{"id":89898,"date":"2022-11-02T09:00:51","date_gmt":"2022-11-02T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89898"},"modified":"2022-11-02T19:50:37","modified_gmt":"2022-11-02T18:50:37","slug":"drei-laender-eine-krise-verschiedene-reaktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89898","title":{"rendered":"Drei L\u00e4nder, eine Krise, verschiedene Reaktionen"},"content":{"rendered":"<p>Die Berichte zur Lage sehen in Deutschland, Gro&szlig;britannien und Frankreich ziemlich gleich aus: Steigende Energiepreise, eine bereits ziemlich heftig &bdquo;trabende&ldquo; Inflation, massive Zunahme der Staatsschulden, sinkende Wechselkurse der Landesw&auml;hrung. &Uuml;berall stehen die Regierungen nach eigener Darstellung angesichts des Kriegs gegen Russland, den sie mitveranstalten und eskalieren, vor &bdquo;harten Herausforderungen&ldquo;. Ausgetragen wird das auf dem R&uuml;cken der Lohnabh&auml;ngigen, denen die Regierungen deshalb allesamt &bdquo;schwere Zeiten&ldquo; ansagen. Die deutsche Bev&ouml;lkerung l&auml;sst sich das gefallen. In Frankreich wird gestreikt. Im Vereinigten K&ouml;nigreich kommt der Widerstand von der anderen Klasse. Ein Lehrst&uuml;ck &uuml;ber kleine Unterschiede. Von <strong>Renate Dillmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_72\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-89898-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=89898-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221102_Drei_Laender_eine_Krise_verschiedene_Reaktionen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Deutschland: &bdquo;Wir haken uns unter&ldquo;<\/strong><\/p><p>Deutschland scheint in dieser Situation gerade erneut das Kunstst&uuml;ck hinzukriegen, Unzufriedenheit und Existenz&auml;ngste der vom Lohn abh&auml;ngigen Bev&ouml;lkerungsmehrheit ann&auml;hernd lautlos zu bew&auml;ltigen. Wieder einmal schafft es die Regierung &ndash; eine durchaus beachtliche Leistung! &ndash; sich mit ihren Entlastungspaketen als &uuml;beraus f&uuml;rsorglicher L&ouml;ser von Problemen darzustellen, mit deren Zustandekommen sie angeblich nichts zu tun hat.<\/p><p>Nat&uuml;rlich: Die deutsche Regierung hat gleich vierfach Gl&uuml;ck. Erstens gibt es den Darth Vader &bdquo;Putin&ldquo;, auf den man mit ausgestrecktem Zeigefinger deuten und damit so tun kann, als l&auml;gen die Gr&uuml;nde der aktuellen Lage ganz au&szlig;erhalb der eigenen Einflussm&ouml;glichkeiten und Nutzenerw&auml;gungen.<\/p><p>Zweitens assistiert gerade bei dieser Art von Volksverbl&ouml;dung wie stets die Mainstream-Presse. Dass die kontinuierliche Inanspruchnahme staatlicher Schulden zur Bew&auml;ltigung der Finanzkrise und der Corona-Politik die Inflation schon lange vor dem Ukraine-Krieg in Gang gesetzt hatte; dass Inflation kein sachgesetzlich ablaufender Prozess wie etwa die Schneeschmelze ist, sondern Resultat der Preistreiberei diverser und gar nicht russischer, sondern extrem deutscher Kapitale (z.B. der Wohnungs- und Energieunternehmen) &ndash; das blendet sie sowieso schon mal aus. Aber auch die politischen Beschl&uuml;sse der Regierung zu Waffenlieferungen, Aufr&uuml;stungskosten und Wirtschaftskrieg (den man im Land der Meinungsfreiheit nicht einmal so nennen darf) und die daf&uuml;r rasant wachsenden Staatsschulden sind derzeit eher kein Thema im nationalen Diskurs &ndash; daf&uuml;r aber alle Sorten von Gerechtigkeitsfragen, die man daran in sehr, sehr gro&szlig;en &Uuml;berschriften aufmachen kann.