{"id":89081,"date":"2022-10-16T11:45:58","date_gmt":"2022-10-16T09:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89081"},"modified":"2022-10-16T14:49:06","modified_gmt":"2022-10-16T12:49:06","slug":"brasilien-vor-der-entscheidung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89081","title":{"rendered":"Brasilien vor der Entscheidung"},"content":{"rendered":"<p>Die Erwartungen vieler Menschen in Brasilien und anderswo, Lula m&ouml;ge im ersten Wahlgang gewinnen, wurden entt&auml;uscht. Bestimmte Sektoren der Eliten aber, die sich zwar kritisch zu Bolsonaro verhalten, kommt es entgegen, dass Lula die M&ouml;glichkeit des Sieges im ersten Durchgang verpasste. Seine Position w&auml;re mit einem Sieg im ersten Wahlgang mit massiver Unterst&uuml;tzung der Gesellschaft st&auml;rker gewesen. Jetzt muss Lula um Allianzen k&auml;mpfen, um die Mehrheit zu erringen. So erkl&auml;rte er auch in einem kurzen Statement, dass es &bdquo;jetzt nicht mehr um Ideologie geht. Jetzt werden wir mit allen politischen Kr&auml;ften reden, die Stimme, Repr&auml;sentativit&auml;t und politische Bedeutung in diesem Lande haben&ldquo;. Die Eliten wissen, dass Lula schlie&szlig;lich gewinnt, der zweite Wahlgangs erh&ouml;ht aber den Druck auf eine kommende Regierung unter Lula, Forderungen entgegenzukommen, seine Kabinett und sein Programm wirtschaftsliberaler zu gestalten. Von <strong>Joachim Wahl<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEin von Lula angestrebtes Ziel, eine komfortable Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu erzielen, konnte nicht erreicht werden. Sowohl der Senat als auch das Abgeordnetenhaus bleiben wie in den vergangenen Jahren konservativ dominiert. Rechtsextreme Parteien des Bolsonarismus haben ihren Einfluss ausgebaut. Die Liberale Partei PL, der Bolsonaro angeh&ouml;rt, stellt in Zukunft die st&auml;rkste Fraktion im Senat. Parteien aus dem linken Spektrum konnten ihre Position entweder halten oder leicht ausbauen. Wie im Wahlkampf zeichnet sich in den Legislativen eine Polarisierung ab: Die extreme Rechte konnte zulegen und neue Allianzen werden erforderlich sein, um demokratische Rechte zu sichern und den Einfluss und Aktivit&auml;ten rechter Kr&auml;fte zu minimieren. N&uuml;chtern betrachtet muss Lula nun Konzessionen machen und Forderungen des Marktes und der Unterrnehmerschaft ber&uuml;cksichtigen. Auf der Ebene der Bundesl&auml;nder ergibt sich ebenfalls ein sehr differenziertes Bild: Im zweiten Wahlgang haben in fast allen Bundesl&auml;ndern unterschiedlichste Kandidaten Aussicht auf Erfolg, auch hier haben PT-Kandidaten nicht die besten Aussichten.<\/p><p>Expr&auml;sident Luiz In&aacute;cio Lula da Silva (von 2003 &ndash; 2010) formierte eine Allianz von Parteien, die &bdquo;progressiv f&uuml;r eine Demokratisierung und den Wiederaufbau Brasiliens eintreten, die aus dem linken und Mitte-links-Spektrum kommen.&ldquo; An der Allianz (Coligacao Brasil de Esperanca &ndash; Koalition der Hoffnung) sind neun Parteien beteiligt, darunter die PSOL (Partei f&uuml;r Sozialismus und Freiheit), die PCdoB (Kommunistische Partei Brasiliens), die PV (Gr&uuml;ne Partei), die PSB (Sozialistische Partei Brasiliens) und die Partei der ehemaligen Ministerin in der Lula-Regierung, Marina Silva, (2003-2008) REDE.<\/p><p>Lula n&auml;herte sich Geraldo Alckmin, zweimaliger Gouverneur des Staates Sao Paulo an, der gemeinsam mit den Parteien des &bdquo;Zentrums&ldquo; das Abwahlverfahren gegen Dilma Rousseff 2016 unterst&uuml;tzte. Innerhalb der PT l&ouml;ste dieses Vorgehen Lulas Unbehagen aus. Alckmin trat im M&auml;rz der PSB (Sozialistische Partei Brasiliens &ndash; eine linksorientierte Partei) bei und diese verk&uuml;ndete seine Kandidatur als Vizepr&auml;sident an der Seite Lulas.