{"id":900,"date":"2005-10-09T12:10:08","date_gmt":"2005-10-09T10:10:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=900"},"modified":"2016-03-03T11:20:17","modified_gmt":"2016-03-03T10:20:17","slug":"medienmanipulation-auf-amerikanisch-al-gore-sieht-im-niedergang-der-medien-und-des-offentlichen-diskurses-eine-bedrohung-fur-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=900","title":{"rendered":"Medienmanipulation auf amerikanisch. Al Gore sieht im Niedergang der Medien und des \u00f6ffentlichen Diskurses eine Bedrohung f\u00fcr die Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Es sei etwas grunds&auml;tzlich und schrecklich schief gelaufen, auf dem Weg, wie der einstmals ger&uuml;hmte &bdquo;Marktplatz der Ideen&ldquo; heutzutage in Amerika funktioniere. Das sagte Albert Arnold Gore Jr. in einer Rede am 5. Oktober 2005, die von Associated Press verbreitet wurde.<br>\nEs ist hoch interessant, wie offen in den USA Medienkritik ge&uuml;bt werden kann, ohne dass das Medienimperium zur&uuml;ckschl&auml;gt. Oder ist schon eine Situation eingetreten, wo die Macht der Medien in Amerika inzwischen so gro&szlig; ist, dass die Kritik daran einfach abprallt.<br>\n<!--more--><br>\nAl Gore war w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaft Clintons dessen Vizepr&auml;sident und unterlag als Pr&auml;sidentschaftskandidat der &bdquo;Demokraten&ldquo; im Jahre 2000 dem &bdquo;Republikaner&ldquo; George W. Bush. <\/p><p>Die gro&szlig;e von den amerikanischen Gr&uuml;nderv&auml;tern begr&uuml;ndete Tradition der &bdquo;Herrschaft der Vernunft&ldquo; auf der Grundlage der &bdquo;Herrschaft des Rechts&ldquo; sei in Amerika verloren gegangen. Der Niedergang der &bdquo;&ouml;ffentlichen Sph&auml;re&ldquo; bzw. des &bdquo;&ouml;ffentlichen Forums&ldquo; sei urs&auml;chlich f&uuml;r den Verlust eines kollektiven vern&uuml;nftigen Abw&auml;gens von Alternativen, welche die Nation gemeinsam zu diskutieren und zu entscheiden habe, um einen gemeinsam getragenen Konsens, &bdquo;a general agreement&ldquo; zu finden.<br>\nAls ein Beispiel f&uuml;r den Verlust an Rationalit&auml;t in der Gesellschaft nennt Gore die Tatsache, dass dreiviertel der Amerikaner der Meinung waren, dass Saddam Hussein f&uuml;r den Angriff vom 11. September 2001 auf die Twin-Towers in New York verantwortlich war und dass sogar noch vier Jahre sp&auml;ter ein Drittel bis zur H&auml;lfte der Amerikaner das immer noch glaubten. <\/p><p>Die gegenw&auml;rtige Regierung tue alles nur erdenkliche, bis hin zum Kauf von Journalisten um die gro&szlig;en Nachrichtenvermittler von PBS zu CBS bis Newsweek auf sich einzuschw&ouml;ren und Kritiker auszuschalten. Unter anderen vor allem auch aus diesen Gr&uuml;nden sei die US-Presse in einer vergleichenden internationalen Studie &uuml;ber die Pressefreiheit nur auf Platz 27 gelandet. <\/p><p>Statt des freien und ungehinderten Zugangs der B&uuml;rger zum nationalen Diskurs in fr&uuml;heren Zeiten &uuml;ber das gedruckte Wort, entm&uuml;ndige das Fernsehen heutzutage die Bev&ouml;lkerung. Das Zeitalter des gedruckten Wortes sei jedoch unumkehrbar im Niedergang. Die Republik der B&uuml;cher und Zeitungen sei durch das Fernsehen unterwandert und besetzt worden. Heute gelte:&bdquo;If it&rsquo;s not on television, it doesn&rsquo;t exist.&rdquo; Das Fernsehen dominiere den Informationsaustausch im modernen Amerika. Die Amerikaner schauten derzeit durchschnittlich 4 Stunden und 28 Minuten in die Glotze, die Jugendlichen eher noch mehr. Das sei mehr als dreiviertel der frei verf&uuml;gbaren Zeit der Menschen. <\/p><p>Die Fernsehketten seien dem einzelnen B&uuml;rger nicht nur verschlossen, sondern an seinen Ideen und Vorstellungen auch g&auml;nzlich uninteressiert. Rundfunk und Satellitenfernsehen seien von ganz wenigen beherrscht und es gebe keine Vielfalt und keinen Austausch der Meinungen im Fernsehen mehr. Gore zitiert den deutschen Sozialphilosophen J&uuml;rgen Habermas, der diese Entwicklung eine &bdquo;Refeudalisierung der &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; genannt habe. <\/p><p>Der professionelle Journalismus habe sich in ein &ldquo;News Business&rdquo;, d.h. zu einer Medienindustrie verwandelt, die von wenigen Gro&szlig;unternehmen beherrscht werde.