{"id":8996,"date":"2011-04-06T09:22:45","date_gmt":"2011-04-06T07:22:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8996"},"modified":"2014-08-13T13:52:27","modified_gmt":"2014-08-13T11:52:27","slug":"ich-hoffe-dass-in-den-verlusten-auch-ein-zeichen-von-abwendung-steckt-interview-mit-gunter-wallraff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8996","title":{"rendered":"\u201eIch hoffe, dass in den Verlusten auch ein Zeichen von Abwendung steckt\u201c \u2013 Interview mit G\u00fcnter Wallraff"},"content":{"rendered":"<p>Die Otto Brenner Stiftung (OBS) hat wieder einmal einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien geworfen. Nachdem die Autoren Hans-J&uuml;rgen Arlt und Wolfgang Storz im letzten Jahr den Wirtschaftsjournalismus vor und w&auml;hrend der <a href=\"\/?p=5002\">Wirtschafts- und Finanzkrise begutachteten<\/a>, analysierten sie in diesem Jahr die Berichterstattung Deutschlands auflagenst&auml;rkster Tageszeitung w&auml;hrend der Euro- und Griechenlandkrise. Die Studie &raquo;<a href=\"http:\/\/www.bild-studie.de\/\">Drucksache &bdquo;Bild&ldquo; &ndash; Eine Marke und ihr M&auml;gde<\/a>&laquo; wird heute im Printformat ver&ouml;ffentlicht und am Freitag ausf&uuml;hrlich auf den NachDenkSeiten vorgestellt. Bereits heute m&ouml;chten wir unseren Lesern das Interview der OBS-Autoren mit dem Enth&uuml;llungsjournalisten und BILD-Kenner G&uuml;nter Wallraff vorstellen. Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Herr Wallraff, wie beschreiben Sie &bdquo;Bild&ldquo;?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Sie ist eine Art Wundert&uuml;te, da ist alles drin &ndash; Unterhaltung, menschliche Dramen, zum Konsum aufbereitet, Sex, Verbrechen, Appelle an niedere Instinkte. So verschieden die Themen auch sind, in einem gleichen sie sich: Es durchzieht sie der Charakterzug der mal subtilen, mal grobschl&auml;chtigen Beeinflussung. Es gibt ein Meinungsdiktat. Das gilt f&uuml;r jede einzelne Geschichte: Das ist die Wahrheit, hier steht sie, so war und so ist das. Und es gibt ein Diktat, welches das gesamte Blatt pr&auml;gt. Eine sehr eindeutige Haltung, vor allem wenn es um politische Interessen geht. &bdquo;Bild&ldquo; bedient immer die Interessen des konservativen Lagers, das ist eine Konstante. Das gilt vor allem, wenn Wahlkampf ist. Da ist Verlass auf &bdquo;Bild&ldquo;: Es wird immer der jeweils konservativste Kandidat unterst&uuml;tzt und der andere entweder ignoriert oder offen bek&auml;mpft. Das hat sogar Gerhard Schr&ouml;der in seiner Amtszeit zu sp&uuml;ren bekommen, obwohl er sich dem Blatt f&uuml;r jede Homestory &ouml;ffnete, obwohl er sich einen &bdquo;Bild&ldquo;-Mann als Regierungssprecher holte, obwohl er Hardliner-Spr&uuml;che loslie&szlig; gegen Sexualstraft&auml;ter und straff&auml;llig gewordene Ausl&auml;nder, obwohl er &bdquo;Bild&ldquo; adelte, indem er sagte, er brauche zum Regieren nur &bdquo;Bild&ldquo;, &bdquo;BamS&ldquo; und &bdquo;Glotze&ldquo;. Im Wahlkampf hat ihm das dann nichts mehr gen&uuml;tzt &hellip;<\/p><p><strong>Aber den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber im Jahr 2002 und Angela Merkel im Jahr 2005 hat es umgekehrt letztlich doch auch nichts gen&uuml;tzt &hellip;?