{"id":89230,"date":"2022-10-15T11:45:31","date_gmt":"2022-10-15T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89230"},"modified":"2022-10-15T15:03:53","modified_gmt":"2022-10-15T13:03:53","slug":"aufstand-in-haiti-verzweiflung-und-wut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89230","title":{"rendered":"Aufstand in Haiti: Verzweiflung und Wut"},"content":{"rendered":"<p>Seit Wochen befindet sich Haiti im Aufruhr. Die brutale Erh&ouml;hung der Treibstoffpreise war der Ausl&ouml;ser daf&uuml;r. Wir m&uuml;ssen nicht nur &uuml;ber die Gr&uuml;nde f&uuml;r den Aufstand berichten, sondern vor allem (wieder) deutlich machen, dass die Haitianerinnen und Haitianer zu Recht aufbegehren. Seit der Bekanntgabe der Verdoppelung des Benzinpreises am 11. September befindet sich Haiti wieder im Aufstand. Die Stra&szlig;en sind verlassen, die Stadtviertel verbarrikadiert und die St&auml;dte leben im Rhythmus der Demonstrationen, die hier und da in Tumulte umschlagen. Wie bei der Volkserhebung von 2018\/19 gegen teure Lebenshaltungskosten und Korruption, Oligarchie und Ungleichheit befindet sich Haiti im Modus&nbsp;peyi lock. Von <strong>Fr&eacute;d&eacute;ric Thomas<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Pl&uuml;nderung und der Brand eines Lagers des Weltern&auml;hrungsprogramms (World Food Programme &ndash; WFP), der gr&ouml;&szlig;ten UNO-Organisation, hat die Internationale Gemeinschaft aufgebracht. Die Reaktionen schienen sch&auml;rfer zu sein als beim Massaker in einem Armutsviertel der Hauptstadt Port-au-Prince letzten Juli &ndash; &uuml;ber 300 Ermordete. Es stimmt, damals ging es nur um einen weiteren H&ouml;hepunkt im Zusammenbruch eines unregierbaren Landes, und die &ldquo;befreundeten&rdquo; L&auml;nder waren mit einem weit ernsthafteren und wichtigeren Dossier besch&auml;ftigt: der Erneuerung der UNO-Mission vor Ort, deren offensichtlicher Misserfolg ihrer Diskreditierung entspricht.<\/p><p>Im Tonfall eines Tadels, der an verw&ouml;hnte Kinder gerichtet ist, die ihr Spielzeug kaputt gemacht haben, hat das WFP den Angriff und die Zerst&ouml;rung seines Lagers deutlich <a href=\"https:\/\/fr.wfp.org\/communiques-de-presse\/haiti-le-programme-alimentaire-mondial-condamne-fermement-lattaque-de-son\">verurteilt<\/a> und betont, die gepl&uuml;nderte Nahrung h&auml;tte zehntausende Familien ern&auml;hren sollen. Solche Akte seien &ldquo;inakzeptabel&rdquo;, versicherte es.<\/p><p>Aber sind die Instrumentalisierung des Terrors und bewaffneter Banden, die Systematisierung von Vergewaltigungen, die Straflosigkeit und die bedingungslose Unterst&uuml;tzung einer illegitimen Regierung, die die Gangsterisierung des Staates beschleunigt, nicht genauso inakzeptabel, wenn nicht noch mehr?<\/p><p>Das &ldquo;Inakzeptable&rdquo; erleiden die Haitianer und mehr noch die Haitianerinnen jeden Tag, seit Monaten. Ist es akzeptabel, die Gr&uuml;nde daf&uuml;r zu verschweigen, die Akteure und Verantwortlichen nicht zu benennen, nichts &uuml;ber die Ungerechtigkeit zu sagen, die Verflechtung des Narrativs und der humanit&auml;ren Praxis in den Kontroll- und Unterordnungsmechanismen, die dieses Inakzeptable zulassen und aufrechterhalten, nicht offenzulegen?