<br>\nDie Nachrichtenredaktionen, die fr&uuml;her dem &ouml;ffentlichen Interesse dienten, w&uuml;rden inzwischen als Profit-Centers betrachtet, die der Gewinnerzielung dienten. Die Informationsredaktionen h&auml;tten weniger Reporter, weniger Stoff und Geschichten, kleinere Budgets, weniger Reisem&ouml;glichkeiten, weniger B&uuml;ros, weniger unabh&auml;ngige Entscheidungs- und Beurteilungsm&ouml;glichkeiten und st&uuml;nden in weitgehender Abh&auml;ngigkeit vom Management und von regierungsamtlichen Quellen. Und das obwohl die heutige Journalistengeneration die am besten ausgebildete und f&auml;higste sei. Aber es sei ihnen nicht erlaubt, ihren Job so zu machen, wie sie ihn gelernt habe. Die journalistische Profession verkomme zur Skandalisierung, zu Selbstinszenierung, zur fiktionalen Darstellung, zur Boulevardisierung von Mainstream-Nachrichten. Kurz: Im Fernsehen gebe es keinen Austausch der Ideen mehr. Die Leitlinie der meisten lokalen Fernsehnachrichten sei, &ldquo;if it bleeds, it leads&ldquo; und manche erg&auml;nzten sogar, &ldquo;If it thinks, it stinks.&rdquo; <\/p><p>Der Hauptzweck der Nachrichtensendungen sei nicht mehr, die amerikanische Bev&ouml;lkerung zu informieren oder dem &ouml;ffentlichen Interesse zu dienen, sondern dass die Augen der Zuschauer auf der Mattscheibe kleben bleiben, um die Einschaltquote zu erh&ouml;hen, und das allein deswegen, um Werbung zu verkaufen.<br>\nWichtige Themen, wie Klimakrise, die katastrophale Haushaltslage, die Aush&ouml;hlung der industriellen Basis der USA und viele andere ernsthafte Probleme k&auml;men im Fernsehen nicht vor. <\/p><p>Die Unterwerfung der Nachrichten unter die Unterhaltung gef&auml;hrde die Demokratie: Dies f&uuml;hre zu einem fehlgeleiteten Journalismus, der sich an dem Ziel, die Menschen zu informieren, vers&uuml;ndige. Und wenn die Menschen nicht mehr informiert seinen, k&ouml;nnten sie auch die Regierung nicht mehr zu Verantwortung ziehen, etwa wenn sie unf&auml;hig, korrupt oder gar beides sei. Al Gore ist der Meinung &ndash; die nach seiner Ansicht viele mit ihm teilen &ndash; dass Amerikas Demokratie in Gefahr sei. <\/p><p>Einer der wenigen verbliebenen L&uuml;cken, die f&uuml;r die Verbreitung von politischen Themen im Fernsehen noch &uuml;brig geblieben seien, das seien kommerzielle 30-Sekunden-Wahlwerbespots. Diese kurzen Werbeeinblendungen seien inzwischen zur wichtigsten Form der Kommunikation zwischen den Politikern und ihren W&auml;hlern geworden. Das Ergebnis sei, dass die gew&auml;hlten Politiker inzwischen die meiste Zeit damit zubringen, dass sie Spenden von Interessengruppen f&uuml;r solche Werbesendungen f&uuml;r die n&auml;chste Wahlkampagne einsammelten. Das sei im &uuml;brigen auch der Grund, warum die Wahlkomitees inzwischen vor allem solche Kandidaten suchten, die Multi-Million&auml;re seien und die sich solche mediale Unterst&uuml;tzung aus ihrem eigenen Verm&ouml;gen bezahlen k&ouml;nnten. Das sei auch eine der Ursachen, warum sich der Kongress mehr und mehr mit Reichen auff&uuml;lle.