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Das ist vom Ergebnis her in diesen beiden F&auml;llen richtig. Von &bdquo;Bild&ldquo; unterst&uuml;tzt zu werden, das ist heute &ndash; im Gegensatz zu fr&uuml;her &ndash; weniger denn je eine Garantie, Erfolg zu haben. Aber auch in diesen F&auml;llen gilt: &bdquo;Bild&ldquo; hilft. Ich versuche einmal, den m&ouml;glichen Einfluss und die Kraft von &bdquo;Bild&ldquo; zu beschreiben. Das Blatt hat sicher die Kraft, in solchen Wahlk&auml;mpfen die Stammw&auml;hler mit zu mobilisieren, mit bestimmten Kampagnen, die f&uuml;r den konservativen Kandidaten sprechen oder die seinen Gegenkandidaten denunzieren, Angst vor ihm sch&uuml;ren. &bdquo;Bild&ldquo; hat meines Erachtens &ndash; besonders in politischen Auseinandersetzungen &ndash; eine Kraft zur Zerst&ouml;rung: Indem sie Inhalte falsch oder etwas falsch darstellt, aus dem korrekten g&uuml;ltigen Zusammenhang herausrei&szlig;t und in einen falschen hineinsetzt. Wenn der Wahlausgang knapp zu werden droht und &bdquo;Bild&ldquo; in der Schlussphase eine entsprechende Kampagne gegen den nichtkonservativen Kandidaten startet, kann das schon die Entscheidung bringen. Zumal &bdquo;Bild&ldquo; Kombattanten hat, die, wenn das Jagdhorn ert&ouml;nt, mitmachen und ebenfalls losschlagen, nicht nur in Beh&ouml;rden und Parteien, auch in anderen Medien. Ich bef&uuml;rchte, dass diese Netzwerke im Medienbereich sogar stabiler und gr&ouml;&szlig;er geworden sind. Wenn Journalisten um ihre Arbeitspl&auml;tze bangen oder junge Journalisten noch gar keinen richtigen Arbeitsplatz haben, &uuml;berlegen sich viele, ob sie es sich mit einem potenziellen k&uuml;nftigen Arbeitgeber &bdquo;Bild&ldquo; und damit Springer verscherzen oder ob sie sich ihn vorsorglich gewogen machen. Es ist doch heute so: Wenn Sie sich als Journalist mit Springer und &bdquo;Bild&ldquo; anlegen, dann haben Sie faktisch einen gro&szlig;en, m&auml;chtigen Arbeitgeber weniger. Wenn Sie mit denen paktieren, dann haben Sie nicht einen potenziellen Arbeitgeber weniger, sondern einen mehr. Denn &bdquo;Bild&ldquo; gut zu finden und dessen Themen und Weltbilder zu verst&auml;rken, das ist doch heute, im Gegensatz zu fr&uuml;her, f&uuml;r keinen Verlag mehr ein Grund, jemanden nicht einzustellen &ndash; im Gegenteil. Aus alldem schlie&szlig;e ich, dass &bdquo;Bild&ldquo; mit seinen Netzwerken eine Macht in dieser Gesellschaft ist.<\/p><p>Helmut Schmidt hat in den 1970er Jahren, als er Bundeskanzler war, einmal gesagt, wer sich mit Springer und &bdquo;Bild&ldquo; anlege, der begehe politischen Selbstmord. Das war schon damals eine politische Bankrotterkl&auml;rung und ist es heute immer noch. Diese Diagnose sagt ja erst einmal mehr &uuml;ber die Sichtweise der Politik auf &bdquo;Bild&ldquo; und den Springer-Konzern als &uuml;ber deren tats&auml;chliche Macht.<\/p><p><strong>M&uuml;ssen Politiker vor &bdquo;Bild&ldquo; unver&auml;ndert Angst haben?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Sie stehen st&auml;ndig unter Beobachtung von &bdquo;Bild&ldquo;. Bedenken Sie den Aufwand, den &bdquo;Bild&ldquo; treibt, mit &uuml;ber 800 Mitarbeitern und vermutlich Hunderten, wenn nicht Tausenden von Zutr&auml;gern. Die sind tats&auml;chlich in der Lage, alle Politiker, an denen sie Interesse haben, fl&auml;chendeckend zu beobachten. Diese Politiker wissen, dass &bdquo;Bild&ldquo; die private Sph&auml;re nicht sch&uuml;tzt, sondern &ndash; im Gegenteil &ndash; auch m&ouml;glichst viel privates Material sammeln will. Und deshalb wissen die alle: Ich muss