{"id":9044,"date":"2011-04-12T08:49:28","date_gmt":"2011-04-12T06:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9044"},"modified":"2014-08-13T14:13:29","modified_gmt":"2014-08-13T12:13:29","slug":"im-tal-der-tranen-die-spd-und-ihre-selbstfindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9044","title":{"rendered":"Im Tal der Tr\u00e4nen \u2013 die SPD und ihre Selbstfindung"},"content":{"rendered":"<p>SPD-Pr&auml;sidiumsmitglied Heiko Maas denkt in einem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,755364,00.html\">Gastartikel<\/a> f&uuml;r den SPIEGEL laut &uuml;ber die Renaissance des rot-gelben Projektes nach und wirbt daf&uuml;r, sich intensiver um die gr&uuml;ne W&auml;hlerklientel zu k&uuml;mmern. Dabei r&uuml;cken die ureigenen sozialdemokratischen Inhalte programmatisch immer weiter in den Hintergrund. Im aufgeregten Koalitionsbildungs-Geschw&auml;tz der Stunde werden von den Medien, die sich stets gegen &bdquo;linke Mehrheiten&ldquo; ausgesprochen haben, bereits k&uuml;nftige B&uuml;ndnisse <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,755594,00.html\">herbeigeschrieben<\/a>, in denen Union, SPD, FDP und Gr&uuml;ne bunt gemischt untereinander koalitionsf&auml;hig sein sollen. Von einer &bdquo;linken Mehrheit&ldquo; und von politischen Inhalten spricht schon lange niemand mehr und eine Alternative zum neoliberalen Mainstream scheint somit ferner denn je. Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Ureigene Imitation<\/strong><\/p><p>Wenn Umfragewerte und Wahlergebnisse von Parteien entt&auml;uschen, k&uuml;ndigen diese an, sich k&uuml;nftig breiter aufstellen zu wollen und gleichzeitig ihr Profil zu sch&auml;rfen. Dies ist nat&uuml;rlich ein Widerspruch in sich, der meist damit aufgel&ouml;st wird, dass man sein Profil noch weiter verw&auml;ssert, um auch garantiert jeden W&auml;hler aus der sagenumwobenen &bdquo;Mitte&ldquo; abholen zu k&ouml;nnen. F&uuml;r was steht beispielsweise die SPD in diesen Tagen? Bei den tagesaktuellen Themen wie Stuttgart 21, Atomausstieg oder Libyen-Einsatzsteht die SPD f&uuml;r ein entschiedenes Sowohl-als-auch und irrlichtert um alle Festlegungen herum, die k&uuml;nftige Koalitionsoptionen mit CDU, FDP oder den Gr&uuml;nen in Frage stellen k&ouml;nnten. Die Kritik an Schwarz-Gelb beschr&auml;nkt sich aufs Handwerkliche. Wer mit allen Parteien koalitionsf&auml;hig sein will, darf offenbar kein eigenes Profil haben. Das zeigt sich in einem noch st&auml;rkeren Ma&szlig;e bei den sozialdemokratische Themen &ndash; wann hat man in letzter Zeit von der SPD eigentlich etwas zum Mindestlohn, zur Leiharbeit, zur Rente mit 67 oder einen konkreten Vorschlag zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem geh&ouml;rt? Man mag nun einwenden, diese Themen seien nun einmal momentan nicht auf der &ouml;ffentlichen Diskussionsagenda, aber ist es nicht auch Aufgabe einer Volkspartei, Themen zu setzen, anstatt ihnen kopflos hinterherzurennen? <\/p><p>Wenn Heiko Maas im SPIEGEL schreibt, dass die SPD &bdquo;gr&uuml;ner werden solle&ldquo; und den &bdquo;&ouml;kologischen Umbau der Industriegesellschaft&ldquo; zum