{"id":89088,"date":"2022-10-11T14:01:28","date_gmt":"2022-10-11T12:01:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89088"},"modified":"2022-10-12T10:10:51","modified_gmt":"2022-10-12T08:10:51","slug":"in-der-ukraine-muss-es-darum-gehen-den-frieden-und-nicht-den-krieg-zu-gewinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89088","title":{"rendered":"In der Ukraine muss es darum gehen, den Frieden und nicht den Krieg zu gewinnen"},"content":{"rendered":"<p>Von <strong>Michael von der Schulenburg<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89088#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. &ndash; In der heutigen Welt, die vollgepackt ist mit Massenvernichtungswaffen, Hyperschall-Tr&auml;gersystemen, Cyber-Kriegsf&uuml;hrung, Weltraum-Kriegsf&uuml;hrung und F&auml;higkeiten der k&uuml;nstlichen Intelligenz sowie anderen schrecklichen Dingen, riskiert jede Strategie, die darauf abzielt, einen Krieg milit&auml;risch zu gewinnen, in einer Katastrophe zu enden. Dies gilt ganz besonders f&uuml;r den Krieg in der Ukraine, wo sich zwei Atomm&auml;chte, Russland und die Vereinigten Staaten, gegen&uuml;berstehen und wo eine dritte Atommacht, China, dem angespannt zuschaut. Deshalb sollte der Westen einen Frieden und nicht einen milit&auml;rischen Sieg anstreben. Das kann nicht durch Waffen, sondern nur durch Diplomatie erreicht werden.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_350\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-89088-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=89088-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221011-Ukraine-Den-Frieden-und-nicht-den-Krieg-gewinnen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was den Krieg in der Ukraine so au&szlig;erordentlich gef&auml;hrlich macht, ist die Tatsache, dass sich auch nach sieben Monaten Krieg alle Kriegsparteien einzig und allein darauf konzentrieren, diesen Krieg zu gewinnen, w&auml;hrend sie keine Anstrengungen unternehmen, einen Frieden zu erreichen. Trotz des drohenden Atomkriegs gibt es zwischen dem Westen und Russland keine diplomatischen Kan&auml;le, um Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen, eine weitere Eskalation zu vermeiden und die Voraussetzungen f&uuml;r eine diplomatische L&ouml;sung zu schaffen. Um das Schlimmste zu verhindern, m&uuml;ssen der Westen und Russland jetzt miteinander ins Gespr&auml;ch kommen. Trotz oder gerade wegen der Entwicklungen auf dem Kriegsschauplatz sollten Friedensgespr&auml;che noch m&ouml;glich sein. Der Westen hat bereits zweimal die Gelegenheit zu Friedensverhandlungen verpasst; er sollte sie diesmal nicht verpassen.<\/p><p>Die j&uuml;ngsten milit&auml;rischen Erfolge der Ukraine scheinen all jene im Westen ermutigt zu haben, die glauben, dass dieser Krieg gewonnen werden kann, dass Russland besiegt und aus allen ukrainischen Gebieten, die es jetzt besetzt h&auml;lt, vertrieben werden k&ouml;nnte. Auch der ukrainische Pr&auml;sident Zelensky verk&uuml;ndete nun, dass das einzige Ziel ein vollst&auml;ndiger milit&auml;rischer Sieg &uuml;ber Russland sein kann, und erneuerte seine Forderung nach einer raschen Aufnahme der Ukraine in die NATO &ndash; ein rotes Tuch f&uuml;r Russland. Aber w&auml;re ein milit&auml;rischer Sieg gegen eine Atommacht &uuml;berhaupt m&ouml;glich? W&uuml;rde eine milit&auml;rische L&ouml;sung, wenn &uuml;berhaupt m&ouml;glich, einen Frieden bringen oder nur den Boden f&uuml;r einen n&auml;chsten Konflikt bereiten? Wir k&ouml;nnten auf eine gef&auml;hrliche Eskalation zusteuern, die zur Zerst&ouml;rung der Ukraine f&uuml;hren k&ouml;nnte und eine Zerst&ouml;rung, die letztlich auch die Nachbarn der Ukraine in Europa und Asien &ndash; wenn nicht sogar die ganze Welt &ndash; erfassen k&ouml;nnte.