{"id":89874,"date":"2022-11-01T14:00:29","date_gmt":"2022-11-01T13:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874"},"modified":"2022-11-03T07:27:41","modified_gmt":"2022-11-03T06:27:41","slug":"stimmen-aus-kuba-kapitalismus-unterentwicklung-und-das-ziel-beides-zu-ueberwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874","title":{"rendered":"Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu \u00fcberwinden"},"content":{"rendered":"<p>Die Logik der kapitalistischen Akkumulation ist ein hervorragendes Instrument zur Schaffung von Ungleichheiten. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln verschafft dem Kapitaleigent&uuml;mer Vorteile bei der Erzielung von Gewinnen, die zum Erwerb neuer Kapitalg&uuml;ter verwendet werden, die wiederum die urspr&uuml;nglichen Vorteile verst&auml;rken. So entsteht eine positive R&uuml;ckkopplungsschleife, die zu einer Gabelung f&uuml;hrt, an der sich die Wege der Besitzenden und der Habenichtse trennen und irgendwann unumkehrbar werden. Marx untersuchte dies in den Industriel&auml;ndern und bezeichnete es als das Gesetz der Kapitalkonzentration. Unter anderem Fidel Castro und Che Guevara haben diese Entwicklung in den Beziehungen zwischen entwickelten und unterentwickelten L&auml;ndern untersucht. Es gibt historische Fakten von gestern, die man unbedingt verstehen muss, um heute in den Kontroversen klar und deutlich Stellung beziehen zu k&ouml;nnen. Von <strong>Agust&iacute;n Lage<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Kolonialkriege f&uuml;hrten zu einer Ausweitung der Ungleichheiten auf internationaler Ebene. Die Volkswirtschaften der kolonisierten L&auml;nder wurden in den Dienst der kapitalistischen Akkumulation in den Metropolen gestellt. Die Kolonien waren Opfer der internationalen Kapitalkonzentration und wurden zu Rohstofflieferanten f&uuml;r die europ&auml;ische Industrie, Rohstoffe, die zun&auml;chst durch Sklavenarbeit und sp&auml;ter durch unterbezahlte Arbeiter gewonnen wurden.<\/p><p>Der gewaltigste Motor der Kapitalakkumulation in Europa war die Sklaverei auf dem amerikanischen Kontinent, die durch milit&auml;rische Vorherrschaft durchgesetzt und aufrechterhalten wurde.<\/p><p>Die private exportbasierte Couponschneiderei in den armen Peripheriel&auml;ndern war eine notwendige Voraussetzung f&uuml;r die Akkumulationsdynamik in den reichen Kernl&auml;ndern.<\/p><p>Ein emblematisches Beispiel f&uuml;r die Durchsetzung des Freihandels zugunsten der Interessen der entwickelten kapitalistischen L&auml;nder war der Opiumkrieg von 1839, in dem Gro&szlig;britannien China mit Waffengewalt den Freihandel und die &Ouml;ffnung seiner H&auml;fen aufzwang, als Reaktion auf den Versuch der chinesischen Regierung, den von der britischen Ostindien-Kompanie eingef&uuml;hrten Opiumhandel zu verbieten.<\/p><p>Einige Jahre sp&auml;ter traten Frankreich, die Vereinigten Staaten und Russland in den Konflikt ein und zwangen China zu Vertr&auml;gen, die als &ldquo;Ungleiche Vertr&auml;ge&rdquo; in die Geschichte eingingen und elf H&auml;fen f&uuml;r die Au&szlig;enwelt &ouml;ffneten, was zu einem enormen Handelsungleichgewicht f&uuml;r China f&uuml;hrte.<\/p><p>Indien und China hatten im Jahr 1800 noch einen Anteil von 53 Prozent an der weltweiten Manufakturproduktion, aber im Jahr 1900 war er auf 5 Prozent zur&uuml;ckgegangen.