Kernthema der SPD-Politik machen soll, dann ist dies kein vision&auml;rer Aufbruch, sondern ein weiterer Kotau vor der Beliebigkeit. Es gibt inzwischen keine Partei mehr, die sich nicht den Umweltschutz auf ihre Fahnen geschrieben h&auml;tte und die nicht f&uuml;r eine &ouml;kologische Industriegesellschaft eintreten w&uuml;rde. Sogar Angela Merkel lie&szlig; sich in besseren Zeiten gerne als &bdquo;Klima-Kanzlerin&ldquo; feiern und auch die SPD hat in ihrem 1989 verabschiedeten Berliner Programm eben jenen &ouml;kologischen Umbau der Industriegesellschaft bereits zu einem programmatischen Schwerpunkt erkl&auml;rt.<\/p><p>Ein solcher Umbau hat auch relativ wenig mit &bdquo;postmateriellen Werten&ldquo; zu tun &ndash; der Umweltsektor ist mittlerweile einer der gr&ouml;&szlig;ten und am schnellsten wachsenden Sektoren und auf diesem Markt <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/technik-wissen\/wie-oeko-technik-die-deutsche-industrie-revolutioniert-395625\/4\/\">ist Deutschland Weltmarktf&uuml;hrer<\/a>. Auch &bdquo;gr&uuml;ne&ldquo; Politik ist Industriepolitik, und die Frage, ob sie sozial vertr&auml;glich oder neoliberal gepr&auml;gt sein soll, ist eng mit anderen Fragen der Verteilungsgerechtigkeit verbunden, auf die die SPD keine &uuml;berzeugende und vor allem keine glaubw&uuml;rdige und eigenst&auml;ndige Antwort findet. Die SPD ist gespalten zwischen dem Agenda-Fl&uuml;gel um Steinmeier und Steinbr&uuml;ck, die ihr vorausgegangenes Tun als historisches Erfolgsprogramm verteidigen wollen und ihr Vorsitzender Gabriel versucht den Spagat zwischen einer kritischen Analyse der Fehler der Vergangenheit und dem <a href=\"\/?p=8058\">Selbstlob der fr&uuml;heren Regierungsbeteiligungen<\/a>.<\/p><p>Eine echte &bdquo;sozial&ldquo;demokratische Partei sollte sich eher darum k&uuml;mmern, dass dieser Umbau auch sozial vonstatten geht und einkommensschwache B&uuml;rger, aber auch die durchschnittlichen Arbeitnehmer nicht weiter durch Sozialabbau oder politisch gewollte Preissteigerungen f&uuml;r Strom, Kraftstoffe und Heizmittel in ihrer materiellen Existenz bedroht werden. Doch diese Sorgen besch&auml;ftigen die &bdquo;moderne&ldquo; SPD nicht ernsthaft. Sie bietet kein Konzept, das die Werte des sozialdemokratischen Fortschrittsversprechens wieder in praktische Politik umsetzen k&ouml;nnte. Anstatt ihr sozialdemokratisches Profil zu sch&auml;rfen, plappert sie lieber die Leerformeln der politischen Konkurrenz nach. Doch was will sie damit erreichen? Der marktliberale Bildungsb&uuml;rger mit &bdquo;&Ouml;ko-Gewissen&ldquo; w&auml;hlt lieber das vermeintliche Original als die Kopie. <\/p><p>Wenn die SPD nun schon den Gr&uuml;nen W&auml;hler abwerben will, dann sollte sie es vielleicht einmal mit einer St&auml;rkung ihres sozialdemokratischen Kerns versuchen. Aus dem rot-gr&uuml;nen ist jedoch zwischenzeitlich &ndash; wenn &uuml;berhaupt noch &ndash; ein von den Umfrageinstituten prognostiziertes gr&uuml;n-rotes Projekt geworden. Auch wenn die Zeit des gr&uuml;nen Demoskopie-Hochs nur vor&uuml;bergehend sein d&uuml;rfte, gibt die SPD bereits jetzt ohne Not und freiwillig den Kellner, der die Themen des gr&uuml;nen Kochs bereitwillig seinen W&auml;hlern auftischt. Wahrscheinlich herrscht in den karriereorientierten Netzwerken der SPD bereits die blanke Panik, dass die Gr&uuml;nen sich lieber der Union zuwenden und man selbst zeitlebens als Restpartei die Oppositionsb&auml;nke dr&uuml;cken muss.