{"id":9032,"date":"2011-04-08T17:05:38","date_gmt":"2011-04-08T15:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9032"},"modified":"2014-08-13T13:56:39","modified_gmt":"2014-08-13T11:56:39","slug":"eine-uberflussige-konjunkturprognose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9032","title":{"rendered":"Eine \u00fcberfl\u00fcssige Konjunkturprognose"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts der Vielzahl der Wirtschaftsprognosen ragt die <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/portal\/page\/portal\/ifoContent\/N\/data\/forecasts\/forecasts_container\/GD20110407\/GD-20110407-lang.pdf\">&bdquo;Gemeinschaftsdiagnose&ldquo; [PDF &ndash; 5.3 MB]<\/a> der ohnehin <a href=\"?p=2274\">wirtschaftspolitisch gleich gepolten Wirtschaftsinstitute<\/a> nicht mehr aus dem heraus, was man schon oft gelesen hat. Man fragt sich warum das Bundeswirtschaftsministerium &uuml;berhaupt 4 Forschungsinstitute (das Ifo Institut des Professors Sinn, das Instituts f&uuml;r Weltwirtschaft des Professors Snowers, des Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle des <a href=\"?p=2720\">Professors Professors Blum<\/a> oder des RWI des Professors Schmidt) und dazu noch mehrere kooperierende Forschungsstellen besch&auml;ftigen und bezahlen muss, von denen man jedenfalls was ihre wirtschaftswissenschaftlichen Bewertungsma&szlig;st&auml;be und dementsprechend was ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen anbetrifft, ohnehin von vorneherein wei&szlig;, was als Ergebnis herauskommt. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nSeit 2006 habe ich mich der M&uuml;he unterzogen sowohl das Fr&uuml;hjahrsgutachten als auch das Herbstgutachten dieser Forschungsinstitute zu lesen und auf den NachDenkSeiten zu kommentieren. Der Tenor war fast immer der gleiche und reichte regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r eine <a href=\"?p=2704\">Erfolgsmeldung<\/a> des auftraggebenden Wirtschaftsministers: <a href=\"?p=7081\">erfreuliches Wachstum<\/a>, Arbeitslosigkeit sinkt, Inlandsnachfrage w&auml;chst, L&ouml;hne steigen. <\/p><p>Auch die wirtschaftspolitischen Empfehlungen wiederholten sich mit minimalen Varianten:<\/p><p>Haushaltskonsolidierung fortsetzen (<a href=\"?p=3905\">selbst im Rezessionsjahr 2009<\/a>), <a href=\"?p=4265\">Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates aus der Wirtschaft<\/a>, Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, Steuersenkungen oder keinesfalls Steuererh&ouml;hungen, &bdquo;Reformkurs&ldquo; fortsetzen, <a href=\"?p=2739\">Lohnzur&uuml;ckhaltung, Sozialleistungen senken<\/a>, Inflationsbek&auml;mpfung durch h&ouml;here Leitzinsen.<\/p><p>Die Wachstumsprognosen des diesj&auml;hrigen Fr&uuml;hjahrsgutachtens von 2,8 % in 2011 und von 2,0% in 2012 hat man &ndash; ein zehntel mehr oder ein zehntel weniger &ndash; schon oft gelesen. Im &Uuml;brigen, wenn man die Prognosewerte des letzten Fr&uuml;hjahrsgutachtens (1,5%) mit dem Ist-Wert des Jahres 2010 (3,6%) vergleicht, dann wird deutlich, wie viel Kaffeesatzleserei da betrieben wird. (Die Rechtfertigung dieser Fehleinsch&auml;tzung im letzten Jahr ist den Gutachtern gerade mal