<\/p><p>Als Reaktion auf seine milit&auml;rischen R&uuml;ckschl&auml;ge hat Russland mit einer teilweisen milit&auml;rischen Mobilmachung geantwortet, die die Zahl der in der Ukraine stationierten Streitkr&auml;fte verdoppeln k&ouml;nnte. Aber es ist Putins Entscheidung, vier ukrainische Oblaste zu annektieren &ndash; Russland nennt es &ldquo;Beitritte&rdquo; &ndash; mit der er das Konfliktpotenzial erheblich erh&ouml;ht hat. Als Teil Russlands, so droht er, w&uuml;rde Russland diese vor jedem Angriff zu sch&uuml;tzen, wenn n&ouml;tig mit Atomwaffen. Damit versucht Putin, sich gegen das zu wehren, was er als existenzielle Bedrohung f&uuml;r Russland ansieht: Den Beitritt der Ukraine zur NATO, die Errichtung von Milit&auml;rbasen durch die USA entlang Russlands Grenzen und den Verlust des russischen Zugangs zum Schwarzen Meer. Es ist die Schw&auml;che der konventionellen Streitkr&auml;fte Russlands, die diese Bedrohung so gef&auml;hrlich macht. Wir sollten sie ernst nehmen.<\/p><p>Warnungen, dass der Krieg in der Ukraine zu einem Atomkrieg werden k&ouml;nnte, kommen auch von ukrainischer Seite. K&uuml;rzlich warnte in der staatlichen Medienagentur Ukrinform der oberste Milit&auml;rbefehlshaber der Ukraine, General Valery Zaluzhny, dass dieser Krieg zum Einsatz taktischer Atomwaffen durch Russland und die USA f&uuml;hren k&ouml;nnte. Er spielte sogar auf einen m&ouml;glichen Dritten Weltkrieg an: &ldquo;Es ist auch nicht v&ouml;llig auszuschlie&szlig;en, dass die f&uuml;hrenden L&auml;nder der Welt direkt in einen &lsquo;begrenzten&rsquo; Atomkonflikt verwickelt werden, in dem das Risiko f&uuml;r einen Dritten Weltkrieg bereits direkt sichtbar ist&rdquo;, so Zaluzhny.<\/p><p>Die Warnung von General Zaluzhny erinnert daran, dass es sich nicht nur um einen konventionellen Krieg zwischen der Ukraine und Russland handelt, sondern im Wesentlichen um einen Konflikt zwischen zwei Atomm&auml;chten, Russland und den USA, in dem es darum geht, wer die Ukraine kontrolliert. Die USA sind inzwischen so stark in diesen Krieg verwickelt, dass ein kleiner Funke oder ein einfaches Missverst&auml;ndnis diesen Stellvertreterkrieg in eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA verwandeln k&ouml;nnte. Inzwischen spricht sogar Pr&auml;sident Biden von der M&ouml;glichkeit eines Nuklearkrieges. Auch wenn die Hoffnung besteht, dass eine nukleare Konfrontation noch in weiter Ferne liegt, sollte allein die Gefahr, dass wir einem alles vernichtenden Atomkrieg n&auml;her sind als je zuvor seit der Kuba-Raketenkrise vor genau 60 Jahren, in allen Hauptst&auml;dten der Welt die Alarmglocken l&auml;uten und die Diplomatie auf Hochtouren laufen lassen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Unter den heutigen Umst&auml;nden ist dies politischer Wahnsinn!<\/p><p><strong>Entwicklungen auf dem Schlachtfeld k&ouml;nnten noch eine Chance f&uuml;r die Diplomatie bieten<\/strong><\/p><p>Gl&uuml;cklicherweise hat der Krieg noch nicht den Punkt erreicht, an dem es kein Zur&uuml;ck mehr gibt; es gibt noch Raum f&uuml;r Diplomatie. Die milit&auml;rischen Operationen beider Seiten beschr&auml;nken sich geografisch auf die rund 1.000 km lange Frontlinie, die die ukrainischen und russischen Streitkr&auml;fte in der Ost- und S&uuml;dukraine trennt. Selbst dort beschr&auml;nken sich die K&auml;mpfe auf nur drei Gebiete um Charkow, den Donbass und Cherson. Weder die ukrainischen noch die russischen