{"id":90257,"date":"2022-11-13T11:45:27","date_gmt":"2022-11-13T10:45:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90257"},"modified":"2022-11-13T13:32:28","modified_gmt":"2022-11-13T12:32:28","slug":"wie-reagieren-auf-militaerische-aggression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90257","title":{"rendered":"Wie reagieren auf milit\u00e4rische Aggression?"},"content":{"rendered":"<p>Jeder Krieg ist ein Verbrechen, denn er schafft unendliches Leid und l&ouml;st keine Probleme. Das gilt f&uuml;r Russlands Ukraine-Krieg ebenso wie f&uuml;r die zahllosen Kriege der USA. Dennoch muss sich der Westen genau &uuml;berlegen, wie er auf die Aggression reagieren soll. Denn davon h&auml;ngt jetzt nicht nur das Schicksal eines einzelnen Volkes, sondern das &Uuml;berleben der Menschheit ab. Zweckm&auml;&szlig;ig reagieren kann man aber nur, wenn man die Motive des Aggressors versteht. Von <strong>Hans van der Waerden<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4708\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-90257-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=90257-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221113_Wie_reagieren_auf_militaerische_Aggression_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Entscheidend ist die Frage: Hat Russland das Ziel, seine Herrschaft ins Uferlose auszudehnen, wie einst das nationalsozialistische Deutschland? Dann sind Verhandlungen zwecklos, &bdquo;appeasement&ldquo; bringt nichts; hartes Auftreten, &bdquo;containment&ldquo;, ist angesagt. Oder hat die russische F&uuml;hrung ganz andere Motive? F&uuml;hrt sie Krieg, weil sie sich durch die westliche Politik in die Enge getrieben und existentiell bedroht f&uuml;hlt und nun keinen anderen Ausweg mehr sieht? Wenn das der Fall w&auml;re, dann w&uuml;rde ein hartes Auftreten das Gegenteil von dem bewirken, was wir davon erhoffen. Es w&uuml;rde den Gegner nur noch weiter in seinem Panikverhalten best&auml;rken.<\/p><p>Nun ist das, was die Westm&auml;chte unter F&uuml;hrung der USA seit der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion unternommen haben, tats&auml;chlich dazu angetan, in Russland Bef&uuml;rchtungen auszul&ouml;sen. Die Nato, ein gegen Russland gerichtetes B&uuml;ndnis, wurde immer weiter nach Osten vorgeschoben und f&uuml;hrt an Russlands Grenzen Milit&auml;r&uuml;bungen durch, zum Beispiel 2021 von Estland aus mit einem simulierten Raketenangriff auf russische Luftverteidigungsziele. Die USA installieren in Rum&auml;nien und Polen Abschussbasen, die man mit nuklear best&uuml;ckten Tomahawk-Marschflugk&ouml;rpern mit einer Reichweite bis zu 2.500 Kilometern ausr&uuml;sten kann; den Vertrag, der das verbietet (das INF-Abkommen von 1987), haben die USA 2019 einseitig aufgek&uuml;ndigt, sowie auch schon vorher den ABM-Vertrag &uuml;ber Raketenabwehrsysteme. Westliche Medien haben gegen die Person des russischen Pr&auml;sidenten &ndash; und nicht erst seit der Ukrainekrise &ndash; eine beispiellose Diffamierungskampagne losgetreten. Und westliche Politiker haben alle Bem&uuml;hungen der russischen F&uuml;hrung, die Situation auf diplomatischem Wege zu entsch&auml;rfen, unerbittlich zur&uuml;ckgewiesen.<\/p><p>Die NATO-Osterweiterung begann schon in den 1990er Jahren, als nicht der verhasste Putin in Russland regierte, sondern Boris Jelzin, ein treuer Freund des Westens. Zahlreiche erfahrene Politiker und Publizisten der USA, darunter hartgesottene Milit&auml;rs wie McNamara, haben damals die Eskalation vorausgesehen und eindringlich davor gewarnt. So schrieb George Kennan, der Architekt des Containments gegen die UdSSR nach 1945: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unsere Differenzen im Kalten Krieg bestanden mit dem kommunistischen Sowjetregime. Und von genau den Menschen, welche die gr&ouml;&szlig;te unblutige Revolution der Geschichte durchgef&uuml;hrt haben, um dieses Regime zu beseitigen, wenden wir uns jetzt ab. Die Russen werden darauf zunehmend negativer reagieren. Ich halte unser Vorgehen f&uuml;r einen bedauerlichen Fehler. Es gab daf&uuml;r &uuml;berhaupt keinen Grund. Niemand hat andere bedroht. Angesichts dieser Erweiterung w&uuml;rden sich unsere Gr&uuml;nderv&auml;ter im Grabe umdrehen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als die USA im Jahr 2008 ank&uuml;ndigten, auch noch die Ukraine, dieses strategisch wichtige Land an Russlands hochempfindlicher S&uuml;dwestflanke, in ihre Planungen einzubeziehen, war f&uuml;r die russische F&uuml;hrung die Schmerzgrenze erreicht, und sie erkl&auml;rte, sie werde das niemals zulassen. Dennoch machte man weiter. Die USA haben entscheidend dazu beigetragen, dass durch den Umsturz von 2014 nationalistische, extrem russlandfeindliche Kr&auml;fte in Kiew die Macht ergriffen. Und mit dieser Regierung haben sie die Zusammenarbeit von Jahr zu Jahr intensiviert.