{"id":89535,"date":"2022-10-21T12:30:55","date_gmt":"2022-10-21T10:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89535"},"modified":"2022-10-21T14:36:33","modified_gmt":"2022-10-21T12:36:33","slug":"bolzplatz-versus-arena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89535","title":{"rendered":"Bolzplatz versus Arena"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber Fu&szlig;ball wird viel geredet. Klar, dieses Spiel ist voller Faszination dank der Vielf&auml;ltigkeit, Unkalkulierbarkeit und im Ursprung genialen Einfachheit. &Uuml;ber das Wesens des Fu&szlig;balls zu schreiben, geschieht eher selten. So ist die Publikation &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/gesellschaft\/links-kickt-besser.html\">Links kickt besser &ndash; Der Mythos vom unpolitischen Fussball<\/a>&ldquo; von Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt, erschienen im Westend-Verlag, umso erfreulicher. Das Duo schw&auml;rmt einerseits ehrlich f&uuml;r den urspr&uuml;nglichen Fu&szlig;ball. Die Autoren belassen es andererseits nicht beim Fan-Sein. Auf 237 Seiten durch Geschichte(n) und Gegenwart des Fu&szlig;balls analysieren Stork und Wollenhaupt den tats&auml;chlich politischen Kosmos des Spiels und seines Umfelds und lassen final auf den, ihrem Befund nach, rechten Fu&szlig;ball 11 &bdquo;Torsch&uuml;sse&ldquo; los, es sind 11 Vorschl&auml;ge f&uuml;r einen besseren Profifu&szlig;ball. Der einfache Fu&szlig;ball braucht an sich keine Reformen. Der Profifu&szlig;ball schon, konstatieren Stork und Wollenhaupt, sie bereichern mit ihrem Buch die in Gang befindlichen Debatten. Und doch &hellip; Eine Rezension von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die vielleicht sch&ouml;nste Fan-Episode aus dem Profifu&szlig;ball<\/strong><\/p><p>Zwei Fu&szlig;ballfans heulten. Die sch&ouml;nste Episodenerz&auml;hlung des Buches &bdquo;Links kickt besser &ndash; Der Mythos vom unpolitischen Fu&szlig;ball&ldquo; gelingt dem Duo, als sie &uuml;ber Tr&auml;nen berichten. &bdquo;TOOOOR! 95:28 Minuten, der Fu&szlig;ballgott Fabian Schleusener, der in der ganzen Saison kein Tor geschossen hat, erzielt das 1:3&ldquo;, schreiben sie &uuml;ber ein Relegationsspiel, dass der FC N&uuml;rnberg, die &bdquo;Glubberer&ldquo;, tragisch verlor. Sehr nah, herzlich, ehrlich nehmen sie einen mit an das Rundfunkger&auml;t, aus dem das Drama t&ouml;nte. Zum Weinen, wenn man absteigt. Kopf hoch, nach dem Spiel ist vor dem Spiel.       <\/p><p><strong>Die ersch&uuml;tterndste Episode aus dem politischen Fu&szlig;ball <\/strong><\/p><p>Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt berichten, dass 1973 der Fu&szlig;ball in S&uuml;damerika nach rechts rollte. Pinochet putschte sich in Chile mit Hilfe der USA an die Macht, der gew&auml;hlte Pr&auml;sident Allende wurde ermordet. Die Fu&szlig;ball-WM 1974 stand vor der T&uuml;r, in der Qualifikation sollte Chile daheim gegen die Sowjetunion spielen. Die G&auml;ste reisten nicht nach Santiago, das Spiel fand dennoch statt, in einem Stadion, das vorher als Freiluftgef&auml;ngnis, als Folterst&auml;tte f&uuml;r 40.000 Gefangene der Putschisten diente. Und viele wurden ermordet. Die FIFA bestand auf der Austragung des Spieles. Chile schoss ohne Gegner nach dem Anpfiff den Ball hin und her schiebend schlie&szlig;lich zum Siegtreffer 1:0 ins leere Tor. Chile spielte bei der WM in der BRD.