{"id":90361,"date":"2022-11-15T09:00:40","date_gmt":"2022-11-15T08:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90361"},"modified":"2022-11-15T14:26:24","modified_gmt":"2022-11-15T13:26:24","slug":"911-wahlbeteiligung-das-gabs-genau-vor-50-jahren-die-mobilisierung-von-millionen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90361","title":{"rendered":"91,1 % Wahlbeteiligung. Das gab&#8217;s genau vor 50 Jahren. Die Mobilisierung von Millionen Menschen"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. November 1972 wurde gew&auml;hlt. Die Partei des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt erzielte mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen ihr bisher bestes Ergebnis. Die Friedenspolitik Brandts wurde furios best&auml;tigt. Damit wird das Ergebnis auch f&uuml;r die Mittel- und Ostdeutschen von Bedeutung. Es gibt mehrere Gr&uuml;nde f&uuml;r diesen Erfolg. Auf zwei weise ich hin, weil sie in der Geschichtsschreibung immer noch keine Rolle spielen. Erstens haben sich in diesem Wahlkampf Hunderttausende von Arbeitern, Hausfrauen, Studenten, Sch&uuml;lern, Rentnern beteiligt &ndash; durch Weitersagen, durch pers&ouml;nliches Bekenntnis. Zweitens wurde dieses Engagement der breiten Schichten dadurch gest&uuml;tzt und unterf&uuml;ttert, dass Brandt und die SPD die massive Intervention des Gro&szlig;en Geldes zugunsten der CDU\/CSU zu einem zentralen Thema des Wahlkampfs machten. Ich will Ihnen, den Leserinnen und Lesern der NachDenkSeiten, diese Intervention vorstellen. <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/view\/bundestagswahlkampf1972ii5k\">Hier<\/a> finden Sie eine Dokumentation der &uuml;ber 100 Anzeigen, die damals alleine von Hilfsorganisationen der CDU\/CSU in deutschen Zeitungen geschaltet wurden. Ein Millionen-Einsatz. Gesch&auml;tzte 34 Millionen DM. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9343\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-90361-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=90361-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221115-91-Prozent-Wahlbeteiligung-genau-vor-50-Jahren-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das verlinkte Dokument mit allen damals von den Hilfsorganisationen der CDU\/CSU geschalteten Anzeigen ist ellenlang. Wem der Durchgang durch die vollst&auml;ndige Dokumentation zu m&uuml;hsam ist, der findet im Anhang hier unten eine Auswahl. Schauen Sie sich bitte diesen Anhang kurz mal an, bevor Sie hier im Text weiterlesen, damit Sie verstehen, um was es hier geht.  <\/p><p>Alle in den Anhang aufgenommenen Anzeigen finden sich selbstverst&auml;ndlich auch in der Gesamtdatei. <\/p><p>Wenn Sie ein bisschen historisch oder auch nur politisch interessiert sind, dann lohnt sich der Durchgang. Man lernt und erf&auml;hrt, wie kaputt die sogenannten christlichen Parteien, die von 1949-1969 immerhin 20 Jahre lang die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland bestimmt hatten, damals waren. Sie lie&szlig;en sich ohne Scham von &uuml;blen Elementen und auf anonyme Weise unterst&uuml;tzen. Lassen Sie diese massive Kampagne meist anonymer Organisationen auf sich wirken. Dann werden Sie begreifen, welche antidemokratische Substanz in der damaligen CDU und CSU steckten. Die Machtgier war r&uuml;cksichtslos. Und das Geld jener, die die Union steuerten, floss ungehindert und quasi unbegrenzt; keine und keiner der CDU\/CSU-Granden intervenierte gegen diese Machenschaften. Keine! Weizs&auml;cker nicht und Biedenkopf nicht und Gei&szlig;ler sowieso nicht. Lauter charakterlose Typen. Oder ohne Mut.