{"id":89772,"date":"2022-10-28T09:02:02","date_gmt":"2022-10-28T07:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89772"},"modified":"2026-01-27T11:43:32","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:32","slug":"das-friedensprojekt-europa-ist-gleich-in-zweifacher-hinsicht-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89772","title":{"rendered":"\u201eDas Friedensprojekt Europa ist gleich in zweifacher Hinsicht gescheitert\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das sagt <strong>Ulrike Gu&eacute;rot <\/strong>im Interview mit den NachDenkSeiten. Zusammen mit dem Publizisten <strong>Hauke Ritz<\/strong> hat die Politikwissenschaftlerin diese Woche das Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/endspiel-europa.html?listtype=search&amp;searchparam=Ulrike%20Gu%C3%A9rot\">&bdquo;Endspiel Europa &ndash; Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon tr&auml;umen k&ouml;nnen&ldquo;<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Es ist eine schonungslose Abrechnung mit der sch&ouml;n gezeichneten Illusion eines Europas, das angeblich f&uuml;r Frieden und andere hehre Werte steht. In einem zweiteiligen Interview, das Anfang Oktober im Vorfeld des Erscheinens gef&uuml;hrt wurde, zeigen Gu&eacute;rot und Ritz, woran Europa gescheitert ist und noch immer scheitert. Dabei beleuchten sie auch kritisch den Krieg in der Ukraine. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4449\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-89772-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=89772-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221028-Friedensprojekt-Europa-gescheitert-Teil-1-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Europa ist ein wunderbares Friedensprojekt, der demokratische Gedanke steht immer im Vordergrund und der Krieg in der Ukraine ist einzig die Schuld von Putin. &ndash; Wie sieht die Realit&auml;t aus? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot<\/strong>: Die Realit&auml;t ist, dass das Friedensprojekt Europa bereits seit l&auml;ngerer Zeit massiv ins Schlingern geraten ist. Das Friedensprojekt Europa ist gleich in zweifacher Hinsicht gescheitert. Zum einen weist die EU ein starkes &bdquo;Demokratiedefizit&ldquo; auf, was wiederum populistischen Bewegungen Auftrieb gegeben hat. Die Menschen sp&uuml;ren, dass die politischen Prozesse in den Gremien der EU nur noch selten ergebnisoffen sind, ja oft Interessen verfolgen, die nicht die der B&uuml;rger sind. Der EU fehlt es an einem lebendigen und glaubw&uuml;rdigen politischen Prozess. Statt eines politischen Europa, einer Europ&auml;ischen Republik ist ein technokratisches System entstanden. Dies f&uuml;hrt zu zunehmender Spaltung im Inneren. <\/p><p><strong>Das w&auml;re also das erste Scheitern? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Ja. Das zweite Scheitern manifestiert sich in den Au&szlig;enbeziehungen der EU. Der EU ist es nicht gelungen, eine stabile Friedensordnung unter Einbeziehung der Russischen F&ouml;deration zu schaffen. Die durch zwei Weltkriege und einen Kalten Krieg entstandene Spaltung Europas manifestiert sich nun erneut und rei&szlig;t den Kontinent 1.500 Kilometer &ouml;stlich des einstigen Eisernen Vorhangs auseinander. Europa wird abgetrennt von den Rohstoffen Sibiriens, dem russischen Markt und langfristig wom&ouml;glich sogar dem chinesischen Markt. Nat&uuml;rlich wird ein Europa, das sich erneut in die Spaltung treiben l&auml;sst, Schwierigkeiten haben, den Wohlstand zu sichern, den Frieden zu wahren und letztendlich seine zivilisatorischen Werte zu entwickeln. Ein im Osten abgetrenntes Europa wird geopolitisch nur eine geringe Rolle spielen und in Zukunft noch abh&auml;ngiger von den USA sein als bereits in den Jahrzehnten zuvor. <\/p><p><strong>Wie schwer ist der Bruch zwischen der Realit&auml;t und der &bdquo;Medienwahrheit&ldquo; in diesen Tagen? