{"id":90247,"date":"2022-11-11T10:15:40","date_gmt":"2022-11-11T09:15:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90247"},"modified":"2022-11-11T16:58:47","modified_gmt":"2022-11-11T15:58:47","slug":"arbeitsunfaelle-in-deutschland-mehr-als-ein-toter-pro-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90247","title":{"rendered":"Arbeitsunf\u00e4lle in Deutschland: Mehr als ein Toter pro Tag"},"content":{"rendered":"<p>Am 17.10. dieses Jahres starb der bulgarische Arbeiter Refat S. unter bisher ungekl&auml;rten Umst&auml;nden im Duisburger Stahlwerk von Thyssenkrupp. Er war 26 Jahre alt, es war sein zweiter Arbeitstag. Refat S. wurde im Schlackebecken gefunden, die Polizei ermittelt noch. In jeder Woche sterben durchschnittlich 10 Arbeiter auf Baustellen, in Stahlwerken, Chemiefabriken, Schlachth&ouml;fen. In der Regel sind es M&auml;nner. Oft Migranten, die unter besonders hohem Arbeitsdruck in besonders wenig gesicherten Bereichen arbeiten. &Ouml;ffentlich interessiert das t&auml;gliche Sterben in der BRD nicht gro&szlig; &ndash; jedenfalls deutlich weniger als der nat&uuml;rliche Tod einer uralten Monarchin. Von <strong>Renate Dillmann<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6243\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-90247-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=90247-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221111-Arbeitsunfaelle-in-Deutschland-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In Duisburg hat es einige durchaus beachtliche Demonstrationen gegeben, in denen Aufkl&auml;rung und besserer Arbeitsschutz gefordert wurden &ndash; davon war in den Bl&auml;ttern der &bdquo;Funke-Mediengruppe&ldquo;, die das Ruhrgebiet geistig betreuen, nicht sonderlich viel zu lesen. In die &uuml;berregionalen Nachrichten der Tagesschau oder des Heute-Journals bringt es ein solcher Protest nat&uuml;rlich erst recht nicht &ndash; kein Wunder, er greift ja nicht missliebige Potentaten in Russland, Iran oder China an&hellip;<\/p><p>Im Normalfall sind jedenfalls mehr als ein paar Zeilen in der Lokalpresse nicht zu erwarten: &bdquo;Mann stirbt bei Arbeitsunfall in 30 Meter tiefem Versorgungstunnel&ldquo; (22.7.22 Berlin); &bdquo;T&ouml;dlicher Baustellen-Unfall: Arbeiter (47) von Betonbalken erschlagen (21.9.22 M&uuml;nchen) und so weiter. <\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/www.dguv.de\/de\/zahlen-fakten\/au-wu-geschehen\/index.jsp\">Statistiker<\/a> der Gesetzlichen Unfallversicherung z&auml;hlen selbstverst&auml;ndlich das Gesamtgeschehen in Deutschland penibel mit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Im Bereich der UV (Unfallversicherung, RD) der gewerblichen Wirtschaft und der UV der &ouml;ffentlichen Hand ereigneten sich 2021 insgesamt 806.217 meldepflichtige Arbeitsunf&auml;lle, die eine Arbeitsunf&auml;higkeit von mehr als drei Tagen oder den Tod zur Folge hatten, das sind 6,0 % mehr als im Vorjahr. Das Arbeitsunfallrisiko je 1.000 Vollarbeiter ist mit einem Wert von 19,78 um 7,2 % gestiegen. <\/em><\/p>\n<p><em>Im Jahr 2021 waren 12.079 schwere Arbeitsunf&auml;lle zu verzeichnen, bei denen es zur Zahlung einer Rente oder eines Sterbegelds gekommen ist. Damit ist das Risiko je 1.000 Vollarbeiter, einen schweren Arbeitsunfall zu erleiden, von 0,321 im Vorjahr auf 0,296 in 2021 um 7,6 % gesunken. Bei den t&ouml;dlichen Arbeitsunf&auml;llen ist gegen&uuml;ber dem Vorjahr ein Anstieg um 111 F&auml;lle auf 510 Todesf&auml;lle zu verzeichnen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Tragische Einzelf&auml;lle? Geh&ouml;rt die Gefahr eines eventuell sogar t&ouml;dlichen Arbeitsunfalls schlicht zum &bdquo;normalen Lebensrisiko&ldquo;? Oder ist mehr zu den Ursachen zu sagen?