Streitkr&auml;fte scheinen in der Lage zu sein, den Krieg auf andere Regionen auszudehnen. Behauptungen, Russland wolle Kiew oder gar die gesamte Ukraine besetzen, sind ebenso illusorisch wie ukrainische Behauptungen, sie stehe kurz vor der R&uuml;ckeroberung des Donbass und der Halbinsel Krim. Es wird Monate dauern, bis die russische Verst&auml;rkung in vollem Umfang einsatzbereit ist, und auch die vom Westen versprochenen neuen und st&auml;rkeren Waffen werden erst nach einiger Zeit auf dem Schlachtfeld eintreffen. Am wichtigsten dabei ist aber, dass es sich immer noch um einen rein konventionellen Krieg handelt &ndash; zumindest jetzt noch. Es gibt also noch Spielraum f&uuml;r Gespr&auml;che. <\/p><p>Es gibt auch einige politische Bewegungen, die auf einen Raum f&uuml;r Diplomatie hindeuten. In bemerkenswerter Abkehr von der harten Position, die die NATO auf ihrem Gipfel im M&auml;rz eingenommen hatte, schrieb Pr&auml;sident Biden im Mai in der New York Times, dass es nicht die Politik der USA sei, einen Regimewechsel in Russland anzustreben, und dass er mit dem ukrainischen Pr&auml;sidenten die &Uuml;berzeugung teile, dass nur eine diplomatische L&ouml;sung den Krieg beenden k&ouml;nne. Er spielte sogar auf die M&ouml;glichkeit an, dass die Ukraine m&ouml;glicherweise territoriale Zugest&auml;ndnisse machen m&uuml;sse. Dies f&auml;llt zusammen mit der Entscheidung der USA, der Ukraine keine Langstreckenraketen zu liefern, mit denen sie den Krieg auf russisches Gebiet ausweiten k&ouml;nnte. Au&szlig;erdem zog sich die EU von Litauens h&ouml;chst gef&auml;hrlicher Blockade des Kaliningrader Gebiets zur&uuml;ck, und der t&uuml;rkische Pr&auml;sident Erdogan besuchte als erstes Staatsoberhaupt eines NATO-Landes Pr&auml;sident Putin in Russland. Das von der T&uuml;rkei und der UNO vermittelte russisch-ukrainische Getreideabkommen, die Beteiligung der IAEO am Schutz des Kernkraftwerks in Saporischschja und die j&uuml;ngsten Gefangenenaustausche sind weitere ermutigende Zeichen. <\/p><p><strong>Was macht dann die Suche nach einer diplomatischen L&ouml;sung so schwierig?<\/strong><\/p><p>Das Schl&uuml;sselwort, das den Westen daran hindert, sich mit Russland an einen Tisch zu setzen, ist &ldquo;Neutralit&auml;t&rdquo;. Russland m&ouml;chte, dass die Ukraine neutral bleibt, w&auml;hrend die USA eine feste Einbindung der Ukraine in das westliche Milit&auml;rb&uuml;ndnis w&uuml;nschen. Diese gegens&auml;tzlichen Positionen beruhen nicht auf einer besonderen Liebe der einen oder anderen Seite zur Ukraine, sondern es ist die strategische Lage der Ukraine zwischen Asien und Europa, die die Ukraine f&uuml;r beide Seiten geopolitisch so attraktiv macht. <\/p><p>Als Mitglied der NATO w&uuml;rde die Ukraine zu einem strategischen Aktivposten f&uuml;r den Anspruch der USA auf eine globale und unangefochtene F&uuml;hrungsrolle werden. Sie w&uuml;rde Russland als Gro&szlig;macht aus dem Spiel nehmen und es zu einer Regionalmacht degradieren. Sie w&uuml;rde es der USA erm&ouml;glichen, den Handel zwischen Europa und Asien zu kontrollieren und ihre Macht bis tief nach Asien hineinzuprojizieren &ndash; der Hauptgrund, warum sich alle asiatischen L&auml;nder, mit Ausnahme von Japan und Taiwan, nicht der NATO\/US-Politik der Verurteilung und Isolierung Russlands angeschlossen haben. Andererseits w&uuml;rde eine neutrale Ukraine (und damit auch ein neutrales Georgien) Russland davon befreien, von der NATO eingekreist zu werden. Es w&uuml;rde seinen Status als dominierende Macht in seiner unmittelbaren geografischen Nachbarschaft behalten und ein &ndash; wenn