{"id":89868,"date":"2022-11-01T12:00:26","date_gmt":"2022-11-01T11:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89868"},"modified":"2022-11-01T13:07:16","modified_gmt":"2022-11-01T12:07:16","slug":"was-zaehlt-ist-soziale-aehnlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89868","title":{"rendered":"\u201eWas z\u00e4hlt, ist soziale \u00c4hnlichkeit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wie schaffen es eigentlich die herrschenden Kreise, die massive Ungleichheit in unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten? Warum wird dagegen nicht viel mehr aufbegehrt? Die Soziologin Hannelore Bublitz gibt in ihrem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-verborgenen-codes-der-erben.html?noloc=1\">&bdquo;Die verborgenen Codes der Erben. &Uuml;ber die soziale Magie und das Spiel der Eliten&ldquo;<\/a> Antworten auf diese Fragen. Unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong> hat das Buch f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nBildung gilt in unserer Gesellschaft als der Schl&uuml;ssel zum Erfolg. Das ist auch der Grund, warum heutzutage ehrgeizige Eltern von Lehrern als eine Plage betrachtet werden. Sie glauben, der Lebenserfolg ihres Kindes h&auml;nge von dessen Schulerfolg ab. In gewisser Weise stimmt das auch. Aber wenn man der Soziologin Hannelore Bublitz glauben darf, dann kommen wir im Wesentlichen in den gesellschaftlichen Schichten wieder an, aus denen wir selber stammen. Wer von ganz unten startet, der hat demnach schon gro&szlig;e Schwierigkeiten, auch nur in der Mittelklasse anzukommen. Und ganz oben &ndash; da kommt man nicht durch Bildung hin. Da z&auml;hlt etwas anderes als Bildung: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Was z&auml;hlt, ist soziale &Auml;hnlichkeit. Ausschlaggend f&uuml;r den sozialen Erfolg sind fr&uuml;he Weichenstellungen und unterschwellige Mechanismen, die signifikant von der sozialen Herkunft abh&auml;ngen. Das Beherrschen eines ganz bestimmten Zeichensystems, Dinge, Haltungen und Fertigkeiten, sichern den gesellschaftlichen Eliten Macht. (&hellip;) Wer die falschen Codes besitzt und die der Herrschenden nicht decodieren kann, ist automatisch drau&szlig;en&ldquo; (S. 11).<\/p><\/blockquote><p>Bublitz spricht in diesem Zusammenhang von &bdquo;sozialer  Magie&ldquo;, weil so quasi magisch, von unsichtbarer Hand gesteuert, soziale Ungleichheit aufrechterhalten und verst&auml;rkt wird. Die Schulen und Universit&auml;ten haben dabei die Funktion, eben dieses zu verschleiern: Durch die von ihnen verliehenen Diplome wird die gesellschaftliche Ungleichheit in eine rationale Operation &uuml;bersetzt. Die Gesellschaft stellt einen Adel her, der offziell seine Machtposition aufgrund von Leistung hat, tats&auml;chlich aber aufgrund seiner sozialen Herkunft.  <\/p><p>Aber wie funktioniert diese soziale Magie? Bublitz sagt, dass wir alle Erben sind. Sie werden jetzt vielleicht sagen: &bdquo;Nee, ich nicht. Ich habe nix geerbt.