{"id":90275,"date":"2022-11-14T10:00:58","date_gmt":"2022-11-14T09:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90275"},"modified":"2023-02-08T07:46:14","modified_gmt":"2023-02-08T06:46:14","slug":"handy-jedes-brasilianers-kann-ziel-von-spionage-gewesen-sein-polizeiliche-ausspaehung-unter-bolsonaro-massiv-ausgebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90275","title":{"rendered":"\u201eHandy jedes Brasilianers kann Ziel von Spionage gewesen sein\u201c &#8211; Polizeiliche Aussp\u00e4hung unter Bolsonaro massiv ausgebaut"},"content":{"rendered":"<p>Unter der Regierung des Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro sind die staatlichen Ausgaben f&uuml;r Hacker- und Spionagesoftware explodiert. Um fast 170 Prozent stiegen die Aufwendungen von Beh&ouml;rden f&uuml;r den Ankauf solcher Software gegen&uuml;ber der Vorg&auml;ngerregierung unter der linken Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff, <a href=\"https:\/\/www1.folha.uol.com.br\/poder\/2022\/11\/gastos-com-sistema-espiao-disparam-em-estados-e-no-governo-bolsonaro.shtml\">berichtet<\/a> die Zeitung <em>Folha de S&atilde;o Paulo<\/em>. Demnach handelt es sich um Hacking-Ausr&uuml;stung und Spionage-Software, die es erm&ouml;glichen, Daten von Mobiltelefonen und anderen Ger&auml;ten auszulesen. Von <strong>Mario Schenk<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nInsgesamt gaben brasilianische Bundesbeh&ouml;rden w&auml;hrend der ersten drei Amtsjahre von Bolsonaro 81,5 Millionen Reais (rund 16 Millionen Euro) f&uuml;r Lizenzen und Instrumente zur Auswertung von Handys und Laptops aus. Im selben Zeitraum unter Rousseff waren es hingegen 30,3 Millionen Reais (knapp sechs Millionen Euro). Bei den Bundesstaaten, denen die Polizeibeh&ouml;rden unterstehen, war der Ausgabensprung noch gr&ouml;&szlig;er. Zwischen 2015 und 2017 gaben diese 15,1 Millionen Reais (drei Millionen Euro) aus. Mit dem Amtsantritt von Bolsonaro 2019 schossen auch hier die Ausgaben auf 92,9 Millionen Reais in die H&ouml;he, ein Zuwachs von 514 Prozent.<\/p><p>Die Daten gehen auf eine Studie des Forschungsinstituts Recht und Technologie (IP.rec) in Recife zur&uuml;ck. Forscher des Instituts haben den Kauf von Software und anderer Instrumente zur Extraktion von Daten aus Mobiltelefonen und Computern durch staatliche Stellen in Brasilien untersucht und kartiert.<\/p><p>&bdquo;<strong>Noch nie dagewesene M&ouml;glichkeit des Zugriffs auf pers&ouml;nliche Kommunikation und Daten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Vor allem zeigte sich das Forscherteam von IP.rec alarmiert &uuml;ber den Grad der neuen M&ouml;glichkeiten in den H&auml;nden des Staates, um Personen auszusp&auml;hen. Laut dem Instituts-Leiter Andr&eacute; Ramiro bietet die von der Regierung erworbene Cellebrite-Software und -Hardware &bdquo;eine noch nie dagewesene M&ouml;glichkeit des Zugriffs auf pers&ouml;nliche Kommunikation und Daten&ldquo;, weil Ger&auml;te entsperrt und verschiedene Verschl&uuml;sselungsarten &uuml;berwunden werden k&ouml;nnten.<\/p><p>Die Instrumente der Marke Verint seien noch invasiver, da sie einen Fernzugriff erm&ouml;glichten. Ramiro zufolge erlaubt das &bdquo;GI2&ldquo; von Verint das Abh&ouml;ren, Lesen, Bearbeiten und Umleiten von eingehenden und ausgehenden Anrufen und Textnachrichten und kann das Mikrofon eines Mobiltelefons aus der Ferne aktivieren. Das &bdquo;PI2&ldquo; von derselben Firma erm&ouml;gliche zudem die Erfassung des Mobiltelefon-Verkehrs in einem gro&szlig;en Gebiet.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Handy jedes Brasilianers kann Ziel von Spionage gewesen sein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So Studienleiter Ramiro, der auch Gastwissenschaftler am Berliner Alexander von Humboldt Institut f&uuml;r Internet und Gesellschaft ist.