{"id":89796,"date":"2022-11-01T09:30:05","date_gmt":"2022-11-01T08:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89796"},"modified":"2022-11-01T10:50:05","modified_gmt":"2022-11-01T09:50:05","slug":"mangel-mythen-und-minister","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89796","title":{"rendered":"Mangel, Mythen und Minister"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man als Kulturschaffender, der seine Kunst einem Publikum auf der B&uuml;hne pr&auml;sentieren will, in diesen Zeiten unterwegs ist, kann man nach den vergangenen zwei Jahren schon froh sein, dass das &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. Dass man &uuml;berhaupt losfahren kann, dass es &uuml;berhaupt noch Veranstalter gibt, die es als ihre Aufgabe ansehen, ein Angebot f&uuml;r ein arg geschrumpftes, aber doch interessiertes Publikum aufrecht zu erhalten und eine Szene zu st&uuml;tzen, der langsam, aber sicher die Luft ausgeht. Egal ob und wie man sich das sch&ouml;nreden will, nimmt hier eine Entwicklung ihren Lauf, die bereits vor Jahresfrist deutlich abzusehen war. Von <strong>Michael Fitz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4602\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-89796-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=89796-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221027-Mangel-Mythen-Minister-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Heute, im Herbst 2022, bin ich froh um jeden interessierten Zuschauer, der vor mir sitzt, selbst wenn der Saal noch nicht einmal halbvoll ist. Publikumsinteresse ist nun einmal, nicht nur eine ideelle, sondern auch die wirtschaftliche Basis unseres Berufes. Kleinkunst hei&szlig;t nicht etwa so, weil sie der &bdquo;kleine Bruder&ldquo; der gro&szlig;en Kunst sein will, sondern weil sie sich meist in kleinen R&auml;umen, Clubs, S&auml;len u.&Auml;. abspielt, deren Fassungsverm&ouml;gen schon qua Ordnungsamt auf maximal 200 Personen begrenzt ist. Hier war bereits vor Corona auch die finanzielle Schallmauer verortet.<\/p><p>Man konnte sich als K&uuml;nstler gl&uuml;cklich sch&auml;tzen, wenn nach jahrelanger, flei&szlig;iger Tourneet&auml;tigkeit Name, Qualit&auml;t und Reputation daf&uuml;r gesorgt haben, dass ein solcher Raum relativ sicher zu Dreiviertel gef&uuml;llt war, nat&uuml;rlich mit Ausschl&auml;gen nach oben und nach unten. Das war f&uuml;r Veranstalter, oft auch ehrenamtliche Kulturvereine, gut zu kalkulieren, schwerwiegende Fehleinsch&auml;tzungen waren, selbst bei der Verpflichtung zu einer ordentlichen Garantiegage, kaum m&ouml;glich.<\/p><p>Vom Nettoerl&ouml;s aus 60 bis 100 Auftritten dieser Art im Jahr konnte man zwar nicht reich werden, aber nach Abzug aller Kosten und der Steuer ganz gut leben. Ein mittelst&auml;ndischer Einzelunternehmer mit gutem Auskommen, der von seiner Kunst leben kann. Eine sch&ouml;ne Sache und ein gro&szlig;es Geschenk! F&uuml;r alle K&uuml;nstler, die ihr Repertoire selbst schreiben und komponieren, kam ja 12 Monate sp&auml;ter auch immer noch die GEMA obendrauf.  <\/p><p>Das ist inzwischen Geschichte. Die Vorverk&auml;ufe sind meist um weit mehr als die H&auml;lfte im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten eingebrochen, was auch die Veranstalter, die bisher Garantien zu zahlen bereit waren, in absehbarer Zeit vor die Frage stellen wird, ob sie das &uuml;berhaupt noch k&ouml;nnen. An der Abendkasse haben sie dann mit Gl&uuml;ck noch zehn Leute, die sich dann doch spontan f&uuml;r den Gang in den Club oder Saal um die Ecke oder am Ort entscheiden, wo es zwar Unbekanntes, aber manchmal &uuml;berraschend Gutes zu h&ouml;ren und zu sehen gibt.<\/p><p>Jeder, der die Grundrechenarten beherrscht, wird feststellen, dass das zum Leben, weder f&uuml;r Veranstalter noch f&uuml;r K&uuml;nstler, reichen kann. Hinzu kommt nun diesen Herbst noch die Frage, ob es sich unter diesen Bedingungen lohnt, einen Raum, der maximal halb gef&uuml;llt ist, voll zu beheizen. Auch hier wird denen, die R&auml;ume von der Kommune oder privaten Anbietern anmieten m&uuml;ssen, ganz schnell klar, dass die Gas- und Strompreisexplosion, die fl&auml;chendeckend noch gar nicht wirklich durchgeschlagen hat, von denen, die es k&ouml;nnen, bereits jetzt eingepreist und weitergereicht wird. Es ehrt viele Veranstalter, dass sie nun die Ticketpreise nicht erh&ouml;hen, sondern im Gegenteil zwecks Zuschauerinteresse noch gerne reduzieren w&uuml;rden. Aber wo soll das hinf&uuml;hren? Preiserh&ouml;hungen waren beim Kleinkunstpublikum allerorten noch nie einfach, sondern immer schon nur unter gr&ouml;&szlig;ten Anstrengungen und stark abh&auml;ngig von der Nachfrage durchsetzbar. Ich bewege mich da seit etwa 10 Jahren auf demselben Level. Inzwischen w&auml;ren Preissteigerungen der schelle Tod der Branche. Warum soll ich mir ein Konzert f&uuml;r 25&euro; im kalten Saal antun, wenn ich es zu Hause vor der Glotze noch einigerma&szlig;en warm habe und falls erforderlich selbst die Heizung hochdrehen oder meinen Kaminofen anschmei&szlig;en kann?