{"id":89282,"date":"2022-10-17T09:10:56","date_gmt":"2022-10-17T07:10:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89282"},"modified":"2022-10-18T09:04:24","modified_gmt":"2022-10-18T07:04:24","slug":"schwerkranke-moechte-man-am-liebsten-an-der-krankenhauspforte-abweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89282","title":{"rendered":"\u201eSchwerkranke m\u00f6chte man am liebsten an der Krankenhauspforte abweisen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Lekt&uuml;re dieses Buch will man um deutsche Hospit&auml;ler einen gro&szlig;en Bogen machen. Thomas Strohschneider beschreibt in &bdquo;Krankenhaus im Ausverkauf&ldquo; ein Gesundheitswesen als Tummelplatz von Profitj&auml;gern, Kostendr&uuml;ckern und Pleitegeiern, auf dem Profit &uuml;ber alles geht und das Patienteninteresse an einer bestm&ouml;glichen Versorgung nachrangig ist. Im Interview mit den NachDenkSeiten berichtet der ehemalige Chefarzt eines Privatklinikums &uuml;ber Multimorbide, die sich nicht rechnen, H&uuml;ft-OPs als Kassenschlager, ausgepumpte Pflegerinnen und Abnutzungsschlachten im Zeichen eines kranken Fallpauschalensystems. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1387\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-89282-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=89282-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221017_Schwerkranke_moechte_man_am_liebsten_an_der_Krankenhauspforte_abweisen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em><strong>Thomas Strohschneider<\/strong>, Jahrgang 1955, ist Facharzt f&uuml;r Allgemein- und Gef&auml;&szlig;chirurgie. Er studierte Chemie und Humanmedizin an den Universit&auml;ten T&uuml;bingen und Montpellier, war in der Katastrophenhilfe in verschiedenen L&auml;ndern Afrikas aktiv und arbeitete acht Jahre als Chefarzt f&uuml;r Gef&auml;&szlig;chirurgie an einer privatwirtschaftlich gef&uuml;hrten Klinik in Baden-W&uuml;rttemberg. Von ihm erschien im Fr&uuml;hjahr im Westend-Verlag &bdquo;Krankenhaus im Ausverkauf. Private Gewinne auf Kosten unserer Gesundheit&ldquo;. <\/em><\/p><p><strong>Herr Strohschneider, um gleich mit der T&uuml;r ins Haus zu fallen: Warum darf man Krankenh&auml;user nicht den freien Marktkr&auml;ften &uuml;berlassen?<\/strong><\/p><p>Weil dann die Gesetze einer freien Marktwirtschaft gelten: maximale Gewinnorientierung, Kommerzialisierung und Konkurrenzkampf. Das bedeutet, der Profit wird zur obersten Maxime. Um in diesem Konkurrenzkampf &uuml;berleben zu k&ouml;nnen, steht f&uuml;r die Krankenh&auml;user dann nicht mehr das Ringen um eine bestm&ouml;gliche Therapie des Patienten im Vordergrund, sondern der gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Erl&ouml;s. Krankenh&auml;user m&uuml;ssen aber in erster Linie der Daseinsf&uuml;rsorge der Bev&ouml;lkerung dienen und d&uuml;rfe nicht als Spekulationsobjekte international agierender privater Klinikkonzerne missbraucht werden.