<\/p><p>Es war Willy Brandt und uns, den f&uuml;r die Wahlkampfplanung Zust&auml;ndigen in der Abteilung &Ouml;ffentlichkeitsarbeit der SPD und den bei der Agentur ARE Verantwortlichen, zu verdanken, dass das Gro&szlig;e Geld und seine Intervention in diesem Wahlkampf zu einem eigenen gro&szlig;en Thema gemacht worden ist und damit entsch&auml;rft und sogar umgedreht worden ist, wie beim Judo: zur Waffe gegen die Konservativen und ihre Hinterm&auml;nner.<\/p><p>Als ich am Samstag, den 8. Juli 1972, ein Gespr&auml;ch mit Willy Brandt &uuml;ber die Planung des Wahlkampfs hatte, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass CDU und CSU die Intervention anonymer Hintergrundorganisationen des Gro&szlig;en Geldes im baden-w&uuml;rttembergischen Landtagswahlkampf im April 1972 getestet hatten und dass wir &Auml;hnliches im Bundestagswahlkampf wieder zu erwarten h&auml;tten. Ich schlug vor, anders als die SPD in Baden-W&uuml;rttemberg diese Intervention nicht zu verschweigen, sondern offensiv zum Thema zu machen. Willy Brandt stimmte dem zu und war dann im Wahlkampf der eigentliche Tr&auml;ger dieser Kampagne. <\/p><p>Er war damit ziemlich allein in der SPD-F&uuml;hrung. Au&szlig;er ihm und dem Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Holger B&ouml;rner hat keine und keiner der anderen F&uuml;hrungspersonen diese entscheidende Kampagne der SPD voll, selbstbewusst und aus innerer &Uuml;berzeugung mitgetragen. Helmut Schmidt hat mich dann sp&auml;ter, als er Bundeskanzler und mein Chef war, einige Male und mit kritischem Unterton darauf hingewiesen, wir h&auml;tten mit dieser Kampagne gegen das Gro&szlig;e Geld das Verh&auml;ltnis der SPD zur Wirtschaft besch&auml;digt. Dies nur zur Schilderung der Konstellation und zur Begr&uuml;ndung meiner gro&szlig;en Bewunderung f&uuml;r Willy Brandt.<\/p><p>In den meisten historischen oder sonstigen Darstellungen des damaligen Wahlkampfes taucht die Anzeigenkampagne der Hilfstruppen der CDU und CSU nicht auf. So ist unsere Geschichtsschreibung. Wenn die Historiker die politischen Einflussversuche der Reichen und Superreichen beschreiben w&uuml;rden und sie damit in ein grelles und anti-demokratisches Licht r&uuml;cken w&uuml;rden, wenn die Wahrheit den reichen Leuten weh t&auml;te, dann unterbleibt das. <\/p><p>In der deutschen Geschichtsschreibung spielten und spielen die beiden entscheidenden Gr&uuml;nde f&uuml;r den 1972er Wahlsieg der SPD und die Besonderheit jenes Wahlkampfs keine gro&szlig;e Rolle. Der erste gro&szlig;e Grund f&uuml;r den Wahlsieg, die Teilnahme und das Engagement von Millionen von Menschen am Wahlkampf, ihre Bereitschaft, mit anderen Menschen am Arbeitsplatz und in der Bahn zu reden, ihr Bekenntnis mit dem Tragen von Buttons und der Verzierung ihrer Pkws mit Aufklebern, wird da und dort noch in der Geschichtsschreibung erw&auml;hnt, wenigstens als Fu&szlig;note. &ndash; Die zweite wichtige Erscheinung jenes Wahlkampfes, die Intervention des Gro&szlig;en Geldes und die Thematisierung dieses Vorgangs durch die wahlk&auml;mpfende SPD und damit ein zentraler Grund f&uuml;r das SPD-Wahlergebnis, spielt in der Geschichtsschreibung keine Rolle. Die Geschichtsschreibung ist wie so oft Klassengeschichtsschreibung.<\/p><p>Einige einschl&auml;gige historische Werke habe ich danach durchgepr&uuml;ft. In einem tauchten die Anzeigen auf, die der im Sommer 1972 aus der SPD ausgeschiedene fr&uuml;here Wirtschaftsminister Karl Schiller mit Ludwig Erhard von der CDU hat in die Zeitungen r&uuml;cken lassen. Das war alles. Bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundestagswahl_1972\">Wikipedia<\/a> steht nichts zur Kampagne des Gro&szlig;en Geldes. Bei <a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/lemo\/kapitel\/geteiltes-deutschland-modernisierung\/bundesrepublik-im-wandel\/bundestagswahl-1972.html\">LEMO, dem Lebendigen Museum Online<\/a>, auch nichts. Beim <a href=\"https:\/\/wahl.tagesspiegel.de\/2017\/zeitreise\/1972\/\">Tagesspiegel<\/a> eine rundum abstruse Beschreibung der Gr&uuml;nde f&uuml;r den Erfolg der SPD.