mit allem rechnen. Insbesondere wenn ich einen gewissen Einfluss und eine Bedeutung habe und mich deutlich links des Mainstreams bewege oder mal auch nur eine vom Mainstream abweichende Position vertrete. Dann schlagen die zu, keiner wei&szlig;, wann und wie. In meinen Augen ist &bdquo;Bild&ldquo; so eine Art Zuchtmeister f&uuml;r Politiker, der mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet. So hat Axel Springer selbst &bdquo;Bild&ldquo; als seinen &bdquo;Kettenhund&ldquo; bezeichnet. Der soll erst einmal nur einsch&uuml;chtern, kann aber auch von der Leine gelassen werden und einen zerfleischen. Das ist auch ein Grund, warum sich viele dem Blatt zur Verf&uuml;gung stellen: Sie wollen den Kettenhund milde stimmen. Das n&uuml;tzt aber nichts, siehe das Beispiel Gerhard Schr&ouml;der.<\/p><p><strong>Hat sich der Charakter von &bdquo;Bild&ldquo; in den vergangenen Jahrzehnten in wichtigen Details oder gar im Grundsatz ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Es gab und gibt Wellenbewegungen. Die h&auml;ngen mit den jeweiligen Chefredakteuren zusammen. Diese pr&auml;gen &uuml;ber die Auswahl der Themen und deren Machart schon die Tonlage des Blattes: beispielsweise aggressiver oder softer, spielerischer oder ideologischer. Da gibt es Hardliner und Nichthardliner. Claus Larass hat beispielsweise ein weniger gef&auml;hrliches Blatt gemacht, da wurden weniger und weniger systematisch niedere Instinkte gesch&uuml;rt. Dann gibt es Chefredakteure, die politisch relativ frei, und welche, die fest eingebunden sind, wie beispielsweise der jetzige Chefredakteur Kai Diekmann bei Helmut Kohl und Teilen der Union. In Wahlk&auml;mpfen m&uuml;ssen dann sowieso alle parat stehen, aber jemand wie Diekmann, der steht ja im Zweifel st&auml;ndig parat und erf&uuml;llt ein &Uuml;bersoll.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie skizzieren, was Sie unter einer Wellenbewegung bei &bdquo;Bild&ldquo; verstehen?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Also nehmen Sie Diekmann. Der ist politisch eingebunden, und er ist gegen alles, was auch nur ann&auml;hernd progressiv aussieht. Ich glaube, der f&uuml;hrt einen Kampf gegen die 68er und deren politisches Erbe. Der spricht das nicht aus, er ist ja nicht bl&ouml;d, der inszeniert sich vielmehr ganz locker, ist Genossenschaftler bei der &bdquo;Tageszeitung&ldquo;. Gegen die 68er!, das ist seine Mission; die und deren Erbe w&uuml;rde er am liebsten in G&auml;nze denunzieren. Erinnern Sie sich an die Kampagnen gegen J&uuml;rgen Trittin und Joschka Fischer! Und auf der anderen Seite werden dann die Hardliner, konkret einer der ausgekochtesten Politiker wie Roland Koch, hofiert und unterst&uuml;tzt. Denken Sie nur an die Kampagne, die Roland Koch in seinem Landtagswahlkampf 2008 gegen gewaltt&auml;tige ausl&auml;ndische Jugendliche betrieb, das geschah ja in enger Zusammenarbeit mit &bdquo;Bild&ldquo;. Ich sehe hier einen sich zeitweise selbstironisch und locker inszenierenden Chefredakteur auf ideologischem Kreuzzug.<\/p><p><strong>Unabh&auml;ngig von solchen Wellenbewegungen: Was ist bei &bdquo;Bild&ldquo; 2010 anders als beispielsweise bei &bdquo;Bild&ldquo; Mitte der 1970er oder 1980er Jahre?