<\/p><p><strong>Die Verfechter der &Ouml;konomisierung und Privatisierung im Gesundheitswesen sagen dagegen, mehr Wettbewerb garantiere mehr Effizienz, bessere Qualit&auml;t und geringere Kosten. Wer hat denn nun recht? <\/strong><\/p><p>Wettbewerb f&uuml;hrt aber auch dazu, dass man Krankenh&auml;user immer mehr in For-Profit- und Non-Profit-Kliniken aufteilt. Insbesondere private Klinikkonzerne &uuml;berlegen sich schon beim Kauf einer Klinik sehr genau, ob diese sich zuk&uuml;nftig gewinnbringend betreiben l&auml;sst. Sie sind in erster Linie an medizinischen Sparten interessiert, die Profite versprechen wie etwa an orthop&auml;dischen oder herzchirurgischen Abteilungen. Alle Bereiche, in denen man elektiv planen, die Patienten gut vorausw&auml;hlen und eine getaktete Medizin anbieten kann, sind im Fokus. Andere Abteilungen wiederum streicht man besser aus dem Portfolio und schlie&szlig;t diese sogenannten Kostenfresser. Man &uuml;berl&auml;sst diese lieber den &ouml;ffentlich-rechtlichen Kliniken.<\/p><p><strong>Was bedeutet all das f&uuml;r diejenigen, um die es eigentlich gehen sollte: die Patienten? <\/strong><\/p><p>Verlierer sind in erster Linie multimorbide, alte, alleinstehende Patienten, Kinder, Schwangere und Patienten mit aufwendigen, seltenen Erkrankungen. Diese verursachen im jetzigen Abrechnungssystem der Fallpauschalen hohe Defizite. Auch &ouml;ffentlich-rechtliche oder kirchlich-karitative Tr&auml;ger versorgen diese Patienten zunehmend ungern. Die Versorgungsqualit&auml;t f&uuml;r die letztgenannte Patientengruppe sinkt. Die Konkurrenz der privaten Klinikbetreiber mit ihrer Konzentration auf die gewinnbringenden Medizinbereiche schw&auml;cht die &ouml;ffentlich-rechtlichen Kliniken, die dadurch noch gr&ouml;&szlig;ere Defizite erwirtschaften. Sie sind die Verlierer. Es drohen ihnen noch gr&ouml;&szlig;ere Verluste und letztendlich auch Klinikschlie&szlig;ungen.<\/p><p><strong>Was macht Krankenh&auml;user so lukrativ? Sonst h&ouml;rt man immer nur, das ganze Gesundheitssystem w&auml;re geldm&auml;&szlig;ig ein Fass ohne Boden.<\/strong><\/p><p>Offensichtlich kann man, wenn man es geschickt anstellt und vor allem den lukrativen Marktbereich bedient, gute Gewinne erzielen. Warum sonst interessieren sich wohl gro&szlig;e Pharmakonzerne f&uuml;r das Krankenhauswesen, gr&uuml;nden Tochtergesellschaften und erwerben Kliniken, zunehmend auch in ganz Europa und dar&uuml;ber hinaus? Sicher nicht, weil sie unser Gesundheitswesen sanieren oder retten m&ouml;chten! Nach Abzug von Steuern erzielen einige Konzerne Gewinne im dreistelligen Millionenbereich und zahlen zwischen zehn und 15 Prozent Renditen an ihre Shareholder. Das gelingt unter anderem auch dadurch, dass sich diese Konzerne skrupelloser marktwirtschaftlicher Mechanismen wie Personalreduzierungen, Outsourcing und Abteilungsstreichungen bedienen.<\/p><p><strong>Sie beschreiben in Ihrem Buch &bdquo;Krankenhaus im Ausverkauf&ldquo; sehr eindr&uuml;cklich, wie der gewachsene Druck auf Mediziner und Pflegekr&auml;fte, m&ouml;glichst kostenschonend und gewinnbringend zu arbeiten, mit der medizinischen Ethik kollidiert. Wie viele k&uuml;nstliche H&uuml;ftgelenke werden heute verbaut, obwohl es die gar nicht br&auml;uchte? <\/strong><\/p><p>Man kann das schlecht an konkreten Zahlen festmachen. Tatsache ist, dass in kaum einem Land so viele H&uuml;ft- und Kniegelenke implantiert, so viele Herzkatheteruntersuchungen, Kniegelenksspiegelungen und Wirbels&auml;ulenoperationen pro Einwohnerzahl durchgef&uuml;hrt werden wie in