{"id":90007,"date":"2022-11-06T11:45:12","date_gmt":"2022-11-06T10:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90007"},"modified":"2022-11-06T12:27:03","modified_gmt":"2022-11-06T11:27:03","slug":"opec-fuer-lithium-lateinamerika-diskutiert-regionale-strategie-fuer-die-lithiumproduktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90007","title":{"rendered":"\u201eOPEC f\u00fcr Lithium\u201c &#8211; Lateinamerika diskutiert regionale Strategie f\u00fcr die Lithiumproduktion"},"content":{"rendered":"<p>Allein Argentinien, Bolivien und Chile verf&uuml;gen &uuml;ber rund 65 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen. Die politische &Uuml;bereinstimmung zwischen den Regierungen der drei L&auml;nder und der gemeinsame Horizont des Wachstums der Lithiumproduktion haben regionale Koordinierungsinitiativen rund um das Mineral, das f&uuml;r die Energiewende von zentraler Bedeutung ist, wiederbelebt. Derzeit konzentrieren sich die Gespr&auml;che auf das gemeinsame Lernen in geologischen, regulatorischen und wissenschaftlichen Aspekten. Daran wird sich auch Mexiko beteiligen. Von <strong>Javier Lewkowicz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie politische &Uuml;bereinstimmung zwischen den Regierungen Argentiniens, Chiles und Boliviens und der gemeinsame Horizont des Wachstums der Lithiumproduktion haben regionale Koordinierungsinitiativen rund um das Mineral, das f&uuml;r die Energiewende von zentraler Bedeutung ist, wiederbelebt. Derzeit konzentrieren sich die Gespr&auml;che auf das gemeinsame Lernen in geologischen, regulatorischen und wissenschaftlichen Aspekten. Daran wird sich auch Mexiko beteiligen.<\/p><p>Auf dem letzten Amerika-Gipfel, der in den USA stattfand, haben der argentinische Pr&auml;sident Alberto Fern&aacute;ndez und sein chilenischer Amtskollege Gabriel Boric die &bdquo;Binationale Arbeitsgruppe f&uuml;r Lithium und Salare (Salztonebene)&ldquo; ins Leben gerufen, die bereits ihre erste Sitzung mit Beh&ouml;rdenvertretern beider L&auml;nder abgehalten hat. Dar&uuml;ber hinaus ist Argentinien im Gespr&auml;ch mit dem staatlichen bolivianischen Lithiumunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB), w&auml;hrend Mexiko, das sich noch in einem fr&uuml;hen Stadium der Entwicklung in diesem Bereich befindet, mit Bolivien in Kontakt steht.<\/p><p>&bdquo;Zwischen Argentinien, Chile und Bolivien versuchen wir herauszufinden, wie wir einen gemeinsamen regionalen Ansatz f&uuml;r Lithium zu finden. Gesucht wird nach einer gemeinsamen Agenda f&uuml;r die Entwicklung der Strategie in dem Bereich, um die Umwelt zu sch&uuml;tzen und die Industrialisierung zu f&ouml;rdern&ldquo;, erkl&auml;rte Roberto Salvarezza gegen&uuml;ber Di&aacute;logo Chino. Salvarezza ist Pr&auml;sident von Y-TEC, dem argentinischen Staatsunternehmen, das sich um die Entwicklung einer Lithiumbatterie mit einer starken nationalen Komponente bem&uuml;ht.<\/p><p>Der regionale Dialog &uuml;ber Lithium wird durch die privilegierten nat&uuml;rlichen Bedingungen der L&auml;nder in Bezug auf die verf&uuml;gbaren Reserven sowie durch den Stand und die Perspektiven der Energiewende angeschoben.<\/p><p>Auf der einen Seite entfallen auf die Salare Argentiniens, Boliviens und Chiles etwa 65 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen. Auf der anderen Seite ist der Transportsektor f&uuml;r rund ein Viertel der Treibhausgasemissionen verantwortlich, und die Abkehr vom Verbrennungsmotor zugunsten von Elektrofahrzeugen, bei denen die Lithiumbatterie als Energiespeicher dient, ist einer der Eckpfeiler der Energiewende.