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Was sich eher grunds&auml;tzlich ge&auml;ndert hat: Zu meiner Zeit kamen diejenigen bei &bdquo;Bild&ldquo; voran, die gar nicht aus dem Journalismus kamen. Das waren beispielsweise Typen aus Dr&uuml;ckerkolonnen, die es gelernt hatten, Leute geschickt oder massiv zu beeinflussen, weil sie denen etwas andrehen mussten und ihnen oft mit der T&uuml;r ins Haus fielen. Heute ist das grunds&auml;tzlich anders. Bei &bdquo;Bild&ldquo; arbeiten Journalisten, die ihr Handwerk sehr wohl gelernt haben, ohne dass jedoch deshalb aus &bdquo;Bild&ldquo; Journalismus geworden ist, zumindest so wie ich ihn verstehe. &bdquo;Bild&ldquo; ist deshalb und aus anderen Gr&uuml;nden &ndash; die Gesellschaft hat sich im Grundsatz ge&auml;ndert, fr&uuml;here Fronten und Lager gibt es nicht mehr &ndash; weniger grobschl&auml;chtig geworden, subtiler. Da sind heute schon Journalisten dabei, die w&uuml;rden gerne bei &bdquo;Bild&ldquo; einen anderen Journalismus machen, das sind aber nicht diejenigen, die entscheiden. Mit manchen habe ich auch Kontakt. Ich denke immer noch, es m&uuml;sste m&ouml;glich sein, ein im guten Sinne aufkl&auml;rerisches Boulevardblatt zu machen. Aber wahrscheinlich ist das doch ein Widerspruch in sich, die Machart des Boulevards und die Aufkl&auml;rung. Da gibt es Leute, die beispielsweise keinen verleumderischen Stil pflegen. Aber wenn es darauf ankommt, dann bestimmen die Hardliner, unver&auml;ndert.<\/p><p><strong>Was zeichnet den Hardliner bei &bdquo;Bild&ldquo; aus?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Sie setzen das Mittel der Verleumdung bedenkenlos ein. Sie differenzieren nicht, sondern sorgen daf&uuml;r, dass die holzschnittartigen Weltbilder verbreitet werden. Das sind auch diejenigen, die daf&uuml;r sorgen, dass bestimmte Politiker eingesch&uuml;chtert oder sogar abgeschossen werden. Sie lassen Politiker bis in die private Sph&auml;re hinein verfolgen. Dort, wo ein handwerklich seri&ouml;ser Journalist aufh&ouml;rt oder wo jemand wie ich aufh&ouml;rt, da fangen die &uuml;berhaupt erst an. Auf deren Liste stehen diejenigen Politiker ganz oben, die in allen Fragen der Freiheit, der Toleranz eine milde Position haben, auch diejenigen, die beispielsweise daf&uuml;r sind, die Macht der heute M&auml;chtigen zu begrenzen. Diejenigen, die in diese Richtung ihren Kopf herausstrecken, m&uuml;ssen alle damit rechnen, von &bdquo;Bild&ldquo; angegriffen und notfalls verteufelt zu werden. Und diese Hardliner sind nie allein. Da gibt es beispielsweise immer noch beste Kontakte zu einzelnen Mitarbeitern oder ganzen Seilschaften im BND, bis heute. Das sind Leute, die kommen im Zweifel als lockere Videoblogger und &bdquo;taz&ldquo;-Genossenschaftler daher und sind vollgestopft mit Elitedenken und Ideologie. Und &uuml;ber dieser Inszenierung verkennen viele Betrachter deren Grundhaltung.<\/p><p><strong>Der Verlag sagt, die Reichweite von &bdquo;Bild&ldquo; liege bei etwa 12 Millionen Menschen, die Auflage sei h&ouml;chstprofitabel. Und &bdquo;Bild.de&ldquo; habe regelm&auml;&szlig;ig 5 bis 6 Millionen Nutzer. Die verkaufte Auflage von &bdquo;Bild&ldquo; ist jedoch von ihrem H&ouml;chststand von bis zu 5,5 Millionen in den 1980er Jahren auf nun etwa 2,9 Millionen Exemplare abgesunken, in einem zudem betr&auml;chtlich gr&ouml;&szlig;eren Deutschland. Ist &bdquo;Bild&ldquo; nur noch ein t&ouml;nerner Riese?