Deutschland. Da sind wir tats&auml;chlich mehrfache Weltmeister! Und dies kann man nicht damit begr&uuml;nden, dass wir etwa kr&auml;nker sind oder diese Eingriffe n&ouml;tiger h&auml;tten als zum Beispiel unsere franz&ouml;sischen Nachbarn, die trotz einem Drittel weniger Herzkatheteruntersuchungen die gleiche Lebenserwartung haben. Viele Eingriffe und Untersuchungen sind &uuml;berfl&uuml;ssig und in in manchen Bereichen besteht definitiv eine &Uuml;bertherapie, die unn&ouml;tige Kosten verursacht.<\/p><p>Andererseits muss man der gro&szlig;en Mehrheit der &Auml;rztinnen und &Auml;rzte in unserem Land zugestehen, dass sie ihre Entscheidungen zu Eingriffen und Operationen ausschlie&szlig;lich nach medizinischen Kriterien treffen wollen. Jedoch ist die sublime, h&auml;ufig schon nicht mehr als solche realisierte &bdquo;Umprogrammierung&ldquo; des &auml;rztlichen Denkens und Handelns gef&auml;hrlich und ein wesentlicher Grund f&uuml;r diese Entwicklung. Wenn der &ouml;konomische Druck schon bei der station&auml;ren Aufnahme des Patienten beginnt, wenn bei Nichterreichen von Gewinnerwartungen und Operationszahlen Stellenstreichungen oder Abteilungsschlie&szlig;ungen drohen, dann droht nicht nur die &auml;rztliche Profession in Gefahr zu geraten, sondern auch das Vertrauen der Menschen in unsere Medizin verloren zu gehen.<\/p><p><strong>Sie selbst haben acht Jahre lang als Chefarzt in einer Stuttgarter Klinik gearbeitet, die einem privaten Klinikkonzern geh&ouml;rt. Sollten Sie kein schlechtes Gewissen haben? <\/strong><\/p><p>Ich habe in diesen Jahren viele, fast t&auml;gliche K&auml;mpfe und Diskussionen mit der Klinikverwaltung und den kaufm&auml;nnisch Verantwortlichen gef&uuml;hrt und ja: Mehrmals stand die &Uuml;berlegung im Raum, die Klinik zu verlassen. Das haben andere Kolleginnen und Kollegen vielleicht konsequenter gehandhabt. Es kam sogar einmal dazu, dass die komplette Abteilung der Kardiologie gemeinsam gek&uuml;ndigt hat. Als Chefarzt hat man jedoch auch eine Verantwortung gegen&uuml;ber seinen Mitarbeitern, f&uuml;r die ich immer gek&auml;mpft und mich eingesetzt habe.<\/p><p><strong>Sie sind also nicht aus freien St&uuml;cken bei diesem privaten Kliniktr&auml;ger ausgeschieden?<\/strong><\/p><p>Im Zuge eines Klinikzukaufs durch den Kliniktr&auml;ger wurden sogenannte Umstrukturierungsma&szlig;nahmen durchgef&uuml;hrt und eine &bdquo;Neuorientierung&ldquo; beschlossen. Das f&uuml;hrte zu K&uuml;ndigungen und zur Schlie&szlig;ung von mehreren Abteilungen. Dazu z&auml;hlte auch meine Abteilung, die Gef&auml;&szlig;chirurgie. Eine solche Abteilung ist allein schon wegen der sehr heterogenen und multimorbiden Patienten keine &bdquo;cash cow&ldquo;, aus der man Gewinne herausmelken kann und deshalb nat&uuml;rlich f&uuml;r den Konzern nicht attraktiv. Gleichzeitig wurde &uuml;brigens, obwohl der Markt da schon gut bedient ist, eine neue Wirbels&auml;ulenchirurgie er&ouml;ffnet. Damit lassen sich deutlich bessere Erl&ouml;se erzielen.