<\/p><p>Offiziell wurde der Plan, die Ukraine ins westliche B&uuml;ndnis aufzunehmen, bisher nicht in die Tat umgesetzt, aber auch nicht aufgegeben, und am NATO-Gipfel von Br&uuml;ssel im Juni 2021 hat man ihn nochmals ausdr&uuml;cklich best&auml;tigt. In der Praxis agiert die Ukraine jetzt schon wie ein NATO-Mitglied. Sie l&auml;sst ihre Streitkr&auml;fte durch amerikanische Instruktoren ausbilden mit dem Ziel der &bdquo;Interoperabilit&auml;t&ldquo; der Waffensysteme. Sie f&uuml;hrt mit NATO-Staaten gemeinsame Milit&auml;r&uuml;bungen durch, zum Beispiel ein gro&szlig;es Marineman&ouml;ver in der Schwarzmeerregion im Juli 2021 mit Seestreitkr&auml;ften aus 32 L&auml;ndern. Sie hat sogar mit den USA im August 2021 ein Abkommen zur strategischen Partnerschaft unterzeichnet.<\/p><p>Von der ukrainischen Nordgrenze aus k&ouml;nnten nuklear ausger&uuml;stete Raketen in wenigen Minuten Moskau erreichen. Damit w&auml;re die Zweitschlagskapazit&auml;t Russlands infrage gestellt, also das &bdquo;Gleichgewicht des Schreckens&ldquo;, das doch bisher eine gewisse Stabilit&auml;t verb&uuml;rgte. Auch best&uuml;nde keine M&ouml;glichkeit mehr, im Zweifelsfall ein Missverst&auml;ndnis aufzukl&auml;ren.<\/p><p>Aus all dem k&ouml;nnen wir nur schlie&szlig;en, dass das Narrativ vom expansionsl&uuml;sternen Russland, das sich in unseren K&ouml;pfen festgesetzt hat, nicht den Tatsachen entspricht. Angst, Ratlosigkeit, verletzter Stolz sind der Motor hinter Russlands Aggressivit&auml;t. Und das bedeutet, dass wir mit der st&auml;ndig versch&auml;rften Einsch&uuml;chterung, und nun gar mit dem totalen Wirtschaftskrieg, auf dem falschen Weg sind. Wenn beispielsweise die NATO jetzt auch noch Schweden und Finnland aufnimmt, setzt sie damit nur das immer weiter fort, was das Ganze ins Rollen gebracht hat. So kommen wir aus dem Teufelskreis nie heraus.<\/p><p>Um das Bedrohungsgef&uuml;hl in Russland &ndash; und nicht nur beim Pr&auml;sidenten &ndash; zu verstehen, gen&uuml;gt es, sich vorzustellen, die Russen oder Chinesen w&uuml;rden rund um die USA eine derartige Drohkulisse aufbauen, im Bunde mit Kuba, Kanada und Mexiko. Die USA w&uuml;rden darauf augenblicklich mit Krieg reagieren, und wir w&uuml;rden sagen: selbstverst&auml;ndlich.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen auch nicht von den Russen erwarten, dass sie irgendwelchen Friedensbeteuerungen des Westens Glauben schenken. Sie m&uuml;ssen das reale milit&auml;rische Potenzial einsch&auml;tzen, m&uuml;ssen auf die Offensivf&auml;higkeit und den Standort der Waffen achten. Und sie m&uuml;ssen die Erfahrung einbeziehen, dass die NATO zwar der Theorie nach ein Verteidigungsb&uuml;ndnis ist, tats&auml;chlich aber reihenweise Angriffskriege gef&uuml;hrt hat: gegen Afghanistan, gegen den Irak, gegen Libyen und 1999 gegen Serbien.<\/p><p>Bedenken wir auch, dass in Russland der Pr&auml;sident, wie jeder Pr&auml;sident dieser Welt, unter Druck steht und mit einer Opposition rechnen muss. Die kommt aber nicht, wie wir gerne h&auml;tten, von einer Friedensbewegung, sondern von Scharfmachern, die Putin vorwerfen, dass er viel zu lange mit der unvermeidlichen Intervention gez&ouml;gert hat und auch jetzt noch den Krieg nicht energisch genug f&uuml;hrt. Das sind die Leute, die bei einem Regimewechsel, auf den der Westen hinarbeitet, mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Macht k&auml;men.<\/p><p>Irren ist menschlich, aber t&ouml;richt ist es, im Irrtum zu verharren. Der Westen muss umdenken, muss Kompromissbereitschaft signalisieren. Die Bereitschaft zu Verhandlungen bei sofortiger Waffenruhe muss der erste Schritt sein, eine Friedensordnung mit Neutralit&auml;tsstatus f&uuml;r die Ukraine und allgemeiner Abr&uuml;stung in Europa das ferne Ziel. Der Westen muss endlich zeigen, dass er das legitime russische Sicherheitsbed&uuml;rfnis ernst nimmt.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Ivan Marc<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90151\">Die USA haben den Gaskrieg gegen Russland gewonnen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90107\">&bdquo;Im Blindflug&ldquo; &ndash; Bundesregierung hat bis heute keine Erkenntnisse zur konkreten Wirkung ihrer Russland-Sanktionen<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/a6c151b8d5c64f499dd0b47d21cd2e43\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Krieg ist ein Verbrechen, denn er schafft unendliches Leid und l&ouml;st keine Probleme. Das gilt f&uuml;r Russlands Ukraine-Krieg ebenso wie f&uuml;r die zahllosen Kriege der USA. 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