<\/p><p>Einer, der die wichtigen Gr&uuml;nde f&uuml;r den Wahlerfolg der SPD und die hohe Wahlbeteiligung gut und ausf&uuml;hrlich beschreibt, ist Werner Perger <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2013-07\/wahlkampfzeiten-1972\/komplettansicht\">in der &bdquo;Zeit&ldquo;<\/a>. Hier sind Teile seines Artikels vom 10. August 2013 wiedergegeben:<\/p><blockquote><p>\n<strong>Wahlkampf 1972: Die Mutter aller Wahlschlachten<\/strong><\/p>\n<p>So aufgeladen wie vor 41 Jahren war die politische Stimmung nie. Am Ende landete Willy Brandts SPD einen Sensationssieg, von dem sie noch heute tr&auml;umt. Von Werner Perger<\/p>\n<p>Von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/autoren\/P\/Werner_A_Perger\/index.xml\"><strong>Werner A. Perger<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Ein Jahr wie dieses hat es in der innenpolitischen Geschichte der Bundesrepublik vorher und danach nicht mehr gegeben: das Wahljahr 1972. &hellip;<\/p>\n<p>So wurde 1972 zu einer Achterbahn der Ereignisse und Emotionen. Der politische H&ouml;llenritt begann mit dem gescheiterten&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/html\/DasGeteilteDeutschland\/KontinuitaetUndWandel\/NeueOstpolitik\/konstruktivesMisstrauensvotum.html\">Misstrauensvotum<\/a>&nbsp;der CDU\/CSU gegen Brandt am 27. April. &hellip;<\/p>\n<p>Die Folge: vorzeitige Aufl&ouml;sung des Bundestags, Neuwahlen und Streit innerhalb der Regierung, der zum spektakul&auml;ren R&uuml;ck- und Parteiaustritt des popul&auml;ren SPD-Wirtschafts- und Finanzministers&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/karl-schiller\/index\">Karl Schiller<\/a>&nbsp;f&uuml;hrte. Er, damals ein &ldquo;Superstar&rdquo; der deutschen Politik, kritisierte kurz darauf in gemeinsamen Anzeigen mit dem CDU-Veteran&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/ludwig-erhard\/index\">Ludwig Erhard<\/a>, dem legend&auml;ren &ldquo;Vater des Wirtschaftswunders&rdquo;, die Regierung. Ein Alptraum f&uuml;r die Koalition. &hellip;<\/p>\n<p>Im Sommer folgte der pal&auml;stinensische Anschlag&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2012\/36\/Muenchen-Olympia-Attentat-1972-Interview-Dahlke\">auf die israelische Olympia-Mannschaft in M&uuml;nchen<\/a>. Drei Wochen vor der Wahl entf&uuml;hrte schlie&szlig;lich ein PLO-Kommando eine Passagiermaschine der Lufthansa. Die Kidnapper forderten die Freilassung jener drei Attent&auml;ter, die den katastrophal gescheiterten Versuch, die israelischen Geiseln auf dem Flugplatz von F&uuml;rstenfeldbruck zu befreien, &uuml;berlebt hatten. Die Bundesregierung gab nach. War die Wahl damit gelaufen?<\/p>\n<p><strong>Unerwarteter Erfolg<\/strong><\/p>\n<p>Am 19. November erreichten die Sozialdemokraten, entgegen den Erwartungen, mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte. Sie stellten zum ersten Mal die st&auml;rkste Fraktion im Bundestag. Die damals noch linksliberale FDP hatte sich mit 8,4 Prozent stabilisiert.&nbsp;&hellip;<\/p>\n<p>Die CDU mit ihrem Kanzlerkandidaten&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/rainer-barzel\/index\">Rainer Barzel<\/a>, der sich schon im Kanzleramt gew&auml;hnt hatte, war demoralisiert, zusammen mit ihren Partnern aus Wirtschaft und Industrie, die der Union mit enormem finanziellen Aufwand im Wahlkampf zur Seite gestanden hatten. So kam dieses&nbsp;<i>annus mirabilis<\/i>&nbsp;zu einem &uuml;berraschenden Abschluss. &hellip;<\/p>\n<p>Sensationell war vor allem die Basis der abrupten Machtverschiebung: die Wahlbeteiligung von einmaligen 91,1 Prozent. Der Historiker&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.politik-soziologie.uni-bonn.de\/institut\/lehrkoerper\/prof.