<\/p><p><strong>Unfallursache Kapitalismus<\/strong><\/p><p>Unternehmen gehen durchaus robust mit der Gesundheit ihrer Arbeitskr&auml;fte um, weil sie den Produktionsprozess zum Zweck der Gewinnerwirtschaftung einsetzen. Das, was die Betriebe mit der gezahlten Lohnsumme an Leistung &ndash; extensiv wie intensiv &ndash; aus ihren Besch&auml;ftigten herausholen k&ouml;nnen, ist das entscheidende Mittel, die Spanne zwischen investiertem und hergestelltem Eigentum zu vergr&ouml;&szlig;ern. Wie sehr es ihnen gelingt, die in ihrem Betrieb geleistete Arbeit produktiv zu machen, ist <em>die<\/em> Gr&ouml;&szlig;e unter all ihren Ausgaben, auf die sie direkten Einfluss haben. <\/p><p>Mit ihrer Direktionsgewalt &uuml;ber den Betriebsablauf machen sie Vorgaben f&uuml;r den Arbeitsprozess und k&ouml;nnen diese durch Geschwindigkeit, Taktung oder die Menge der erteilten Auftr&auml;ge objektivieren; so steigern sie kontinuierlich die Anstrengung, die der einzelne Arbeitnehmer an &bdquo;seinem&ldquo; Arbeitsplatz zu erbringen hat. <\/p><p><em>Arbeitsunf&auml;lle<\/em>, unmittelbare Gefahren und systematische Gesundheitsgef&auml;hrdungen f&uuml;r die Arbeitskr&auml;fte geh&ouml;ren insofern in der Marktwirtschaft ebenso zum Arbeitsalltag wie der systematische k&ouml;rperliche und mentale <em>Verschlei&szlig;<\/em>, der seine Spuren in Form chronischer Krankheiten hinterl&auml;sst (dazu Teil 2). Kurz: Unternehmen verschwenden Physis und Psyche ihrer Besch&auml;ftigten und sparen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.<\/p><p><strong>Staat muss Arbeitsschutz erzwingen<\/strong><\/p><p>Arbeitsschutz ist in der kapitalistischen Produktion nichts, worauf ein Unternehmen von sich aus Wert legt. Schutzvorrichtungen bei der Bedienung von Maschinen, L&auml;rmschutz, die Verwendung nicht sch&auml;dlicher Stoffe, stabil gebaute Arbeitshallen, die nicht einsturzgef&auml;hrdet sind und in denen der Brandschutz gew&auml;hrleistet ist &ndash; all das verursacht Kosten und wird deshalb, wenn es allein nach dem Willen der Unternehmen geht, nur gemacht, wenn die entsprechenden Schutzma&szlig;nahmen im Verh&auml;ltnis zu den anfallenden Kosten und den zu erwartenden &bdquo;Betriebsausf&auml;llen durch Unfall&ldquo; sich lohnen. <\/p><p>Ein Blick in die Geschichte oder in L&auml;nder, in denen f&uuml;r den kapitalistischen Weltmarkt produziert wird, ohne dass der Staat entsprechende Vorschriften macht, zeigt, wie brutal mit Leib und Leben der Arbeiter umgegangen wird. <\/p><p>Karl Marx berichtet aus den Fabriken seiner Zeit, vom <em>&bdquo;systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters w&auml;hrend der Arbeit&ldquo;<\/em> und stellt fest: <em>&bdquo;Was k&ouml;nnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen?&ldquo; <\/em>(Marx 1867: Das Kapital. S. 505)<\/p><p>Die r&uuml;cksichtslose Praxis seiner Unternehmer hat der deutsche Sozialstaat im Interesse an einer nachhaltigen Benutzbarkeit seiner Arbeitsbev&ouml;lkerung nach und nach durch Arbeitsschutzgesetze eingeschr&auml;nkt.