<\/p><p><strong>Ziemlich am Anfang Ihres Buches schildern Sie den Fall eines Obdachlosen, der halbtot und multimorbid bei Ihnen eingeliefert wurde und f&uuml;r dessen Behandlung sie etliche K&auml;mpfe mit der Gesch&auml;ftsleitung ausfechten mussten. Die wollte den &bdquo;Kostentreiber&ldquo; lieber loswerden. Sie haben sich am Ende durchgesetzt und dem Mann sogar in privater Eigeninitiative zur&uuml;ck ins Leben geholfen. Wie viel Menschlichkeit kann man sich im Berufsalltag noch leisten? <\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich ist das geschilderte Drama kein Einzelfall. Es hat System. Solche Patienten sind letztendlich unerw&uuml;nscht. Man m&ouml;chte sie am liebsten an der Krankenhauspforte abweisen. Dazu z&auml;hlen solche Patienten, bei denen man schon bei Aufnahme nicht absch&auml;tzen kann, wie lange sie station&auml;r behandelt werden m&uuml;ssen, welche Ressourcen sie verbrauchen und ob sie problemlos nach ihrer Behandlung wieder in die h&auml;usliche Umgebung entlassen werden k&ouml;nnen. Konkret: Alleinstehende, Patienten mit Vielfacherkrankungen oder seltenen Erkrankungen, die hohe Behandlungskosten generieren, oder Erkrankte, deren Versicherungsstatus nicht klar ist. Hier wird durchaus manchmal direkt oder indirekt von der kaufm&auml;nnischen Seite Druck auf &Auml;rzte und Pflegepersonal ausge&uuml;bt. Widersetzt man sich den Vorgaben, weil es menschlich und medizinisch nicht anders m&ouml;glich ist, riskiert man, wie in unserem Fall, Sanktionsma&szlig;nahmen bis hin zur Abteilungsschlie&szlig;ung.<\/p><p><strong>Sie schreiben, dass Deutschland das von den Australiern abgekupferte Fallpauschalensystem nach dem Prinzip der Diagnosis Related Groups, DRG, auf ein im Weltma&szlig;stab unerreichtes Level an Perfektion, man k&ouml;nnte auch sagen Perversion, getrieben hat. Was macht das Regelwerk so t&uuml;ckisch? <\/strong><\/p><p>Das 2003 in Deutschland scharfgeschaltete DRG-System ist gnadenlos. Es l&auml;sst nur Raum f&uuml;r eine Medizin mit dem Preisschild. Urspr&uuml;nglich als ein Patientendiagnose-Klassifizierungssystem erdacht, wurde es umfunktioniert und wird heute als ein reines Abrechnungssystem missbraucht. Medizinische Softwareprogramme entscheiden, ob eine Diagnose erl&ouml;srelevant ist oder ihre Behandlung nur die Kosten f&uuml;r die Klinik erh&ouml;ht. Im deutschen System sind rund 25.000 Diagnosen und 13.000 Prozeduren hinterlegt, abgerechnet wird im Wesentlichen ein Pauschalbetrag f&uuml;r die Hauptdiagnose. Nebendiagnosen k&ouml;nnen den Erl&ouml;s etwas steigern, finden aber, wenn sie nicht erl&ouml;srelevant sind, bei der Behandlung des Patienten kaum eine ausreichende Ber&uuml;cksichtigung.<\/p><p><strong>Das klingt nach vors&auml;tzlicher Unterlassung? <\/strong><\/p><p>Das Vers&auml;umte l&auml;sst sich ja nachholen. F&uuml;r die Klinik ist es &ouml;konomisch betrachtet weitaus besser, einen Patienten vorwiegend wegen seiner Hauptdiagnose zu behandeln, beispielsweise wegen seiner erlittenen Gallenkolik. Sobald dieses Problem ausreichend behandelt ist, wird er schnellstm&ouml;glich entlassen. Wegen seines entgleisten Zuckers oder seiner Herzschw&auml;che nimmt man ihn dann Tage oder Wochen sp&auml;ter erneut station&auml;r auf. Nun kann das Spiel von vorne losgehen. Man bezeichnet dies auch als &bdquo;Dreht&uuml;reffekt&ldquo;. Die urspr&uuml;ngliche Absicht bei Einf&uuml;hrung des DRG-Systems, n&auml;mlich die Zahl der station&auml;ren Behandlungen deutlich zu reduzieren und damit Krankenhauskosten zu sparen, wurde ins glatte Gegenteil verkehrt. Die Zahl station&auml;rer Behandlungen und die Kosten sind seit Einf&uuml;hrung dieses Abrechnungssystems massiv und kontinuierlich angestiegen.