&ldquo; Das mag zutreffen in Bezug auf materiellen Besitz wie Geldverm&ouml;gen, Immobilien, Aktienkapital und andere &ouml;konomische Werte. Aber Sie haben etwas anderes geerbt: Die Kultur Ihrer Herkunftsklasse. Dieses Erbe steckt in Ihnen, und Sie k&ouml;nnen es nicht ablehnen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Dieses kulturelle und soziale Erbe wird den Erben als Verm&auml;chtnis quasi &sbquo;eingefl&ouml;&szlig;t&rsquo;, ob sie es wollen oder nicht. Die &Uuml;bertragung findet statt, ohne dass dies jemand bewusst geplant hat. (&hellip;) Was vererbt wird, ist zum einen eine Haltung der Absicherung von Privilegien, gepaart mit einer gewissen Arroganz gegen&uuml;ber den &sbquo;Abgeh&auml;ngten&rsquo;, zum anderen eine Haltung der Unterwerfung und Bescheidenheit, man k&ouml;nnte auch sagen, der Demut,  die sich mit dem abzufinden scheint, was einem zugedacht oder zugeteilt wurde&ldquo; (S. 61).<\/p><\/blockquote><p><strong>Ursula von der Leyen: Eine Karriere, die in die Wiege gelegt wurde<\/strong><\/p><p>Dieses soziale Erbe f&uuml;hrt also dazu, dass jemand, der aus der Oberschicht kommt, ganz selbstverst&auml;ndlich eine h&ouml;here Position beansprucht oder sich daf&uuml;r geeignet h&auml;lt. Ein Beispiel daf&uuml;r und die Funktionsweise der &bdquo;sozialen Magie&ldquo; ist die EU-Kommissarin Ursula von der Leyen. Schon ihren ersten Ministerposten bekam sie, als sie nur in der Kommunalpolitik aktiv war als Mitglied im Stadtrat. Sie wurde vom damaligen Ministerpr&auml;sidenten Wulff gefragt, ob sie nicht Sozialministerin in Niedersachen werden wolle. Dazu muss man wissen: Ihr Vater war der CDU-Politiker Ernst Albrecht, der ehemalige Ministerpr&auml;sident von Niedersachsen. Dieser war &uuml;brigens auch ein hoher Beamter bei der EG gewesen (so hie&szlig; die EU fr&uuml;her). Ursula von der Leyen hatte deshalb als Kind auch schon in Br&uuml;ssel gelebt und war schon als Kind mit dem Milieu der hohen Beamten auf europ&auml;ischer Ebene vertraut. So eine Herkunft verleiht jemandem das notwendige Selbstbewusstsein f&uuml;r solche Positionen. Und umgekehrt wird so jemand als eine Person wahrgenommen, die den richtigen &bdquo;Stallgeruch&ldquo; hat. <\/p><p>Genau andersherum ist es bei den Menschen, die aus den unteren Etagen der Gesellschaft kommen. Sie leben eher in dem Gef&uuml;hl, dass sehr hohe gesellschaftliche F&uuml;hrungspositionen &bdquo;nichts f&uuml;r unsereins sind&ldquo; &ndash; und kommen oft gar nicht erst auf die Idee, diese anzustreben. (Ich lasse das Thema &bdquo;soziale Aufsteiger&ldquo; hier einmal beiseite; die gibt es nat&uuml;rlich auch, aber die sind eher Ausnahmef&auml;lle, die die Regel best&auml;tigen.) <\/p><p>Das soziale Erbe nennt man in der Soziologie auch &bdquo;Habitus&ldquo;. Der sozial erworbene Habitus ist die verinnerlichte Denk- und Wahrnehmungsstruktur und bestimmt auch, mit welchen Strategien jemand versucht, Probleme zu l&ouml;sen, zum Beispiel die Suche nach einer Arbeitsstelle. <\/p><p><strong>&bdquo;Wen kennen wir denn da?&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dazu mal ein Beispiel aus der britischen Fernsehserie &bdquo;Downtown Abbey&ldquo;. Die Serie schildert, beginnend vor dem 1. Weltkrieg, das Leben einer adeligen Familie. In einigen Folgen geht es darum, dass die j&uuml;ngste Tochter mit dem jungen Chauffeur der Familie ein Verh&auml;ltnis begonnen hat und diesen heiraten will. Nach einigem Hin und Her passiert das auch und die adelige Familie arrangiert sich damit, dass ihre Tochter &bdquo;nach unten&ldquo; geheiratet hat. Das junge Paar will nach Irland auswandern und der junge Mann, der als Sozialist politisch aktiv ist, will dort Journalist werden. Ein &bdquo;gelernter Kleinb&uuml;rger&ldquo; wie ich w&uuml;rde sich in einer solchen Situation ganz brav bewerben. Nicht so die adelige Familie. In einer Szene nimmt die Gro&szlig;mutter (gespielt von Maggie Smith) ihre Schwiegertochter (die Mutter der jungen Frau, die den Chauffeur geheiratet hat) beiseite und fragt diese: &bdquo;Wen kennen wir denn da, den wir mal ansprechen k&ouml;nnten?