<\/p><p>W&auml;hrend sich im Jahr 1990 noch mehr als 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung als katholisch bezeichneten, verstehen sich 32 Prozent der Bev&ouml;lkerung mittlerweile als evangelikal. Als Theologie ist der Evangelikalismus eine Str&ouml;mung innerhalb des Protestantismus, die ihren Ursprung in den USA nahm. Inzwischen haben &ndash; wie in den USA &ndash; in Brasilien moderne Kirchenbauten ihre Anziehungskraft nicht verfehlt. Evangelikale sind dort pr&auml;sent, wo der Staat nicht vor Ort ist. Besonders in der Peripherie der Gro&szlig;st&auml;dte bauen sie Sportpl&auml;tze, &ouml;ffnen Bibliotheken, bes. also dort, wo Gewalt, Verelendung und Perspektivlosigkeit vorherrschen. Heute sind es v.a. Frauen, die unter Verfolgung und Angst leiden und sich den Evangelikalen zuwenden. Besonders auf diese Bev&ouml;lkerungssektoren setzte Bolsonaro und suchte die N&auml;he der f&uuml;hrenden Evangelikalen. Als Katholik lie&szlig; er sich von ihnen &bdquo;umtaufen&ldquo;. Grunds&auml;tzlich wenden sich die Evangelikalen gegen Homosexualit&auml;t, gegen Abtreibungen und verteufeln die Genderideologie. In den vom Bolsonaro-System gelenkten sozialen Medien finden Programme zur Bek&auml;mpfung von Homophobie und geschlechtlicher Gleichstellung weite Verbreitung.<\/p><p>Auf staatlicher Ebene haben evangelikale Fundamentalisten wesentliche Positionen errungen. Ebenso wie 8.000 Milit&auml;rs bestimmen sie in Ministerien und staatlichen Institutionen die politische Ausrichtung. Besonders den Milit&auml;rs, die ohne Auswahlverfahren in staatliche Positionen kamen, obliegt es, diese zu kontrollieren und zu beaufsichtigen. Der Bolsonarismus hat nicht nur seine eigene Ideologie verbreitet, sondern hat auch den Staat und wesentliche Institutionen in seinem Sinne umgestaltet. Getragen von protofaschistischen Kr&auml;ften um Bolsonaro, von Ultraliberalen, wie dem neoliberalen Wirtschaftsminister Guedes, der alten Rechten in Gestalt des Agrobusiness des brasilianischen Mittleren Westens in Koalition mit einer theologischen Elite und Milit&auml;rs, ergibt sich eine Mischung aus ultrarechten Ideen mit einer ultraliberalen Politik.<\/p><p>Viele Autoren in Brasilien gehen davon aus, dass das System Bolsonaro, der Bolonarismus, eine Entwicklungstendenz zum Faschismus aufweist. In dieser Situation w&auml;re die Linke gefordert, nicht einfach zur Tagesordnung &uuml;berzugehen, sondern eine profunde politische und theoretische Arbeit zu leisten. Denn der Kapitalismus &ndash; auch der brasilianische &ndash; hat sich grundlegend ver&auml;ndert: Herausgebildet hat sich eine Rentierklasse, die ihren Reichtum nicht mehr ausschlie&szlig;lich durch Ausbeutung erringt, sondern sich diesen auf den Weltfinanzm&auml;rkten sichert. Nach Angaben des Tax Justice Network betr&auml;gt, z.B., der Umfang brasilianischen Kapitals in Steueroasen ein Drittel des BIP. Mit dem von Bolsonaro gest&uuml;tzten Wirtschaftsminister Paulo Guedes (Mitbegr&uuml;nder der BTG Pactual &ndash; gr&ouml;&szlig;te Investmentbank Lateinamerikas) &ndash; ein &uuml;berzeugter Neoliberaler &ndash; wurde eine Welle der Deregulierung und der Privatisierung von Teilen der Unternehmen Petrobras und Eletrobras eingeleitet und weitere Explorationsrechte von &Ouml;lfeldern an ausl&auml;ndische Unternehmen vergeben. Deindustrialisierung, Denationalisierung und Staatsverschuldung verschlingen Ressourcen, die der Mehrheit des Volkes entzogen werden. Bolsonaro lobt ihn, da er das Gesetz der v&ouml;lligen &bdquo;Liberalisierung der Wirtschaft&ldquo; durchgesetzt hat.<\/p><p>Durch Guedes wurden dem Staat alle Mittel genommen, um regulierend in den Lebensmittelmarkt eingreifen zu k&ouml;nnen, wenn Vorr&auml;te nicht ausreichen und starke Preiserh&ouml;hungen f&uuml;r Lebensmittel vor sich gehen. Guedes setzte die Zusatzregelung zum Gesetz Nr. 179 im Jahr 2021 durch, nachdem der Zentralbank v&ouml;llige Unabh&auml;ngigkeit zugeschrieben wurde. Ein weiteres Hindernis f&uuml;r den kommenden Pr&auml;sidenten. Allen leitenden Mitarbeitern der Bank wurden vom Duo Bolsonaro\/Guedes vier Jahre ihres Verbleibens zugesichert. Sie werden ein ernstes Hindernis sein, wenn es um die Wiederaufnahme eines nationalen Entwicklungsprojektes geht.<\/p><p>Bolsonaro hinterl&auml;sst ein Land, das durch die Austerit&auml;tspolitik der letzten Jahre ausgezehrt ist. Lula muss mit dem Kampf gegen Hunger, Misere und Arbeitslosigkeit (10 Prozent) die Ausarbeitung eines Planes der nationalen Wiedergeburt veranlassen. Ein solcher Plan muss Programme f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung und Investitionen in die Infrastruktur beinhalten. Mit einem Wort: Lula muss den Machenschaften und Gefahren der Finanzm&auml;rkte widerstehen, d.h. es ist ein Lula 3.0 gefragt, der sich von den Versionen seiner Vergangenheit abwendet.