<\/p><p>Diese Angst ist wohl auch die Triebfeder f&uuml;r die j&uuml;ngsten &ndash; geradezu grotesken &ndash; Flirtversuche mit der kriselnden FDP. Dabei muss man seine Phantasie schon &uuml;ber die Grenzen in Anspruch nehmen, wenn man heute in einem potentiellen B&uuml;ndnis aus der SPD und der FDP eine Wiederauflage der alten sozialliberalen Koalition aus den Zeiten Brandts und Scheels oder Schmidts und Genschers sehen will. Wie sollte auch eine Zwanzig-Prozent-Partei, wie die SPD es gegenw&auml;rtig ist, mit einer Partei wie der FDP, die unter die F&uuml;nf-Prozent-Grenze rutscht, auf absehbarer Zeit mehrheitsf&auml;hig werden? Kann Heiko Maas sich ernsthaft vorstellen, zusammen mit den marktliberalen &Uuml;berzeugungst&auml;tern R&ouml;sler und Lindner eine sozialliberale Politik  umzusetzen? Oder ist die Begriffsdefinition des Wortes &bdquo;sozial&ldquo; innerhalb der SPD bereits derart degeneriert? Wer dem W&auml;hler vorgaukelt, er wolle einen fl&auml;chendeckenden Mindestlohn umsetzen und gleichzeitig eine Koalition mit der FDP nicht ausschlie&szlig;en will, hat seine Glaubw&uuml;rdigkeit auf dem Altar des opportunistischen Willens zur Macht geopfert. <\/p><p>Wer glaubte, dass sich die SPD nach elf Jahren Regierungszeit in der Opposition schon wieder fangen und zu einem Wortf&uuml;hrer f&uuml;r sozialpolitische Themen w&uuml;rde, hat sich bitter get&auml;uscht. Rein rechnerisch b&ouml;te eine &bdquo;linke Mehrheit&ldquo; aus den Parteien SPD, Gr&uuml;ne und Linke f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre eine weitaus realistischere Perspektive als ein B&uuml;ndnis aus SPD und FDP, die in den j&uuml;ngsten Umfragen zusammen noch nicht einmal auf 30% kommen. Die Linke ist allerdings f&uuml;r die SPD ein rotes Tuch, die SPD-Spitze hat offenbar immer noch nicht erkannt, dass sie mit ihrem Linken-Bashing nur sich selbst schadet, weil sie sich damit jede inhaltlich vertretbare Mehrheitsoption nimmt. Dabei k&ouml;nnte sie in einem rot-rot-gr&uuml;nen B&uuml;ndnis zweifelsohne die meisten ihrer programmatischen Forderungen umsetzen. Eine Partei, die offenbar aber gar keine inhaltlichen, sondern rein machtarithmetische Bestrebungen hat, d&uuml;rfte vom W&auml;hler in den n&auml;chsten Jahren ohnehin gemieden werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SPD-Pr&auml;sidiumsmitglied Heiko Maas denkt in einem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,755364,00.html\">Gastartikel<\/a> f&uuml;r den SPIEGEL laut &uuml;ber die Renaissance des rot-gelben Projektes nach und wirbt daf&uuml;r, sich intensiver um die gr&uuml;ne W&auml;hlerklientel zu k&uuml;mmern. Dabei r&uuml;cken die ureigenen sozialdemokratischen Inhalte programmatisch immer weiter in den Hintergrund. 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