<\/p><p>Die Problematik ist, wie gesagt, nicht neu, sondern war bereits im Verlauf des vergangenen Jahres deutlich absehbar. Ich habe zu diesem Thema seitens der gro&szlig;en Politik bis dato keinerlei hilfreiche &Auml;u&szlig;erung geh&ouml;rt und irgendeine, wie auch immer geartete Initiative, um das gro&szlig;e Sterben zumindest zu verlangsamen, ist nirgendwo in Sicht. Offenbar l&auml;sst man von einem Thema, das man als nicht systemrelevant ansieht, lieber die Finger. F&uuml;r mich und f&uuml;r viele andere K&uuml;nstler klingt deshalb der neueste Gedankenblitz und medienwirksam pr&auml;sentierte Vorsto&szlig; unserer Kulturministerin Claudia Roth wie blanker Hohn. Sch&ouml;ne Idee, Kultur als Wert in die Verfassung aufzunehmen, selbstverst&auml;ndlich nur ideell, keinesfalls die eher unsch&ouml;ne, aber ebenso wichtige kommerzielle Seite der Medaille &hellip; (wie bitte?) <\/p><p>Neu ist das nicht. Es gab schon 2020 einen Petitionsaufruf von allerlei illustren Kulturfreunden des gehobenen B&uuml;rgertums, eben die Kultur als Wert ins Grundgesetz zu schreiben. Toll! Und schlimm genug, dass das Frau Roth, der inzwischen zust&auml;ndigen Ministerin, offenbar erst jetzt aufgefallen ist. &Uuml;berhaupt war die Dame bis dato eher unter dem Radar unterwegs und wenn &uuml;berhaupt, dann nur, wenn es unbedingt sein musste, medial h&ouml;r- und sehbar. Wenn man sich ihre lauen Statements zum Documenta-&bdquo;Skandal&ldquo; (NDS) und nun aktuell ihre Einlassungen zum Preistr&auml;ger des Friedenspreises des Buchhandels in der Paulskirche (NDS) so anschaut, scheint ihr Credo zu sein: Blo&szlig; nicht auffallen und ja nichts im Mainstream-Sinne Falsches sagen. Ja, ja &hellip;<\/p><p>Minister haben es schwer und m&uuml;ssen auf vielen Hochzeiten tanzen. Da passt ihr neuerlicher Vorsto&szlig; hervorragend ins Bild. Wer w&uuml;rde da schon nein sagen? Ja, klar. Kultur ist ein zu sch&uuml;tzender Grundwert &hellip; blablabla! Applaus von allen Seiten ist da garantiert. Das nennt man Symbolpolitik. Das hat im Ergebnis ungef&auml;hr genauso viel Auswirkung wie die Aufnahme der UN-Charta der allgemeinen Menschenrechte ins Grundgesetz. Stoff f&uuml;r Sonntagsreden, fernab jeglicher politischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Damit reiht sie sich in das leere Wertegefasel ihrer Partei- und Regierungskollegen nahtlos ein. <\/p><p>Fad und verlogen klingt das f&uuml;r all die, die von Frau Roth als Ministerin nun bereits seit mehr als zw&ouml;lf Monaten sehns&uuml;chtig eine F&uuml;rsprache, eine echte Unterst&uuml;tzung und Hilfe, auch finanzieller Natur, f&uuml;r eine Branche und eine Szene erwarten, die es ohne tatkr&auml;ftiges Einschreiten und echter Initiative der Politik und vor allem der zust&auml;ndigen Ministerin in ihrer ganzen Vielfalt und Diversit&auml;t bald nicht mehr geben wird. Dabei zeigt sich doch Frau Roth so gerne als eine von uns und vom Fach, die vor gef&uuml;hlt 50 Jahren mal die Band &bdquo;Ton Steine Scherben&ldquo; gemanagt hat. Wie sich das anf&uuml;hlt &bdquo;on the road&ldquo;, das hat sie wohl inzwischen vergessen, sondern ist lediglich immergleicher, lebensentleerter Inhalt tausendmal zitierter Talkshow-Anekdoten. Da beteiligt man sich lieber willf&auml;hrig am medialen Chor der Emp&ouml;rten in Kassel und l&auml;utet damit schon mal ganz nebenbei und fahrl&auml;ssig das Ende der Kunstfreiheit ein, findet aber in der Paulskirche lobende Worte f&uuml;r einen &bdquo;Friedens&ldquo;-preistr&auml;ger, der mit faschistischer Hetzrhetorik seinem nur allzu deutlich verbalisierten Russen-Hass Ausdruck verleiht. Auch hier passt sich die Ministerin hervorragend zwischen die immer enger werdenden Leitplanken des medialen Mainstreamzeitgeistes ein. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass Frau Roth nach langer, aufreibender Parteikarriere ihr Amt als Belohnung f&uuml;r ihre politische Lebensleistung ansieht und deshalb unter ihrer &Auml;gide so gut wie nichts Konkretes mehr zu erwarten sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man als Kulturschaffender, der seine Kunst einem Publikum auf der B&uuml;hne pr&auml;sentieren will, in diesen Zeiten unterwegs ist, kann man nach den vergangenen zwei Jahren schon froh sein, dass das &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. 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