<\/p><p>Drittens nimmt das deutsche Publikum praktische wie geistige Zumutungen klaglos hin. Die Aufforderung des Kanzlers funktioniert: &bdquo;Wir&ldquo; haken uns lieber unter und stehen diese Sache, sprich: den Kampf gegen Putin, &bdquo;gemeinsam&ldquo; durch &ndash; auch wenn &bdquo;diese Sache&ldquo; keineswegs gemeinsam beschlossen wurde und auch keineswegs alle trifft, schon gar nicht gleicherma&szlig;en. Mit den &ouml;konomischen und sozialen Folgen des Wirtschaftskrieges haben die &bdquo;Mitglieder der Gemeinschaft&ldquo; nach ihren M&ouml;glichkeiten und ihrer Stellung &bdquo;solidarisch&ldquo; umzugehen. Das hei&szlig;t praktisch: Kein Inflationsausgleich bei den L&ouml;hnen, stattdessen Einmalzahlungen, Abw&auml;lzung der h&ouml;heren Energiekosten auf &bdquo;die Verbraucher&ldquo; und staatliche Hilfen dabei, dass jeder &bdquo;das Seine&ldquo; leisten und ertragen kann.<\/p><p>Und viertens hat die Regierung bei ihrer nationalen Linie auch noch das Gl&uuml;ck, dass Linksopposition und Gewerkschaften ihr nicht in die Parade fahren, sondern ihr ganz im Gegenteil tatkr&auml;ftig und sozialpartnerschaftlich zur Seite stehen, um eventuell doch aufkommende Forderungen und Proteste in staatskonstruktive Bahnen zu lenken und aus dem von allen Seiten lauthals bef&uuml;rchteten &bdquo;Hei&szlig;en Herbst&ldquo; ein bestenfalls laues L&uuml;ftchen bzw. besser: eine <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Heisser-Herbst-oder-nationale-Einheitsfront-7317017.html\">nationale Einheitsfront<\/a> zu machen. Damit kann die Ampel-Koalition offenbar gut leben (im Unterschied zu vielen ihrer B&uuml;rger) &ndash; solange man, das ist nationaler Konsens, &bdquo;die Rechten&ldquo; da raush&auml;lt.<\/p><p>Das l&auml;uft in anderen europ&auml;ischen Staaten gerade nicht so geschmeidig. England und Frankreich bieten da gerade zwei interessante Beispiele.<\/p><p><strong>Gro&szlig;britannien: Finanzkapital erzwingt neue Regierung(slinie)<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Macht der M&auml;rkte&ldquo; titelt die FAZ (22.10.22) und unter dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.vdi-nachrichten.com\/wirtschaft\/finanzen\/parkettnotizen-die-kapitalmaerkte-zwingen-liz-truss-zum-einlenken\/\">Parkettnotizen<\/a>&ldquo; war in den VDI-Nachrichten zu lesen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Kapitalm&auml;rkte zwingen Liz Truss zum Einlenken. Gro&szlig;britanniens Regierung kassiert die geplante Steuerreform wieder ein. Die Bonit&auml;t des Landes h&auml;tte unter der enormen Neuverschuldung zu sehr gelitten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Inzwischen ist die Premierministerin von der Herrschaft &uuml;ber das Vereinigte K&ouml;nigreich und einen der gr&ouml;&szlig;ten Finanzpl&auml;tze der Welt bekanntlich zur&uuml;ckgetreten. Der Grund: Liz Truss wollte nationales Wachstum in neoliberaler Logik durch drastische Steuersenkung durchsetzen und den steuerlichen Ausfall f&uuml;r den Fiskus mit zus&auml;tzlichen Staatsanleihen kompensieren. Im Prinzip bew&auml;hrt und erfolgreich. Das haben &bdquo;die Kapitalm&auml;rkte&ldquo; ihr in dieser Lage allerdings nicht durchgehen lassen.<\/p><p>Die vereinigten Finanzanleger bef&uuml;rchteten gravierende &ouml;konomische Folgen: Abwertung des britischen Pfunds, Ruinierung der Pensionsfonds, Verlust der Bonit&auml;t f&uuml;r britische Staatsanleihen usw. Um das zu verhindern, haben sie einfach ihre &ouml;konomische Macht ins Spiel gebracht und damit politischen Druck erzeugt &ndash; mit Erfolg: die Steuerpl&auml;ne wurden zur&uuml;ckgenommen; der Finanzminister und die Premierministerin sind zur&uuml;ckgetreten.