<\/p><p>Mit den S&auml;cken von Nahrungsmitteln verbrannte auch die Illusion, in der sich die Internationale Gemeinschaft wog, n&auml;mlich dass all ihre Hilfe sie von ihren Fehlern und ihrer Verantwortung f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Situation reinw&auml;scht und sie in den Augen der haitianischen Bev&ouml;lkerung rehabilitiert.<\/p><p>Man beklagt so bitter, dass die haitianische Bev&ouml;lkerung &ndash; diese Undankbare &ndash; nicht zwischen der UNO als Lieferantin von humanit&auml;rer Hilfe einerseits und als Echokammer Washingtons und Bollwerk gegen jede Ver&auml;nderung andererseits unterscheidet. Auch staunt man wegen der Ablehnung der Internationalen Gemeinschaft als Ganzes und dass niemand vor Ort all die Graut&ouml;ne des Neokolonialismus, der Ausrichtung auf das Wei&szlig;e Haus und der diplomatischen Blindheit unterscheiden will.<\/p><p><strong>Logische Revolten<\/strong><\/p><p>Ist es so &uuml;berraschend, dass die verzweifelte und verarmte haitianische Bev&ouml;lkerung sich erhebt, um ihren &Uuml;berdruss auszudr&uuml;cken anl&auml;sslich der Ank&uuml;ndigung der Verdoppelung des Preises f&uuml;r Treibstoff, von dem die ganze Wirtschaft abh&auml;ngt, durch einen Premierminister ohne Mandat und Legitimit&auml;t?<\/p><p>Offenbar ja, f&uuml;r die Diplomaten und Funktion&auml;re der internationalen Organisationen. Gefangen in ihrer ideologischen Sichtweise und besessen von makro&ouml;konomischer Stabilit&auml;t opfern sie die Fakten und den Zorn des Volkes, und sind in erster Linie mit Regierungsf&uuml;hrung und der Aufrechterhaltung eines Systems besch&auml;ftigt, mit dem sie sich, so verrottet es auch sein mag, am besten arrangieren k&ouml;nnen.<\/p><p>Gibt es keinen Aufstand, denken sie, dass ihre Diplomatie funktioniert und die Dinge sich zum Besseren wenden. Kommt es zur Revolte, f&uuml;hren sie das auf die Manipulation durch Bandenchefs zur&uuml;ck, &uuml;berzeugt, dass es vorbeigeht.<\/p><p>Ihre Politik der Verleugnung ist auch eine Verleugnung der Politik, die die Gr&uuml;nde und Forderungen des Aufstands ausblendet und versucht, die verfolgte Strategie in ein B&uuml;ndel aus humanit&auml;ren und sicherheitspolitischen Ma&szlig;nahmen &ndash; Ausbildung und Ausr&uuml;stung der haitianischen Polizei (die gegen Demonstranten deutlich effektiver ist als gegen bewaffnete Banden) &ndash; zu packen.<\/p><p>Weil sie das Scheitern dieser Diplomatie und den Wunsch der Bev&ouml;lkerung Haitis nach Ver&auml;nderung nicht anerkennen, findet eine Flucht nach vorn in das Spektakel statt. So verk&uuml;ndet der haitische Au&szlig;enminister im UN-Sicherheitsrat, dass im Land &ldquo;alles unter Kontrolle ist&rdquo;,&nbsp;w&auml;hrend die verschiedenen Vertreter der Internationalen Gemeinschaft zum x-ten Mal ihre Besorgnis, ihr Engagement f&uuml;r die Menschenrechte und ihre Forderung nach einer haitianischen L&ouml;sung der Krise wiederholen.<\/p><p>Eine haitianische L&ouml;sung wird jedoch schon seit &uuml;ber einem Jahr vom&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Accord_de_Montana\">Accord&nbsp;de&nbsp;Montana<\/a> vorgebracht, in dem sehr viele zivilgesellschaftliche Akteure und Akteurinnen zusammenkommen. Sie haben sich auf die Bedingungen und Schritte eines Programms geeinigt, n&auml;mlich einen &ldquo;&Uuml;bergang des Bruchs&rdquo;. Leider ist das in den Augen Washingtons und seiner Getreuen nicht die &ldquo;richtige&rdquo; L&ouml;sung und auch nicht das &ldquo;richtige&rdquo; haitianische Volk. Man m&uuml;sse im Gegenteil so rasch wie m&ouml;glich zu Wahlen schreiten.