{"id":90159,"date":"2022-11-09T10:45:53","date_gmt":"2022-11-09T09:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90159"},"modified":"2022-11-09T11:11:23","modified_gmt":"2022-11-09T10:11:23","slug":"spanien-treibjagd-auf-den-fuehrer-der-rechtspartei-oder-wie-ein-journalistischer-schmierfink-politik-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90159","title":{"rendered":"Spanien: Treibjagd auf den F\u00fchrer der Rechtspartei oder wie ein journalistischer Schmierfink Politik macht"},"content":{"rendered":"<p>Neben den Enth&uuml;llungen der BBC zur direkten Beteiligung der spanischen Polizei am Grenzzaun-Massaker in der afrikanischen Exklave Melilla im vergangenen Juni (offiziell 37 Tote) gibt es in Spanien in diesen Tagen ein zweites Spitzenthema: der bevorstehende Zusammenbruch des Justizsystems. Von <strong>Eckart Leiser.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Alberto N&uacute;&ntilde;ez Feij&oacute;o, Retter der Rechtspartei <\/strong><\/p><p>Es ist gerade einmal ein halbes Jahr her, dass der damalige Vorsitzende der Rechtspartei &bdquo;Partido Popular&ldquo;, Pablo Casado, nach einem Showdown mit seiner Rivalin Isabel Ayuso, Pr&auml;sidentin der autonomen Region Madrid, in wenigen Tagen entmachtet wurde. Ayuso verzichtete zwar damals darauf, obwohl von den rechten spanischen Medien als &bdquo;shooting star&ldquo; und Hoffnungstr&auml;gerin der spanischen Rechten hochgepusht, Casado als Parteivorsitzende und Spitzenkandidatin f&uuml;r die Wahlen Ende n&auml;chsten Jahres abzul&ouml;sen, und trat vor&uuml;bergehend scheinbar in die zweite Reihe zur&uuml;ck, aber das war wohl nur ein taktisches Man&ouml;ver. Ihre rechten Fans, die hegemonialen rechten Medien vorneweg, feierten ihre &bdquo;Heilige Isabel&ldquo; weiterhin als Politikerin mit gro&szlig;er Zukunft, deren Zeit noch kommen w&uuml;rde.<\/p><p>Seinerzeit wurde zur Rettung der Rechtspartei, die kurz vor dem Zerfall stand, eine andere Figur aus dem Hut gezaubert: Alberto N&uacute;&ntilde;ez Feij&oacute;o, zu dieser Zeit Pr&auml;sident der autonomen Region Galicien, an der geografischen Peripherie Spaniens gelegen und au&szlig;erhalb des Fokus der spanischen Politik. Zwar kletterte die Rechtspartei nach diesem Wechsel aus ihrem Umfragetief heraus, auf Kosten der faschistischen Partei VOX, aber es mangelte Feij&oacute;o an Charisma, politischer Substanz und glanzvollen Auftritten.<\/p><p><strong>Die spanische Justiz bricht mit der Verfassung<\/strong><\/p><p>Von den Umst&auml;nden getrieben war er dann aber doch zu einigen Korrekturen der Linie der Rechtspartei gezwungen: Nach Jahren der v&ouml;lligen Verweigerung und Konfrontation mit der Linksregierung kam es zu einer Entsch&auml;rfung und einigen Gespr&auml;chen mit dem Pr&auml;sidenten Pedro S&aacute;nchez. Spanien war n&auml;mlich seitens der Europ&auml;ischen Union wegen des Zustands seiner Justizorgane unter wachsenden Druck geraten. Die Erneuerung eines Schl&uuml;sselorgans, des &bdquo;Generalrats der rechtsprechenden Gewalt&ldquo; (CGPJ), ist n&auml;mlich seit vier Jahren &uuml;berf&auml;llig. Da der Rechtspartei bei einer Erneuerung der Verlust der Mehrheit rechtsgerichteter Richter droht, hatte sie diese Erneuerung immer wieder blockiert. Inzwischen droht die Arbeitsunf&auml;higkeit der h&ouml;heren Gerichte, da Neubesetzungen vakanter Richterstellen unm&ouml;glich sind. Kurz: Die spanische Justiz