<\/p><p>Bemerkenswert daran sind die folgenden Punkte: Eine kapitalfreundliche Entscheidung der Regierung wurde zur&uuml;ckgewiesen &ndash; und zwar von den Kapitalm&auml;rkten. Die Kreditgeber und Profiteure der Kapitalvermehrung zweifelten offenbar daran, dass weitere Steuerentlastungen ihrem Bereicherungsinteresse dienlich sind. Und sie bezweifelten die Vertrauensw&uuml;rdigkeit neuer britischer Staatsschulden, die unter dem Vorzeichen einer hohen Inflation und k&uuml;nftiger Leitzinserh&ouml;hungen wenig rentabel erscheinen. <em>Ihr<\/em> Zweifel an den Devisen- und Rentenm&auml;rkten, nicht der Einspruch der Opposition, nicht die Wut der Arbeiterklasse, fegte zun&auml;chst die Steuerpl&auml;ne, dann den zust&auml;ndigen Minister und schlie&szlig;lich die Premierministerin weg.<\/p><p>Darin liegt auch ein Lehrst&uuml;ck in Sachen Demokratie: Liz Truss wurde weder gew&auml;hlt noch abgew&auml;hlt. Ihre brutale Kriegspolitik interessiert im K&ouml;nigreich anscheinend kaum jemanden (au&szlig;er Ex-Labour-Chef Corbyn). Die Briten haben auch nicht auf der Stra&szlig;e rebelliert gegen die Frau und ihre Pl&auml;ne. &Uuml;ber die Herrschaftsaus&uuml;bung von Frau Truss wird eben auf dem &bdquo;B&ouml;rsenparkett&ldquo; entschieden. Dort fragt man sich, ob die weitere Fortsetzung des Neoliberalismus zur Kriegswirtschaft passt.<\/p><p>Fazit: Nicht Wahlen, Proteste, Streiks, sondern das anerkannt eigenn&uuml;tzige Urteil der Finanzkapitalisten, inwiefern politische Beschl&uuml;sse ihrer Bereicherung dienen, entscheiden &uuml;ber die Politik. Die hat sich also damit zu legitimieren und sich daran zu bew&auml;hren, inwiefern ihr Handeln dieser Klasse dient.<\/p><p><strong>Frankreich: Gewerkschaft k&auml;mpft gegen Verschlechterung der Lebensverh&auml;ltnisse<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Streiks in Frankreich weiten sich aus. Die Protestwelle in Frankreich rei&szlig;t nicht ab. Nach wochenlangen Streiks an den Raffinerien dehnen sich die Protestveranstaltungen nun auch auf weitere Branchen aus. Die seit etwa drei Wochen andauernden Streiks an franz&ouml;sischen Raffinerien haben sich am Dienstag auf die Eisenbahn, den Pariser Nahverkehr und weitere Branchen ausgeweitet. Auch Gymnasien, Berufsschulen, ein Atomkraftwerk und ein Elektrizit&auml;tswerk waren betroffen. Die Streikenden fordern etwa h&ouml;here Geh&auml;lter angesichts der Inflation.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article241655039\/Proteste-Streiks-in-Frankreich-weiten-sich-aus.html\">Die Welt, 18.10.22<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>In der Folge werden Raffinerien, Treibstofflager und Eisenbahnen sowie ein Dutzend Atomkraftwerke bestreikt, was zu erheblichen Problemen f&uuml;r alle m&ouml;glichen Teilbereiche des kapitalistischen Produzierens und Vermarktens f&uuml;hrt &ndash; unter anderem sind ein Viertel bis ein Drittel der Tankstellen ohne Treibstoff, es bilden sich riesige Schlangen.<\/p><p>Die K&auml;mpfe der Gewerkschaften, vor allem der CGT, drehen sich um die Punkte:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Echter Inflationsausgleich f&uuml;r die Besch&auml;ftigten (ein Angebot von TotalEnergies von 7% und 6.000 &euro; Jahrespr&auml;mie wurde von der CGT als <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/frankreich-protest-gegen-steigende-armut-und-klimatische-tatenlosigkeit-durch-macron-91854189.html\">ungen&uuml;gend abgelehnt<\/a>).