-em.-dr.-dr.-h.c.-mult.-karl-dietrich-bracher\">Karl-Dietrich Bracher<\/a>&nbsp;sprach von einem Plebiszit. Ein CSU-Politiker in M&uuml;nchen verglich im ersten Schrecken die hohe Beteiligungsquote mit den undemokratischen Verh&auml;ltnissen der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/ddr\">DDR<\/a>. Und die Allensbacher Strategin&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/personen\/elisabeth-noelle-neumann\/index\">Elisabeth Noelle-Neumann<\/a>, die demoskopische Grande Dame im Freundeskreis der Union, schrieb sp&auml;ter in einem R&uuml;ckblick auf dieses politische Erdbeben: &ldquo;Mit 1972 wird sich so bald kein&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/schlagworte\/themen\/wahlkampf\/index\">Wahlkampf<\/a>&nbsp;mehr vergleichen lassen.&rdquo;<\/p>\n<p>In der Tat: Die Kampagne 1972&nbsp; war die Mutter aller Wahlk&auml;mpfe. Verglichen damit erleben wir in diesem Jahr einen veritablen Sommerschlaf. (Gemeint ist das Jahr 2013 und die damalige Bundestagswahl; der Verfasser) Parallelen k&ouml;nnte es allenfalls in einem geben: Im Sommer 1972 h&auml;tte kaum jemand auf einen Sieg der SPD gesetzt, geschweige denn auf einen Erfolg in dieser Dimension. Brandt und seine Koalition standen mit dem R&uuml;cken zur Wand, ihre Gegner gerierten sich, als ginge es um die Rettung des Abendlandes. Der Kanzler und seine Regierung des ostpolitischen &ldquo;Ausverkaufs&rdquo; und der Vertr&auml;ge mit Warschau, Moskau und des Grundlagenvertrags mit der DDR, die zudem unter &ldquo;sozialistischer&rdquo; F&uuml;hrung Arbeitsmarktimpulsen Vorrang vor Inflationsbek&auml;mpfung gab und mit neuen Visionen von &ldquo;Lebensqualit&auml;t&rdquo; und &ldquo;Umweltschutz&rdquo; den Menschen den Kopf verdrehte, sollte weg.<\/p>\n<p><strong>Starke Polarisierung, massive Mobilisierung<\/strong><\/p>\n<p><strong>F&uuml;r diesen Kreuzzug hatte die Union potente Verb&uuml;ndete angeworben. Bald nach Aufl&ouml;sung des&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/bundestag\">Bundestags<\/a>&nbsp;schossen &uuml;berall im Lande B&uuml;rger- und W&auml;hlerinitiativen mit anonymen Postfachadressen aus dem Boden. Sie sammelten Millionen ein, mit denen sie Anzeigen und Plakate finanzierten, auf denen vor einem Wahlsieg von Rot-Gelb gewarnt wurde. <\/strong>(Gefettet vom Verfasser)<\/p>\n<p>Dagegen stellte die SPD zun&auml;chst nur Plakate mit einem Schnappschuss-Foto Brandts und dem sperrigen Slogan: &ldquo;Wer morgen sicher leben will, muss heute f&uuml;r Reformen k&auml;mpfen.&rdquo; So lag die CDU\/<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/csu\">CSU<\/a>&nbsp;im September 1972 in den Umfragen schlie&szlig;lich bei 51 Prozent, die SPD bei 41.<\/p>\n<p>Zum Auftakt des Wahlkampffinales im Herbst geschah jedoch etwas Unerwartetes, das den Unterschied zu allen anderen Wahlen markieren sollte, vor allem zum bisherigen Verlauf des Wahlkampfs 2013: <strong>Das Volk kam in Bewegung, die B&uuml;rger wurden politisiert und begannen sich, f&uuml;r die erbittert gef&uuml;hrte Auseinandersetzung zu interessieren<\/strong>. (Gefettet vom Verfasser)<\/p>\n<p><strong>Die Stimmung im Land war auf einmal politisch extrem aufgeladen, wie man es heute gar nicht mehr kennt. Parteiversammlungen hatten ungeahnten Zulauf, die Wahlredner f&uuml;llten gro&szlig;e Pl&auml;tze und Hallen. Politiksendungen im Fernsehen wurden zum Gespr&auml;chsthema am Arbeitsplatz und am Stammtisch, Flugblattverteilen auf Stra&szlig;en und Pl&auml;tzen wurde selbstverst&auml;ndlich, ebenso wie Hausbesuche von Wahlhelfern nach amerikanischem Muster. Durchs Land schwappte eine Welle von Aufklebern und Bekenntnis-Buttons mit der eing&auml;ngigen Botschaft &ldquo;Willy w&auml;hlen&rdquo;. <\/strong>(Gefettet