{"id":896,"date":"2005-09-30T18:30:49","date_gmt":"2005-09-30T16:30:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=896"},"modified":"2016-03-03T11:34:22","modified_gmt":"2016-03-03T10:34:22","slug":"glanz-und-elend-der-intellektuellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=896","title":{"rendered":"\u201eGlanz und Elend der Intellektuellen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>so lautet der Beitrag des konservativen Publizisten Alexander Gauland im <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/30.09.2005\/2087979.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/30.09.2005\/2087979.asp\">&bdquo;Tagesspiegel&ldquo; von heute<\/a>. Wir erlauben uns zu kommentieren. Unsere Kommentare sind kursiv geschrieben. Alles andere ist Originalton Gauland.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Triumph des Neoliberalismus belegt: Die Linke hat versagt. Von Alexander Gauland.<\/strong><\/p><p><em>Gauland lenkt vom Versagen seiner Gruppe, der konservativen Meinungsf&uuml;hrer, ab. Dabei w&uuml;rde ein Blick in den Focus, in die Zeit, in den Spiegel, in die FAZ und in die Welt reichen, um zu sehen, wie d&uuml;rftig der Geist bei den Konservativen und Neoliberalen sprie&szlig;t und wie gef&uuml;gig sich die Wortf&uuml;hrer jedem Schwenk des konservativen und neoliberalen Mainstream angepasst haben, wie sie zum Beispiel alle nicht erkannt haben, wie wichtig die St&auml;rkung der Binnennachfrage gerade auch f&uuml;r die Wirtschaft w&auml;re und welch ein Wahnsinn es ist, ein Land permanent schlecht zu reden, wie es die neoliberalen Standortkritiker permanent taten.Und wie zum Beispiel nahezu alle konservativen Meinungsf&uuml;hrer beeindruckt waren von Gerhard Schr&ouml;ders Neuwahl-Coup und erst jetzt merken, dass ein solcher Coup nicht automatisch zu stabileren Verh&auml;ltnissen f&uuml;hrt. Typisch auch ist ihre unkritische Bewunderung f&uuml;r Horst K&ouml;hler und dessen beflissene Zustimmung zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestags. <\/em><\/p><p>Die Franzosen hatten Voltaire, Montesquieu, Diderot und d&rsquo;Alembert. Und l&auml;ngst bevor die Bastille fiel und der K&ouml;nig sein Haupt unter die Guillotine legte, gab es das republikanische Frankreich im Denken seiner Intellektuellen. Alle Phasen, in denen sich die Revolution schlie&szlig;lich vollzog, waren in den K&ouml;pfen der Gem&auml;&szlig;igten wie der Entschiedenen vorgebildet. So gro&szlig; war die Furcht der endlich siegreichen Reaktion im Jahre 1815, dass sie nicht die Zust&auml;nde, sondern deren Spiegelung in den K&ouml;pfen der Kritiker als die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r die Heilige Allianz ansah. Demagogenverfolgung nannte man diese Furcht. <\/p><p>Und auch nach dem Ende dieses F&uuml;rstenbundes war die neue Revolution schon vorgeformt im Kommunistischen Manifest und im Buch &uuml;ber die Lage der arbeitenden Klasse in England, in den Schriften der Anarchisten wie der Kathedersozialisten. Ohne Bernstein, Kautsky, Freud und Jung h&auml;tte auch Lenins ber&uuml;hmte Frage &bdquo;Was tun?&ldquo; keine Antwort gefunden, und die russische Revolution w&auml;re ohne Trotzki zwar weniger blutig, aber eben ohne revolution&auml;re Theorie vor sich gegangen. <\/p><p>Auch die Bewegung der 68er hatte ihre teils ungewollten teils gewollten Vor- und Mitdenker. Adorno und Horkheimer, Habermas, Reich, Mitscherlich und Marcuse waren oft wirksamer in der Zerst&ouml;rung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft als die schie&szlig;w&uuml;tigen Terroristen. Die westliche Welt war damals nicht halb so revolution&auml;r wie die Theorien der in Regenbogenfarben gefassten Meisterdenker. Nun kann man &uuml;ber den