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Dieser Auflagenschwund ist f&uuml;r die schon etwas Be&auml;ngstigendes. Das ist auch an den inzwischen doch recht intensiven Marketingma&szlig;nahmen von &bdquo;Bild&ldquo; abzulesen. Da gibt es schon enorme Werbeanstrengungen. Und wenn sie trotz dieser Anstrengungen unter die 3-Millionen-Grenze fallen, dann ist das noch einmal ein starker Prestigeverlust. Da helfen auch alle Verweise nichts, die anderen Medien verl&ouml;ren auch. Und die aktuellen &Uuml;berlegungen von Diekmann, den Preis zu erh&ouml;hen, die deuten auch darauf hin, dass mit dem Auflagenverlust doch die wirtschaftliche Basis geschm&auml;lert wird, bei allem Gerede &uuml;ber die hochprofitable Auflage von &bdquo;Bild&ldquo;. Mir scheinen die Angaben &uuml;ber die Reichweite auch nicht sehr seri&ouml;s zu sein. Glauben Sie, dass jedes Exemplar von &bdquo;Bild&ldquo; von vier Leuten gelesen wird? Ich nicht. Diese Reichweitenzahl klingt m&auml;rchenhaft. Warum ist das so? Zum einen werden die Leute inzwischen via Internet und Fernsehen mehr denn je mit diesen Boulevardgeschichten &uuml;ber Promis, Verbrechen und Sex versorgt. Und meine Hoffnung ist zum anderen, dass diese beachtlichen Verluste auch zeigen, dass wenigstens ein Teil der Leute diese Themen satt hat. Ich hoffe also, dass in diesen Verlusten auch ein Zeichen von Abwendung steckt.<\/p><p>Es ist trotzdem zu fr&uuml;h, von &bdquo;Bild&ldquo; als einem t&ouml;nernen Riesen zu sprechen. Aber was mir einleuchtet: Die eigentliche Macht, die &bdquo;Bild&ldquo; hat, die ist heute mehr denn je geliehene Macht. Sie liegt in dem Glauben der anderen, vor allem auch der Journalisten und Politiker, &bdquo;Bild&ldquo; sei derart m&auml;chtig. Das hat man fr&uuml;her gelernt und nie wieder &uuml;berpr&uuml;ft, sondern das tragen alle einfach un&uuml;berpr&uuml;ft weiter. Dieser Glaube verleiht &bdquo;Bild&ldquo; seine eigentliche Macht. Das hei&szlig;t f&uuml;r Kritiker wie mich: Wir m&uuml;ssen genau analysieren, wie m&auml;chtig &bdquo;Bild&ldquo; wirklich ist. Und da darf man nicht unter-, aber auch nicht &uuml;bertreiben. Sonst erliegt man selbst einem vertraut gewordenen Mythos.<\/p><p><strong>Umgekehrt: Es gibt immer noch beinahe 3 Millionen t&auml;gliche K&auml;ufer, also Konsumenten, denen &bdquo;Bild&ldquo; 60 Cent wert ist. Was macht aus Ihrer Sicht die Attraktivit&auml;t von &bdquo;Bild&ldquo; aus?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: &bdquo;Bild&ldquo; l&ouml;st Suchtverhalten aus, f&uuml;r die Leute, die nicht nachdenken, die sich nicht anstrengen wollen, die viel Unterhaltung wollen und ein bisschen mitbekommen, wor&uuml;ber die anderen Leute reden und reden sollen. &bdquo;Bild&ldquo; beansprucht, seinem Publikum alles auf simpelste Weise zu erkl&auml;ren. Und das glauben die Leute. Sie merken, es ist alles simpel. Leider merken noch zu wenige, dass das alles nichts mit Erkl&auml;rungen zu tun hat, sondern mit Ver-Bildung. &bdquo;Bild&ldquo; verstellt den Menschen den Weg zur Wirklichkeit, indem sie sich mit einfachen und oft diffamierenden Weltbildern dazwischenstellt. Das ist die totale Desinformation.&#8232;Und dieses Gesch&auml;ft wird vom Verlag mit h&ouml;chster Systematik betrieben. Es gibt eine vom Verlag selbst herausgegebene Analyse aus dem Jahr 1965 dar&uuml;ber, was &bdquo;Bild&ldquo; ist und sein will. Eine Analyse, die &uuml;brigens den Machern helfen soll, das Blatt bewusster und pr&auml;ziser zu konzipieren. Da hei&szlig;t es unter anderem: &bdquo;BILD verk&ouml;rpert f&uuml;r die Leser eine Instanz, die daf&uuml;r sorgt, da&szlig; alles mit rechten Dingen zugeht und der einzelne gegen&uuml;ber der gesellschaftlichen Apparatur nicht den K&uuml;rzeren zieht. In diesem Sinne ist &bdquo;Bild&ldquo; Berichter und Richter zugleich.