{"id":8900,"date":"2011-03-30T14:12:32","date_gmt":"2011-03-30T12:12:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8900"},"modified":"2016-12-07T18:05:48","modified_gmt":"2016-12-07T17:05:48","slug":"verbraucherschutz-in-zeiten-des-atomaren-ausnahmezustands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8900","title":{"rendered":"Verbraucherschutz in Zeiten des atomaren Ausnahmezustands"},"content":{"rendered":"<p>Wie passt es eigentlich zusammen, wenn das Bundesministerium f&uuml;r Verbraucherschutz der Bev&ouml;lkerung versichert, dass es alle nur denkbaren Ma&szlig;nahmen ergreift, um den deutschen Verbraucher vor den Folgen des GAUs in Fukushima zu sch&uuml;tzen und gleichzeitig eine EU-Richtlinie <a href=\"http:\/\/foodwatch.de\/kampagnen__themen\/radioaktivitaet\/lebensmittel_importe\/index_ger.html\">durchsetzt<\/a>, in der die Strahlenschutzgrenzwerte f&uuml;r Lebensmittelimporte aus Japan dramatisch erh&ouml;ht wurden? Einmal mehr zeigt sich, dass die Interessen der Wirtschaft die EU-Politik bestimmen und der Verbraucherschutz gar keinen Stellenwert hat, wenn er Wirtschaftsinteressen im Wege steht. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nWill ein Pf&auml;lzer J&auml;ger ein St&uuml;ck Wildschweingulasch in den Handel bringen, so gilt f&uuml;r dieses Fleisch ein C&auml;sium-Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilo. Dies ist ein strahlendes Beispiel f&uuml;r die Sp&auml;tfolgen von Tschernobyl, die sich immer noch auf unsere Nahrungskette auswirken. Bis zu diesem Wochenende galt dieser Grenzwert auch f&uuml;r das bei wohlhabenden Feinschmeckern sehr beliebte Fleisch vom Kobe-Rind oder Fischprodukte aus Japan. Seit Inkrafttreten der <a href=\"http:\/\/eur-lex.europa.eu\/LexUriServ\/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2011:080:0005:0008:DE:PDF\">EU-Verordnung 297\/2011 [PDF &ndash; 760 KB]<\/a> vom 25. M&auml;rz 2011 hat sich dieser Grenzwert f&uuml;r japanische Fleisch- und Fischprodukte wie von magischer Hand mehr als verdoppelt &ndash; auf 1.250 Becquerel pro Kilo. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass der Verbraucher von dieser eigenwilligen Fukushima-Verordnung nichts mitbekommen hat und sich durch die vollmundigen Versprechen aus dem Hause Aigner weiterhin in absoluter Sicherheit w&auml;gt.<\/p><p>Die EU-Verordnung 297\/2011 betrifft Lebensmittelimporte aus zw&ouml;lf japanischen Pr&auml;fekturen und gilt erst einmal bis zum 30. Juni dieses Jahres, l&auml;sst sich aber bei Bedarf formlos verl&auml;ngern.  Mit der Verordnung wurden nicht nur bei C&auml;sium, sondern bei allen radioaktiven Substanzen die vorliegenden Grenzwerte f&uuml;r Lebensmittel massiv erh&ouml;ht. So darf das erw&auml;hnte Steak vom Kobe-Rind seit Beginn dieser Woche auch 750 Bq\/kg Strontiumisotope, 2000 Bq\/kg Jodisotope und 80 Bq\/kg Plutoniumisotope enthalten. F&uuml;r S&auml;uglingsnahrung und Milchprodukte (beides spielt bei den EU-Importen aus Japan jedoch keine Rolle) gelten niedrigere, f&uuml;r bestimmte Lebensmittel wie Gew&uuml;rze, Tee und Fisch&ouml;le indes die zehnfachen Grenzwerte &ndash; so darf beispielsweise der auch in Deutschland beliebte Wasabi nun bis zu 12.500 Bq\/kg C&auml;sium-Isotope enthalten, um in der EU vertrieben werden zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Nacht-und-Nebel-Aktion