<\/p><p>Die Absurdit&auml;t, &ndash; gegen die gro&szlig;e Mehrheit &ndash; Wahlen durchzusetzen, die von einer unf&auml;higen und korrupten Regierung organisiert werden, die mit den bewaffneten Banden verbunden ist, welche jetzt den Gro&szlig;teil von Port-au-Prince kontrollieren, und von diesen Wahlen eine Stabilisierung des Regimes und eine Legitimierung der Macht zu erwarten, l&auml;sst sich nur mit der Ablehnung jeglicher popularen Alternative erkl&auml;ren, die sich unweigerlich der Kontrolle des Wei&szlig;en Hauses entziehen w&uuml;rde.<\/p><p>In den internationalen Reaktionen auf die Rebellion in Haiti lassen sich drei Schrecken erkennen: vor den Schwarzen, vor den Bev&ouml;lkerungen des S&uuml;dens und vor dem &ldquo;einfachen Volk&rdquo;. Sicherlich sollte man sich in 7.000 Kilometer Entfernung und mit vollem Bauch vor Aufstandsromantik h&uuml;ten, aber noch mehr sollte man paternalistische Rhetorik oder falsches Mitgef&uuml;hl, das die Revolte als Unfall oder Fehler sieht, ablegen.<\/p><p>Die derzeitige Erhebung hat die Positionen gekl&auml;rt. Die Haitianerinnen und Haitianer haben den ihnen zugewiesenen Platz &ndash; den einer bevormundeten, &ldquo;von oben&rdquo; verwalteten Bev&ouml;lkerung, dazu verurteilt, von sinnloser, auswegloser humanit&auml;rer Hilfe zu leben &ndash; verlassen. Sie haben damit das Schloss des Status Quo und der Beherrschung f&uuml;r einen Moment gesprengt. Gleichzeitig haben sie den internationalen Zynismus und die Doppelb&ouml;digkeit entlarvt.<\/p><p>Und sie haben die Optionen, vor denen sie stehen, auf den Punkt gebracht: Entweder sie erleiden die Angst vor Entf&uuml;hrung und Vergewaltigung, die Gewalt der Verachtung und der Herrschaft isoliert in jeder Familie, oder sie stellen sich dem gemeinsam auf der Stra&szlig;e. Auf die Gefahr hin, sich einem neuen Massaker auszusetzen, das von den bewaffneten Banden organisiert und von den Machthabern ferngesteuert wird.<\/p><p>Man muss immer wieder sagen: Nicht nur haben die Haitianer und Haitianerinnen Recht, zu revoltieren, sondern einzig die Revolte er&ouml;ffnet den Weg f&uuml;r einen Wandel, indem sie es erm&ouml;glicht, sich von der doppelten Unterordnung unter die Oligarchie und die Internationale Gemeinschaft zu l&ouml;sen.<\/p><p><em><strong>Fr&eacute;d&eacute;ric Thomas<\/strong> ist Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre tricontinental (<a href=\"https:\/\/www.cetri.be\/?lang=fr\">Cetri<\/a>) in Belgien und befasst sich vorrangig mit Haiti.<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung Dieter Dr&uuml;ssel und Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/260460\/haiti-von-verzweiflung-und-wut\">Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: Digital Democracy \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.0\/\">Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0)<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=74537\">Kuba &ndash; Haiti. 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