<\/p><p><strong>h4Lernprozess<\/strong><\/p><p>Gonzalo Guti&eacute;rrez, Forscher an der Universit&auml;t von Chile und einer der wichtigsten Berater der Regierung Boric in Sachen Lithium, erkl&auml;rte, dass die Regierung einen &bdquo;neuen institutionellen Rahmen&ldquo; f&uuml;r die Lithiumproduktion entwickeln will. Daf&uuml;r will sie Vorschriften &auml;ndern um die Rolle des Staates zu st&auml;rken und die in der N&auml;he der Salare lebenden indigenen Gemeinschaften einzubeziehen.<\/p><p>Hinzu kommt die Absicht, ein nationales Lithiumunternehmen zu gr&uuml;nden, eines der Wahlversprechen der Regierung Boric. Das Unternehmen werde vertikal organisiert sein und die Aktivit&auml;ten von der Exploration und dem Abbau des Minerals bis hin zur Produktion umfassen, so Guti&eacute;rrez. Der Prozess wird jedoch nicht einfach sein und erfordere einen Lernprozess auf Seiten des Staates.<\/p><p>&bdquo;Manchmal glauben wir, dass wir &uuml;ber das Lithium Bescheid wissen, aber in Wirklichkeit wissen wir nicht, was wir haben. Es besteht eine gro&szlig;e Asymmetrie bei der Information, wenn es darum geht, mit den Unternehmen zu sprechen&ldquo;, sagte Guti&eacute;rrez.<\/p><p>Mit Schwerpunkt auf der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit fanden im Juni und August die ersten Sitzungen der bi-nationalen Arbeitsgruppe f&uuml;r Lithium und Salare statt, an der staatliche Vertreter aus Argentinien und Chile teilnahmen.<\/p><p>&bdquo;Wir erkunden gemeinsame Themen f&uuml;r einen Lernprozess. Diese Beziehung k&ouml;nnte mittelfristig dazu dienen, ein besseres Verst&auml;ndnis der angemessenen royalty, der Umweltproblematik und der Wertsch&ouml;pfung rund um Lithium zu schaffen&ldquo;, so Gutierrez.<\/p><p><strong>Regionale Strategie: Eine &bdquo;Opec&ldquo; f&uuml;r Lithium?<\/strong><\/p><p>Die drei L&auml;nder, die das so genannte Lithiumdreieck bilden (Argentinien, Bolivien und Chile), haben sehr unterschiedliche Entwicklungen in Bezug auf die jeweilige Rechtsstruktur, die bisherige Produktion und wissenschaftliche Entwicklung bei der Gewinnung des Minerals durchlaufen.<\/p><p>Au&szlig;erdem ist sein Anteil an der Lithiumproduktion deutlich geringer als die gesch&auml;tzten verf&uuml;gbaren Ressourcen. Auf Argentinien entfallen sch&auml;tzungsweise 8 und auf Chile 22 Prozent der Weltproduktion, mit jeweils zwei gro&szlig;en Betrieben in beiden L&auml;ndern. In Bolivien gibt es noch keine industrielle Produktion von Lithiumverbindungen.<\/p><p>In Argentinien f&auml;llt Lithium in den rechtlichen Rahmen, der die Bergbaut&auml;tigkeit im Allgemeinen regelt und vor allem darauf abzielt, private Investitionen zu gewinnen. Im Gegensatz dazu gelten in Chile f&uuml;r Lithium besondere Regeln, da der Staat meist Eigent&uuml;mer der Konzessionen ist, die jedoch im Rahmen von Ausschreibungen von privaten Unternehmen betrieben werden. In Bolivien ist Lithium ebenfalls eine strategische Ressource, und der Staat kontrolliert den Besitz, den Zugang, die Exploration, den Abbau und die Produktion des Minerals.