&ldquo; Oder an einer anderen Stelle hei&szlig;t es, da&szlig; BILD teilweise eine Eltern-Rolle einnimmt und einnehmen will: &bdquo;Es ist also wichtig, da&szlig; diese Instanz BILD zwei Wesensz&uuml;ge vereint: m&auml;nnliche Autorit&auml;t und Durchsetzungskraft einerseits, m&uuml;tterliche F&uuml;rsorge und m&uuml;tterliches Verst&auml;ndnis andererseits.&ldquo;&#8232;&bdquo;Bild&ldquo; lenkt von der eigenen, vielleicht bedr&uuml;ckenden Wirklichkeit ab und entlastet von allem, weil an allem, was schlecht ist, die jeweils anderen schuld sind.<\/p><p>Und eine Attraktivit&auml;t besteht darin, dass &bdquo;Bild&ldquo; eine enorme Verst&auml;rkerfunktion wahrnimmt. Sie sp&uuml;rt Trends oft fr&uuml;her als andere auf, macht sie mit hohem Aufwand zum Thema, fasst sie in Worte und in Schlagzeilen. So macht &bdquo;Bild&ldquo; mit allen Mitteln Meinung: Personalisierung, Skandalisierung bis hin zur Hysterisierung. Auf diese Weise begegnet das Publikum wiederum Vertrautem aus dem eigenen Alltag. Das ist anziehend, denn so werden Menschen best&auml;tigt: Die &bdquo;Bild&ldquo; dr&uuml;ckt das, was sie selbst an Vorurteilen und Feindbildern im Kopf haben, so drastisch aus, wie sie es nie gekonnt h&auml;tten.<\/p><p>Wenn sich dieser Begriff nicht verbieten w&uuml;rde, so wird &bdquo;Bild&ldquo; bei ihnen fast zum Partner im Geiste.<\/p><p><strong>Vermag &bdquo;Bild&ldquo; noch zu polarisieren?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Es gibt seit Jahren einen Teil des Publikums, der sagt, &bdquo;Bild&ldquo; sei doch keine Gefahr, auch wenn sie beispielsweise an niedrige Instinkte appelliert und diese damit f&ouml;rdert, am Leben erh&auml;lt und adelt, so dass Leute, die so denken und f&uuml;hlen, sich best&auml;tigt f&uuml;hlen. Dieser Teil des Publikums sagt: Das nimmt doch niemand mehr ernst, und f&uuml;r mich ist &bdquo;Bild&ldquo; ein guter Comic. Diese Leute ziehen sich &bdquo;Bild&ldquo; und seine Schlagzeilen als pure Unterhaltung rein. In den Augen dieser Leute ist &bdquo;Bild&ldquo; auch gar nicht m&auml;chtig. Ich widerspreche dem. &bdquo;Bild&ldquo; ist gerade unter Diekmann wieder politischer geworden, versucht Stimmung zu machen und Menschen in einem bestimmten politischen Sinne zu beeinflussen. Nat&uuml;rlich gibt es Mischungen: Den Bericht &uuml;ber den Vorzeigeausl&auml;nder gibt es auch. Aber wer hat Thilo Sarrazin zu einer bestimmenden Figur gemacht: Das war &bdquo;Bild&ldquo;.<\/p><p><strong>Wie will man sich Sarrazins wegen &uuml;ber &bdquo;Bild&ldquo; aufregen, wenn zeitgleich eines der ehemaligen Flagschiffe einer kritischen &Ouml;ffentlichkeit, &bdquo;Der Spiegel&ldquo;, mit einem Sarrazin-Vorabdruck neben &bdquo;Bild&ldquo; in der ersten Reihe steht?