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Es wird inzwischen vielfach kritisiert, dass die &ouml;ffentliche und die ver&ouml;ffentlichte Meinung nicht mehr kongruent sind. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88930\">Das haben Richard David Precht und Harald Welzer in ihrem gerade erschienenen Buch &bdquo;Die Vierte Gewalt&ldquo; detailliert analysiert<\/a>. Schon bei der Bankenkrise (&bdquo;keine Transferunion&ldquo;) vor zehn Jahren, dann bei der Fl&uuml;chtlingskrise (&bdquo;Willkommenskultur&ldquo;), dann vor allem bei Corona (&bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo;) und jetzt im Ukraine-Krieg (&bdquo;Werte verteidigen&ldquo;) kann man eine gleichf&ouml;rmige Medienlandschaft beobachten, in der kritische oder andere Argumente kaum noch durchdringen bzw. an den Rand gedr&auml;ngt werden und keine gr&ouml;&szlig;eren &Ouml;ffentlichkeiten mehr erreichen. Eine tendenziell moralisierende Presse gibt den Ton vor, wie die einzelnen Krisen zu deuten und was die &bdquo;notwendigen&ldquo; politischen Antworten darauf sind. Haltung ersetzt dabei Argumente. Man kann, wie mit Blick auf die Ukraine j&uuml;ngst in den NDS in einem Artikel von Florian Warweg belegt wurde, durchaus von einer <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88618\">&bdquo;staatlich gelenkten Presse&ldquo;<\/a> sprechen. <\/p><p><strong>Wir werden auf die Medien noch n&auml;her eingehen. Lassen Sie uns zuerst &uuml;ber Europa und die Ukraine sprechen. Frau Gu&eacute;rot, Medien haben Sie immer wieder als &bdquo;gl&uuml;hende Europ&auml;erin&ldquo; vorgestellt. Und es ist &ouml;ffentlich bekannt, dass die europ&auml;ische Einigung f&uuml;r Sie ein Herzensprojekt ist. Jetzt zeigen Sie aber mit Ihrem Buch, dass am &bdquo;Projekt Europa&ldquo; etwas nicht stimmt. Sie legen den Finger genau in die Wunden. Auch wenn wir nicht auf alles eingehen k&ouml;nnen: Woran krankt das Projekt? Was sind f&uuml;r Sie die eklatantesten &bdquo;Schwachstellen&ldquo;? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Ich habe es nie gemocht, als &bdquo;gl&uuml;hende Europ&auml;erin&ldquo; vorgestellt zu werden. Ich wollte nicht f&uuml;r Europa brennen, geschweige denn, an ihm vergl&uuml;hen. Ich wollte lediglich eine funktionierende EU, die in ihren Strukturen demokratisch, nicht so schwerf&auml;llig und b&uuml;rgern&auml;her ist. Und ich wollte die legitime Kritik an dem Demokratiedefizit der EU bzw. den Dysfunktionalit&auml;ten ihrer Strukturen nicht den Populisten &uuml;berlassen, die aus der Kritik an der EU ja seit langem politisches Kapital schlagen. Das alles habe ich schon in meinem Buch von 2016 ausf&uuml;hrlich analysiert. <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/warum-europa-eine-republik-werden-muss.html\">&bdquo;Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie&ldquo;<\/a> <\/p><p>Es ist notwendig, dass sich die politische Mitte wieder auf eine institutionelle Reformagenda besinnt und diese konsequent angeht. Das ist lange Jahre deswegen nicht passiert, weil man Angst vor den Populisten hatte und sich nicht getraut hat, das politische Projekt Europa politisch konsequent zu verteidigen. <\/p><p><strong>Was kritisieren Sie noch? <\/strong><\/p><p><strong>Guerot:<\/strong> Dass die EU bzw. Europa den Willen verloren hat, sich politisch