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Heute geh&ouml;ren zum Arbeitsschutz diverse Rechtsverordnungen, u.a. Arbeitsschutzverordnung zu k&uuml;nstlicher optischer Strahlung (OStrV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitsst%C3%A4ttenverordnung_(Deutschland)\">Arbeitsst&auml;ttenverordnung<\/a> (ArbSt&auml;ttV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Baustellenverordnung\">Baustellenverordnung<\/a> (BaustellV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Betriebssicherheitsverordnung\">Betriebssicherheitsverordnung<\/a> (BetrSichV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bildschirmarbeitsverordnung\">Bildschirmarbeitsverordnung<\/a> (BildscharbV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Biostoffverordnung\">Biostoffverordnung<\/a> (BioStoffV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gefahrstoffverordnung\">Gefahrstoffverordnung<\/a> (GefStoffV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L%C3%A4rm-_und_Vibrations-Arbeitsschutzverordnung\">L&auml;rm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung<\/a> (L&auml;rmVibrationsArbSchV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lastenhandhabungsverordnung\">Lastenhandhabungsverordnung<\/a> (LasthandhabV), <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/PSA-Benutzungsverordnung\">PSA-Benutzungsverordnung<\/a> (PSA-BV), Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV).<\/p><p>Dass derma&szlig;en viele staatliche Verordnungen n&ouml;tig sind, um den modernen Arbeitsprozess f&uuml;r die Arbeitnehmer wenigstens so aushaltbar zu machen, dass sie &ndash; zumindest als statistisches Kollektiv &ndash; ein Arbeitsleben durchstehen, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. <\/p><p>Erstens stellt es dem Zweck, um den es in den gesetzlich regulierten Fabriken, Baustellen und B&uuml;ros geht, kein gutes Zeugnis aus &ndash; so etwas Unschuldiges wie &bdquo;Versorgung der Menschen mit Konsumg&uuml;tern&ldquo; wird es wohl kaum sein. Denn wenn es um diesen Zweck ginge, w&uuml;rde niemand die daf&uuml;r f&auml;llige Arbeit so gef&auml;hrlich und sch&auml;dlich organisieren, dass bei der Produktion Physis und Psyche schon so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass der Genuss der produzierten G&uuml;ter gar nicht mehr sorglos zustande kommt. <\/p><p>Wenn zweitens per Rechtsverordnung einige (bisher erlaubte) Praktiken verboten werden &ndash; etwa die &Uuml;berschreitung eines bestimmten Tagesl&auml;rmpegels oder einer Hand-Arm-Vibration, dann sind damit alle <em>Sch&auml;digungen<\/em> an Ohren, Bandscheiben und Leber <em>unterhalb<\/em> der gezogenen Grenze bzw. Durchschnittswerte (!) <em>erlaubt.<\/em> Ganz im Gegensatz zur &uuml;blichen Vorstellung vom &bdquo;Schutz&ldquo;, legen die staatlich definierten Grenzwerte (das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r Lebensmittel u.a.) mit ihrem Verbot eines <em>&Uuml;ber<\/em>ma&szlig;es also fest, in welchem <em>Ma&szlig;<\/em> die Gesundheit der Betroffenen staatlich erlaubterma&szlig;en angegriffen und verschlissen werden darf. <\/p><p>Drittens verpflichtet der Staat s&auml;mtliche Unternehmen, in eine <em>gesetzliche Unfallversicherung<\/em> einzuzahlen. Er unterstellt damit, dass Arbeitsunf&auml;lle auch bei Geltung aller gesetzlichen Regelungen passieren, und zwingt die Betriebe als Gesamtheit, die durch Unf&auml;lle am Arbeitsplatz (zu denen auch Unf&auml;lle auf dem Weg dorthin gerechnet werden) sowie bei anerkannten Berufskrankheiten hervorgerufenen Behandlungs- und Folgekosten zu &uuml;bernehmen. <\/p><p>Zur Finanzierung der Versicherung werden die Betriebe in &bdquo;<em>Gefahrklassen&ldquo;<\/em> eingeteilt, was &ndash; neben der Anzahl der von ihnen besch&auml;ftigten Arbeitnehmer &ndash; unterschiedlich hohe Versicherungsbeitr&auml;ge begr&uuml;ndet. Die Einteilung beinhaltet ein objektives Eingest&auml;ndnis. Sie macht n&auml;mlich deutlich, dass die Beteiligten in Politik und Wirtschaft sehr detailliert