auch kleiner &ndash; internationaler Akteur bleiben. <\/p><p>Dass gerade die Neutralit&auml;t der Stolperstein ist, ist beunruhigend, denn es w&auml;re die Neutralit&auml;t der Ukraine gewesen, die die zunehmenden Spannungen zwischen Russland und den USA wegen der NATO-Erweiterung h&auml;tte l&ouml;sen k&ouml;nnen, und es w&auml;re die Neutralit&auml;t der Ukraine gewesen, die den Krieg im M&auml;rz dieses Jahres h&auml;tte beenden k&ouml;nnen, als sich ukrainische und russische Unterh&auml;ndler auf einen m&ouml;glichen Friedensplan geeinigt hatten. In beiden F&auml;llen war es die NATO, allen voran die USA und das Vereinigte K&ouml;nigreich, die jeden Schritt in Richtung eines neutralen Status der Ukraine torpedierten. W&auml;hrend Russland die Schuld f&uuml;r den Beginn eines illegalen Angriffs auf die Ukraine tr&auml;gt, ist es die NATO, die f&uuml;r die Verl&auml;ngerung des Krieges verantwortlich ist. <\/p><p><strong>Die NATO und das Ende einer Verhandlungsl&ouml;sung<\/strong><\/p><p>Das auff&auml;lligste Beispiel daf&uuml;r ist, als die NATO im M&auml;rz die ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen torpedierte. Damals, nur einen Monat nach Kriegsbeginn, gelang es ukrainischen und russischen Verhandlungsteams, einen 15-Punkte-Entwurf f&uuml;r ein m&ouml;gliches Friedensabkommen vorzulegen, demzufolge die Ukraine keine NATO-Mitgliedschaft anstreben und keiner ausl&auml;ndischen Macht gestatten w&uuml;rde, Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte auf ihrem Hoheitsgebiet zu errichten. Im Gegenzug w&uuml;rden alle russischen Besatzungstruppen abziehen und die Ukraine w&uuml;rde ihre territoriale Integrit&auml;t weitgehend bewahren. Der Entwurf sah auch Zwischenl&ouml;sungen f&uuml;r den Donbass und die Krim vor. Man hoffte, dieses Abkommen auf einer Friedenskonferenz am 29. M&auml;rz in Istanbul auf Au&szlig;enministerebene abschlie&szlig;en zu k&ouml;nnen. Sowohl ukrainische als auch russische Politiker hatten bereits Hoffnungen auf ein Ende des Krieges ge&auml;u&szlig;ert.<\/p><p>Doch dazu kam es nicht. Angesichts der M&ouml;glichkeit einer neutralen Ukraine berief die NATO f&uuml;r den 23. M&auml;rz einen Sondergipfel in Br&uuml;ssel ein, an dem auch Pr&auml;sident Biden teilnahm. Der einzige Zweck dieses Treffens bestand darin, die ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen zu beenden. Anstelle eines Kompromisses zwischen ukrainischer Neutralit&auml;t und ukrainischer territorialer Integrit&auml;t forderte die NATO nun den bedingungslosen R&uuml;ckzug der russischen Streitkr&auml;fte aus den ukrainischen Gebieten, bevor es zu Friedensgespr&auml;chen kommen konnte: <em>Wir fordern Russland auf, sich konstruktiv an glaubw&uuml;rdigen Verhandlungen mit der Ukraine zu beteiligen, um konkrete Ergebnisse zu erzielen, angefangen bei einem dauerhaften Waffenstillstand bis hin zu einem vollst&auml;ndigen R&uuml;ckzug seiner Truppen aus dem ukrainischen Hoheitsgebiet <\/em>(Erkl&auml;rung des NATO-Gipfels). <\/p><p>Die NATO verlangte also nichts Geringeres, als dass Russland seine Niederlage akzeptiert, was in krassem Gegensatz zu einer Kompromissl&ouml;sung steht, auf die sich die ukrainischen und russischen Unterh&auml;ndler geeinigt hatten. In der Abschlusserkl&auml;rung der NATO wurden weder die ukrainisch-russischen Friedensgespr&auml;che noch die Istanbuler Friedenskonferenz, die mit nur f&uuml;nf Tagen Versp&auml;tung stattfinden sollte, erw&auml;hnt. Auch das Wort &ldquo;Neutralit&auml;t&rdquo; wurde nicht erw&auml;hnt. Wohl auf Druck der USA und des Vereinigten K&ouml;nigreiches brach die Ukraine daraufhin die Friedensgespr&auml;che ab und begann, im Vertrauen auf massive Waffenlieferungen des Westens und harte Sanktionen, die Forderungen der NATO nach einem bedingungslosen Abzug der russischen Truppen zu unterst&uuml;tzen. Damit war der ukrainisch-russische Friedensprozess gestorben und der Krieg dauert seither an.