<\/p><p><strong>Das, was Sie schildern, wirkt nicht gerade vertrauensbildend. Oder anders: Allzu krank sollte man besser nicht im Krankenhaus antanzen &hellip; <\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich ist es f&uuml;r den Erl&ouml;s wichtig, dass der Patient bei der Diagnoseverschl&uuml;sselung auf dem Papier m&ouml;glichst schwer krank gemacht wird. Denn das bringt dann den Gewinn. Nat&uuml;rlich sollte der Patient nicht wirklich so schwer erkrankt sein, dass man seine Behandlungskosten und Behandlungsdauer nicht absch&auml;tzen kann. Da gibt es durchaus Kniffe und Tricks, das zu bewerkstelligen, teilweise geht das schon in Richtung Abrechnungsbetrug.<\/p><p>Bei tats&auml;chlich schwer kranken, multimorbiden Patienten sind die &ouml;ffentlich-rechtlichen Kliniken gegen&uuml;ber privaten Kliniktr&auml;gern klar im Nachteil. Sie m&uuml;ssen diese Patienten behandeln und d&uuml;rfen wegen ihres Versorgungsauftrags kostenintensive Abteilungen nicht einfach schlie&szlig;en. Mit der Behandlung dieser Patienten machen sie Verluste, weil es f&uuml;r sie kein faires, leistungsgerechtes Abrechnungssystem gibt. Es droht dann die Insolvenz, sogar die Klinikschlie&szlig;ung.<\/p><p><strong>Warum ist man nicht wenigstens in staatlichen und kirchlichen Kliniken vor Kostendr&uuml;ckern und Profitgeiern sicher? <\/strong><\/p><p>Leider hat sich der Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Kliniktr&auml;gern so zugespitzt, dass auch die &ouml;ffentlich-rechtlichen sowie die kirchlich-karitativen Tr&auml;ger sich zunehmend &auml;hnlicher Methoden bedienen wie die privaten Klinikkonzerne, verbunden mit der Hoffnung, damit im &Uuml;berlebenskampf bestehen zu k&ouml;nnen. Insbesondere der in den letzten beiden Jahrzehnten aus Einsparungsgr&uuml;nden erfolgte erhebliche Abbau von Stellen in der Pflege hat die qualitative Versorgungssituation der Patienten deutlich verschlechtert.<\/p><p><strong>Apropos Personalnot: Sie beschreiben das DRG-System auch als eine Art von Arbeitsverhinderungsprogramm. W&uuml;rden Sie das bitte erl&auml;utern? <\/strong><\/p><p>Das Abrechnungssystem ist so komplex geworden, dass man sogar den Beruf eines Codierassistenten eingef&uuml;hrt hat. Auf der einen Seite steht der Medizinische Dienst, der von den Krankenkassen beauftragt wird, die Abrechnungen der Kliniken zu pr&uuml;fen, um m&ouml;glichst den Krankenkassen Gelder einzusparen. Um in diesem Abrechnungskampf &uuml;berhaupt mithalten zu k&ouml;nnen, haben wiederum die Kliniken mittlerweile viele &Auml;rzte in ihrem Controlling besch&auml;ftigt, die nichts anderes versuchen, als die optimalen Rechnungserl&ouml;se f&uuml;r ihre Arbeitgeber herauszuholen.<\/p><p>Bundesweit sind auf beiden Seiten mehrere Tausend approbierte &Auml;rztinnen und &Auml;rzte mit diesem B&uuml;rokratiemonster besch&auml;ftigt und bek&auml;mpfen sich wie zwei sich immer weiter aufr&uuml;stende Armeen. Wenn man bedenkt, dass einerseits ein &Auml;rztemangel in verschiedenen Bereichen in Deutschland besteht, andererseits allein beim Medizinischen Dienst fast 2.500 Mediziner besch&auml;ftigt sind, dann wird klar, wie hier einst gut ausgebildete Mediziner ihrer eigentlichen Aufgabe entzogen werden. Und ein Ende dieser Entwicklung ist derzeit nicht absehbar.