<\/p><p>Von den 46 Regierungsbeh&ouml;rden, die Hacking-Tools kauften, unterstehen die meisten dem Justizministerium, dem Bundeskriminalamt, der Bundesstaatsanwaltschaft und den Streitkr&auml;ften &ndash; also Beh&ouml;rden, die f&uuml;r Strafverfolgung und Gefahrenabwehr zust&auml;ndig sind. Doch habe man eine Menge &bdquo;auff&auml;lliger Ausnahmen&ldquo; festgestellt, erkl&auml;rte Ramiro gegen&uuml;ber Folha de S&atilde;o Paulo. So &uuml;berraschte die Tatsache, dass eine Vielzahl von Beh&ouml;rden, die nicht direkt mit Ermittlungen zu tun haben, Ger&auml;te zur Datenextraktion kaufen, wie der Verwaltungsrat f&uuml;r wirtschaftliche Verteidigung (Cade), die Finanz&auml;mter von Minas Gerais und Mato Grosso sowie die Milit&auml;rpolizei (PM) mancher Bundesstaaten, die den jeweiligen Gouverneuren unterstehen.<\/p><p>Der Kauf von Hacking-Tools durch die Milit&auml;rpolizei von Para&iacute;ba und Minas Gerais hat die Fachleute besonders alarmiert. So erkl&auml;rte Carolina Ricardo vom Menschenrechtsinstitut Sou da Paz:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nach der Verfassung ist die Kriminalpolizei f&uuml;r die Ermittlung von Straftaten zust&auml;ndig, w&auml;hrend die Milit&auml;rpolizei f&uuml;r die &ouml;ffentliche Sicherheit und Ordnung verantwortlich ist und auf den Stra&szlig;en patrouilliert.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dennoch habe sich die Milit&auml;rpolizei mit weitreichender Hacker-Software ausgestattet. Auch der IP.rec-Forschungsleiter Ramiro beklagte, dass der &bdquo;&uuml;berm&auml;&szlig;ige Eingriff der Milit&auml;rpolizei in den Ermittlungsbereich illegal ist&ldquo;.<\/p><p><strong>Illegaler Einsatz von &Uuml;berwachungstechnologien<\/strong><\/p><p>Dabei hat die Regierung Bolsonaro den gesetzeswidrigen Ankauf und Einsatz aktiv gef&ouml;rdert, wie das Rechercheportal Intercept Brasilien im M&auml;rz dieses Jahres <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2022\/03\/21\/ministerio-da-justica-equipa-policias-para-vasculhar-celulares-em-troca-de-dados\/\">berichtete<\/a>. Demnach hatte das Justizministerium verschiedenen Einheiten der Milit&auml;rpolizei die Software Cellebrite zur Verf&uuml;gung gestellt und im Gegenzug die Daten von beschlagnahmten Mobiltelefonen erhalten.<\/p><p>Einiges deutet darauf hin, dass der Ausbau der &Uuml;berwachung auch dazu dient, politische Gegner auszuspionieren. Eine so intrusive Software im Besitz nicht legitimierter Beh&ouml;rden sollte ein Alarmsignal f&uuml;r die Menschenrechte sein, so Ramiro per Twitter. <\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"pt\" dir=\"ltr\">Lan&ccedil;ado hoje estudo sobre o estado no uso de ferramentas de hacking por autoridades brasileiras. O &ldquo;Mercadores da Inseguran&ccedil;a: conjuntura e riscos do hacking governamental no Brasil&rdquo;, conclui que contrata&ccedil;&otilde;es com fabricantes s&atilde;o muito mais profundas do que se supunha. <\/p>\n<p>Segue &#129526;<\/p>\n<p>&mdash; Andr&eacute; Ramiro (@ndreramiro) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ndreramiro\/status\/1590049933205590017?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 8, 2022<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Problematisch sei zudem, dass die Regelungen zum Schutz personenbezogener Daten in Brasilien nicht den heutigen Anforderungen an Rechtm&auml;&szlig;igkeit, Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit und Notwendigkeit entsprechen, warnt der Technologieforscher.<\/p><p>Zuletzt wiesen die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Privacy International darauf hin, dass die Verint-Technologien weltweit zur Verfolgung von Journalisten und Aktivisten eingesetzt w&uuml;rden.<\/p><p>Dieser Artikel erschien zuerst auf <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2022\/11\/261011\/spionage-brasilien-bolsonaro-polizei\">Amerika21<\/a>.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Mehaniq<\/p><div class=\"more\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84683\">Brasilien &ndash; Die zivile und milit&auml;rische Offensive zur Wahlsieg-Verhinderung von Lula<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874\">Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu &uuml;berwinden<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/09f9476bb4df4bd1af2bedbd0a500e98\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der Regierung des Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro sind die staatlichen Ausgaben f&uuml;r Hacker- und Spionagesoftware explodiert. 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