Nutzen ihrer Schriften unterschiedlicher Meinung sein. Aber allein die Tatsache, dass eine nichtrevolution&auml;re Situation eine revolution&auml;re Literatur von betr&auml;chtlichem Umfang hervorgebracht hat, belegt die Bedeutung des Denkens von 1768 bis 1968. <\/p><p>Wie anders heute! Dass die Bundesrepublik eine ihrer schwersten Krisen durchmacht, ist nicht nur die Erfindung von Hundt, Sinn und Miegel. Auch weniger katastrophisch veranlagte Beobachter r&auml;umen ein, dass die Schwierigkeiten von damals harmlos waren gegen&uuml;ber der Globalisierungs- wie der Demographiekrise von heute. <\/p><p><em>Hier pr&auml;sentiert sich ein Autor als gro&szlig;er Analytiker und Kritiker des Mainstream und &uuml;bernimmt dann ganz selbstverst&auml;ndlich die g&auml;ngigen Parolen &uuml;ber Globalisierungs- und Demographiekrise.<\/em><\/p><p>Doch merkw&uuml;rdig: W&auml;hrend Vietnamkrieg, &Ouml;lkrise und der schon 20 Jahre zuvor besiegte Nationalsozialismus intellektuelle H&ouml;chstleistungen produzierten, bleibt das Feld, auf dem f&uuml;nf Millionen Arbeitslose gedeihen, analytisch unfruchtbar. Keine revolution&auml;re Theorie macht ihnen Mut, keine gesellschaftspolitische Alternative beunruhigt den neoliberalen Mainstream. Fast widerstandslos hat sich eine Sichtweise durchgesetzt, die allein im Sparen und Lohnsenken das Heil des deformierten Arbeitsmarktes sieht. <\/p><p><em>Gauland will einfach nicht wahrnehmen, dass es die von ihm vermissten Analyse- und Konzeptionskr&auml;fte gibt, dass sie allerdings wie h&auml;ufig in der Geschichte &ndash; man denke nur an die &bdquo;Reaktion&ldquo; in Deutschland auf die franz&ouml;sische Revolution oder an die ausschlie&szlig;lich von Minderheiten rezipierten Vordenker von Horkheimer &uuml;ber Habermas bis zu Mitscherlich &ndash; von der herrschenden Meinung an den Rand gedr&auml;ngt werden. Man soll doch heute als Konservativer nicht so tun, als w&auml;re die Frankfurter Schule damals nicht eine massiv bek&auml;mpfte Sozialphilosophie gewesen. Es gibt doch zahlreiche &Ouml;konomen, die sich der von Gauland jetzt pl&ouml;tzlich beklagte neoliberalen Lehre theoretisch widersetzen und durch praktische Vorschl&auml;ge etwa f&uuml;r eine St&auml;rkung des Binnenmarktes eintreten und in der abgebrochenen Binnenkonjunktur den gr&ouml;&szlig;ten Fehler der jetzigen Entwicklung sehenDa derAutor aber offenbar so weit in die Linke Deutschlands nicht hineinh&ouml;rt oder hineinh&ouml;ren m&ouml;chte, findet er keine Linke mehr und beklagt sich &uuml;ber die Linke. <\/em><\/p><p>Was geschehen muss, mag im Detail zwischen FDP, CDU und SPD schwanken, die Richtung ist nirgends umstritten, allenfalls die St&auml;rke der Zumutungen. <\/p><p><em>Das ist richtig gesehen. Immerhin. <\/em><\/p><p>Zwar legen die Gewerkschaften Einspruch ein, doch fast niemand h&ouml;rt zu. W&auml;hrend in den 70er Jahren fast jede noch so krude Theorie auf Millionen Leser, Verst&auml;rker und viele gl&auml;ubige Adepten z&auml;hlen konnte, ist die gesellschaftliche Krise heute ein reines Problem der Angebotstheorie. Es ist, als ob Marx und das revolution&auml;re Pathos so wenig existierten wie Lord Keynes und die sozialstaatliche Verhei&szlig;ung. Wirtschaftstheorie ist gefragt, aber nur eine, die den Deutschen mehr Arbeit und weniger Lohn verhei&szlig;t. Es scheint, als ob der ideologiewidrige Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die Analyse- und Utopiekraft einer ganzen Generation ersch&ouml;pft hat. Und das ist wohl auch der tiefere Grund der intellektuellen Misere. <\/p><p>Wer sich in der Einsch&auml;tzung des Ganges der Geschichte so versch&auml;tzt hat wie die antikapitalistische Linke der alten Bundesrepublik, hat seinen Anspruch auf die Deutungshoheit