<\/li>\n<li>R&uuml;cknahme der Rentenreform, die das Renteneintrittsalter auf 65 hochsetzt. Stattdessen eine R&uuml;ckkehr zur Rente mit 60 (!) (eine Forderung, &uuml;ber die die deutsche Presse meist extrem unscharf berichtet &ndash; offensichtlich, um ihr Publikum, dem gerade eine Erh&ouml;hung des Renteneintritts-Alters auf 69 (!) Jahre als Sachzwang einer &bdquo;sicheren Rente&ldquo; in Aussicht gestellt wird, nicht zu verwirren).<\/li>\n<li>Keine Kriminalisierung der Streiks bzw. der Streikenden in der Energieversorgung und der Logistik.<\/li>\n<\/ol><p>&Uuml;ber eine Kritik der franz&ouml;sischen Kriegsbeteiligung ist nichts bekannt.<\/p><p>Die Streiks vor allem der Gewerkschaft CGT treffen dabei durchaus auf breite Sympathie in der Bev&ouml;lkerung &ndash; auch die der negativ betroffenen Pendler, wie selbst die <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/streiks-frankreich-133.html\">Tagesschau<\/a> berichtet: &bdquo;Ein paar Meter weiter schaut Sabrine hin und her zwischen den Anzeigen am Gleis und ihrem Handy. Obwohl ihr die Zugausf&auml;lle das Leben schwermachen, nimmt sie es den streikenden Lokf&uuml;hrern nicht &uuml;bel: ,Ich kann das verstehen in Bezug auf die Geh&auml;lter.&lsquo; Evelyne, eine weitere Passantin, ist auf dem Weg zu einem Seminar. Sie unterst&uuml;tzt die Streiks: ,Es ist immer die einfache Bev&ouml;lkerung, die die Konsequenzen ausbaden muss. Aber es gibt gute Gr&uuml;nde f&uuml;r die Streiks. Und es ist vielleicht Zeit, dass Frankreich aufwacht.&lsquo;&ldquo; Unterst&uuml;tzt werden die Forderungen auch durch Proteste der Berufssch&uuml;ler und Gymnasiasten.<\/p><p>Bemerkenswert an den anhaltenden Streiks (wie bereits an den Aktionen der Gelbwesten 2018) ist einerseits, was eine Gewerkschaft anrichten kann, die im Vergleich mit deutschen Gewerkschaften ziemlich mitgliederschwach ist (die CGT hat unter 700.000 Mitglieder, Stand 2017) und sich laut Friedrich-Ebert-Stiftung in einer bereits Jahrzehnte anhaltenden <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/Artikel\/5-17_Online-Publ_DieKrise_Web.pdf\">Krise<\/a> befindet. Falls deutsche Lohnabh&auml;ngige also &ndash; allen bereits abgehandelten Tendenzen zum Trotz &ndash; auf abweichende Ideen k&auml;men: Hier k&ouml;nnten sie sich in Sachen Organizing bzw. geschicktem Aufbau von Streikmacht bedienen!<\/p><p>Andererseits wird allerdings auch deutlich, wie kaltschn&auml;uzig der Protest von unten von der Macron-Regierung zur&uuml;ckgewiesen wird. Der Pr&auml;sident verlangt seinem Volk seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine &bdquo;Beschr&auml;nkung des Konsums&ldquo; ab und fordert aktuell ein Ende der Blockaden. Um sich durchzusetzen, hat er mit Zwangsrekrutierungen nicht nur gedroht, sondern sie laut einem Bericht der <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/436591.arbeitskampf-macron-verbietet-streiks.html\">Jungen Welt<\/a> vom 14.10.2022 auch bereits umgesetzt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Drei Arbeiter von einer Raffinerie bei D&uuml;nkirchen wurden zwangsrekrutiert, um ab 14 Uhr ihre Arbeit f&uuml;r zw&ouml;lf Stunden wieder aufzunehmen. Nach Angaben der CGT erschien die Polizei bei den Besch&auml;ftigten zu Hause und benachrichtigte sie &uuml;ber ihre von der Pr&auml;fektur unterzeichnete Zwangsrekrutierung. Als Reaktion auf dieses Vorgehen rief CGT-Generalsekret&auml;r Philippe Martinez zum Generalstreik auf.