<\/p><p>Die Botschaft der NATO an Russland war eindeutig: Es w&uuml;rde keinen Verhandlungsfrieden geben, der zur Neutralit&auml;t der Ukraine f&uuml;hren w&uuml;rde. Als Reaktion darauf &auml;nderte Russland seine Strategie und k&uuml;ndigte am 28. M&auml;rz an, dass es seinen milit&auml;rischen Ring um Kiew aufheben und sich nun auf die milit&auml;rische Eroberung der russischsprachigen Gebiete der Ost- und S&uuml;dukraine konzentrieren w&uuml;rde. Damit hat der Krieg eine andere Richtung eingeschlagen. Russland hoffte nun, durch die Besetzung ukrainischen Territoriums den Beitritt der Ukraine zur NATO verhindern und seinen Zugang zum Schwarzen Meer sch&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Die j&uuml;ngsten Annexionen von vier ukrainischen Oblasts sind das Ergebnis dieses Strategiewechsels. Dies wird jedoch keinen Frieden bringen, sondern im Gegenteil eine ohnehin schon schwierige und gef&auml;hrliche Situation noch verschlimmern. <\/p><p>Der Westen hat nun die seltsame Position eingenommen, dass er die Ukraine bei der Abwehr einer Invasion unterst&uuml;tzte, ansonsten aber keinen Anteil an der Erreichung eines Friedens haben k&ouml;nne. Friedensverhandlungen seien allein Sache der Ukraine: <em>&ldquo;Es ist Sache der Ukraine, &uuml;ber eine k&uuml;nftige Friedensregelung zu entscheiden, frei von &auml;u&szlig;erem Druck oder Einfluss&rdquo;<\/em> (Abschlusserkl&auml;rung der G7). Nachdem die ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen im M&auml;rz torpediert wurden, ist dies eine ziemlich zynische Position. Zynisch ist auch die Annahme, dass die Ukraine nun &ldquo;frei von &auml;u&szlig;erem Druck oder Einfluss&rdquo; zu einer neuen Friedensregelung gelangen k&ouml;nnte, w&auml;hrend sie von Russland milit&auml;risch unter Druck gesetzt wird und f&uuml;r ihr &Uuml;berleben vollst&auml;ndig auf die finanzielle und milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung des Westens angewiesen ist. Der Frieden muss und kann nur zwischen dem Westen und Russland, nat&uuml;rlich mit Einschluss der Ukraine, ausgehandelt werden.<\/p><p><strong>Der Weg zum Frieden ist klar, nur wer hat den Mut, ihn zu gehen?<\/strong><\/p><p>In zwei seltenen &ouml;ffentlichen Auftritten in Goslar und M&uuml;nchen hat die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf den Krieg in der Ukraine k&uuml;rzlich zu mehr Verst&auml;ndnis und Kompromissbereitschaft aufgerufen. W&auml;hrend sie Russland vorwarf, mit dem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar das V&ouml;lkerrecht gebrochen zu haben, argumentierte sie eindringlich, dass Europa bei seinen Friedensbem&uuml;hungen das Ziel nicht aus den Augen verlieren d&uuml;rfe, eine gesamt-europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur aufzubauen, die Russland einschlie&szlig;t. Erst dann, so f&uuml;gte sie hinzu, sei der Kalte Krieg wirklich vorbei. Sie warnte davor, Russlands Drohungen zu ignorieren. <\/p><p>Frieden f&uuml;r die Ukraine, Frieden mit Russland und Frieden in Europa sind untrennbar miteinander verbunden. Es wird keinen Frieden geben, ohne die Fehler zu korrigieren, die am Ende des Kalten Krieges mit der Erweiterung der NATO (und der EU) bei Ausschluss Russlands gemacht wurden. Die Entwicklung einer europ&auml;ischen