zu unterscheiden wissen, wie gef&auml;hrlich die Produktionszweige ihrer kapitalistischen Marktwirtschaft im Einzelnen sind. Zudem sollen die Beitragskosten die Unternehmen im Idealfall motivieren, die Kosten der Unfallversicherung im Eigeninteresse durch freiwilligen Arbeitsschutz zu senken. <\/p><p>Die Realit&auml;t dieses Ideals besteht allerdings in einer betriebswirtschaftlichen Abw&auml;gung: Sind die entsprechenden Arbeitsschutzma&szlig;nahmen teurer als der einzelbetriebliche Anteil an den Versicherungsbeitr&auml;gen, dann spricht aus Sicht des Betriebs &bdquo;leider&ldquo; nichts zugunsten der Schutzma&szlig;nahmen. Oder anders formuliert: Die Gef&auml;hrdung und Zerst&ouml;rung von Gesundheit erh&auml;lt auf diesem Wege einen <em>Preis<\/em> und wird damit zum Gegenstand einer Kosten-Nutzenabw&auml;gung, die nicht selten die Inkaufnahme vermeidbarer Unf&auml;lle und Krankheiten einschlie&szlig;t. <\/p><p>Das gilt um so mehr, als staatliche Kontrollen bei den Arbeitsschutzma&szlig;nahmen sich auf Stichproben beschr&auml;nken und nur alle Jubeljahre stattfinden, bei Betrieben unter 500 Mitarbeitern hei&szlig;t das im Klartext: <a href=\"https:\/\/www.haufe.de\/arbeitsschutz\/recht-politik\/immer-weniger-staatliche-arbeitsschutz-kontrollen_92_128976.html\">alle 20 Jahre<\/a> &ndash; Resultat davon, dass das Personal bei der Gewerbeaufsicht zwischen 2005 und 2010 drastisch zusammengek&uuml;rzt wurde.<\/p><p><strong>Das Dilemma der Besch&auml;ftigten<\/strong><\/p><p>Die staatliche Regelung erspart den Arbeitnehmern nicht, dass sie um entsprechende Arbeitsschutzvorrichtungen oft selbst noch k&auml;mpfen m&uuml;ssen (z.B. L&auml;rmschutz). <\/p><p>Sie selbst sehen sich &ndash; gerade angesichts st&auml;ndig steigender Leistungsanforderungen im Arbeitsprozess &ndash; dem Widerspruch ausgesetzt, dass Vorschriften bzw. Vorrichtungen vielfach zu einer Behinderung ihrer Arbeitsleistung f&uuml;hren, also Lohn oder Zeit kosten. So kommt es zu dem bekannten Ph&auml;nomen, dass Arbeitnehmer die Schutzvorschriften &ndash; gegen ihr eigenes Schutzinteresse! &ndash; missachten, Maschinen bei laufendem Betrieb reparieren, Schutzvorrichtungen &ndash; weil st&ouml;rend &ndash; abmontieren usw. usf. <\/p><p>Wenn es zu einem Unfall kommt, taucht deshalb als Erstes die Frage auf, ob der betroffene Arbeitnehmer Sicherheitsschuhe oder Helm getragen und die neben dem Erste-Hilfe-Kasten ausgeh&auml;ngten Vorschriften beachtet hat &ndash; obwohl vom Chef &uuml;ber den Vor- bis zum Hilfsarbeiter alle wissen, dass die geforderte Leistung meist nicht zu erbringen w&auml;re, wenn sich alle so verhalten w&uuml;rden. So wird versucht, die Verantwortung abzuw&auml;lzen: Nicht der auf Profit orientierte Betrieb mit seiner Organisation der Arbeit ist schuld, sondern derjenige, der f&uuml;r sich am Arbeitsplatz &bdquo;zuviel&ldquo; rausholen wollte. <\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Mit seiner Gesetzgebung zum Arbeitsschutz legt der moderne Sozialstaat die Bedingungen daf&uuml;r fest, wie Benutzung und Verschlei&szlig; der Arbeitskr&auml;fte so vonstatten gehen, dass das Ganze gewisserma&szlig;en &bdquo;nachhaltig&ldquo; passieren kann. Das schlie&szlig;t offenbar &ndash; siehe die Statistik der Gesetzlichen Unfallversicherung &ndash; nach wie vor eine erkleckliche Zahl an Arbeitsunf&auml;llen mit gesundheitlichen Folgen ein und auch ein paar hundert Tote pro Jahr. <\/p><p>Das ist auch kein Wunder, denn am Zweck der Arbeitspl&auml;tze in seiner Wirtschaft &auml;ndert ein solches Gesetz ja erkl&auml;rterma&szlig;en nichts: Mit der Arbeit der Leute soll Gewinn erwirtschaftet werden &ndash; und das bedeutet unter den Bedingungen der globalen Standortkonkurrenz nichts Gutes f&uuml;r die Besch&auml;ftigten. Die wiederum m&uuml;ssen sich angesichts des brutalen Unterbietungswettbewerbs, in dem sie &bdquo;normal&ldquo; und erst recht als migrantische Wanderarbeiter stehen, auf alle Bedingungen einlassen und schauen, wie sie damit klarkommen. F&uuml;r Refat S. ist das nicht aufgegangen.