<br>\nMacron und seine Premierministerin &Eacute;lisabeth Borne forderten bereits seit Montag das Ende der &raquo;Blockade&laquo;, die vor allem in Paris und Umgebung sowie in den n&ouml;rdlichen Departements und der Hafenstadt Marseille im S&uuml;den zu Problemen bei der Benzinversorgung f&uuml;hrt. Das franz&ouml;sische Gesetz zur Funktion der Gebietsk&ouml;rperschaften erlaubt Regierungen die Zwangsrekrutierung eines Teils der streikenden Besch&auml;ftigten eines privaten Betriebs, ,wenn dieser f&uuml;r die lebensnotwendigen Bed&uuml;rfnisse der Bev&ouml;lkerung wichtig ist und der Ausstand die &ouml;ffentliche Ordnung gef&auml;hrdet&lsquo;.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Macht der franz&ouml;sischen Lohnabh&auml;ngigen ist insofern &ndash; bei allem Einsatz, den sie an den Tag legen &ndash; nicht mit dem lautlosen Tritt des Zinsfu&szlig;es auf dem britischen &bdquo;Parkett&ldquo; zu vergleichen. Ohne Rechtsbruch &ndash; etwa bei den Blockaden &ndash; ist sie &bdquo;auf der Stra&szlig;e&ldquo; nicht einmal in Frankreich zu entfalten, wo der politische Generalstreik als Einflussnahme auf die Politik immerhin rechtlich anerkannt ist.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich steht die freie Presse auch in Frankreich mehrheitlich ganz wie von selbst auf Seiten der Regierung, fragt sich besorgt, wie der Pr&auml;sident die Proteste in den Griff kriegt, und tut ihr Bestes, eventuelle Ausschreitungen in den Vordergrund ihrer Berichterstattung zu r&uuml;cken, um die Bewegung zu kriminalisieren und sympathisierende &bdquo;brave B&uuml;rger&ldquo; abzuschrecken. <\/p><p>Schon <a href=\"https:\/\/amp2.handelsblatt.com\/politik\/international\/proteste-in-frankreich-mit-harter-hand-gegen-die-feuerteufel\/13647004.html\">2016<\/a> berichtete das Handelsblatt in &auml;hnlicher Situation: &bdquo;Die den Kommunisten nahestehende Arbeitnehmerorganisation (die CGT, RD) verhinderte auch die Auslieferung vieler Zeitungen. Ihr Vorsitzender Philippe Martinez hatte verlangt, die Medien m&uuml;ssten eine ausf&uuml;hrliche Stellungnahme von ihm ver&ouml;ffentlichen, sonst w&uuml;rden sie nicht erscheinen. Offenbar verwechselte er Frankreich mit Venezuela. Als die Presse sich weigerte, seiner Erpressung zu folgen, blockierten CGT-Anh&auml;nger die Druckereien.&ldquo;<\/p><p>In der Tat: Wo k&auml;me denn da die Meinungs- und Pressefreiheit in den europ&auml;ischen Demokratien hin, wenn Unzufriedene, linke Gewerkschaften oder irgendwelche Aktivisten ihre &bdquo;ausf&uuml;hrlichen Stellungnahmen&ldquo; publizieren k&ouml;nnten?<\/p><p><strong>Lehrst&uuml;ck &uuml;ber den kleinen Unterschied<\/strong><\/p><p>Anders als in Deutschland lassen sich die Franzosen manchen Angriff auf ihre Lebensverh&auml;ltnisse nicht bieten. Das bewundern viele Deutsche an ihren westlichen Nachbarn und beschweren sich &ndash; ein Fall von mittelschwerer Schizophrenie &ndash; &uuml;ber ihre eigene Untertanen-Mentalit&auml;t. Ohne es beim n&auml;chsten Mal anders zu machen&hellip;<\/p><p>Insofern eine stetige Wiederauflage und Steigerung der beliebten Lebensl&uuml;ge der deutschen Lohnabh&auml;ngigen, dass sich die erzwungene Unterordnung unter das Krisen- und Kriegsprogramm der Regierung letztlich irgendwie doch rechnet (jedenfalls mehr als das franz&ouml;sische Gegenprogramm: Widerstand lohnt sich nicht! als <em>die<\/em> deutsche Lehre aus der Weltgeschichte).