{"id":90,"date":"2004-06-20T15:46:51","date_gmt":"2004-06-20T13:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=90"},"modified":"2016-03-29T18:24:09","modified_gmt":"2016-03-29T16:24:09","slug":"lohnt-es-sich-die-spd-zu-ruinieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90","title":{"rendered":"Lohnt es sich, die SPD zu ruinieren?"},"content":{"rendered":"<p>Von Albrecht M&uuml;ller. S&uuml;ddeutsche Zeitung &ndash; Au&szlig;enansicht.<br>\n<!--more--><br>\nZwei Tage nach dem verheerenden Wahldebakel vom vergangenen Sonntag war der Bundeskanzler zu Gast beim Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Stimmung war besser als am Wahlabend. Beim BDI wurde Gerhard Schr&ouml;der f&uuml;r seinen Reformkurs gelobt und er versprach, ihn beizubehalten. Der Vorgang ist in zweierlei Hinsicht symptomatisch: <\/p><p>Zum einen konnte man sehen, dass die Gef&uuml;hlswelt der Sozialdemokraten dem sozialdemokratischen Bundeskanzler ziemlich gleichg&uuml;ltig ist. Tausende noch immer aktive Genossen sind bei den Wahlen wegen Schr&ouml;ders &bdquo;Reformpolitik&ldquo; abgestraft worden. Und der Bundeskanzler geht zwei Tage sp&auml;ter zum BDI und l&auml;sst sich loben und feiern. Es ist nicht zu verstehen, wie man als sozialdemokratischer Bundeskanzler den Niedergang der eigenen Partei so sehenden Auges hinnehmen kann. Es ist vor allem deshalb ein R&auml;tsel, weil er ja wissen muss, dass in der bundesrepublikanischen Verfassung Bundeskanzler nicht wieder werden kann, wer den R&uuml;ckhalt der eigenen Partei nicht mehr hat, weil es diese Partei als potente mehrheitsf&auml;hige Partei nicht mehr gibt. <\/p><p>Auf der BDI-Veranstaltung wurde zum anderen das partei&uuml;bergreifende Zusammenspiel der meinungsf&uuml;hrenden Eliten von Wirtschaft, Politik und Medien sichtbar, die sich in einer grunds&auml;tzlichen Auseinandersetzung mit dem Volk sehen und dies auch artikulieren. <\/p><p>Diese Eliten wollen strukturelle Reformen, die Teil-Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme, sie wollen Entstaatlichung und Deregulierung und im Kern den Systemwechsel. In Schr&ouml;ders Agenda 2010 sehen sie nur den Anfang; der Bundeskanzler sieht das &auml;hnlich. Aber das Volk ist bockbeinig, will das nicht einsehen, h&auml;ngt an sozialer Sicherung und vertraut immer noch auf Staat und &ouml;ffentliche Leistungen. Im Kern geht es um die Frage, ob wir bei unserem einigerma&szlig;en sozialstaatlichen Modell, das Helmut Schmidt und die SPD 1976 das &bdquo;Modell Deutschland&ldquo; genannt hat, bleiben, oder ob wir zu einer Variante des Thatcherismus wechseln. <\/p><p>Die Neigung der Mehrheit unseres Volkes zur Sozialstaatlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch verschiedene Meinungserhebungen von den siebziger Jahren bis heute. Die Gr&uuml;ndung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, heute eine professionell und finanziell gut ausgestattete Agitationseinheit der Arbeitgeberverb&auml;nde, geht auf eine solche Umfrage von 1999 zur&uuml;ck. Damals waren die Metall- und Elektroarbeitgeber &uuml;berrascht davon, dass die Mehrheit der Befragten die soziale Absicherung als besonders sympathisches Merkmal der sozialen Marktwirtschaft ansahen, dass 42 Prozent einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus f&uuml;r wichtig hielten und nur 34 Prozent dies nicht so sahen. <\/p><p>Die Arbeitgeber waren schockiert. Damals haben sie beschlossen, dem Volk den Kopf zu waschen. In Gerhard Schr&ouml;der haben sie neben CDU, CSU, FDP und vielen Gr&uuml;nen den wichtigsten Verb&uuml;ndeten gefunden. Der Bundeskanzler sagt dem Sinne nach: Ich stehe hier und kann nicht anders, ich denke nicht an Kurskorrektur,&hellip; und er ist offenbar bereit, die Mehrheits- und Zukunftsf&auml;higkeit seiner Partei der Zukunftsf&auml;higkeit unseres Landes, wie er meint, zu opfern. Das mag man ehrenwert finden. Aber ist das sinnvoll und notwendig? Und ist unser Land wirklich zukunftsf&auml;higer, wenn wir unser Modell der sozialen Marktwirtschaft aufgeben? <\/p><p>Die Mehrheit der Menschen wollen diese