vom Verfasser)<\/p>\n<p>Das Ausma&szlig; der Mobilisierung war ungew&ouml;hnlich, das hat es in dieser Form nie wieder gegeben. Und auffallend war auch und besonders die Asymmetrie: Die Aufmerksamkeit und das Engagement konzentrierten sich auf die SPD und deren Spitzenkandidaten. In ihrem Sog bekam auch die&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/fdp\">FDP<\/a>&nbsp;als Partner in ihrem &Uuml;berlebenskampf einen Sympathieanteil ab. Die Idee des&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1972\/47\/ein-attentat-aufs-wahlgesetz\">Stimmensplitting<\/a>&nbsp;&ndash; damals: Erststimme f&uuml;r den lokalen SPD-Kandidaten, Zweitstimme f&uuml;r die FDP als &Uuml;berlebenshilfe&nbsp; &ndash; wurde seinerzeit geboren. Ohne diese Leihstimmen h&auml;tte die SPD 1972 wom&ouml;glich sogar die absolute Merheit im Bundestag gewonnen, denn bei den Erststimmen bekam sie sensationelle 48,9 Prozent. &hellip;\n<\/p><\/blockquote><p>Soweit Werner Perger. Er hat auf beide wichtige Elemente &ndash; die Mobilisierung vieler Menschen und das Offenlegen der Intervention des Gro&szlig;en Geldes &ndash; hingewiesen. Bei diesem Autor ist das allerdings kein Wunder. Er hat das Geschehen in Bonn als Redakteur der Wiener Presse intensiv verfolgt und war immer gut informiert wie wenige deutsche Journalisten und Journalistinnen.<\/p><p>Die Anzeigen spielten auch in der letzten Fernsehdiskussion, der sogenannten Elefantenrunde, eine Rolle. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-01.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Diese Diskussion fand genau vor 50 Jahren, also am 15. November 1972 statt. An diesem Tag war die Bild-Zeitung mit 8 Anzeigen erschienen. Sie f&uuml;llten eine Fl&auml;che von 3 3\/4 Seiten. Gesch&auml;tzter Preis: 450.000 DM. <\/p><p>Willy Brandt hat die Chance genutzt, in dieser Runde vor einem Millionenpublikum auf diese Intervention des Gro&szlig;en Geldes hinzuweisen. Das sa&szlig; und mobilisierte in den letzten 3 Tagen noch einmal Millionen Menschen, die sich im Wahlkampf 1972 wie nie zuvor und nie danach politisch engagiert hatten.<\/p><p>Ist dies, was ich hier geschildert und mit den vielen Anzeigen belegt habe, von irgendwelcher Relevanz f&uuml;r heute? <\/p><p>Diese Frage werden viele Leserinnen und Leser stellen. Aus meiner Sicht ja, auch wenn es schwierig ist. Es ist relevant, es ist sogar superrelevant, weil es in Deutschland angesichts der eingefahrenen Strukturen bei den Medien gar keinen politischen Wechsel mehr geben wird, wenn nicht das Volk mobilisiert wird. Die Verh&auml;ltnisse sind ja keinesfalls besser als damals. Wir haben eine extreme Konzentration der Medienmacht bei gro&szlig;en Verlegern. Sie beherrschen Zeitungen, Zeitschriften und oft auch noch den privaten H&ouml;rfunk und das private Fernsehen. Und die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien sind &uuml;ber weite Strecken ihrer kritischen Kraft beraubt, &uuml;ber weite Strecken gleichgerichtet und letztlich eng mit den privaten Printmedien verbunden. <\/p><p>Wenn sich in dieser eigentlich ausweglosen Situation eine neue politische Kraft zusammenfinden sollte oder wenn sich gar eine alte politische Kraft wie die SPD ihrer erfolgreichen Vergangenheit besinnen w&uuml;rde, dann kann diese Kraft nur darauf z&auml;hlen, Menschen zu mobilisieren und als Multiplikatoren wirken zu lassen. Mit den Medien wird es nicht gelingen &ndash; vielleicht mit kleinen Ausnahmen. Aber wir sehen ja, dass selbst so ein Medium wie die taz sich schon nicht mehr gegen die Mehrheitsmeinung stellt, Frankfurter Rundschau, die S&uuml;ddeutsche Zeitung, der Spiegel, der Stern sowieso nicht. Im Gegenteil. Sie sind Teil der gro&szlig;en Mediensauce.