befindet sich seit vier Jahren in einem verfassungswidrigen Zustand, sie arbeitet au&szlig;erhalb der Legalit&auml;t. Spanien ist bereits mehrfach vom Justizkommissar der Europ&auml;ischen Kommission wegen dieses Skandals verwarnt worden, hat aber alle gesetzten Fristen verstreichen lassen, bis schlie&szlig;lich dem rechtsgerichteten Pr&auml;sidenten des CGPJ nichts Anderes mehr &uuml;brig blieb, als sein Amt niederzulegen. An anderer Stelle ist von der v&ouml;lligen Politisierung der spanischen Justiz ausf&uuml;hrlicher berichtet worden (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41182\">NachDenkSeiten 21.11.2017<\/a>).<\/p><p>Nach langen Verhandlungen zwischen Regierung und Rechtspartei war man nun kurz vor einer Verst&auml;ndigung, aber dann holte die geballte Front der reaktion&auml;ren Medien zum Schlag aus. Diese haben der Linksregierung seit Amtsantritt ihre Legitimit&auml;t abgesprochen, sie als Hochverr&auml;ter und Komplizen von ETA-Terroristen und katalanischen &bdquo;Putschisten&ldquo; beschimpft und jeden Versuch einer Entsch&auml;rfung des Katalonienkonflikts bis aufs Messer bek&auml;mpft.<\/p><p><strong>Der mediale Gro&szlig;angriff auf Feij&oacute;o und die R&uuml;ckkehr seiner Rivalin Ayuso<\/strong><\/p><p>Als dann Pedro S&aacute;nchez sein Wahlversprechen erw&auml;hnte, die spanische Gesetzgebung, was den Straftatbestand &bdquo;Aufruhr&ldquo; angeht (aufgrund dessen die katalanischen Unabh&auml;ngigkeitsbef&uuml;rworter zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden), den europ&auml;ischen rechtsstaatlichen Standards anzupassen, war das der Startschuss f&uuml;r einen Gro&szlig;angriff auf Feij&oacute;o, der bereit sei, einen Teufelspakt mit dem &bdquo;Putschisten&ldquo; S&aacute;nchez zu schlie&szlig;en. Dabei hatte S&aacute;nchez nur von einer Absicht gesprochen und hinzugef&uuml;gt, dass es zurzeit keine parlamentarische Mehrheit f&uuml;r derartige Gesetzes&auml;nderungen g&auml;be. Prompt kam auch Ayuso aus ihrem Versteck, und von der rechten Presse bejubelt teilte sie mit, auch sie sei gegen die Verst&auml;ndigung hinsichtlich des CGPJ, ja, gegen jede Verst&auml;ndigung mit dem &bdquo;Desaster&ldquo; S&aacute;nchez, dem nicht &uuml;ber den Weg zu trauen sei.<\/p><p>Ein Termin zur Besiegelung der Verst&auml;ndigung mit der Rechtspartei war bereits vereinbart, und Feij&oacute;o hielt 60 Stunden dem Gro&szlig;angriff stand, dann teilte er mit, Pakte wegen es Staatswohls w&auml;ren erst mit einer anderen sozialistischen Partei m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Der Gossenjournalismus macht Politik<\/strong><\/p><p>Protagonist des Angriffs auf Feij&oacute;o war Feder&iacute;co Jim&eacute;nez Losantos, Herausgeber von &bdquo;Libertad Digital&ldquo;, Kommentator der Zeitung &bdquo;El Mundo&ldquo; (in den H&auml;nden des italienischen Medienkonzerns RCS MediaGroup) und lange Jahre eine Art &bdquo;Bluthund&ldquo; des katholischen Radiokanals COPE. Dort trat er in der morgendlichen Sendung &bdquo;La ma&ntilde;ana de la Cope&ldquo; auf, wo ihm Millionen &bdquo;Fans&ldquo; lauschten. &Uuml;ber lange Jahre behauptete er dort und anderswo, das islamistische Attentat in Madrid vom 11. M&auml;rz 2004 (193 Tote) gehe auf das Konto der ETA, aber eine manipulierte Justiz h&auml;tte es den Islamisten in die Schuhe geschoben, mit dem Ziel einer Wahlniederlage der in den Irakkrieg verwickelten Rechtsregierung (Teil der &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo;). Der folgenden sozialistischen Regierung unter Zapatero fehle daher die Legitimit&auml;t. Vor zwei Jahren musste er die Sendung auf seinen eigenen Radiokanal &bdquo;esradio&ldquo; verlegen. Cope hatte ihn abgel&ouml;st, nachdem er den vatikanischen Botschafter in Spanien als &bdquo;Freimaurer&ldquo; beschimpft hatte.