{"id":90070,"date":"2022-11-07T08:48:10","date_gmt":"2022-11-07T07:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90070"},"modified":"2022-11-07T09:38:30","modified_gmt":"2022-11-07T08:38:30","slug":"warum-ist-die-transformation-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90070","title":{"rendered":"Warum ist die Transformation gescheitert?"},"content":{"rendered":"<p>Der Westen ignoriert die Bed&uuml;rfnisse Mittel- und Osteuropas. Heute erscheint der neue <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/atlas-der-weltwirtschaft-2022-23.html?listtype=search&amp;searchparam=Heiner%20Flassbeck%20Constantin%20Heidegger%20Friederike%20Spiecker%20atlas%20der%20weltwirtschaft%202022%2023\">&bdquo;Atlas der Weltwirtschaft 2022\/23&ldquo;<\/a> von <strong>Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker<\/strong> und <strong>Constantin Heidegger<\/strong>. Wieso schaffen es in Asien Schwellenl&auml;nder, zu Wohlstand zu kommen, nicht aber in Lateinamerika? Weshalb ist Afrika mit Ausnahme der Staaten, die ihre Rohstoffvorkommen ausbeuten, kaum in der Lage, stabile und nachhaltige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen? Ist Freihandel einer nachhaltigen Entwicklung zu- oder abtr&auml;glich? Der neue &bdquo;Atlas der Weltwirtschaft 2022\/23&ldquo; stellt zentrale Fragen und gibt unkonventionelle Antworten, unabh&auml;ngig, faktenorientiert und mit anschaulichen Infografiken zu allen wichtigen Wirtschaftsthemen. In der Ausgabe 2022\/23 widmen sich die Autoren schwerpunktm&auml;&szlig;ig den Problemen der L&auml;nder in Mittel- und Osteuropa und den Hintergr&uuml;nden des Konflikts in der Ukraine. Aus diesem Sonderteil bringen wir heute zum Erscheinen einen Auszug.<br>\n<!--more--><br>\nDie Transformation ehemals planwirtschaftlich organisierter Volkswirtschaften in Mittel-, Ost- und S&uuml;dosteuropa war bis vor wenigen Monaten weitgehend in Vergessenheit geraten. Fast alle der betreffenden Staaten hatten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Entscheidung getroffen, sich der Marktwirtschaft zuzuwenden. Aus der Perspektive vieler Menschen im Westen war das eine richtige und erfolgreiche Entscheidung trotz aller noch bestehenden Unzul&auml;nglichkeiten. Der russische Krieg gegen die Ukraine ersch&uuml;ttert diese Wahrnehmung. Sp&auml;testens jetzt muss die bisherige Sicht auf den Transformationsprozess grundlegend in Frage gestellt werden, um die Hintergr&uuml;nde dieses Kriegs besser zu verstehen und Mittel gegen seine weitere Eskalation zu finden. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221107-Atlas-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221107-Atlas-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Zweifel am Transformationserfolg sind auch deswegen angebracht, weil selbst in den L&auml;ndern, die l&auml;ngst Teil des europ&auml;ischen Binnenmarkts geworden sind, keineswegs &uuml;berall ein Wirtschaftswunder eingesetzt hat. Hatte man urspr&uuml;nglich gehofft, dass die Region nach der gro&szlig;en Wende Anfang der 1990er Jahre zu einem neuen Kraftfeld in Europa werden w&uuml;rde, von dem auch der Westen profitieren wollte, &uuml;berwiegt heute die Entt&auml;uschung &ndash; und zwar auf beiden Seiten. Die Region ist gekennzeichnet von der Dominanz westlicher Unternehmen, massenhafter Abwanderung von Arbeitskr&auml;ften und enormer politischer Instabilit&auml;t, die bis zu offenem Antagonismus gegen&uuml;ber der EU reicht. Die Verantwortlichen in Westeuropa haben nicht verstanden und trotz dieser beunruhigenden Entwicklung nicht einmal zu verstehen versucht, wie es zu den entweder fatalen oder zumindest weit hinter den Erwartungen zur&uuml;ckgebliebenen Ergebnissen des Systemwechsels kommen konnte. <\/p><p>Politische Verwerfungen in Richtung Nationalismus prim&auml;r auf unzureichende Institutionen oder Korruption zur&uuml;ckf&uuml;hren zu wollen, ist dabei wenig hilfreich, denn beides gibt es auch in &ouml;konomisch erfolgreichen