&ldquo; Mit anderen Worten: In v&ouml;lliger Selbstverst&auml;ndlichkeit geht die adelige Dame davon aus, dass sie dem Ehemann ihrer Enkelin &uuml;ber Beziehungen eine Anstellung verschaffen kann &ndash; w&auml;hrend der naive Kleinb&uuml;rger an das Leistungs- und Qualifikationsprinzip glaubt und sich brav mit seinen Zeugnissen bewerben w&uuml;rde.<\/p><p>Wenn ich Bublitz richtig verstanden habe (dazu gleich noch mehr), k&ouml;nnen die Herrschenden die soziale Ungleichheit m&uuml;helos aufrechterhalten, weil die gesellschaftlichen (Macht-)Verh&auml;ltnisse in unsere K&ouml;rper eingeschrieben sind und wir uns passend dazu verhalten &ndash; also deren Macht anerkennen und durch unsere Anerkennung diese Macht legitimieren. Wir sind quasi eine &bdquo;Glaubensgemeinschaft&ldquo;. Das hei&szlig;t: Wir finden vielleicht, dass Milliard&auml;re deutlich mehr Steuern zahlen m&uuml;ssten. Aber die meisten Menschen stellen nicht grunds&auml;tzlich infrage, dass Menschen derartig gro&szlig;en Reichtum anh&auml;ufen k&ouml;nnen. <\/p><p>Bublitz zitiert dazu Bourdieu, der diesen Zusammenhang mit dem Begriff der &bdquo;Komplizenschaft&ldquo; beschreibt: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die sozialen Akteure und auch die Beherrschten selbst sind in der sozialen Welt (selbst der absto&szlig;endsten und emp&ouml;rendsten) durch eine Beziehung hingenommener Komplizenschaft verbunden, die bewirkt, dass bestimmte Aspekte dieser Welt stets jenseits oder diesseits kritischer Infragestellung stehen. (&hellip;) Die politische Unterwerfung ist in die Haltung, die Falten des K&ouml;rpers und die Automatismen des Gehirns eingegraben&ldquo; (S. 24).<\/p><\/blockquote><p>Dieses Einschreiben der gesellschaftlichen Machtverh&auml;ltnisse in den K&ouml;rper, so dass die Unterwerfung unter diese automatisch aus dem K&ouml;rper heraus erfolgt, geschieht nicht zuletzt durch vermeintlich beil&auml;ufige Konventionen. Etwa wenn die britische K&ouml;nigsfamilie G&auml;ste empf&auml;ngt oder selbst als Gast empfangen wird. Dann wird immer brav geknickst vor &bdquo;Ihrer Majest&auml;t&ldquo;. Religion funktioniert nicht ohne Grund auch auf Basis einge&uuml;bter k&ouml;rperlicher Bewegungsabl&auml;ufe. Ganz nach dem Motto &bdquo;Knie nieder und falte die H&auml;nde, und du wirst Gott erkennen.&ldquo;<\/p><p><strong>Das Setting der Macht<\/strong><\/p><p>Ein weiterer Aspekt: das &bdquo;Setting&ldquo; der Macht, also ihre Inszenierung. Dies konnte man k&uuml;rzlich wunderbar bei den Beerdigungszeremonien f&uuml;r Queen Elizabeth II. studieren: Der Sarg mit dem Leichnam wird &ouml;ffentlich ausgestellt; Soldaten in pr&auml;chtigen Uniformen bewachen den Sarg; das Fernsehen berichtet &uuml;ber Tage detailliert &uuml;ber jede Einzelheit; Menschen warten 24 Stunden und l&auml;nger, um am Sarg vorbeidefilieren zu k&ouml;nnen; die Fernsehmoderatoren tragen schwarze Kleidung und &uuml;berbieten sich f&ouml;rmlich in Anbetung und Unterw&uuml;rfigkeit. Man sollte die Wirkung solcher