<\/p><p>Von seinem Einfluss auf die Rechtspartei wissend, verk&uuml;ndete er im Befehlston zu der bevorstehenden Verst&auml;ndigung zwischen Regierung und Rechtspartei: &bdquo;Ich will keinen Pakt. Ich will die Blockade&ldquo;, um dann zu drohen, dieser &bdquo;Provinzpolitiker&ldquo; Feij&oacute;o w&uuml;rde niemals Pr&auml;sident werden. In Wikipedia findet sich unter &bdquo;Losantos&ldquo; eine Liste von Dutzenden von Verurteilungen wegen schwerer Beleidigungen. So hatte er in &bdquo;El Mundo&ldquo; behauptet, in allen B&uuml;ros der katalanischen Partei &bdquo;Republikanische Linke&ldquo; g&auml;be es Waffen und Munition. 36.000 Euro Strafe zahlte er daf&uuml;r, den rechten (aber nicht ausreichend rechten) B&uuml;rgermeister von Madrid einen &bdquo;Verr&auml;ter&ldquo; und &bdquo;Banditen&ldquo; genannt zu haben. Und zu einer Abgeordneten des Linksb&uuml;ndnisses &bdquo;Unidas Podemos&ldquo;, die ihr Baby in eine Parlamentssitzung mitgebracht hatte, gab er von sich, sie w&uuml;rde ihr Baby jederzeit auch in eine M&uuml;lltonne stecken. Immer wieder wurde er von Gerichten verurteilt und gezwungen, die Urteile zu ver&ouml;ffentlichen. Aber immer noch zittert das politische Spanien jeden Tag vor den Drecksalven, die Losantos verschie&szlig;t. Und er macht Politik: Viele sagen, Feij&oacute;o sei angez&auml;hlt, seine Tage als Parteivorsitzender und Spitzenkandidat f&uuml;r die n&auml;chsten Wahlen seien gez&auml;hlt. Und Br&uuml;ssel muss sich wohl zur Sanierung der spanischen Justiz etwas Neues einfallen lassen.<\/p><p>Titelbild: Tatohra\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben den Enth&uuml;llungen der BBC zur direkten Beteiligung der spanischen Polizei am Grenzzaun-Massaker in der afrikanischen Exklave Melilla im vergangenen Juni (offiziell 37 Tote) gibt es in Spanien in diesen Tagen ein zweites Spitzenthema: der bevorstehende Zusammenbruch des Justizsystems. Von <strong>Eckart Leiser.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":90160,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,123,20,183],"tags":[930,1544,2641,564],"class_list":["post-90159","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-kampagnentarnworteneusprech","category-landerberichte","category-medienkritik","tag-justiz","tag-kampagnenjournalismus","tag-sanchez-pedro","tag-spanien"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Shutterstock_2056612472.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90159","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=90159"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90159\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90166,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90159\/revisions\/90166"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/90160"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=90159"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=90159"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=90159"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}