<\/p><p>Es ist schon ein ziemlich robustes Verh&auml;ltnis zur fremden wie eigenen Gesundheit, wozu die marktwirtschaftliche Konkurrenz ihre Subjekte n&ouml;tigt&hellip;<\/p><p>Titelbild: ktsdesign\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Dillmann,Renate\/Schiffer-Nasserie, Arian: Der soziale Staat. &Uuml;ber n&uuml;tzliche Armut und ihre Verwaltung. &Ouml;konomische Grundlagen\/Politische Ma&szlig;nahmen\/Historische Etappen. VSA-Verlag, Hamburg 2018<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Es ist kein Zufall, dass viele L&auml;nder der 3. Welt nicht einmal rudiment&auml;re Arbeitsschutzbestimmungen aufweisen. Um &uuml;berhaupt als Kapitalstandorte infrage zu kommen, haben sie vielfach nichts anzubieten als die extreme Billigkeit und Erpressbarkeit ihres Volks. Gerade die gro&szlig;en Konzerne der westlichen Staaten praktizieren gegen&uuml;ber ihren Zulieferern in asiatischen L&auml;ndern einen solchen Preisdruck, dass v&ouml;llig offensichtlich ist, unter welchen haarstr&auml;ubenden Bedingungen die Produktion von Kleidung, Spielzeug, Turnschuhen und I-Phones vor sich geht. Selbst wenn die Staaten vor Ort Arbeitsschutz und -recht verbessern wollen, werden sie mit Abwanderungsdrohungen in willigere L&auml;nder erpresst (etwa die Regierung der VR China in 2008 durch die Interessenvertreter der US-Industrie, vgl. Dillmann China &ndash; ein Lehrst&uuml;ck 2021: 298). &bdquo;Menschenrechte&ldquo; als Berufungstitel sind schlie&szlig;lich ein politisches Druckmittel der westlichen Regierungen und nicht dazu da, dass sie die westlichen Gesch&auml;ftsinteressen behindern.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/0a0cb5d9e0404aa58ae2955bff664201\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 17.10. dieses Jahres starb der bulgarische Arbeiter Refat S. unter bisher ungekl&auml;rten Umst&auml;nden im Duisburger Stahlwerk von Thyssenkrupp. Er war 26 Jahre alt, es war sein zweiter Arbeitstag. Refat S. wurde im Schlackebecken gefunden, die Polizei ermittelt noch. In jeder Woche sterben durchschnittlich 10 Arbeiter auf Baustellen, in Stahlwerken, Chemiefabriken, Schlachth&ouml;fen. In der Regel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90247\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":90248,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,145],"tags":[1740,2987,909,443,3305],"class_list":["post-90247","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-sozialstaat","tag-arbeitsbedingungen","tag-arbeitsschutz","tag-kapitalismus","tag-standortwettbewerb","tag-unfallversicherung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Shutterstock_172777928-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=90247"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90292,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90247\/revisions\/90292"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/90248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=90247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=90247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=90247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}