{"id":89,"date":"2004-01-29T18:23:45","date_gmt":"2004-01-29T16:23:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=89"},"modified":"2016-04-02T12:49:23","modified_gmt":"2016-04-02T10:49:23","slug":"regression-in-der-offentlichen-debatte-und-in-der-politik-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89","title":{"rendered":"Regression in der \u00f6ffentlichen Debatte und in der Politik?"},"content":{"rendered":"<p>Die jetzt forcierte Debatte &uuml;ber Eliten k&ouml;nnte verdecken, dass gerade bei vielen, die sich zur Elite z&auml;hlen, eingetreten ist, was die Psychologen Regression nennen &ndash; einen R&uuml;ckfall in eine fr&uuml;here Stufe des Denkens, weniger differenziert, dogmatischer, vorurteilsbeladener. In einem Beitrag f&uuml;r die S&uuml;ddeutsche Zeitung, der gestern erschienen ist, erl&auml;utere und begr&uuml;nde ich diese Beobachtung. Die Liste der dort genannten Belege k&ouml;nnte leicht verl&auml;ngert werden. Sie werden selbst solche Beispiele finden, wenn Sie die Debatte um Milit&auml;reins&auml;tze, Konfliktl&ouml;sungen und vor allem die innere Reformdebatte verfolgen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Von Albrecht M&uuml;ller. S&uuml;ddeutsche Zeitung &ndash; Au&szlig;enansicht<\/strong><\/p><p>In der Psychologie gibt es den Begriff der Regression. Damit bezeichnet man den R&uuml;ckfall von Menschen in einen geistigen und psychischen Zustand vor dem gerade erreichten Stand, den &ldquo;&Uuml;bergang zu Ausdrucksformen und Verhaltensweisen eines vom Standpunkt der Komplexit&auml;t, der Strukturierung und der Differenzierung aus niedrigeren Niveaus&rdquo;, wie es in einem W&ouml;rterbuch der Psychoanalyse hei&szlig;t. Ist diese Beobachtung auch auf gesellschaftliche Ph&auml;nomene und auf Politik &uuml;bertragbar? Offenbar schon. Zum Beleg dieser bedr&uuml;ckenden Vermutung einige konkrete Beispiele: <\/p><p>Vor 30 Jahren, als die Bodenpreise in M&uuml;nchen wie in anderen St&auml;dten kr&auml;ftig anstiegen und weit &uuml;ber die Fachwelt hinaus eine Debatte &uuml;ber Bodenrechtsreform und Absch&ouml;pfung von Spekulationsgewinnen gef&uuml;hrt wurde, h&auml;tte sich l&auml;cherlich gemacht, wer behauptete, mit den steigenden Preisen w&uuml;rden Werte geschaffen. Vor vier Jahren war das ganz anders: Die gro&szlig;en Preissteigerungen, auch Kurssteigerungen genannt, auf den Aktienm&auml;rkten im allgemeinen und auf dem Neuen Markt im besonderen wurden gefeiert. Nicht nur von denen, die an der spekulativen Blase verdienten; es galt allgemein als altmodisch, wer sein Geld nicht auf diesen M&auml;rkten investierte. Obwohl die Charakterlosigkeit und Wertlosigkeit der spekulativen Blase heute eigentlich jedem klar sein m&uuml;sste, feiern verschiedene Fernsehsender noch immer allabendlich diese Preissteigerungen als etwas Erfreuliches und Preissenkungen als etwas Trauriges. Innerhalb von 30 Jahren hat sich der kritische Geist davon gemacht. Regression. <\/p><p>Eine beispiellose Leistung der deutschen und der internationalen Politik, geradezu eine kulturelle Leistung, war die Erg&auml;nzung der Politik der St&auml;rke durch die Entspannungs- und Friedenspolitik zur Zeit der Kanzlerschaft von Willy Brandt und Helmut Schmidt. Sie wurde durchaus auch von f&uuml;hrenden Personen von CDU, CSU und FDP getragen. Ein markanter Charakterzug dieser Politik war die kulturelle Leistung, sich in die Lage des politischen und ideologischen Gegners zu versetzen. Diese Leistung w&auml;re heute genauso n&ouml;tig. Aber die halbe Welt folgt dem Pr&auml;sidenten der USA auf seinen Kreuzz&uuml;gen. Israel und Pal&auml;stina bluten in der Ausweglosigkeit der primitiven Strategie des Auge um Auge, Zahn um Zahn. Eine Regression mit t&ouml;dlichen Folgen. <\/p><p>Ein sich als aufkl&auml;rerisch empfindendes Nachrichtenmagazin titelte vor kurzem &ndash; ohne Ironie: &ldquo;Der letzte Deutsche&rdquo;. Den Anstieg des Durchschnittsalters nennen wir hierzulande &ldquo;Vergreisung&rdquo;. Und Heerscharen von Wissenschaftlern, Publizisten und Politikern setzen auf die Angst vorm Aussterben, obwohl wir sicher wissen, dass im Jahre 2050 in Deutschland immer noch viel mehr Menschen leben werden als im Jahre 1950 &ndash; als das Land schlie&szlig;lich nicht gerade leer war. Regression bis hinein in die Reihen der kritischen Intelligenz. <\/p><p>Als Mitte Dezember das Reformpaket der Bundesregierung von Bundestag und Bundesrat nach einer unendlich langen Reformdebatte