Klimakatastrophe eine nachrangige Rolle zugewiesen, die umfassendsten Sanktionen der Geschichte werden den bereits strukturell erzeugten Hunger in der Welt vergr&ouml;&szlig;ern und bislang kaum vorstellbare Migrationswellen ausl&ouml;sen.<\/p><p><strong>Daniela Dahn:<\/strong> F&uuml;r das Versagen der Politik werden jetzt weltweit B&uuml;rger sanktioniert. Das Versprechen von Freiheit und Demokratie soll uns gen&uuml;gen, den G&uuml;rtel enger zu schnallen, weniger mobil zu sein, zu frieren, bescheidener zu essen, in den armen L&auml;ndern noch mehr zu hungern &ndash; ja, zu verhungern. Diese nie f&uuml;r m&ouml;glich gehaltene Erfahrung ist nach den verpassten historischen Chancen f&uuml;r einen gemeinsamen demokratischen Aufbruch Anfang der 90er Jahre besonders bitter. Aber unsere f&uuml;r die damalige Wendezeit angewandte Betrachtungsmethode von <em>Tamtam und Tabu <\/em>bleibt tauglich: Was wird auch jetzt aufgebauscht, was verschwiegen? Deutschland nutzt die Gelegenheit und befreit sich von seinen einstigen Befreiern. Der Wille, alle Bedenken fallen zu lassen, ist atemberaubend. [&hellip;]<\/p><p><strong>Rainer Mausfeld: <\/strong>Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verblieben die USA als einzige Supermacht und begannen, eine neue neoliberale Weltordnung nach ihrem eigenen Bild zu gestalten. Die schon genannte Wolfowitz-Doktrin des Pentagon von 1992 besagte, dass die USA das Recht h&auml;tten, milit&auml;risch zu intervenieren, wann und wo sie es f&uuml;r notwendig hielten. Diese Doktrin steht, in verschiedenen Einkleidungen, bis heute im Zentrum des au&szlig;enpolitischen Denkens der Neokonservativen, die in der Biden-Regierung wieder die F&auml;den ziehen. [&hellip;]<\/p><p><strong>Rainer Mausfeld: <\/strong>Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Medien ihre normative Funktion erf&uuml;llen, ein unverzerrtes und zuverl&auml;ssiges Bild der gesellschaftlichen Realit&auml;t bereitzustellen. Nur so schaffen sie einen &ouml;ffentlichen Debattenraum, der die Basis einer gesellschaftlichen Meinungs- und Urteilsbildung bildet. <em>Tamtam und Tabu <\/em>zeigt ja an reichem Material auf, wie es den Medien damals gelang, die &ouml;ffentliche Meinung in der DDR in atemberaubend kurzer Zeit in eine Richtung zu wenden, die den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen des Westens entsprach. Auch beim Krieg in der Ukraine spielen geopolitische Interessen des &raquo;Westens&laquo; &ndash; de facto ein euphemistischer Deckname f&uuml;r die USA &ndash; wieder eine dominierende Rolle. Nur steht diesmal f&uuml;r die USA sehr viel mehr auf dem Spiel als bei der &raquo;Wiedervereinigung&laquo;. Daher &uuml;berrascht es nicht, dass die gro&szlig;en Medien, private wie &ouml;ffentlich-rechtliche, nun die Maske einer neutralen demokratischen Informationsvermittlung vollends haben fallen lassen und sich selbst als zentrale eigenst&auml;ndige Akteure im Kriegsgeschehen sehen. <\/p><p><strong>Daniela Dahn: <\/strong>Dieses Versagen ist dadurch gekennzeichnet, dass Medien weitgehend von Kontrollorganen der Regierung zu PR-Organen der Regierung geworden sind. Gerade in Kriegen hat sich das immer wieder bew&auml;hrt &ndash; im Irak, in Syrien und Afghanistan. Was das Verh&auml;ltnis zu Russland betrifft, so lag ein hartes St&uuml;ck Arbeit vor den Propagandisten. Man m&uuml;sste dazu auch einmal eine so genaue Presseanalyse erstellen, wie sie hier im Buch f&uuml;r die Wendezeit vorliegt, wo in k&uuml;rzester Zeit die Einstellungen der Leute auf den Kopf gestellt wurden, meist mit tendenzi&ouml;s erfundenen Fakten. Auch die Einstellung gegen&uuml;ber Russland hat sich mehrheitlich in k&uuml;rzester Zeit ver&auml;ndert, wobei man einr&auml;umen muss, dass Putin und seine Administration durch den Krieg zuletzt heftig nachgeholfen haben. Zuvor sah das ganz anders aus. &Uuml;ber all die Jahre, zuletzt im April 2018, ermittelte Forsa, dass 94 Prozent der Deutschen gute Beziehungen zu Russland f&uuml;r wichtig halten. 