Staaten, ob sie nun zu den Industrie- oder Schwellenl&auml;ndern z&auml;hlen. Eine seri&ouml;se Analyse der Transformationsstaaten zeigt, dass in den meisten F&auml;llen die makro&ouml;konomischen Voraussetzungen nicht stimmen. Die EU hat diese L&auml;nder mit monet&auml;ren Restriktionen, die in den vergangenen 30 Jahren keine ausreichende Investitionsdynamik zulie&szlig;en, alleingelassen, obwohl derartige Einschr&auml;nkungen mit rein nationalen Mitteln nicht &uuml;berwunden werden k&ouml;nnen. [&hellip;]<\/p><p><strong>Aufholen verlangt Schutz<\/strong><\/p><p>Handel zwischen Nationalstaaten darf niemals zur Einbahnstra&szlig;e werden. Das gilt f&uuml;r die globalen Salden von Export und Import, muss aber auch f&uuml;r die Unternehmensstrukturen gelten, mit denen sich jedes Land dem internationalen Handel stellt. Funktionierende industrielle und technologische Strukturen d&uuml;rfen von keinem Land der internationalen Arbeitsteilung geopfert werden. Sie sind entscheidend f&uuml;r die Zukunftsaussichten der Bev&ouml;lkerung, weil sie die einzige Quelle des materiellen Wohlstandes darstellen, n&auml;mlich des Produktivit&auml;tsfortschritts. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht um plattes &raquo;Wachstum&laquo;, sondern um eine positive technologische Entwicklung, die auch und gerade in Hinblick auf den Schutz unseres Planeten erforderlich ist.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221107-Atlas-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221107-Atlas-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Jedes Land muss innerhalb internationaler Regeln die M&ouml;glichkeit haben, Schl&uuml;sselindustrien aufzubauen und zu bewahren. Alle erfolgreichen asiatischen Entwicklungsmodelle haben gezeigt, dass nur mit Hilfe des Staates und der Regulierung des internationalen Austauschs wirkliches Aufholen m&ouml;glich ist. &Ouml;ffnung ohne den Staat und ohne Schutzregeln f&uuml;r die aufholenden L&auml;nder bedeutet nur, dass die M&auml;chtigen noch m&auml;chtiger und die Reichen noch reicher werden. <\/p><p>Das Lehrbuch-Konstrukt der Mainstream-&Ouml;konomik von den komparativen Vorteilen im internationalen Handel mit seinen Schlussfolgerungen hinsichtlich Freihandel und Kapitalverkehrsfreiheit muss entlarvt werden: Es ist das wissenschaftliche Feigenblatt f&uuml;r Wirtschaftskolonialismus. Wie ehrlich es der Westen mit den wirtschaftlichen Aufholprozessen, der Entwicklung von Demokratie und dem Schutz von Freiheitsrechten in L&auml;ndern wie der Ukraine, der T&uuml;rkei, aber auch in Polen und Ungarn und anderen mittel-, ost- und s&uuml;dosteurop&auml;ischen L&auml;ndern bis hin zu Russland selbst und den armen L&auml;ndern des globalen S&uuml;dens wirklich meint, entscheidet sich auf diesem Feld.<\/p><p>Ein zuk&uuml;nftiger Frieden kann nur mit neuen Konzepten dauerhaft gesichert werden. Der Westen, insbesondere aber Europa, muss jetzt endlich lernen, dass man daf&uuml;r viel mehr bieten muss als offene M&auml;rkte. Nach 30 verlorenen Jahren haben die ehemaligen Transformationsl&auml;nder Anspruch darauf, nicht weiter als Anh&auml;ngsel des Westens betrachtet zu werden &ndash; was &uuml;brigens f&uuml;r die Entwicklungsl&auml;nder in gleicher Weise gilt. Wer glaubt, es reiche aus, ihnen nur das Angebot zu machen, sich dem Westen anzuschlie&szlig;en, sich also den bisherigen Konzepten des Westens ohne Wenn und Aber unterzuordnen, hat schon vor 30 Jahren falsch gelegen. Dar&uuml;ber kann der momentan so gro&szlig;z&uuml;gig verwendete Freiheitsbegriff nicht hinwegt&auml;uschen, hinter dem sich im engeren &ouml;konomischen Sinne in erster Linie das Dogma des Freihandels und der Kapitalverkehrsfreiheit verbirgt. Dass die Migrationsfolgen, die diese Ideologie zeitigt, zu erheblichen politischen Spannungen auch im Westen f&uuml;hren, l&auml;sst sich gut am Zulauf populistischer Str&ouml;mungen mit nationalistischem, oft fremdenfeindlichem Anstrich erkennen. Ob Brexit oder Mauerbauversuche zwischen den USA und Mexiko &ndash; der Westen s&auml;gt mit der Verteidigung des Neoliberalismus an dem Ast, auf dem er sich noch mit M&uuml;he h&auml;lt.