<\/p><p><strong>Was muss sich &auml;ndern, damit Krankenh&auml;user wieder zu ihren Urspr&uuml;ngen zur&uuml;ckfinden? <\/strong><\/p><p>In erster Linie muss verhindert werden, dass sich die Seuche der Profitgier, der maximalen Gewinnorientierung und der Kommerzialisierung unseres Gesundheitswesens unbegrenzt ausbreitet. Der Ausverkauf der Krankenh&auml;user im Zuge von Privatisierungen, die Schlie&szlig;ung von Kliniken nach fast ausschlie&szlig;lich wirtschaftlichen und nicht nach Kriterien einer Daseinsf&uuml;rsorge m&uuml;ssen gestoppt werden. Krankenh&auml;user eignen sich absolut nicht als Spekulationsobjekte f&uuml;r international agierende Klinikkonzerne.<\/p><p>Es braucht auch ein gerechtes, leistungsorientiertes Abrechnungs- und Finanzierungssystem. Das derzeitige DRG-System kann komplett aufgegeben werden. Es gibt gen&uuml;gend gut durchdachte Alternativen und Vorschl&auml;ge zahlreicher Gruppen und Organisationen, die aber leider von der Politik und bestimmten Interessenverb&auml;nden ignoriert werden. In jedem Fall sollten Bund und L&auml;nder ihrer gesetzlichen Verpflichtung zu einer dualen Finanzierung von Krankenh&auml;usern wieder nachkommen. Und letztendlich muss man an der Qualit&auml;t der Krankenhausversorgung nicht nur mit mehr oder weniger gut durchdachten Qualit&auml;tssicherungsma&szlig;nahmen arbeiten, sondern in erster Linie durch einen deutlich verbesserten Personalschl&uuml;ssel, insbesondere bei der in den letzten Jahrzehnten stark vernachl&auml;ssigten Pflege.<\/p><p><strong>Ihr Buch ist auch deshalb so lesenswert, weil Sie als Insider sehr spannend, anschaulich und mithin ersch&uuml;tternd aus unmittelbarer pers&ouml;nlicher Erfahrung berichten. Machen Sie in Ihrer neuen T&auml;tigkeit sch&ouml;nere Erfahrungen? <\/strong><\/p><p>Ich bin noch in Teilzeit in einer gro&szlig;en Praxis t&auml;tig. Das macht mir tats&auml;chlich wieder richtig Spa&szlig;. Die enge Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, die auf gleicher Wellenl&auml;nge denken, ist f&uuml;r die Arbeitsmoral und damit auch unmittelbar f&uuml;r die Patienten fruchtbar. Ich kann mir selbst die Taktung vorgeben, mir viel mehr Zeit bei der Beratung und Untersuchung von Patienten nehmen und bin nicht zu sehr an ein &ouml;konomisches Diktat gebunden. Nat&uuml;rlich muss man auch hier auf Wirtschaftlichkeit achten. Wirtschaftlichkeit ist aber etwas ganz anderes als Kommerzialisierung.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/da34dd9f3c104f97998c72a3131f0d17\" alt=\"\" title=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Lekt&uuml;re dieses Buch will man um deutsche Hospit&auml;ler einen gro&szlig;en Bogen machen. Thomas Strohschneider beschreibt in &bdquo;Krankenhaus im Ausverkauf&ldquo; ein Gesundheitswesen als Tummelplatz von Profitj&auml;gern, Kostendr&uuml;ckern und Pleitegeiern, auf dem Profit &uuml;ber alles geht und das Patienteninteresse an einer bestm&ouml;glichen Versorgung nachrangig ist. 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