eine halbe Seite wert. S. 28)<\/p><p>Das einzig Hilfreiche ist, dass man alle halbe Jahre sozusagen ein update der neuesten Daten und das erleichtert die Sucharbeit, wenn man Zahlen f&uuml;r andere Zwecke braucht. Aber wenn eine Regierung ohnehin den gleichen wirtschaftspolitischen Glaubenslehren anh&auml;ngt, wie diese Institute, dann kann man vom sog. Gemeinschaftsdiagnose wirtschaftspolitisch kaum noch etwas &Uuml;berraschendes erfahren. <\/p><p>F&uuml;r einen wirtschaftsliberalen Wirtschaftsminister hat das Gutachten nahezu ausschlie&szlig;lich eine Public-Relation-Funktion, wie Br&uuml;derle schon am Abend im Fernsehen bei Maybrit Illner mal wieder aufdringlich bewiesen hat. <\/p><p>&bdquo;Deutschland erlebt einen kr&auml;ftigen Aufschwung&ldquo;, hei&szlig;t es da, gerade so als ob 2,8 oder danach 2,0 Prozent nach dem Einbruch von 2009 schon wieder Anlass zu &Uuml;bertreibungen w&auml;ren.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/110408_Konjunkturprognose.gif\" alt=\"Quelle: Statistisches Bundesamt, 2010\" title=\"Quelle: Statistisches Bundesamt, 2010\"><\/p><p>Quelle: Statistisches Bundesamt, 2010<\/p><p>Da wird eine st&auml;rkere Binnennachfrage gefeiert, obwohl die Privaten Haushalte gerade mal jeweils 0,7% zum Anstieg des BIP beitragen. Wenn &uuml;berhaupt, fallen die Anlageinvestitionen im Binnenmarkt mit 1,0 bzw. 09% ins Gewicht. F&uuml;r Ausr&uuml;stungsinvestitionen wird eine kr&auml;ftig Zunahme von 10,5 % (2011) und 7,6% (2012) erwartet. (S. 34) Und darauf kommt es ja den neoklassischen &Ouml;konomen an, n&auml;mlich dass die hiesigen Unternehmen investieren. Den privaten Konsum braucht man in der Welt dieser Wirtschafts&ouml;konomen ohnehin nicht. Die Unternehmen machen ja ohnehin alles alleine, sie konsumieren, investieren und exportieren, wenn es sein muss an die Wesen vom Mars. (<a href=\"?p=7106\">Heiner Flassbeck<\/a>)<\/p><p>Auch k&uuml;nftig werden sich die Einkommenszuw&auml;chse vor allem aus einer kr&auml;ftigen Zunahme der Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen speisen. Trotz einer prognostizierten Steigerung der Bruttol&ouml;hne wird sich die Umverteilung von den Arbeits- auf die Kapitaleinkommen fortsetzen. Die Kaufkraft soll sich real um gerade einmal 1,0% erh&ouml;hen. (S. 34) <\/p><p>Dabei lagen die effektiven Stundenl&ouml;hne im Jahre 2011 gegen&uuml;ber dem Vorjahr um 0,1 % niedriger. Und nebenbei wird bemerkt, dass angesichts des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;t um 1,0% und angesichts der Tatsache, dass die nominalen Lohnst&uuml;ckkosten ihr Niveau vom Vorjahr um 1,1 % unterschritten, sich die Gewinnsituation der Unternehmen sp&uuml;rbar verbessert habe. (S. 36) Gemessen am Produktionsniveau l&auml;gen die realen Arbeitskosten 2012 immer noch niedriger als vor Beginn der Lohnmoderation im Jahr 2004. (S. 37)<\/p><p>Da wird in dem Gutachten beim Arbeitsmarkt von einem &bdquo;regelrechten Boom&ldquo; (S. 37) gesprochen und als Erfolg vermeldet, dass etwa 60 % (!) des Besch&auml;ftigungsaufbaus in Vollzeitstellen stattfand und die Besch&auml;ftigung in der Arbeitnehmer&uuml;berlassung weiter zunimmt, wenn man angesichts der inzwischen besch&ouml;nigenden Statistiken unter 3 Millionen Arbeitslosen liegt. Die Qualit&auml;t der Arbeitspl&auml;tze, dass jeder 5. Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor gelandet ist, ist f&uuml;r die Gutachter vernachl&auml;ssigbar. Die Arbeitsplatzqualit&auml;t spielt f&uuml;r unsere Kartoffelmarkt-&Ouml;konomen keine Rolle, der Preis der Arbeit bildet sich ja auf dem Markt und wenn der Preis der Arbeit eben seinen Mann nicht mehr ern&auml;hrt, dann ist die Arbeit eben auch nicht mehr Wert. <\/p><p>Da werden der R&uuml;ckgang der Arbeitsproduktivit&auml;t und die Zunahme der Lohnst&uuml;ckkosten (um 1,0 %) durch inzwischen leichte Lohnerh&ouml;hungen kritisch betrachtet, schon wird wieder die Gefahr einer &bdquo;Lohn-Preis-Spirale&ldquo; an die Wand gemalt (S. 29), ganz so als h&auml;tte Deutschland nicht im letzten Jahrzehnt durch permanentes Lohndumping unsere europ&auml;ischen Nachbarn niederkonkurriert und dadurch wesentlich zu den Leistungsungleichgewichten gegen&uuml;ber unseren europ&auml;ischen Nachbarn beigetragen. Der weitere Anstieg der Exporte um 9,8% (2011) und 6,5% (2012) auch in die Mitgliestaaten der EWU wird nicht etwa problematisiert sondern als Erfolg vermeldet. (S.30) Die schwache Konjunktur in den Peripheriel&auml;ndern des Euroraums (Griechenland, Portugal, Spanien) d&uuml;rfte sich nach Meinung dieser Exporten kaum bemerkbar machen, da deren Anteil an der Gesamtausfuhr Deutschlands nur gering sei. (S. 31)<\/p><p>Obwohl man mit eine restriktiven finanzpolitischen Impuls in Relation zum nominalen BIP von 0,4 bzw. 0,9 % rechnet, werden der Konsolidierungskurs der Regierung und die Vorgaben der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; gelobt. (S. 29, 44)) Die sinkenden Sozialleistungen u.a. durch das sog. &bdquo;Sparpaket&ldquo; werden positiv gew&uuml;rdigt (S. 40)<\/p><p>Und nat&uuml;rlich ist man gegen die Finanztransaktionssteuer (S. 29).<\/p><p>Fazit: Die &bdquo;Gemeinschaftsdiagnose&ldquo; spielt auf der alten Leier, die ja bekanntlich aufgrund ihrer wenigen Saiten und nur geringem Tonumfang ziemlich eint&ouml;nig ist und sich auf die Wiederholung des altbekannten beschr&auml;nkt. Solange das Bundeswirtschaftsministerium nicht endlich einmal auch neue und alternative (wirtschaftspolitische) Saiten aufzieht und auch abweichende &ouml;konomische Ans&auml;tze bei der Begutachtung zu l&auml;sst, werden wir auch in Zukunft nur die altbekannten, ewig gleichen Wiederholungen h&ouml;ren.<br>\nDie &bdquo;Gemeinschaftsdiagnose&ldquo; wird weiter nur die Funktion haben, die Wirtschaftspolitik ihres jeweiligen Arbeitgebers in h&ouml;chsten T&ouml;nen zu loben &ndash; sofern er dem neoliberalen Kurs der beauftragten Forschungsinstitute folgt. <\/p><p>Typisch f&uuml;r die monetaristische Grundeinstellung der Forschungsinstitute ist ihre Kritik an den institutionellen Reformen der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion. Scharf werden die Mechanismen zur Korrektur &bdquo;makro&ouml;konomischer Ungleichgewichte&ldquo; &ndash; einer der Hauptursachen der derzeitigen Schuldenkrise der sog. Peripherstaaten &ndash; kritisiert. Die Ungleichgewichte stellten keineswegs notwendigerweise eine Gefahr f&uuml;r die W&auml;hrungsunion dar, sie spiegelten nur die strukturellen Unterschiede wider. Diese Mechanismen k&ouml;nnten nur &bdquo;zu schwer zu rechtfertigenden Eingriffe in die marktwirtschaftliche Ordnung genutzt werden&ldquo; (S. 48) und damit die Grundlage des Wohlstandes in der EU besch&auml;digt werden. Offener kann man seine Marktideologie nicht zur Schau tragen.