{"id":901,"date":"2005-10-10T12:14:15","date_gmt":"2005-10-10T10:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=901"},"modified":"2016-03-03T11:18:47","modified_gmt":"2016-03-03T10:18:47","slug":"linker-wahlkampf-rechte-politik-und-die-linken-in-der-spd-merken-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=901","title":{"rendered":"Linker Wahlkampf &#8211; rechte Politik. Und die Linken in der SPD merken es nicht."},"content":{"rendered":"<p>Gestern stand in verschiedenen Medien, der rechte Seeheimer Kreis und die Parlamentarische Linke in der SPD Fraktion h&auml;tten eine gemeinsame Erkl&auml;rung abgegeben, in der die SPD-Verhandlungsf&uuml;hrer aufgefordert werden, f&uuml;r einen Kanzler Schr&ouml;der &bdquo;hart zu bleiben.&ldquo; Die Parlamentarische Linke l&auml;sst sich an der Nase herumf&uuml;hren. Schr&ouml;der hat die SPD programmatisch ausgeh&ouml;hlt und sie neoliberal auf dem Kopf gestellt, er hat die Mehrheit f&uuml;r Rot-Gr&uuml;n verspielt und er hat viele f&auml;hige K&ouml;pfe mit einem kritischen Potential &bdquo;weggebissen&ldquo;. Die Linke in der SPD nimmt das hin und nimmt offenbar nicht einmal wahr, dass von den linken T&ouml;nen des Wahlkampfes in den Koalitionsverhandlungen &ndash; soweit erkennbar &ndash; weder personell noch sachlich etwas &uuml;brig geblieben ist. Angesichts des g&auml;ngigen und erfolgreichen Brainwashing ist es angebracht, an den Gesamtvorgang zu erinnern.<br>\n<!--more--><br>\nSchr&ouml;der hat mit seiner neoliberal gepr&auml;gten Agenda-Reform-Politik Zehntausende von engagierten Mitgliedern aus der SPD getrieben, er ist mit-verantwortlich f&uuml;r die Abwahl von sechs SPD-Ministerpr&auml;sidenten und f&uuml;r reihenweise verlorene Kommunal- und Landtagswahlen, f&uuml;r den Niedergang der Zustimmung vieler politisch interessierter Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger zur SPD und f&uuml;r das Entstehen einer neuen, die Mehrheitsf&auml;higkeit der SPD bedrohenden Partei. Schon das allein w&auml;ren Gr&uuml;nde genug, Schr&ouml;der und auch M&uuml;ntefering in Frage zu stellen. <\/p><p>Hinzu kommt der Vorgang &bdquo;Neuwahlen&ldquo;. Bei Lichte betrachtet ein unglaublicher Vorgang: Im Laufe des Fr&uuml;hjahrs und des beginnenden Sommers 2005 wird immer klarer, dass Schr&ouml;ders Reformpolitik weder den wirtschaftlichen Aufschwung noch sonstige versprochene Ergebnisse wie etwa die Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme bringt. Es erscheinen selbst in Medien, die bis dahin f&uuml;r so genannte Reformen eintraten, vernichtende Bilanzen dieser Reformpolitik. (In den NachDenkSeiten haben wir mehrmals daraufhingewiesen.) Die neoliberale Ideologie m&uuml;sste eigentlich Bankrott anmelden. So sehen es auch die W&auml;hler, die der SPD in Nordrhein-Westfalen eine weitere dramatische Niederlage bescherten. In dieser Situation schl&auml;gt Schr&ouml;der Neuwahlen vor und schafft es, das Scheitern seiner &bdquo;Reformpolitik&ldquo; vergessen zu machen; jetzt sollten angeblich die W&auml;hler die Fortsetzung der &bdquo;Reformpolitik&ldquo; best&auml;tigen. Das ist ein Musterbeispiel einer durch Ablenkungsman&ouml;ver gelungenen Gehirnw&auml;sche. <\/p><p>F&uuml;r jeden Wahlbeobachter, der bisherige W&auml;hlerbewegungen einigerma&szlig;en einzusch&auml;tzen vermag, war von vornherein