<\/p><p>Aufgrund dieser unterschiedlichen Ausgangslage meint Mart&iacute;n Obaya, Forscher am Conicet und der Universit&auml;t San Mart&iacute;n, es sei sehr unwahrscheinlich, dass eine &bdquo;Lithium-Opec&ldquo;, das hei&szlig;t ein internationales Kartell, das in die Angebotsbedingungen eingreift, zustande kommt.<\/p><p>Die Organisation erd&ouml;lexportierender L&auml;nder (Opec) ist eine von den Vereinten Nationen anerkannte Organisation, der 13 L&auml;nder angeh&ouml;ren, die zusammen &uuml;ber 80,4 Prozent der weltweiten &Ouml;lreserven verf&uuml;gen.<\/p><p>Obaya f&uuml;hrt aus, dass der Anteil Argentiniens, Boliviens und Chiles an der weltweiten Lithiumproduktion im Vergleich zu 2011 zur&uuml;ckgegangen ist, da andere L&auml;nder bei der Exploration schneller vorankommen, allerdings zu h&ouml;heren Kosten. Zu diesen Schwierigkeiten f&uuml;r eine Art Opec kommt das unterschiedliche Lithium-Management durch die drei s&uuml;damerikanischen L&auml;nder hinzu.<\/p><p>&bdquo;Die Regulierungssysteme sind sehr unterschiedlich und insbesondere in Argentinien sind die Eingriffsm&ouml;glichkeiten begrenzt. Ich glaube nicht, dass die politischen, regulatorischen und Marktbedingungen gegeben sind, um an eine Lithium-Opec zu denken&ldquo;, unterstreicht Obaya.<\/p><p><strong>Die Rolle in der Lithium-Wertsch&ouml;pfungskette<\/strong><\/p><p>Zwar wurden in letzter Zeit mehrere Investitionen in die Lithiumproduktion in Argentinien angek&uuml;ndigt, doch sind bisher nur zwei Projekte in Betrieb: eines von der US-Firma Livent im Salar del Hombre Muerto, Catamarca, und das andere von Sales de Jujuy im Salar de Olaroz, das von der australischen Firma Orocobre in Partnerschaft mit der japanischen Firma Toyota Tsusho und dem Provinzunternehmen Jemse betrieben wird. Beide befinden sich in einem Expansionsprozess.<\/p><p>Das Projekt Minera Exar, das sich im Besitz des kanadischen Unternehmens Lithium Americas und des chinesischen Unternehmens Jiangxi Ganfeng Lithium befindet und an dem Jemse eine Minderheitsbeteiligung h&auml;lt, soll in naher Zukunft in dem Salar Cauchari-Olaroz in Betrieb gehen.<\/p><p>In Argentinien liegt die Kontrolle &uuml;ber die Produktion von Prim&auml;rprodukten und die Salare in den H&auml;nden der Privatunternehmen, wobei die Provinzen und die nationale Regierung durch die Erhebung von Steuern und Abgaben beteiligt sind. Aus diesem Grund ist der Lithium-Forscher Bruno Fornillo der Ansicht, dass Argentinien das Land sein k&ouml;nnte, das eine st&auml;rkere regionale Verflechtung am meisten behindert.<\/p><p>&bdquo;Die Grundlage f&uuml;r die Koordinierung der Strategien ist die &ouml;ffentliche, staatliche und gesellschaftliche Kontrolle der Lithiumreserven und der Prim&auml;rproduktion. Man kann nicht etwas verwalten, wor&uuml;ber man keine Kontrolle hat&ldquo;, f&uuml;gte er hinzu.<\/p><p>Obwohl der argentinische Staat keine direkte Kontrolle &uuml;ber das Mineral hat, besteht eine seiner Verpflichtungen in der Lithium-Wertsch&ouml;pfungskette voranzukommen, entsprechend der nationalen Industrietradition und dem hohen Grad an wissenschaftlicher Entwicklung auf Laborebene.<\/p><p>&bdquo;Das Land ist in der Lage, Lithium-Batteriezellen herzustellen, die als Energiespeicher in Solarparks eingesetzt werden k&ouml;nnten. Wir wollen, dass Lithiumkarbonat im Lande industrialisiert wird. In diesem Sinne werden Erfahrungen mit Bolivien ausgetauscht, das sich ebenfalls auf die Wertsch&ouml;pfung konzentriert&ldquo;, sagt Salvarezza.