des Jahres 2003 beschlossen worden war, erkl&auml;rten nicht nur einige journalistische und politische Hei&szlig;sporne, sondern der gro&szlig;e Pulk der politischen Meinungsf&uuml;hrer, jetzt gehe es erst richtig los mit den Reformen: &ldquo;Nach der Reform sei vor der Reform&rdquo;, wir br&auml;uchten die &ldquo;permanente Reform&rdquo;. Und tats&auml;chlich wurde auch sofort &uuml;ber die n&auml;chste Steuerreform diskutiert. Und obwohl wir gerade eine Krankenkostenreform hinter uns haben und seit dem 1. Januar unter gro&szlig;en Schwierigkeiten ein&uuml;ben, wird schon die n&auml;chste gro&szlig;e Reform verk&uuml;ndet. Und obwohl mit der Riesterrente ein Jahrhundertwerk geschaffen sein sollte, spricht man jetzt schon von der neuen Rentenreform. <\/p><p>Was f&uuml;r ein seltsames Verst&auml;ndnis von gesellschaftlichen Regelungen steckt hinter diesem eigenartigen Reformeifer? Gesellschaftliche Regelungen, die man in der Wissenschaft einmal Sozialtechniken genannt hat, sind in der Regel hochkomplizierte und meist auch &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum gewachsene Regeln des Zusammenlebens: wie wir f&uuml;rs Alter Vorsorge treffen; wie wir uns gegen Krankheit versichern; wie wir den Stra&szlig;enverkehr regeln; dass wir unsere Kinder zum Schulbesuch verpflichtet haben; dass es Kindergeld gibt; wie unser Handelsrecht, das Recht der Kaufvertr&auml;ge und der Strafvollzug geregelt ist &ndash; das sind meist &uuml;ber lange Zeit gewachsene Strukturen; Strukturen, die man sinnvoller Weise nicht immer wieder ver&auml;ndert. Diese Behutsamkeit hat schon deshalb ihren guten Grund, weil die Mehrheit von uns Zeit und Kraft braucht, die Regeln kennen zu lernen und sich darin einzu&uuml;ben und die richtigen Entscheidungen im Rahmen dieser Regeln zutreffen. <\/p><p>Jetzt m&uuml;ssen sich Arbeitnehmer, Unternehmer und Privatleute auf die neuen Steuers&auml;tze und Steuerregeln einstellen, die vorzuziehen im Dezember beschlossen wurde. W&auml;hrend sie das noch tun, wird die Notwendigkeit eines &ldquo;grunds&auml;tzlich neuen Anfangs beim Steuersystem&rdquo; &ndash; so Angela Merkel &ndash; verk&uuml;ndet. Bei unseren Eliten in Politik, Publizistik und Wissenschaft macht sich eine revolution&auml;re (genauer gesagt: eine konter-revolution&auml;re) Haltung breit, die der Kompliziertheit der Regeln und der Regelfindung in einer Demokratie nicht gerecht wird. <\/p><p>Ich bestreite ja nicht, dass es immer wieder notwendig werden kann, auch gro&szlig;e Schritte der Ver&auml;nderung zu wagen und zu tun. Aber dies sind Ausnahmen. Mit Recht hat Karl Popper schon vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass es der Demokratie gem&auml;&szlig; sei, nach schrittweisen Ver&auml;nderungen zu suchen. Wenn heute von Politikern und Publizisten, von Wissenschaftlern und Autoren unz&auml;hliger B&uuml;cher der gro&szlig;e Ruck, die System&auml;nderung, die Kulturrevolution verlangt wird, dann ist dies ein R&uuml;ckfall in irrationales Denken und Gehabe. Das hat viel mit Wichtigtuerei zu tun und mit der Neigung, im gro&szlig;en Strom des gerade g&auml;ngigen Trends mitzuschwimmen. &ldquo;Wir brauchen eine &auml;hnlich radikale Kulturrevolution, wie England sie unter Margaret Thatcher erlebt hat, wenn auch nicht die gleiche, denn irgendwie unterscheiden wir uns von den Manchester-Liberalen in England schon. Jedes Land braucht eine Kulturrevolution, wenn der Filz &uuml;ber 50 Jahre akkumuliert wurde. Jetzt ist Deutschland so weit.&rdquo; Das schreibt Hans-Werner Sinn, Pr&auml;sident des M&uuml;nchener Ifo-Instituts und Professor f&uuml;r National&ouml;konomie an der Ludwig-Maximilians-Universit&auml;t in M&uuml;nchen. Wenn vor 40 Jahren einer der Doktoranden aus dem Ifo-Institut oder gar der Professor selbst im M&ouml;ller- oder Preiser-Seminar im Seminargeb&auml;ude am Siegestor einen solch modisch-unreflektierten Gedanken ge&auml;u&szlig;ert h&auml;tte, dann h&auml;tte man das Gel&auml;chter der Studenten bis zur M&uuml;nchner Freiheit geh&ouml;rt. Heute lacht niemand.<\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die jetzt forcierte Debatte &uuml;ber Eliten k&ouml;nnte verdecken, dass gerade bei vielen, die sich zur Elite z&auml;hlen, eingetreten ist, was die Psychologen Regression nennen &ndash; einen R&uuml;ckfall in eine fr&uuml;here Stufe des Denkens, weniger differenziert, dogmatischer, vorurteilsbeladener. 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