<br>\n(Anmerkung AM: &Uuml;ber den Wettbewerbsvorteil der Reichen und der von Reichen finanzierten Kandidaten klagte der unabh&auml;ngige Gegenkandidat von Reagan schon nach der Pr&auml;sidentschaftswahl von 1980 in einem Gespr&auml;ch mit deutschem Journalisten und Begleitern des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Washington. Die damalige Kampagne war von privat finanzierten Fernsehspots Reagans f&ouml;rmlich zugedeckt worden.) <\/p><p>Um dieser &bdquo;Bedrohung der Demokratie&ldquo; Einhalt zu gebieten, sollten beide amerikanischen Parteien darauf dr&auml;ngen, der Herrschaft der Vernunft wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Man m&uuml;sse z.B. einerseits aufh&ouml;ren solide wissenschaftliche Erkenntnisse zu ignorieren und andererseits die Wissenschaft f&uuml;r politische Zwecke zu missbrauchen. Man m&uuml;sse darauf bestehen, dass ein Ende gemacht werde mit dem zynischen Missbrauch von Pseudostudien, die wissend, dass sie falsch sind, nur dem Zweck dienten, die F&auml;higkeit der &Ouml;ffentlichkeit zu unterdr&uuml;cken, die Wahrheit zu erkennen. <\/p><p>Seine Hoffnung f&uuml;r ein Wiedererstarken der &bdquo;Herrschaft der Vernunft&ldquo; setzt Al Gore auf das Internet, sofern es nicht gleichfalls wieder nur zur &Uuml;bertragung von kommerziellen Videos oder zur zeitlichen Anpassung des Fernsehkonsums an individuellen Fernsehgewohnheiten missbraucht werde.<br>\nUm dieser Fehlentwicklung zu begegnen, sei es das wichtigste, dass das Internet als &bdquo;Medium einer demokratischen Zukunft&ldquo; sich zu einem Katalysator f&uuml;r einen offenen und freien Markt der Ideen entwickle, den die Gr&uuml;nderv&auml;ter der USA als grundlegend f&uuml;r die Aufrechterhaltung der Freiheit erkannt h&auml;tten. <\/p><p>Vielleicht sollten wir Al Gore die Mitherausgeberschaft bei den NachDenkSeiten anbieten. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.tpmcafe.com\/story\/2005\/10\/5\/14301\/6133\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.tpmcafe.com\/story\/2005\/10\/5\/14301\/6133\">TPM CAFE<\/a><\/p><p><strong>Nachtrag AM:<\/strong><br>\nIm Zusammenhang mit diesem interessanten Thema weise ich noch auf zwei andere Medienereignisse hin: <\/p><p>1. Auf ein interessantes Buch: Robert W. McChesney, Rich Media Poor Democray, Communication Politics in dubious Times, 1999 <\/p><p>2. Auf eine einschl&auml;gige Sendung im Deutschlandfunk von vor gut zwei Jahren, die ein St&uuml;ck weit auch auf dem erw&auml;hnten Buch und Gespr&auml;chen mit dem Autor aufbaut. Hier die Angaben und der Link: <\/p><p>01.04.2003 &middot; 00:00 Uhr<br>\nReiche Medien &ndash; Arme Demokratie<br>\nEine Reise in die US-amerikanische Medienwelt<br>\nElise Fried und Peter Kreysler<\/p><p>Nach den Ereignissen des 11. September und der folgenden Woge patriotischer Berichterstattung anstelle sachlicher Aufkl&auml;rung fragen sich auch in den USA viele, wie es zu dem rapiden Qualit&auml;ts-Verfall bei den heimischen Medien kommen konnte. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.mip.at\/de\/dokumente\/1075-content.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.mip.at\/de\/dokumente\/1075-content.html\">museum in progress<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sei etwas grunds&auml;tzlich und schrecklich schief gelaufen, auf dem Weg, wie der einstmals ger&uuml;hmte &bdquo;Marktplatz der Ideen&ldquo; heutzutage in Amerika funktioniere. Das sagte Albert Arnold Gore Jr. in einer Rede am 5. Oktober 2005, die von Associated Press verbreitet wurde.<br \/> Es ist hoch interessant, wie offen in den USA Medienkritik ge&uuml;bt werden kann, ohne<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=900\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,41,174],"tags":[1753,244],"class_list":["post-900","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-medienanalyse","category-usa","tag-gore-al","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/900","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=900"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/900\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31782,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/900\/revisions\/31782"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=900"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=900"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}