<\/p><p>Die gro&szlig;e Zweiteilung der Welt in reiche und arme L&auml;nder begann mit der ersten industriellen Revolution im 18. Jahrhundert und wurde durch die kolonialen Eroberungskriege verst&auml;rkt. Die zun&auml;chst verfolgte protektionistische Politik und die erst nach der Sicherung industrieller Vorteile erfolgende Einf&uuml;hrung des Freihandels machten diese Entwicklung unumkehrbar.<\/p><p>Ist das System der Ausfuhr einer Monoproduktion (Gold, Silber, Zucker, Kautschuk, Kaffee, Baumwolle usw.) erst einmal etabliert, gibt es keinen Ausweg aus diesem &ldquo;K&auml;fig der Unterentwicklung&rdquo;. Europa und Nordamerika, die ihre nationalen Industrien zun&auml;chst mit einer stark protektionistischen Politik entwickelten, zwangen sp&auml;ter den L&auml;ndern des S&uuml;dens, deren Manufakturen nicht mit den entwickelten Industrien des Nordens konkurrieren konnten, den Freihandel auf.<\/p><p>Eduardo Galeano beginnt sein unverzichtbares Buch &ldquo;Die offenen Adern Lateinamerikas&rdquo; mit der Feststellung: <\/p><blockquote><p>&ldquo;Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass sich einige L&auml;nder auf das Gewinnen und andere auf das Verlieren spezialisieren&rdquo;.<\/p><\/blockquote><p>Die koloniale Wirtschaft wurde nach den Bed&uuml;rfnissen des europ&auml;ischen Marktes strukturiert, und die unterworfene indigene Bev&ouml;lkerung wurde zu einem riesigen externen Proletariat f&uuml;r die Wirtschaft der Metropole.<\/p><p>Die Rolle des Hauptnutznie&szlig;ers des Systems wurde nach und nach von den Vereinigten Staaten &uuml;bernommen. Im Jahr 1916, als Lenin sein Buch &uuml;ber den Imperialismus schrieb, entfielen weniger als 20 Prozent der privaten ausl&auml;ndischen Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik auf US-Kapital. Im Jahr 1970 lag dieser Anteil bereits bei 75 Prozent. Und dies ist keine Geschichte, die auf die vergangenen Jahrhunderte beschr&auml;nkt ist: Auch heute noch berufen sich die politischen Entscheidungstr&auml;ger der USA auf die Monroe-Doktrin (&ldquo;Amerika den (US-) Amerikanern&rdquo;) als Grundlage ihrer Au&szlig;enpolitik.<\/p><p>Die Institutionen des abh&auml;ngigen Kapitalismus waren auf Wertabsch&ouml;pfung und nicht auf wirtschaftliche Wertsch&ouml;pfung ausgerichtet. Die herrschenden Klassen der lateinamerikanischen Kolonialgesellschaft und sp&auml;ter der unterentwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften waren nie f&uuml;r interne wirtschaftliche Entwicklung ausgelegt, sondern f&uuml;r Luxus, Verschwendung und Abh&auml;ngigkeit.<\/p><p>Als Beispiel f&uuml;r diese Unf&auml;higkeit der herrschenden Klassen des abh&auml;ngigen Kapitalismus sei der Fall Kubas im Jahr 1920 angef&uuml;hrt, als die Zuckerpreise dem Land ein hohes Exportniveau bescherten, welches das von England &uuml;berstieg. Diese Einnahmen wurden jedoch nicht f&uuml;r die industrielle Entwicklung des Landes verwendet, sondern flossen ins Ausland und\/oder finanzierten den Luxuskonsum der Eliten.<\/p><p>Der durch die Armut der Mehrheit begrenzte Binnenmarkt fungierte nicht als Motor f&uuml;r die industrielle Entwicklung. Dies war nicht das Ergebnis eines &ouml;konomischen Gesetzes, sondern einer politischen Entscheidung.<\/p><p>Die Privatisierung der lateinamerikanischen Volkswirtschaften wurde in der zweiten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts durch die von den Milit&auml;rdiktaturen aufgezwungenen neoliberalen Wirtschaftsdoktrinen verst&auml;rkt. Das erste &ldquo;Experiment&rdquo; dieser Art wurde von US-amerikanischen Wirtschaftsberatern in Chile unter der Pinochet-Diktatur durchgef&uuml;hrt. Andere folgten. Die sp&auml;rliche offizielle Entwicklungshilfe, die die lateinamerikanischen L&auml;nder erhalten, wird zumeist zur Finanzierung von K&auml;ufen in den USA verwendet und wird so zu einer Subvention f&uuml;r die dortigen Exporteure. Diese Abh&auml;ngigkeit wurde durch die Privatisierung des Bankensystems verst&auml;rkt.