Sicherheitsarchitektur w&uuml;rde aber viel Zeit in Anspruch nehmen, die wir jetzt nicht haben. Aber Friedensgespr&auml;che zwischen dem Westen und Russland k&ouml;nnten damit beginnen, die Grundlagen daf&uuml;r zu schaffen. Die Best&auml;tigung der ukrainischen Neutralit&auml;t, die Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen und die damit verbundenen Sicherheitsvereinbarungen f&uuml;r die Ukraine, die sich nicht mehr auf die NATO st&uuml;tzen, w&auml;ren ein erster Schritt. Die mutigen ukrainischen und russischen Verhandlungsteams haben uns im M&auml;rz den Weg daf&uuml;r gezeigt, und ein Expertenteam, das sich im Juni im Vatikan getroffen hatte (<a href=\"https:\/\/michael-von-der-schulenburg.com\/frieden-in-der-ukraine\/\">michael-von-der-schulenburg.com\/frieden-in-der-ukraine\/<\/a>), hat deren Ansatz weiterentwickelt. Wenn wir den Frieden anstreben wollen, anstatt einen Krieg zu gewinnen, wird es keine andere L&ouml;sung geben.<\/p><p>Aber haben wir heute Politiker vom Kaliber eines Kennedy oder Chruschtschow, eines Reagan oder Gorbatschow, oder gar einer Angela Merkel, die den Mut und Entschlossenheit h&auml;tten, die Spirale eines immer mehr au&szlig;er Kontrolle geratenen Krieges zu durchbrechen und stattdessen einen Frieden anzustreben? Der Weg zum Frieden ist klar, aber &ldquo;Wer ist bereit, diesen Weg zu gehen?&rdquo; wird die alles entscheidende Frage sein, um die Ukraine, Europa und m&ouml;glicherweise die Welt vor einer drohenden Katastrophe zu bewahren.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] *<strong>Michael von der Schulenburg&nbsp;<\/strong>arbeitete f&uuml;r die Vereinten Nationen<strong> <\/strong>und war f&uuml;r sie an vielen Krisenherden eingesetzt, unter anderem in Haiti, Afghanistan, Pakistan, Iran, Iraq, Syrien, auf dem Balkan, in Somalia und Sierra Leone.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von <strong>Michael von der Schulenburg<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89088#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. &ndash; In der heutigen Welt, die vollgepackt ist mit Massenvernichtungswaffen, Hyperschall-Tr&auml;gersystemen, Cyber-Kriegsf&uuml;hrung, Weltraum-Kriegsf&uuml;hrung und F&auml;higkeiten der k&uuml;nstlichen Intelligenz sowie anderen schrecklichen Dingen, riskiert jede Strategie, die darauf abzielt, einen Krieg milit&auml;risch zu gewinnen, in einer Katastrophe zu enden. Dies gilt ganz besonders f&uuml;r den Krieg in der Ukraine,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89088\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":89092,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,170,171],"tags":[1519,3240,1426,466,3175,259,2794,260,1556],"class_list":["post-89088","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-atomwaffen","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-hegemonie","tag-nato","tag-neutrale-laender","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/shutterstock_2128102151.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89088","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=89088"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89088\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89111,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89088\/revisions\/89111"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/89092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=89088"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=89088"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=89088"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}