des Geschehens verwirkt. <\/p><p><em>Auch hier erweist sich Gauland als jemand, der die Linke nur als Buhmann benutzt. Als ob die von ihm genannten linken Vordenker Adorno, Horkheimer, Habermas, Reich, Marcus oder Mitscherlich je auf den stalinistischen Kommunismus oder auf den &bdquo;realen Sozialismus&ldquo; gesetzt h&auml;tten. Sie haben ihn trefflicher analysiert und kritisiert als alle antikommunistischen Konservativen zusammen. Es ist die &uuml;blich gewordene grobe Analyse. Au&szlig;er der antikapitalistischen Linken gab es nach Gauland keine andere. Weil er das so sieht, kann er auch die Malaise von heute nicht begreifen, zum Beispiel nicht jene Kritiker wie die erw&auml;hnten Makro&ouml;konomen oder &ndash; mit Verlaub &ndash; die Freunde und Herausgeber der NachDenkSeiten.<\/em><\/p><p>Wie die Konservativen sich nie von ihrer N&auml;he zum Nationalsozialismus in der Weimarer Republik erholt haben, so hat das Irren der falschen Revolution&auml;re dem Neoliberalismus einen billigen Sieg beschert. Und so, wie im Machbarkeitswahn des Wiederaufbaus nach dem Kriege sich das Gleichgewicht von rechts nach links verschob, hat die Republik nun eine neoliberale Schlagseite. Doch dies ist nicht Schuld der vielen Nachbeter einer unanfechtbaren Wahrheit, sondern sp&auml;te Folge des Versagens der Linken. <\/p><p><em>Die Linken sind schuld. Das ist Logik des fr&uuml;hen Heiner Gei&szlig;lers, wonach der Pazifismus schuld am Krieg ist. So ein ausgemachter Stuss. Der Autor ignoriert v&ouml;llig den Einfluss der total gleichgeschalteten Medien, der Interessenverb&auml;nde und der von ihnen bezahlten Publicrelations Agenturen. Und wenn er schon die Linken verantwortlich machen will, dann sollte Gauland wenigstens pr&auml;zisieren: die angepassten Linken, jene, die sich v&ouml;llig aufgegeben haben und &uuml;ber medialen und finanziellen Einfluss gek&ouml;dert worden sind. Das ist wirklich eine Katastrophe.<\/em><\/p><p>Die intellektuelle Debatte in der Bundesrepublik ist auch deshalb so armselig, weil Schuldeingest&auml;ndnis und Aufarbeitung &ndash; anders als in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts &ndash; unterblieben sind. Die sp&auml;te Anerkennung der Tatsache, dass die Zerst&ouml;rung Dresdens ein Verbrechen und die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten eine humanit&auml;re Katastrophe waren, mag ein Anfang sein, er reicht aber offenbar nicht aus, der vermeintlichen Unab&auml;nderlichkeit des Marktgeschehens ein glaubw&uuml;rdiges Halt von links entgegenzuschleudern.<\/p><p><em>Hier erschlie&szlig;t sich dem Leser erstens nicht, was die sp&auml;te Anerkennung der Zerst&ouml;rung Dresdens als humanit&auml;re Katastrophe mit der Kritik der vermeintlichen Unab&auml;nderlichkeit des Marktgeschehens zu tun haben soll. Zweitens hat der Autor offenbar &uuml;berhaupt nicht mitbekommen, dass es von den Anf&auml;ngen der so genannten Welfareeconomics in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis zu Stiglitz&rsquo; Analysen des Marktversagens durchgehend Kritik am Glauben an den unregulierten Markt gegeben hat und auch gen&uuml;gend konkrete Vorschl&auml;ge zur Korrektur dieses Marktversagens gemacht worden sind.<\/em><\/p><p>Der Autor war Staatssekret&auml;r und ist Publizist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>so lautet der Beitrag des konservativen Publizisten Alexander Gauland im <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/30.09.2005\/2087979.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/30.09.2005\/2087979.asp\">&bdquo;Tagesspiegel&ldquo; von heute<\/a>. Wir erlauben uns zu kommentieren. Unsere Kommentare sind kursiv geschrieben. 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