Inszenierungen nicht untersch&auml;tzen. Sie tragen ganz erheblich dazu bei, gesellschaftliche Ungleichheit als etwas Selbstverst&auml;ndliches und Nat&uuml;rliches wahrzunehmen. Eine Ungleichheit, die ja auch immer eine Ungleichheit in den Lebenschancen, Lebensm&ouml;glichkeiten und im Lebensgl&uuml;ck zur Folge hat. <\/p><p>Die Beerdigungszeremonien f&uuml;r Queen Elizabeth II. sind ein sch&ouml;nes Beispiel f&uuml;r das, was Bublitz mit Verweis auf Bourdieu auch die &bdquo;liturgischen Bedingungen der Macht&ldquo; nennt: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist die komplexe soziale Anordnung, die hier wirksam wird und die Bourdieu meint, wenn er von liturgischen Bedingungen (Liturgie = offiziell festgelegte Form des christlichen Gottesdienstes; UB), von Ritualen und Sprechakten spricht, die in ein komplexes Arrangement eingebettet sind. Zentrales Element bildet die Glaubensgemeinschaft und die Beglaubigung der magischen Praktiken durch diese&ldquo; (S. 96).<\/p><\/blockquote><p>Zu diesem Arrangement geh&ouml;rt auch, dass die Herrschenden sich volksnah geben. Etwa wenn K&ouml;nig Charles III. und sein Sohn William w&auml;hrend der Prozession des Sarges durch die Menge sich zum Schrecken der Leibw&auml;chter direkt zum gemeinen Volk hinab begeben, um H&auml;nde zu sch&uuml;tteln und sich f&uuml;r die Anteilnahme zu bedanken. Derselbe Charles muss f&uuml;r sein gigantisches Verm&ouml;gen, das er erbt, keinen Cent Erbschaftssteuer zahlen. Ein Umstand, den man so nebenbei aus den Medien erf&auml;hrt. Der aber keine gr&ouml;&szlig;ere Emp&ouml;rung ausgel&ouml;st hat. Was eben auch mit der &bdquo;sozialen Magie&ldquo; zusammenh&auml;ngt, die solche Privilegien als &bdquo;nat&uuml;rlich&ldquo; erscheinen l&auml;sst. <\/p><p><strong>Res&uuml;mee<\/strong><\/p><p>Hannelore Bublitz hat ein Buch &uuml;ber ein sehr interessantes Thema geschrieben und auch interessante Inhalte zu bieten. Leider ist ihr Buch &uuml;ber weite Strecken in Soziologendeutsch geschrieben. Deshalb ist ihr Buch f&uuml;r Nicht-Soziologen (und wohl nicht nur f&uuml;r die) keine leichte Lekt&uuml;re. Um genau dem entgegenzuwirken, zitiert sie zwar zur Veranschaulichung ihrer Thesen auch sehr sch&ouml;n ausgesuchte Passagen aus Romanen und Fernsehserien, und sie hat auch eigens daf&uuml;r selber fiktive Szenen erfunden. Trotzdem enth&auml;lt der Text f&uuml;r meinen Geschmack zu viel abstrakte Soziologensprache. Es h&auml;tte dem Buch gut getan, wenn Bublitz den Mut gehabt h&auml;tte, mehr Schriftstellerin zu sein und weniger akademische Soziologin. Und dennoch: Das Buch ist lesenswert. Aber wegen des Sprachstils kann ich es nur Lesern empfehlen, die bereit sind, sich durch so einen Text durchzuarbeiten. <\/p><p>Hannelore Bublitz: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/die-verborgenen-codes-der-erben.html?noloc=1\">Die verborgenen Codes der Erben. &Uuml;ber die soziale Magie und das Spiel der Eliten<\/a>, Bielefeld 2022, 228 Seiten, 27 Euro.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4521005e916b453ba81e9767554245b4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schaffen es eigentlich die herrschenden Kreise, die massive Ungleichheit in unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten? Warum wird dagegen nicht viel mehr aufbegehrt? 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