klar, dass Rot-Gr&uuml;n die von Schr&ouml;der gewollten Neuwahlen nie und nimmer gewinnen kann. Das kann auch Schr&ouml;der nicht anders gesehen haben. Denn gerade wenn stimmen w&uuml;rde, was er und seine Anh&auml;nger angesichts des Scheiterns der Reformen behauptet haben, n&auml;mlich dass sie Zeit br&auml;uchten bzw. man m&uuml;sse nur noch ein bisschen auf die positive Wirkung der Reformen warten, ist die Entscheidung f&uuml;r Neuwahlen absolut unverst&auml;ndlich. Es h&auml;tte der inneren Logik der Behauptungen dieser &bdquo;Reformer&ldquo; entsprochen, das verbliebene Jahr der Legislaturperiode noch abzuwarten.<br>\nWarum hat Schr&ouml;der die Legislaturperiode abgebrochen? Logisch war dies nach seinen und den &Auml;u&szlig;erungen seiner Mitk&auml;mpfer nicht.<br>\nDeshalb habe ich von vornherein vermutet, dass es ihm nur darum ging, seine Reformpolitik nicht einer kritischen Bestandsaufnahme auszusetzen und ihre versch&auml;rfte Fortsetzung in einer breiteren (gro&szlig;en) Koalition abzusichern. Daf&uuml;r sprechen auch die ersten Einlassungen von M&uuml;ntefering bei der Neuwahlentscheidung vom 22. Mai. Damals wurde die Blockade durch die Bundesratsmehrheit beklagt und als Argument f&uuml;r Neuwahlen angef&uuml;hrt. Und schon damals gab es einzelne Stimmen, die fragten, wie denn durch einen Wahlsieg von Rot-Gr&uuml;n die von der Union bestimmte Bundesratsmehrheit &uuml;berwunden werden soll. Schr&ouml;der wollte also &ndash; davon bin ich &uuml;berzeugt &ndash; von vornherein die Gro&szlig;e Koalition, allenfalls noch eine Ampelkoalition mit den Liberalen. <\/p><p>Er hat dann einen Wahlkampf mit linken T&ouml;nen und Akzenten gef&uuml;hrt und damit die SPD aus dem Stimmungstief mit Werten von 24% bis 26% herausgef&uuml;hrt. Mit diesem &bdquo;nach links blinkenden&ldquo; Wahlkampf ist es gelungen, vor allem das eigene Potenzial wieder ein St&uuml;ck weit zu binden, sie aus der Wahlenthaltung herauszuholen und die Linkspartei von den anvisierten 12% auf 8,7% zu reduzieren. <\/p><p>Gewonnen hat Schr&ouml;der damit die Wahl nicht, die SPD hat &uuml;ber 4% verloren und eines ihrer schlechtesten Ergebnisse erzielt, Rot-Gr&uuml;n ist nicht mehr regierungsf&auml;hig, die SPD ist nicht mehr die st&auml;rkste Fraktion &ndash; eigentlich ein totaler Misserfolg f&uuml;r Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering, der unter normalen Umst&auml;nden und bei einem einigerma&szlig;en wachen Personal im Parteivorstand der SPD und in der Bundestagsfraktion dazu h&auml;tte f&uuml;hren m&uuml;ssen, Schr&ouml;der davon zu schicken. <\/p><p>Das Gegenteil trat ein. Die Tricks, mit denen Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering dies erreicht haben, sind eigentlich leicht zu durchschauen: Erstens haben die Beiden den Zuwachs im Vergleich zu Umfragen (!) zu einem Wahlsieg hochstilisiert. Zweitens haben sie mit ihrer Medien-Schelte den Eindruck vermittelt, es habe nicht an ihnen gelegen, wenn der Sieg nicht ganz geklappt hat. Und drittens hat Schr&ouml;der seine provokanten Anspr&uuml;che in der Elefantenrunde des Wahlabends (und vorher bei seinem Jubel-Auftritt bei den SPD-Wahlhelfern) auch deshalb inszeniert, um sich zumindest bei der eigenen Gefolgschaft als Sieger darzustellen. Das ist ihm trotz oder gerade wegen seines krawalligen Auftretens gelungen. Er hat damit bei den Funktion&auml;ren und dem F&uuml;hrungspersonal der SPD das Siegerimage festgezurrt &ndash; ja noch mehr, den Eindruck vermittelt, als liege ihm die Partei geradezu zu F&uuml;&szlig;en, und das obwohl er gerade grandios eine Wahl verloren hat.