94 Prozent &ndash; das klingt nach einer DDR-Zahl. Aber hier war es geradezu ein demokratischer Auftrag an die Politik. Und der wurde lange vor dem Krieg unterlaufen, von Politik und Medien. [&hellip;]<\/p><p><strong>Rainer Mausfeld: <\/strong>Wieder haben die gro&szlig;en Medien dazu beigetragen, die tieferen historischen Ursachen dieser Krise aus dem &ouml;ffentlichen Bewusstsein zu tilgen. An dem politisch unverantwortlichen Umgang mit dieser Krise haben sie einen ganz wesentlichen Anteil. Ebenso an der Verrohung des &ouml;ffentlichen Diskurses zu einem Denken in archaischen Freund-Feind-Kategorien und an dem R&uuml;ckfall des gesamten politischen Lebens in einen Tribalismus einer &raquo;Wir gegen sie&laquo;-Kampfsituation. Dieser Tribalismus und die damit verbundene moralistische Generalmobilmachung aller gro&szlig;er Medien kommt einer Entzivilisierung der politischen Debatte und einer weitgehenden Zerst&ouml;rung des demokratischen Diskurses gleich &ndash; mit einer selbst zu den H&ouml;hepunkten des Kalten Krieges nicht gekannten Verengung des Debattenraumes und einer aggressiven &Auml;chtung von Dissens. <\/p><p><strong>Daniela Dahn: <\/strong>Um so mehr ist es dringend geboten, &uuml;ber ein friedliches Miteinander nachzudenken. Das klingt schon fast def&auml;tistisch. Gefragt sind Durchhalteparolen. Jede Kriegspartei will den Sieg der Gegenseite um jeden Preis vermeiden. Aber was ist Sieg? Wozu all das T&ouml;ten und das Sterben, wenn der Preis der Freiheit die zu Befreienden sind? Wenn in den erk&auml;mpften Sicherheitszonen niemand mehr wohnt, dem diese Sicherheit noch etwas nutzt? Ich hoffe wider alle Bedenken, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass Krieg auch im 21. Jahrhundert nicht zu gewinnen ist. Auch mit modernsten Waffen nicht. Wir werden keine Sieger sehen, nur Besiegte. Je l&auml;nger der Krieg dauert, desto mehr Besiegte.<\/p><p>Die Diagnosen, zu denen wir hier gekommen sind &ndash; also das Medienversagen in Bezug auf die Vorgeschichte des Krieges, auf die doppelten Standards im deformierten V&ouml;lkerrecht und bei einseitigen Sanktionen, die hochgef&auml;hrliche Eskalation auf beiden Seiten &ndash; sind wahrlich nicht ermutigend. Ohnm&auml;chtig ist man den Bildern von Leid und Zerst&ouml;rung ausgesetzt &ndash; ohne Einfluss, schon gar nicht auf die russischen Machthaber. Unsere einzige M&ouml;glichkeit, aus der Defensive zu kommen, bleibt die faktenbasierte Analyse, vor allem der eigenen Seite. Diese schwere Waffe wird nicht geliefert, man muss sie selbst zug&auml;nglich machen. Zweifel, Korrektur und Sorgfalt erh&ouml;hen die Treffsicherheit. Eigentlich m&uuml;ssten diese Kr&auml;fte den existentiellen Gattungsfragen vorbehalten bleiben: Einem gesunden Leben in gesunder Natur. Aber so viel Rationalit&auml;t ist uns derzeit nicht verg&ouml;nnt.<\/p><p><em>Daniela Dahn, Rainer Mausfeld: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/tamtam-und-tabu-oxid.html\">&bdquo;Tamtam und Tabu. Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende&ldquo;<\/a>, 266 Seiten, Westend Verlag, &uuml;berarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe, 19.9.2022<\/em><\/p><p><em>Lesen Sie hier die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72059\">Rezension des Buches &bdquo;Tamtam und Tabu&ldquo;<\/a> der Ausgabe von 2020 von Lutz Hausstein.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Beginn des Ukrainekrieges ist wieder von &bdquo;Zeitenwende&ldquo; die Rede. Seither wiederholen sich vor allem in den Medien Ph&auml;nomene, die schon bei der Wende zu beobachten waren. 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