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Ja, das ist richtig, &bdquo;Bild&ldquo; ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Der Schulterschluss &bdquo;Spiegel&ldquo; und Springer-Konzern wurde unter &bdquo;Spiegel&ldquo;-Chefredakteur Stefan Aust so richtig einge&uuml;bt. Und das hielt sich bis jetzt Ende Februar, als v&ouml;llig &uuml;berraschend ein doch recht kritischer &bdquo;Spiegel&ldquo;-Titel der &bdquo;Bild&ldquo;-Berichterstattung gewidmet war. Bis dahin wurde entweder kooperiert oder wenigstens Stillschweigen und Waffenstillstand gewahrt. Sie lasen im &bdquo;Spiegel&ldquo; und vielen anderen Medien kaum noch etwas Kritisches &uuml;ber &bdquo;Bild&ldquo;. Die wenigen Verlage, die inzwischen das Mediensystem in Deutschland beherrschen, tun sich nichts mehr. Oder sie paktieren und starten regelm&auml;&szlig;ig gemeinsame Kampagnen wie &bdquo;Bild&ldquo; und &bdquo;Burda&ldquo; &ndash; wie zur Zeit die monatelange Hetze und Vorverurteilungen im Kachelmann-Prozess. Das ist be&auml;ngstigend f&uuml;r die Pressefreiheit in Deutschland.<\/p><p><strong>&bdquo;Bild&ldquo; ist kein Outlaw mehr, sondern, im Gegenteil, in den vergangenen zehn Jahren sogar zum Leitmedium geworden. Das hei&szlig;t, andere Medien richten sich mehr denn je nach &bdquo;Bild&ldquo;, schauen, welche Themen sie aufgreift und wie sie diese behandelt. Teilen Sie diesen Befund? Und wenn ja: Wie erkl&auml;ren Sie sich das?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Ich denke, die Gesellschaft hat sich in Richtung Entpolitisierung bewegt. Das Ausma&szlig; an Desinformation und Nichtinformation hat be&auml;ngstigende Ausma&szlig;e angenommen. Und in einem solchen Klima werden aufkl&auml;rende Medien zu Outlaws, w&auml;hrend &bdquo;Bild&ldquo; sich darin wie ein Fisch im Wasser bewegen kann.<\/p><p><strong>Was empfehlen Sie: Wie soll man mit &bdquo;Bild&ldquo; 2011 umgehen? Deren inneren Zivilisierungsprozess f&ouml;rdern, also &bdquo;Bild&ldquo; so umgarnen und einbinden, wie &bdquo;Bild&ldquo; mit gro&szlig;em Erfolg seit einigen Jahren ehemalige Kritiker und Skeptiker umgarnt und einbindet? Ignorieren? Ernst nehmen und bek&auml;mpfen?<\/strong><\/p><p>WALLRAFF: Der Springer-Konzern selbst ist nicht mehr dieser monolithische Block wie einst. Es gibt &Uuml;berraschungen, Differenzierungen und Abweichungen. Es liegt nicht mehr eine Einheitsmeinung allen Springer-Bl&auml;ttern zugrunde.<\/p><p>Allerdings ist &bdquo;Bild&ldquo; unter diesem Chefredakteur mehr denn je aus einem Guss. Ein Blatt, das sich bei wichtigen Themen wie selbstverst&auml;ndlich von der bunten t&auml;glichen Wundert&uuml;te zum Kampfblatt verwandelt, das selten subtil und meist grobschl&auml;chtig seine Weltbilder durchsetzen will. Die Kampagne gegen Griechenland war so ein Beispiel.<br>\nSolange sie noch diesen Charakter hat, muss &bdquo;Bild&ldquo; st&auml;ndig beobachtet und analysiert werden, so wie dies der Bildblog mit seinen sehr begrenzten Ressourcen immer noch macht. Wenn st&auml;ndig auf diese manipulative Machart aufmerksam gemacht wird, dann kann man &bdquo;Bild&ldquo; in Schach halten und von Fall zu Fall bremsen. &bdquo;Bild&ldquo; ist ansonsten wie ein frei herumlaufender, therapieverweigernder Triebt&auml;ter, von dem man wei&szlig;: Der kann nicht anders, der ist gemeingef&auml;hrlich. Das ist unver&auml;ndert der Kern von &bdquo;Bild&ldquo;.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bild-studie.de\/bild-studie-der-obs\/interview_mit_wallraff.html\">&ldquo;BILD&rdquo; &ndash; Studie &ndash; Interview mit G&uuml;nter Wallraff<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Otto Brenner Stiftung (OBS) hat wieder einmal einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien geworfen. 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