Politik bisher nicht. Warum macht sich der Bundeskanzler nicht zum F&uuml;rsprecher dieser der sozialen Sicherung zuneigenden Mehrheit? Warum wirbt er bei den lauten und artikulationsf&auml;higen Eliten, bei den Medien, den Unternehmern und bei den Parteien im Bundestag nicht f&uuml;r die Meinung dieser entt&auml;uschten, schweigsamen und sich von der politischen Beteiligung verabschiedenden Mehrheit? Warum schl&auml;gt er sich auf die Seite der Meinungsf&uuml;hrungselite, wozu ja nicht einmal die gro&szlig;e Zahl von Unternehmern geh&ouml;rt, die sehr wohl sehen, dass unser Modell einschlie&szlig;lich der Rechte von Arbeitnehmern eine wichtige St&uuml;tze unserer Produktivit&auml;t und Exportf&auml;higkeit ist? <\/p><p>Der Durchmarsch der Eliten gegen die W&uuml;nsche der breiten Schichten w&auml;re ja gerade noch akzeptabel und auch die Ruinierung der SPD m&uuml;sste man wohl hinnehmen, wenn die Reformpolitik, wenn das Ziel und der Weg dorthin sachlich berechtigt und schl&uuml;ssig w&auml;ren. Wenn sie im Interesse des Landes l&auml;ge, wie der Bundeskanzler betont. Oder wenn hier Zukunftsinteressen gegen eine starke Lobby f&uuml;r Gegenwartsinteressen durchgesetzt werden m&uuml;ssten, wie der SPD-Vorsitzende meint. <\/p><p>Was haben wir nicht schon alles an Reformen &uuml;ber uns ergehen lassen: die &Auml;nderung der Ladenschlusszeiten, die Streichung der Verm&ouml;genssteuer und die Senkung des Spitzensteuersatzes, die Riesterrente, die Praxisgeb&uuml;hren und die sogenannten Hartz&rsquo;schen Reformen. Vor gut einem Jahr habe ich erkl&auml;rt, die Agenda 2010 w&uuml;rde uns wirtschaftlich nicht auf die Beine helfen. So ist es gekommen. Hartz habe sich nur als allzu kurzes Bet&auml;ubungsmittel erwiesen, schrieb der Kommentator eines der Wirtschaft nahestehenden Blattes Anfang Mai. Aber solche Einsichten sind gleich wieder vergessen. Unsere Meinungsf&uuml;hrer sind erfahrungsresistent. Sie sind wie Drogenabh&auml;ngige, sie wollen die Dosis erh&ouml;hen statt nachzudenken. Sie sind Gefangene der fixen Idee, &bdquo;Strukturreformen&ldquo; k&ouml;nnten uns weiterbringen. Einige wissen sehr wohl, was sie wollen. Andere sind Opfer von Denkfehlern und Legenden, die Opfer der Reforml&uuml;ge. <\/p><p>Die Medien sagen, eine Kurskorrektur w&auml;re dem Bundeskanzler nicht m&ouml;glich. Er w&uuml;rde alle vor den Kopf sto&szlig;en. Ich bestreite nicht, dass dies schwer f&uuml;r ihn sein wird. Aber er hat keine andere Wahl. Die jetzt gew&auml;hlte Alternative ist noch um vieles schlimmer: der weitere Niedergang des Landes, neue Verluste f&uuml;r die SPD, Zweidrittelmehrheit f&uuml;r die Union nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen in 2005. Der Trost, den die SPD-F&uuml;hrer verbreiten, schmeckt fad: Es w&uuml;rde sich noch zeigen, dass die Agenda 2010 auch den &bdquo;kleinen Leuten&ldquo; zugute k&auml;me. Das ist fadenscheinig. Denn von einem Systemwechsel wird die Mehrheit unseres Volkes nicht profitieren und die Schw&auml;cheren unter uns sowieso nicht. Sie sch&auml;tzen und wissen bisher mit Recht, was sie an sozialen und solidarischen L&ouml;sungen zur Absicherung vor den Risiken unseres Lebens haben. Sie wissen anders als die meinungsf&uuml;hrenden Eliten, dass es nicht stimmt, dass jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied ist. <\/p><p>Dass der BDI die Reformpolitik Gerhard Schr&ouml;ders unterst&uuml;tzt und ihn ermuntert, so weiterzumachen, das ist verst&auml;ndlich. Wer einen Systemwechsel in Deutschland will, wer an die Fundamente der Sozialstaatlichkeit heran will, ist auch so clever zu wissen, dass man das am allerbesten durch Sozialdemokraten besorgen l&auml;sst. Ich bewundere die strategische F&auml;higkeit dieser Wirtschaftsf&uuml;hrer. Sie lassen die Sozialdemokraten das Bett bereiten, in dem sie sich dann mit der Union so richtig zu suhlen gedenken. Ausgesprochen traurig ist es, dass die SPD-F&uuml;hrung dieses Spiel nicht durchschaut. <\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Albrecht M&uuml;ller. 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