<\/p><p>Vern&uuml;nftigen Handel zwischen Staaten gibt es nicht ohne ein vern&uuml;nftiges W&auml;hrungssystem. W&auml;hrungsfragen dem Markt zu &uuml;berlassen z&auml;hlt zu den entscheidenden wirtschaftspolitischen Fehlern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Russland war das gr&ouml;&szlig;te und wichtigste Land, dessen naive politische F&uuml;hrung man in den 1990er Jahren in das eiskalte Wasser der internationalen Kapitalm&auml;rkte geworfen hat. Ohne die russische W&auml;hrungskrise und das Versagen der Regierung Jelzin w&auml;re Wladimir Putin nicht so leicht an die Macht gekommen. <\/p><p>Die W&auml;hrungsrelationen aller L&auml;nder m&uuml;ssen so gesteuert werden, dass sich kein Land gegen&uuml;ber einem anderen Land absolute Vorteile erschleichen kann, dass also die realen Wechselkurse prinzipiell konstant bleiben. Dies bedeutet das Ende des von der EU-Kommission und von Deutschland immer wieder beschworenen Wettbewerbs der Nationen. Der Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007, der sich auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit der EU insgesamt und auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Mitgliedsl&auml;nder kapriziert, war ein fataler Irrtum. Er hat genau zu dem Zeitpunkt, wo Einsicht in die komplexen Zusammenh&auml;nge der internationalen Kooperation die negativen Entwicklungen vielleicht noch rechtzeitig h&auml;tte umkehren k&ouml;nnen, in die falsche Richtung gewiesen. <\/p><p>Das Prinzip des konstanten realen Wechselkurses muss au&szlig;erhalb und innerhalb der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion gelten. Jedem Land, das assoziiert wird, muss die Garantie gegeben werden, dass der Wechselkurs seiner W&auml;hrung mit Hilfe der EZB vor Spekulation gesch&uuml;tzt und so bewertet wird, dass die Inflationsdifferenzen gegen&uuml;ber der EWU ausgeglichen werden. Jedem Mitgliedsland muss eine Abweichung vom gemeinsam vereinbarten Inflationsziel nach unten sanktionsbewehrt verboten sein. F&uuml;r L&auml;nder mit extrem niedrigem Wohlstandsniveau ist der Einstieg in ein weltweites W&auml;hrungssystem zu einem leicht unterbewerteten Kurs sinnvoll.<\/p><p>Ein politischer Neuanfang in ganz Europa muss auch die Haltung zu China kl&auml;ren. Der amerikanische Hegemonialanspruch mit seiner Tendenz, China schon deswegen zum gro&szlig;en Gegner zu stilisieren, weil es eine wesentlich st&auml;rkere wirtschaftliche Dynamik zu erzeugen vermag als die USA, darf f&uuml;r Europa kein Vorbild sein. China ist gro&szlig;, es wird &ouml;konomisch noch gr&ouml;&szlig;er werden und sein Umgang mit der Klimakrise wird f&uuml;r den Planeten mindestens so entscheidend sein wie das Verhalten Europas und der USA. Selbst wenn China noch viele Jahre von einer kommunistischen Partei diktatorisch regiert werden wird, muss man Wege finden, dauerhaft kooperativ miteinander umzugehen. Dazu geh&ouml;rt, die Einhaltung von Menschenrechten nicht um des Handels willen auszublenden. Dazu geh&ouml;rt aber ebenso, sich f&uuml;r die Konsequenzen des bisherigen westlichen Systems verantwortlich zu f&uuml;hlen.<\/p><p><em>Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker, Constantin Heidegger: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/atlas-der-weltwirtschaft-2022-23.html?listtype=search&amp;searchparam=Heiner%20Flassbeck%20Constantin%20Heidegger%20Friederike%20Spiecker%20atlas%20der%20weltwirtschaft%202022%2023\">&bdquo;Atlas der Weltwirtschaft 2022\/23. Zahlen, Fakten und Analysen zur globalisierten &Ouml;konomie&ldquo;<\/a>, 128 Seiten, durchg&auml;ngig farbig illustriert, Westend Verlag, 7.11.2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Westen ignoriert die Bed&uuml;rfnisse Mittel- und Osteuropas. 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