<\/p><p>F&uuml;r Juan Carlos Montenegro, ehemaliger Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Unternehmens Yacimientos del Litio Bolivianos, m&uuml;ssen die Beziehungen zwischen den L&auml;ndern gest&auml;rkt werden, um die Alternativen der Integration zu erkunden. &bdquo;In den letzten Jahren sind mehr T&uuml;ren offen f&uuml;r solche Initiativen. Integration ist entscheidend wichtig, um zu diskutieren, welche Rolle wir bei der Bew&auml;ltigung der Energiewende spielen wollen&ldquo;, sagte er.<\/p><p>Bolivien verf&uuml;gt bereits &uuml;ber eine Batterieanlage im Laborma&szlig;stab. Montenegro weist darauf hin, dass f&uuml;r eine marktf&auml;hige Produktion die Versorgung mit anderen Metallen wie Nickel, Mangan oder Kobalt erforderlich ist und dabei die Integration mit anderen L&auml;ndern der Region ein Muss zu sein scheint.<\/p><p>Der ehemalige Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des staatlichen bolivianischen Lithiumunternehmens ist der Ansicht, dass der Wettbewerb auf dem globalen Batteriemarkt zwar weit &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten der Region hinausgeht. Ein m&ouml;gliches Ziel f&uuml;r die lokale Produktion k&ouml;nnten jedoch Energiespeicherprojekte f&uuml;r l&auml;ndliche Gemeinden sein, die nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen sind, sein.<\/p><p>Das andere lateinamerikanisches Land, das sich als potenzieller Akteur auf dem Lithiummarkt herauskristallisiert, ist Mexiko. Dessen Regierung unter Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador hat k&uuml;rzlich einen Schritt in Richtung staatlicher Intervention bei der Kontrolle der Salare unternommen.<\/p><p>&bdquo;Es handelt sich um ein Gesetz zur Herstellung von Souver&auml;nit&auml;t, denn es erlaubt dem Staat mehr Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Salare&ldquo;, sagt Alfredo Jalife-Rahme, ein mexikanischer politischer Analyst. Er weist jedoch darauf hin, dass &bdquo;der Staat weder &uuml;ber die Technologie f&uuml;r die Gewinnung noch &uuml;ber die Finanzierungsm&ouml;glichkeiten zur Durchf&uuml;hrung solcher Projekte verf&uuml;gt&ldquo;.<\/p><p>Jalife-Rahme hebt die guten Beziehungen zwischen der mexikanischen und der bolivianischen Regierung und den bilateralen Austausch &uuml;ber Lithium hervor und unterstreicht das geopolitische Dilemma, in dem sich Mexiko befindet: China ist der wichtigste Vertragspartner bei den Konzessionen zur Lithiumexploration in der Region Sonora, auf der anderen Seite das Spannungsfeld der traditionell bestehenden Beziehungen zu den USA.<\/p><p><em>Javier Lewkowicz ist ein Journalist aus Argentinien mit Schwerpunktthemen China und Umwelt. Er schreibt u.a. f&uuml;r P&aacute;gina12.<\/em><\/p><p><em>&Uuml;bersetzung: Susanne Schartz-Laux, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/260767\/lateinamerika-lithiumproduktion\">Amerika21<\/a><\/em><\/p><p><em>Titelbild: shutterstock \/ GrAl<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874\">Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu &uuml;berwinden<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/29e0b1c231984585b9b87e6137cf0fc5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allein Argentinien, Bolivien und Chile verf&uuml;gen &uuml;ber rund 65 Prozent der weltweiten Lithiumvorkommen. 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