f&auml;llt skurril aus. In Br&uuml;ssel und Berlin beruft man sich auf die 1987 erlassene Euratom-Notverordnung 3954\/87, mit der in der Folge des Tschernobyl-Ungl&uuml;cks seinerzeit die geltenden Grenzwerte heraufgesetzt wurden, um europ&auml;ischen Bauern die Vermarktung ihrer moderat verstrahlten Agrarprodukte zu erlauben. Damals hatte sich die EU auf einen au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Notfall berufen, der die Sicherheit der Lebensmittelversorgung Europas ber&uuml;hrte. Man kann vortrefflich dar&uuml;ber streiten, ob die Versorgungssicherheit nach Tschernobyl wirklich derart gef&auml;hrdet war, dass dieser massive Eingriff in den Verbraucherschutz gerechtfertigt war; zu behaupten, das Ungl&uuml;ck von Fukushima h&auml;tte nennenswerte Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit deutscher Verbraucher ist jedoch an Dreistigkeit kaum zu &uuml;berbieten.<\/p><p>Rund ein Promille aller deutschen Lebensmittelimporte stammt aus Japan. Dies sind meist sehr kostspielige Feinschmeckerprodukte. F&uuml;r den normalen Verbraucher kommen hier allenfalls der bereits erw&auml;hnte Wasabi, bestimmte W&uuml;rzsaucen, gr&uuml;ner Tee und Algenprodukte in Frage. Der allergr&ouml;&szlig;te Teil der deutschen Bev&ouml;lkerung d&uuml;rfte in seinem ganzen Leben noch kein japanisches Produkt verzehrt haben. Vor diesem Hintergrund von einer St&ouml;rung der Versorgungssicherheit auszugehen, ist in keiner Weise zu rechtfertigen. Es ist jedoch im h&ouml;chsten Ma&szlig;e verst&ouml;rend zu beobachten, wie die EU bereits bei kleinsten Interessenkonflikten vor dem Handel einknickt und den Verbraucherschutz ohne Not &uuml;ber Bord wirft. Was spr&auml;che eigentlich gegen ein vor&uuml;bergehendes Import-Verbot japanischer Lebensmittel?  Wem n&uuml;tzen eigentlich Grenzwerte f&uuml;r radioaktive Strahlung in Lebensmitteln, die immer dann, wenn sie eine Bedeutung bekommen, in Windeseile au&szlig;er Kraft gesetzt werden?<\/p><p>Pikanterweise liegen die neuen Strahlengrenzwerte der EU noch &uuml;ber den ebenfalls in Windeseile heraufgesetzten Grenzwerten in Japan. So gilt beispielsweise f&uuml;r verstrahltes Fleisch in Japan ein Grenzwert von 500 Bq\/kg, w&auml;hrend in der EU der Grenzwert bei 1.250 Bq\/kg liegt. Man muss wahrlich kein Schwarzmaler sein, um aus dieser Differenz die Gefahr herzuleiten, dass k&uuml;nftig Produkte, die in Japan aufgrund der dort geltenden Grenzwerte nicht mehr vertrieben werden d&uuml;rfen, auch in der EU landen. Somit haben Br&uuml;ssel und Berlin mit ihrer Notverordnung erst ein Problem geschaffen, das zuvor &uuml;berhaupt nicht existiert hat. Das ist Verbraucherschutz ad absurdum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie passt es eigentlich zusammen, wenn das Bundesministerium f&uuml;r Verbraucherschutz der Bev&ouml;lkerung versichert, dass es alle nur denkbaren Ma&szlig;nahmen ergreift, um den deutschen Verbraucher vor den Folgen des GAUs in Fukushima zu sch&uuml;tzen und gleichzeitig eine EU-Richtlinie <a href=\"http:\/\/foodwatch.de\/kampagnen__themen\/radioaktivitaet\/lebensmittel_importe\/index_ger.html\">durchsetzt<\/a>, in der die Strahlenschutzgrenzwerte f&uuml;r Lebensmittelimporte aus Japan dramatisch erh&ouml;ht wurden? 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