<\/p><p><strong>Also bleibt einer neuen politischen Bewegung, so es diese geben sollte, &ndash; oder einer wachgek&uuml;ssten alten politischen Bewegung &ndash; einzig und allein der Versuch, Hunderttausende von Menschen zu mobilisieren. Wie 1972. Ob es diese Chance noch gibt, wei&szlig; ich nicht. Aber der Versuch sollte gemacht werden. Was bleibt uns sonst denn noch anderes &uuml;brig in dieser irren Zeit?<\/strong><\/p><p><strong>Anhang<\/strong><\/p><p><strong>Eine Auswahl von Anzeigen des Gro&szlig;en Geldes im Bundestagswahlkampf 1972<\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-02.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-03.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-04.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-05.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-06.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-07.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-07.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-08.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-08.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-09.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-09.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-10.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-10.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-11.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-11.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-12.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-12.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-13.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-13.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-14.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-14.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-15.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-15.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-16.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-16.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-17.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-17.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-18.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-18.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-19.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221115-Hilfstruppen-19.jpg\"><span><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. November 1972 wurde gew&auml;hlt. Die Partei des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt erzielte mit 45,8 Prozent der Zweitstimmen ihr bisher bestes Ergebnis. Die Friedenspolitik Brandts wurde furios best&auml;tigt. Damit wird das Ergebnis auch f&uuml;r die Mittel- und Ostdeutschen von Bedeutung. Es gibt mehrere Gr&uuml;nde f&uuml;r diesen Erfolg. Auf zwei weise ich hin, weil sie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90361\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":90362,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,212,123,190],"tags":[329,718,482,426,1347],"class_list":["post-90361","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-gedenktagejahrestage","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wahlen","tag-brandt-willy","tag-bundestagswahl","tag-tv-duell","tag-wahlbeteiligung","tag-wahlkampf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221115-Hilfstruppen-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=90361"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90398,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/90361\/revisions\/90398"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/90362"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=90361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=90361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=90361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}