<\/p><p>Deshalb r&uuml;ckt mehr und mehr die Frage in den Mittelpunkt des politischen Interesses, wie eine zuk&uuml;nftige Regierung Lula aussehen k&ouml;nnte. Schon jetzt wird deutlich, dass die Formierung einer breiten Allianz um Lula sehr widerspr&uuml;chlich erscheint. Aber es w&auml;re eine Chance, einen m&ouml;glichen Putsch, den Bolsonaro plant, zu verhindern. Sie birgt jedoch die Gefahr in sich, dass Kr&auml;fte dieser Koalition st&auml;rkeren Einfluss auf das &ouml;konomische Programm Lula bekommen. Teile des brasilianischen Kapitals erwarten Erkl&auml;rungen und Kompromisse Lulas, die Grundlagen der Wirtschaftspolitik vergangener Zeiten zu erhalten.<\/p><p>Spannend bleibt, ob es Lula gelingt, die vom damaligen Pr&auml;sidenten der Zentralbank, Henrique Merreiles (Expr&auml;sident der Bank of Boston), durchgesetzte Geld- und W&auml;hrungspolitik zu verhindern. Es hatte eine enorme &Uuml;bertragung von Einnahmen des &ouml;ffentlichen Sektors ins Finanzsystem stattgefunden. Das waren j&auml;hrlich 4,5 Prozent der Ausgaben des BSP, die private Aneigner erhielten. Nun steht Lula wieder vor der Frage, ob er mit Henrique Merreiles wieder zusammenarbeiten wird (oder muss).<\/p><p>Der wiedergew&auml;hlte Abgeordnete der PT (Rio Grande do Sul), Paulo Pimenta, bef&uuml;rchtet, dass der zweite Wahlgang gekennzeichnet sein wird von einer Lawine von Fake News. &bdquo;Was wir bemerken werden, ist eine Lawine von Fake News. Die Anzahl der Videos, der Audios und der Meldungen, die jetzt schon verbreitet werden, kennzeichnet einen Kampf, der von Seiten der Bolsonaristen keine Regeln kennt. F&uuml;r sie hei&szlig;t es: Alles ist erlaubt.&ldquo;<\/p><p><em>Zum Autor: Joachim Wahl ist Lateinamerikanist und war der erste Leiter des Auslandsb&uuml;ros der Rosa-Luxemburg-Stiftung von 2001-2004 in S&atilde;o Paulo.<\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Lucasmello<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88924\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">Wahlanalyse zu Brasilien: Lulas glanzloser Sieg und die St&auml;rke der Bolsonaristen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84683\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">Brasilien &ndash; Die zivile und milit&auml;rische Offensive zur Wahlsieg-Verhinderung von Lula<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/0a557d94d71549a89c787fdd48db0e67\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erwartungen vieler Menschen in Brasilien und anderswo, Lula m&ouml;ge im ersten Wahlgang gewinnen, wurden entt&auml;uscht. 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Seine Position w&auml;re mit einem Sieg im ersten Wahlgang mit massiver Unterst&uuml;tzung der Gesellschaft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89081\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":89083,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,205,125,190],"tags":[423,2454,1613,284,2979,2056,233,2220],"class_list":["post-89081","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-landerberichte","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rechte-gefahr","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-bolsonaro-jair","tag-brasilien","tag-deregulierung","tag-evangelikale","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-marktliberalismus","tag-stichwahl"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Lula_Bolsonaro-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=89081"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89081\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89279,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89081\/revisions\/89279"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/89083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=89081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=89081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=89081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}