<\/p><p>Wenn in Frankreich die lohnabh&auml;ngig Besch&auml;ftigten mit sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit gegen die staatlich verordneten Verschlechterungen ihrer Arbeits- und Sozialversicherungsbedingungen mobil machen, zeigt das allerdings auch die Grenzen, auf die f&uuml;r ihre Interessen k&auml;mpfende Arbeiter treffen &ndash; ob das nun Gewerkschaften oder Gelbwesten sind.<\/p><p>Sie k&ouml;nnen mit Streik, Generalstreik und Randale einiges an Verschlechterungen verhindern; sie k&ouml;nnen die Regierung im Einzelfall sogar zur R&uuml;cknahme ganzer Gesetzesvorhaben zwingen. Was sie aber &ndash; jedenfalls solange sie sich im Rahmen dieser Wirtschaftsordnung bewegen (wollen) &ndash; nicht erreichen k&ouml;nnen, ist: den Willen und die Mittel von Kapital und Staat au&szlig;er Kraft zu setzen, die dank der &bdquo;Sachgesetze&ldquo; der Standortkonkurrenz daf&uuml;r sorgen, dass sich die vom Lohn Abh&auml;ngigen immer und immer wieder derselben Frage ausgesetzt sehen: Ob ihr Verdienst und ihre soziale Absicherung nicht unvertr&auml;glich mit den Erfordernissen des Marktes sind. Weshalb sie sich immer und immer wieder gegen diese Angriffe wehren m&uuml;ssen.<\/p><p>Da hat es das protestierende Finanzkapital in England einfacher. Seine Interessen an mehr money sind nicht <em>Kosten<\/em> f&uuml;r die Kapitalvermehrung (wie die L&ouml;hne der Arbeiterklasse), sondern ihr <em>Zweck<\/em>. Sein partikulares Interesse an steigenden Renditen und der daf&uuml;r n&ouml;tigen Stabilit&auml;t von Finanzplatz und W&auml;hrung f&auml;llt aufs Sch&ouml;nste mit dem britischen Allgemeinwohl zusammen: dem Wachstum des Standorts. Kein Wunder also, dass die Bedenken der Banker die Regierungspartei beeindrucken; kein Wunder auch, dass sie daf&uuml;r nicht zu den plumpen Mitteln des Stra&szlig;enkampfes greifen m&uuml;ssen&hellip;<\/p><p>Titelbild: Ron Ellis\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berichte zur Lage sehen in Deutschland, Gro&szlig;britannien und Frankreich ziemlich gleich aus: Steigende Energiepreise, eine bereits ziemlich heftig &bdquo;trabende&ldquo; Inflation, massive Zunahme der Staatsschulden, sinkende Wechselkurse der Landesw&auml;hrung. &Uuml;berall stehen die Regierungen nach eigener Darstellung angesichts des Kriegs gegen Russland, den sie mitveranstalten und eskalieren, vor &bdquo;harten Herausforderungen&ldquo;. Ausgetragen wird das auf dem R&uuml;cken<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89898\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":89900,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,20],"tags":[3205,283,1043,469,365,301,325,1176,3280],"class_list":["post-89898","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-landerberichte","tag-energiepreise","tag-finanzmaerkte","tag-frankreich","tag-grossbritannien","tag-inflation","tag-rentenalter","tag-staatsschulden","tag-streik","tag-truss-liz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Shutterstock_222648445.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=89898"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89942,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/89898\/revisions\/89942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/89900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=89898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=89898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=89898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}