<br>\nMassiv wenden sich unsere Marktgl&auml;ubigen dagegen, dass der Pakt fordere, dass sich die Arbeitskosten entsprechend der Produktivit&auml;t entwickeln sollten. Damit w&auml;re der Wirtschaftspolitik die M&ouml;glichkeit genommen &bdquo;f&uuml;r anpassungsf&auml;hige Arbeitsm&auml;rkte zu sorgen&ldquo; (S. 49) &ndash; auf deutsch &uuml;bersetzt: auf weitere Flexibilisierung und weiteres Lohndumping zu setzen. Selbst hinter den mehr als vagen Stabilisierungsmechanismen auf EU-Ebene f&uuml;rchten unsere Gutachter &bdquo;eine Tendenz zu wirtschaftspolitischem Zentralismus&ldquo;. Viele Vorlagen der EU entfernten sich vom Leitbild der Marktwirtschaft. <\/p><p>Die Forschungsinstitute verlangen deshalb vielmehr die &bdquo;Einrichtung eines dauerhaften Krisen- und Insolvenzmechanismus f&uuml;r Eurol&auml;nder&ldquo; als weitaus wichtigstes Reformwerk. <\/p><p>Die Forschungsinstitute die hier so locker &uuml;ber die Insolvenz von Staaten daherreden, verweigern damit eine wirkliche Analyse der Schuldenkrise der s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;nder. Griechenland oder Portugal (bei Irland liegt die Lage anders) haben sich doch vor allem deshalb im Ausland verschuldet (verschulden m&uuml;ssen), weil sie unter anderem gerade durch Deutschland mit seinem jahrzehntelangen Lohndumping in hohe Leistungsbilanzdefizite getrieben worden sind und durch den gemeinsamen Euro, das Geld, das sie zum Zahlen brauchen nicht mehr autonom drucken konnten. Wer wirklich das Ziel hat, dass die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion zu einer politischen Union zusammenw&auml;chst, der muss die au&szlig;enwirtschaftlichen Probleme innerhalb der EWU l&ouml;sen. Wer das nicht will, sollte besser gleich so ehrlich sein, ein Ausscheiden der verschuldeten L&auml;nder aus der EWU zu empfehlen.<br>\nEine von den Forschungsinstituten in einem Insolvenzverfahren notwendige &bdquo;Umschuldung&ldquo; (&bdquo;Hair-Cut&ldquo;) w&uuml;rde &ndash; einmal abgesehen von den unabsehbaren Folgen f&uuml;r das Finanzsystem &ndash; die au&szlig;enwirtschaftlichen Probleme innerhalb der EWU bestenfalls vertagen.<br>\n(Siehe <a href=\"upload\/pdf\/100518_flassbeck_offener_brief_an_rudolf_hickel.pdf\">Flassbeck [PDF &ndash; 75 KB]<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der Vielzahl der Wirtschaftsprognosen ragt die <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/portal\/page\/portal\/ifoContent\/N\/data\/forecasts\/forecasts_container\/GD20110407\/GD-20110407-lang.pdf\">&bdquo;Gemeinschaftsdiagnose&ldquo; [PDF &ndash; 5.3 MB]<\/a> der ohnehin <a href=\"?p=2274\">wirtschaftspolitisch gleich gepolten Wirtschaftsinstitute<\/a> nicht mehr aus dem heraus, was man schon oft gelesen hat. 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