<\/p><p><strong>Fast ein Nachschlagewerk <\/strong><\/p><p>Echt vieles rund um den Fu&szlig;ball gibt es von den flei&szlig;igen Informationssammlern und Beobachtern Stork und Wollenhaupt zu erfahren, zu staunen, zu emp&ouml;ren, zu ersch&uuml;ttern. Dass der BVB Dortmund seinen Namen von einer Brauerei hat, erfuhr ich. Dass es gekaufte Spiele und Meisterschaften auf unserem Fu&szlig;ballplaneten gab und gibt, auch. Dass einst in S&uuml;damerika einer der wenigen echten linken Fu&szlig;ballvereine gegr&uuml;ndet wurde und der prompt zwei Mal Meister wurde, bringt mich zum Staunen. Die Zeilen &uuml;ber den Fu&szlig;ball im Krieg, &uuml;ber Ausgrenzung von Menschen, die Einnahme des Sports durch Werbung, Militarisierung, Betrug, Bestechung ersch&uuml;ttern. Dass der rechte Fu&szlig;ball die Lizenz zum Gelddrucken ist, ich ahnte es die ganze Zeit, beschreibt das Duo in seinen Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber TV-Rechte, Pr&auml;mienzahlungen, Transfererl&ouml;se, Werbeeinnahmen. Dass in Deutschland eine Mannschaft zehn Mal hintereinander Meister wurde, das wundert das Duo nicht. Damit meinen sie den aktuellen, und derlei geschah auch schonmal in der ehemaligen DDR, wo ein Team ebenfalls 10 Mal Erster wurde, man frage nicht, wie das m&ouml;glich war&hellip;       <\/p><p><strong>Begeisterung und Kritik<\/strong><\/p><p>Die Autoren wecken die Urbegeisterung aus Kindertagen auf, als st&uuml;nde ich auf einem Bolzplatz. Ich emp&ouml;re mich als Erwachsener, den Autoren beipflichtend, wie die Profit-Orientierung im Leistungssport vorangeschritten ist, wie diese kalte, durchgestylte Profifu&szlig;ball-Welt sich r&uuml;ckw&auml;rts gewandt vor uns Tag f&uuml;r Tag medial ausbreitet (ja, so penetrant wie wahr: man kann jeden Tag im TV Spiele der Profis, der Idole sehen &ndash; zunehmend kostenpflichtig) und dass das Thema &bdquo;&uuml;berkommerzialisierter Profifu&szlig;ball&ldquo; gesellschaftlich &uuml;beraus relevant ist. Klaus-Dieter Stork und Jonas Wollenhaupt nehme ich ab, dass sie dem Fu&szlig;ballsport sehr verbunden sind und die &Uuml;bergriffigkeiten des Business und der politischen Einflussnahme aus Gr&uuml;nden der Macht und Eitelkeit und Gier verurteilen und ablehnen. &Uuml;beraus engagiert und detailreich agieren sie, wortreich Doppelpass auf Doppelpass spielend &uuml;ber die Verbindungen Sport und Politik. Sie lassen Geschichte &uuml;ppig aufleben, sie ziehen Vergleiche des einfachen, linken Kickens mit dem reklame-&uuml;berfrachteten Geschehen in den Flutlicht-VIP-Lounge-Fankurven-Rasenheizungs-Arenen der Welt. Es wird ein Dilemma offenbar bei aller Begeisertung f&uuml;r die Fu&szlig;ballwurzeln: Allein Bolzplatz-Fu&szlig;ball ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Denn schlie&szlig;lich m&ouml;gen ja die meisten Fu&szlig;ballfreunde die bekannten Vereine und Spieler, die damit Geld verdienen. Viel Geld. Das Ma&szlig; des Ausma&szlig;es an Anma&szlig;ung indes st&ouml;rt zunehmend die meisten Fans.  <\/p><p>Das Autorenduo lobt auch mal die Profis. Zum Beispiel die vom SC Freiburg, als &bdquo;kleiner Klub&ldquo; unter den Gro&szlig;en trotz geringeren Budgets als die Konkurrenz viel aus den Kader &bdquo;herausholend&ldquo;. Sowohl in ihrer Spezialdisziplin Soziologie als auch in ihrer Passion, den Fu&szlig;ball als solchen zu lieben, huldigen Stork und Wollenhaupt der Einfachheit des Kickens, Bolzens, Dattelns und kritisieren im Konter die Hatz nach dem gro&szlig;en Reibach und den Einfluss m&auml;chtiger ideologischer Foulspieler. Auch, wie die Gro&szlig;en im Gesch&auml;ft den Kleinen die Talente &bdquo;wegkaufen&ldquo;.  <\/p><p><strong>Links? Rechts? Was ist links? Was rechts? <\/strong><\/p><p>Die Fragen kommen auf, als mir die Behauptung &bdquo;Links kickt besser&ldquo; entgegenflattert. Besser? Dass die Gegenseite zu &bdquo;links&ldquo; &bdquo;rechts&ldquo; sein muss, okay &ndash; doch ist es im Fu&szlig;ball wie im Leben nicht komplizierter? Eigentlich nicht, ich lasse mich darauf ein, dass links Klasse ist und dass rechts gegen links andauernd Foulspiel begeht. Wenn Kicken auf dem Bolzplatz oder einer schlichten Wiese in Freude und unbek&uuml;mmerter Hingabe das bessere, also das linke Bolzen ist, dann stimmt das, stelle ich fest. Das millionschwere Kicken in Stadien, die wie Ufos aussehen, hingegen wohl rechts. Die Wiege des Sports, Leichtigkeit, proletarische Bodenhaftung, das soziale, empathische Linke sind im Hightech-Flutlicht verschwunden, au&szlig;er, so Stork und Wollenhaupt, wenn ein Maradona oder Messi sich den Ball schnappen, nicht mehr hergeben, dribbeln und treffen, als w&auml;ren sie wie einst auf ihrem Bolzplatz. Stork und Wollenhaupt schieben bei mir eine innere Debatte an. Linker Fu&szlig;ball wird vom Autorenduo in der Geschichte als Teil des Protests der kleinen Leute gezeigt und die Kraft des Bolzens dr&uuml;ckt sich aus in den Stra&szlig;enspielen, die einst so heftig waren, dass man von Fairplay nicht sprechen konnte. Rechts hingegen erweist sich im Profitfu&szlig;ball, im Hinhalten des Frauenfu&szlig;balls &uuml;ber viele Jahre in der Nische, bel&auml;chelt und lange gar verboten. Ich komme zur Erkenntnis: Was soziale Teilhabe einschr&auml;nkt, m&auml;chtige Teilhaber m&auml;chtiger macht, den Status quo Etablierter etablierter, das ist schlicht rechts, Fu&szlig;ball f&uuml;r Eliten, f&uuml;r spielende Million&auml;re, die in Wertetabellen ihren Marktwert einsehen k&ouml;nnen, so als w&auml;ren sie seltene Spezies. Das alles ist rechts. Links &ndash; das bedeutet schlicht: einfach Fu&szlig;ball spielen.  <\/p><p><strong>Zwischenrufe und Pfiffe<\/strong><\/p><p>Die Autoren Stork und Wollenhaupt aus dem Bundesland Hessen sind keine Ostdeutsche, sie hatten darum sicher nicht die Absicht, im viele Daten Erfassen in die Bredouille zu geraten, auch noch die Historie des fr&uuml;heren und des jetzigen Ostfu&szlig;balls umfangreich einzuflechten. So wurde aus ihrem Buch eines, in dem der Osten vorkommt, ich h&auml;tte gern mehr Oststorys gelesen und auch den jetzigen Zustand beschrieben. Das Duo widmet sich hingegen kennerm&auml;&szlig;ig dem westgepr&auml;gten Bundesligageschehen. Im Profisport der Bundesrepublik verh&auml;lt es sich aktuell so, dass nach 32 Jahren Einheit der Osten weiter am Katzentisch verharrt. Von 48 Profiteams in drei Profi-Ligen kicken gerade mal acht Mannschaften aus dem Osten im bezahlten Fu&szlig;ball. Hertha BSC ist nicht mitgerechnet als ehemalige Westberliner Adresse. Dass der Verein RB Leipzig ins kritische Visier ger&auml;t, obwohl in der Messestadt in Sachsen nicht anders Geld mit Profifu&szlig;ball verdient wird wie in Bayern oder Hessen &ndash; diese Gleichstellung, die Wiedervereinigung, Einigkeit eben auch in der Betrachtung &ndash; es h&auml;tte dem Buch gut getan. Und im Elf-Punkt-Programm kommt die &bdquo;Ostproblematik&ldquo; ebenfalls nicht wirklich vor.     <\/p><p><strong>Elf Punkte, kein Golden Goal, Kritik<\/strong><\/p><p>Vor ihrem Goldenen Tor, dem angek&uuml;ndigten &bdquo;Golden Goal&ldquo; f&uuml;r einen besseren Fu&szlig;ball, schreibt das Duo: &bdquo;Wir machen deutlich, dass es eine linke Geschichte und eine linke &Auml;sthetik des Fu&szlig;balls gibt, die der gegenw&auml;rtigen Fu&szlig;ballwelt widersteht&ldquo;, so Stork und Wollenhaupt. Und: Es brauche nur einen Ball, Rucks&auml;cke (als Tore dienend), um Fu&szlig;ball zu spielen, erg&auml;nzen sie. Wie bei einem Fu&szlig;ballteam z&auml;hlt sich auch die Inhaltsangabe des Buches: 11 Kapitel. Freundlichen Beifall zolle ich, da ich lese, dass der Fu&szlig;ball doch nicht in England erfunden wurde, das bisher als Mutterland und Ursprungsland des Kickens beworben wurde. Mir schwante schon vorher, das Spiel muss viele, viele Jahre vorher auf den Weg gebracht worden sein. Griechen, R&ouml;mer, Chinesen werden genannt. Dass beim chinesischen Kaiserlichen Milit&auml;r vor &uuml;ber 2.000 Jahren die Kugel rollte und bei anderen Eroberern die freie Zeit eben auch mit der Jagd nach einem runden Etwas viel Freude ausl&ouml;ste, das ist eine Freude bis heute. Und ja, Stork und Wollenhaupt belegen, dass die Widerst&auml;nde gegen die gegenw&auml;rtige Fu&szlig;ballwelt zunehmen, bei Fans, in den Vereinen, bei den Konsumenten, in der Gesellschaft, alle sp&uuml;ren &ndash; ein &bdquo;Weiter so!&ldquo; geht schief. <\/p><p><strong>Beinah Pfiffe, keine Buhrufe<\/strong><\/p><p>Die Erl&auml;uterungen zum Plan von Stork und Wollenhaupt f&uuml;r wichtige Reformen gehen Remis aus. Zun&auml;chst hei&szlig;t es: &bdquo;Der wahre, sch&ouml;ne und gute Fu&szlig;ball ist links. Auf und neben dem Platz. Und wir haben einen Matchplan.&ldquo; Dann liest sich das Punkteprogramm ohne Biss und mit viel Erhalt der alten Strukturen. Ein Pfeifen wage ich bei textlichen Passagen im Gendermodus. Die Sprachverrenkung versus dem maskulinen Generikum l&auml;sst die Macher des Buches bei mir mehrfach ins Abseits laufen. Zu Buhrufen kommt es nicht, der Autoren Zeilen geraten stets fair und sportlich. Der Spruch lautet, nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Also auch nach der Diskussion auf zu neuen Diskussionen. <\/p><p>Und schlie&szlig;lich f&auml;llt mir eine Anregung als m&ouml;glicher Punkt 12 vielleicht zu der Frage ein, warum die Bundesliga wie ein Flickenteppich Punktspieltage austr&auml;gt. Dies zu behandeln, ist wichtig, denn die Praxis f&uuml;hrt zu einer permanenten Wettbewerbsverzerrung. Seit vielen Jahren. Beispiel: Gerade hat Dauermeister Bayern 5:0 gegen Freiburg gewonnen &ndash; an einem Sonntagabend. Tabellenf&uuml;hrer Union hat auch gewonnen gegen Dortmund mit 3:2. An einem Samstag vor dem Bayernsonntag. Rechne ich mir aus, wie genau, analytisch und clever die Experten der Vereine wie Bayern Zahlen, Konstellationen behandeln und auswerten, liegt es doch selbst f&uuml;r einen Nichtfu&szlig;ballfan auf der Hand, dass wie im genannten Beispiel Bayern auf das Ergebnis eines Mitbewerbers um den Titel reagieren kann. In einer Sportart, in der es nicht um Millimeter, aber um Punkte und Torverh&auml;ltnisse geht, wurden Meisterschaften und Abstiege schon &ouml;fter mit feinen Unterschieden besiegelt. Derlei kommt zustande, wenn ein Team kalkulieren kann und am Ende besser dasteht als der Kontrahent. Die Viertage-Punktspiel-Terminierungen sind unfair und lediglich einem Grund geschuldet: Mehr Geld durch TV-Einnahmen. <\/p><p>So lautet also Forderung 12, die die Autoren in ihre Liste eintragen m&uuml;ssten: Samstag 15.30 Uhr neun Spiele und damit faire Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Beim 100-Meter-Lauf laufen sie ja auch alle gleichzeitig los, oder? Gut, gehen wir bissel zocken auf dem Bolzplatz&hellip;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber Fu&szlig;ball wird viel geredet. Klar, dieses Spiel ist voller Faszination dank der Vielf&auml;ltigkeit, Unkalkulierbarkeit und im Ursprung genialen Einfachheit. &Uuml;ber das Wesens des Fu&szlig;balls zu schreiben, geschieht eher selten. 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