emanzipieren zu wollen. Das war 1989, nach dem Fall der Mauer, das Kernanliegen und genau da setzt unser Buch ja ein: mit dem Projekt einer politischen Union, vereinbart im Vertrag von Maastricht 1992 sowie der Idee einer f&ouml;deralen, kontinentalen Friedensordnung mit Russland, angedacht in der Charta von Paris vom November 1990. Die Idee damals war ein souver&auml;nes, handlungsf&auml;higes und politisch emanzipiertes Europa. Davon ist die EU heute weit entfernt. <\/p><p>Der Krieg in der Ukraine, in der die amerikanischen und die europ&auml;ischen Interessen nicht kongruent sind, f&uuml;hrt Europa das Problem seiner fehlenden Souver&auml;nit&auml;t und einer unzureichenden, eigenst&auml;ndigen Handlungsf&auml;higkeit wieder klar vor Augen.<\/p><p><strong>Wie verstehen Sie den Begriff &bdquo;europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;? <\/strong><\/p><p><strong>Guerot:<\/strong> Die europ&auml;ische Souver&auml;nit&auml;t muss nach <em>innen<\/em> und nach <em>au&szlig;en<\/em> gedacht werden. Wer eine souver&auml;ne Handlungsf&auml;higkeit der EU nach <em>au&szlig;en<\/em> m&ouml;chte, zum Beispiel im Bereich der Verteidigungspolitik, der muss auch die Entscheidungsstrukturen der EU nach <em>innen<\/em> auf gesunde, das hei&szlig;t demokratische F&uuml;&szlig;e stellen, also das Verh&auml;ltnis der europ&auml;ischen B&uuml;rger zum politischen System der EU kl&auml;ren und deren Mitsprache verbessern. Die EU muss die Frage kl&auml;ren, wer in Europa entscheidet, denn genau das ist die Frage nach der Souver&auml;nit&auml;t.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie das, Herr Ritz? <\/strong><\/p><p><strong><\/strong><\/p><p>Ritz: Gegenw&auml;rtig verschieben sich die geopolitischen Gewichte in der Welt mit dramatischer Geschwindigkeit. Der Aufstieg Chinas, Indiens, das Wiedererstarken Russlands, aber auch der Aufstieg vieler mittlerer M&auml;chte wie des Iran, der T&uuml;rkei, Brasiliens und vieler weiterer L&auml;nder ver&auml;ndert auch das Gewicht Europas in der Welt. Viele sehen heute die EU als ein rein technokratisches System an, ohne einen lebendigen politischen Prozess. <\/p><p><strong>Weshalb viele die EU scharf kritisieren. <\/strong><\/p><p><strong>Ritz:<\/strong> Manche w&uuml;nschen sich regelrecht den Zerfall der EU. <\/p><p><strong>Was w&auml;ren die Konsequenzen? <\/strong><\/p><p><strong>Ritz:<\/strong> W&uuml;rde sie tats&auml;chlich zerfallen, k&ouml;nnte daraus eine permanente Spaltung Europas resultieren, das fortan zum Spielball der angrenzenden M&auml;chte w&uuml;rde, also ein &auml;hnliches Schicksal wie die einstigen Republiken der Sowjetunion es teilweise erleiden bzw. erleiden k&ouml;nnten. So frustrierend die Entwicklung der EU f&uuml;r viele auch ist, so ist die Einheit Europas ein bewahrenswertes Gut. <\/p><p>Blickt man zur&uuml;ck in der Geschichte Europas, so ist ein zersplittertes und geteiltes Europa eher die Ausnahme als die Regel. Zun&auml;chst war es das R&ouml;mische Imperium, das die Einheit des Kontinents herstellt hat. Nach dem Zerfall Westroms stellte jedoch die Kirche eine Art geistige und kulturelle Einheit her, die sogar die verschiedenen Schismen zwischen Orthodoxie und Katholizismus bzw. Katholizismus und Protestantismus &uuml;berlebte. Seit der Renaissance oder sp&auml;testens dem 18. Jahrhundert sehen wir die Entstehung einer christlich-humanistischen Kultur, die ganz Europa erfasste und deren Schriftsteller und Denker nicht nur im jeweiligen Sprachraum gelesen wurden, sondern erstaunlich schnell &uuml;bersetzt wurden. <\/p><p>Dieser wechselseitige kulturelle Einfluss, der