<\/p><p>Die historische Erfahrung zeigt deutlich, dass die Eingliederung in die Weltwirtschaft nicht immer eine Quelle der Entwicklung ist, sondern auch zur Vertiefung der Unterentwicklung f&uuml;hren kann, insbesondere wenn die Eingliederung nicht mit der F&auml;higkeit zur Schaffung von Wissen verbunden ist.<\/p><p>Dies h&auml;ngt von der Art der vollzogenen Einbindung in die Weltwirtschaft ab. Die Merkmale, welche diese Art der Einbindung in die Weltwirtschaft definieren, werden Tag f&uuml;r Tag, auch heute, mit jeder Investitionsentscheidung, mit jedem Handelsvertrag, mit jedem Kredit, mit jeder internationalen Wirtschaftspartnerschaft neu ausgestaltet.<\/p><p>In der globalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts gibt es nat&uuml;rliche Standortvorteile (Bodensch&auml;tze, Land, geographische Lage, touristische Attraktionen usw.), die genutzt werden m&uuml;ssen. Allerdings verlieren sie allm&auml;hlich an Bedeutung zugunsten der erschaffenen Standortvorteile wie sozialer Zusammenhalt, politische Stabilit&auml;t, &Ouml;ffentliche Sicherheit, Bildung, Gesundheit, wissenschaftliche Kapazit&auml;ten und Kultur. Die Entwicklung dieser Standortvorteile ist eine unverzichtbare Aufgabe des sozialistischen Staates.<\/p><p>Denken wir also gr&uuml;ndlich &uuml;ber die Wurzeln unserer gegenw&auml;rtigen Probleme in Kuba nach und &uuml;berlegen wir mit maximaler Klarheit, was jetzt zu tun ist. Aber zugleich haben wir das, was wir haben, entschlossen zu verteidigen &ndash; vor allem die auf unserer Souver&auml;nit&auml;t begr&uuml;ndete Option, Kapitalismus und Unterentwicklung zugleich zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Wie Jos&eacute; Mart&iacute; schon im Jahr 1890 feststellte: <\/p><blockquote><p>&ldquo;Die Vernunft muss, wenn sie f&uuml;hren will, in die Kavallerie eintreten&rdquo;.<\/p><\/blockquote><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/rS8ml3PJL-0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><em>Agust&iacute;n Lage war Leiter des Zentrums f&uuml;r Molekularimmunologie in Havanna. Dieser Text wurde auf seinem Blog <a href=\"https:\/\/agustinlage.blogspot.com\/2022\/04\/capitalismo-y-subdesarrollo-el-objetivo.html\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>.<br>\nIn deutscher Sprache ist dieser leicht gek&uuml;rzte Beitrag zuerst in &bdquo;Cuba Libre&ldquo; <a href=\"https:\/\/fgbrdkuba.de\/cl\/cltxt\/cl2022308-kapitalismus-und-unterentwicklung.php\">erschienen<\/a>. Die &Uuml;bersetzung stammt von Tobias Kriele.<\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ JAY.D.Beagle<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong> <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=87851\">Kuba im Sommer 2022<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77363\">Noam Chomsky &uuml;ber die m&ouml;rderische Au&szlig;enpolitik der USA &ndash; u.a. in Kuba, Panama, Chile, Kambodscha<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/6e48be7efd854fbaba95d47b03eca5bc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Logik der kapitalistischen Akkumulation ist ein hervorragendes Instrument zur Schaffung von Ungleichheiten. 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