<br>\nDieser Vorgang ist zum einen aus professioneller Sicht bewundernswert, zum andern ein Symbol f&uuml;r den Niedergang demokratischer Willensbildung und f&uuml;r die reale M&ouml;glichkeit von Brain-washing. <\/p><p>Die Gehirnw&auml;sche bei der Parlamentarischen Linken ist offenbar von so nachhaltiger Wirkung, dass sie ihre fr&uuml;here Ablehnung einer Gro&szlig;en Koalition offenbar schlicht vergessen hat und dar&uuml;ber hinaus schon gar nicht mehr merkt, wie sehr sie bei den Koalitionssondierungen kaltgestellt worden ist. In das Sondierungsteam wurde Wolfgang Clement aufgenommen. Er ist einer der Hauptmatadoren der neoliberal gepr&auml;gten Reformen; er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er inhaltlich mit den sozialen T&ouml;nen des Wahlkampfes nichts am Hut hat und konsequenterweise macht er in der Praxis der Hartz-Reformen weiter wie bisher, im Gegenteil er versch&auml;rft sie noch (siehe seine Aktionen gegen angeblichen Hartz-Missbrauch). Ansonsten f&uuml;hren neben Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering die bundesweit bekannten &bdquo;Linken&rdquo; Schily, Steinbr&uuml;ck und eben Clement das gro&szlig;e Wort. Ist ein einziger Vertreter der parlamentarischen Linken auch nur vorher zu irgendetwas gefragt worden? <\/p><p>Und inhaltlich? Ich habe aufmerksam nachgelesen, was an Nachrichten &uuml;ber die Sondierungsgespr&auml;che nach au&szlig;en dringt. Von so genannten linken Projekten ist kaum etwas zu h&ouml;ren, geschweige denn von einem nun wirklich notwendigen Programm zur Belebung von Binnennachfrage und Konjunktur. Es ist zu bef&uuml;rchten, dass die gemeinsame Programmatik einer gro&szlig;en Koalition in der Sache dem weiteren Vorantreiben der &bdquo;Reformen&ldquo; dient und die sozialen Akzente mal wieder &uuml;bert&uuml;ncht werden. Es wird einvernehmlich weitergehen mit der Privatvorsorge bei der Rente, mit der Steuersenkung f&uuml;r die gro&szlig;en Unternehmen und m&ouml;glicherweise mit einer Mehrwertsteuererh&ouml;hung. Vermutlich wird sich die SPD am Ende br&uuml;sten, die Tarifautonomie erhalten und Merkels Kopfpauschale verhindert zu haben. Dabei g&auml;be es so viele lohnenswerte und echte sozialdemokratische Projekte. (Siehe auch meinen Beitrag f&uuml;r die Zeitschrift &bdquo;Die Pfalz&ldquo; in der Rubrik Ver&ouml;ffentlichungen der Herausgeber.) <\/p><p>Fazit f&uuml;r unsere Nutzer: Soweit Sie Kontakt zu SPD-Abgeordneten, vielleicht sogar zu Mitgliedern der Parlamentarischen Linken, haben, sollten Sie diesen zu erkennen geben, wie verschlafen und manipulierbar sie sind.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern stand in verschiedenen Medien, der rechte Seeheimer Kreis und die Parlamentarische Linke in der SPD Fraktion h&auml;tten eine gemeinsame Erkl&auml;rung abgegeben, in der die SPD-Verhandlungsf&uuml;hrer aufgefordert werden, f&uuml;r einen Kanzler Schr&ouml;der &bdquo;hart zu bleiben.&ldquo; Die Parlamentarische Linke l&auml;sst sich an der Nase herumf&uuml;hren. 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