alle Gebiete der Kunst und Kultur erfasste, von der Literatur, Philosophie, Malerei, Musik bis zur Architektur, einte den Kontinent bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Erst die Errichtung eines Eisernen Vorhangs ab 1947 zerriss den Kontinent. Als dann 1989 die Mauer fiel und Gorbatschow mit gewaltigen Vorleistungen die Einheit des Kontinents anstrebte, tauchte erneut die M&ouml;glichkeit einer dauerhaften Friedensordnung auf dem europ&auml;ischen Kontinent auf. <\/p><p><strong>Sie sprechen von &bdquo;gewaltigen Vorleistungen&ldquo;. Was meinen Sie damit? <\/strong><\/p><p><strong>Ritz:<\/strong> Zum Beispiel der Truppenabzug aus Osteuropa, die deutsche Wiedervereinigung, die ma&szlig;geblich von Gorbatschow initiiert wurde, die Aufgabe des Sozialismus&hellip;<\/p><p><strong>Nochmal zur M&ouml;glichkeit einer dauerhaften Friedensordnung. <\/strong><\/p><p><strong>Ritz:<\/strong> W&auml;re sie erreicht worden, h&auml;tte dies auch zur Erneuerung der europ&auml;ischen Kultur gef&uuml;hrt. Doch 30 Jahre sp&auml;ter denken wir wieder in Freund-Feind-Unterscheidungen. Wir d&auml;monisieren uns gegenseitig, als ob wir nie etwas aus zwei Weltkriegen und einem Kalten Krieg gelernt h&auml;tten. Ja, auch ich glaube wie meine Co-Autorin, dass nur ein geeinter europ&auml;ischer Kontinent wirtschaftlich wohlhabend und kulturell lebendig sein kann. Sollte sich die Teilung Europas manifestieren, werden wir sehen, dass Europa seine weltpolitische Bedeutung endg&uuml;ltig verlieren wird. <\/p><p><strong>Sie verkn&uuml;pfen in Ihrem Buch die Kritik an der EU mit dem Krieg in der Ukraine. Die Position der EU in dem Krieg kennt jeder. Sie steht auf der Seite der Ukraine. Wie ordnen Sie das Verhalten der EU aus deren Selbstanspruch ein, ein Friedensprojekt zu sein? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Unserer Auffassung nach verteidigt die EU derzeit mit ihrer Haltung zum Krieg in der Ukraine ihre Werte nicht, sondern pervertiert sie eher.<\/p><p><strong>Was genau meinen Sie mit &bdquo;ihrer Haltung&ldquo;? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Ich denke zum Beispiel an den &bdquo;Ringtausch&ldquo; bei Waffenlieferungen. Schon der Begriff ist eigentlich ungeheuerlich.<\/p><p><strong>Was sind jetzt diese Werte? Und wie pervertiert die EU diese? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Zum einen war und ist die EU ein Friedensprojekt: <em>Nie wieder Krieg<\/em> war das europ&auml;ische Mantra, in jeder Sonntagsrede &uuml;ber Europa wurde es erw&auml;hnt. Noch 2020 wurden, &bdquo;70 Jahre Friedensprojekt Europa&ldquo; prominent gefeiert. Zum zweiten sollte Europa ja eigentlich die &bdquo;&Uuml;berwindung der Nationalstaaten&ldquo; hei&szlig;en. Was das genau hei&szlig;en soll &ndash; und was ein Nationalstaat &uuml;berhaupt ist &ndash; dar&uuml;ber l&auml;sst sich trefflich streiten, wir streifen diese Debatte in unserem Buch. Aber jetzt f&uuml;hrt die EU ausgerechnet Krieg f&uuml;r einen &bdquo;geeinten ukrainischen Nationalstaat&ldquo;, das ist in unseren Augen gleich die zweite Perversion der europ&auml;ischen Idee. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das: Die &bdquo;EU f&uuml;hrt Krieg&ldquo;? <\/strong><\/p><p><strong>Gu&eacute;rot:<\/strong> Noch sind die EU-Staaten ja offiziell nicht in das Kriegsgeschehen verwickelt, aber wir erleben eine Eskalation, die durchaus dazu f&uuml;hren k&ouml;nnte. Insofern m&ouml;chten wir, dass ganz grunds&auml;tzlich dar&uuml;ber nachgedacht wird, was denn &uuml;berhaupt das &bdquo;Kriegsziel&ldquo; sein soll. <\/p><p>Wir erkl&auml;ren in unserem Buch ausf&uuml;hrlich die historischen und geografischen Bedingtheiten der Ukraine und weisen darauf hin, dass die &bdquo;nationale Einigung&ldquo;, ebenso wie in allen anderen europ&auml;ischen Staaten, ein Produkt der Geschichte ist, meist durch Krieg erzwungen, und dass es ja die europ&auml;ische Idee war, genau diesen Prozess durch die Schaffung einer f&ouml;deralen Ordnung zu &uuml;berwinden. Das gilt f&uuml;r den Donbass oder die Krim u.E. genauso wie f&uuml;r Tirol, Schottland oder Katalonien, die alle regionale Eigenst&auml;ndigkeit beanspruchen, die ihre nationale Zugeh&ouml;rigkeit infrage stellen, aber trotzdem alle europ&auml;isch sein wollen. <\/p><p>Das ist vor allem deshalb tragisch, weil mit Minsk II ungef&auml;hr 7 Jahre lang ein Abkommen bestanden hat, dass eine f&ouml;derale Ordnung f&uuml;r die gesamte Ukraine vorsah. Diese h&auml;tte es der Ukraine einerseits erlaubt, sich entsprechend ihrer inneren Diversit&auml;t zu entwickeln, und andererseits h&auml;tte dies auch den Werten entsprochen, auf denen die EU als Friedensprojekt einst begr&uuml;ndet war. <\/p><p>Unser Buch zielt zentral auf die perspektivische Schaffung einer f&ouml;deralen Ordnung f&uuml;r Europa und Russland gleicherma&szlig;en ab: Es ist ein Pl&auml;doyer, sich wieder an die Ziele von 1989 zu erinnern.<\/p><p><em>Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.<\/em><\/p><p><em>Anmerkung: Das Interview wurde Anfang Oktober gef&uuml;hrt.<\/em><\/p><p>Titelbild: Immersion Imagery\/shuttestock.com<\/p><p><em>Lesetipp: Ulrike Gu&eacute;rot\/Hauke Ritz: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/endspiel-europa.html?listtype=search&amp;searchparam=Ulrike%20Gu%C3%A9rot\">Endspiel Europa &ndash; Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon tr&auml;umen k&ouml;nnen<\/a>. Westend. 24. Oktober 2022. 208. S. 20 Euro. <\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/0d378d486c2841de878cfe5d33345b34\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das sagt <strong>Ulrike Gu&eacute;rot <\/strong>im Interview mit den NachDenkSeiten. Zusammen mit dem Publizisten <strong>Hauke Ritz<\/strong> hat die Politikwissenschaftlerin diese Woche das Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/endspiel-europa.html?listtype=search&amp;searchparam=Ulrike%20Gu%C3%A9rot\">&bdquo;Endspiel Europa &ndash; Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist und wie wir wieder davon tr&auml;umen k&ouml;nnen&ldquo;<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Es ist eine schonungslose Abrechnung mit der sch&ouml;n gezeichneten Illusion eines Europas, das angeblich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89772\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":89773,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,181,22,209],"tags":[1101,395,3204,3302,260],"class_list":["post-89772","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-europapolitik","category-europaische-union","category-interviews","tag-europaeischer-gedanke","tag-foederalismus","tag-guerot-ulrike","tag-ritz-hauke","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/shutterstock_1967970196.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=89772"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89801,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89772\/revisions\/89801"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/89773"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=89772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=89772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=89772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}