{"id":905,"date":"2005-10-15T12:19:27","date_gmt":"2005-10-15T10:19:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=905"},"modified":"2016-03-03T11:04:41","modified_gmt":"2016-03-03T10:04:41","slug":"posten-statt-politik-noch-vor-dem-ersten-koalitionsgesprach-verteilt-die-spd-die-ministerposten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=905","title":{"rendered":"Posten statt Politik. Noch vor dem ersten Koalitionsgespr\u00e4ch, verteilt die SPD die Ministerposten."},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir d&uuml;rfen auch nicht den Eindruck erwecken&hellip;, dass es in erster Linie um Posten geht&ldquo;, sagte Michael Glos im ZDF. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ich beobachte nun Koalitionsverhandlungen und Regierungsbildungen seit den siebziger Jahren. Dass vor dem ersten Gespr&auml;ch &uuml;ber die Ziele und Vorhaben einer neuen Regierung nicht nur die Ressorts zwischen den Koalitionspartnern aufgeteilt wurden sondern auch noch die Minister vorgestellt werden, das hat es nach meiner Erinnerung noch nie gegeben. Andererseits, wenn man schon keine neuen Ziele hat, dann bleiben eben nur die Namen, die f&uuml;r die Inhalte einer k&uuml;nftigen Politik stehen.<br>\n<!--more--><br>\nAngelika Merkel hob nach den Sondierungsgespr&auml;chen unter acht Augen hervor, dass (au&szlig;er &uuml;ber die ver&ouml;ffentlichten vier d&uuml;rftigen Ank&uuml;ndigungen) noch nicht &uuml;ber Inhalte gesprochen und &bdquo;wesentliche Fragen&ldquo; noch nicht er&ouml;rtert worden seien. Auch Franz M&uuml;ntefering verk&uuml;ndete: &bdquo;Jetzt geht es um die Inhalte&ldquo;. <\/p><p>Bevor die Gespr&auml;che &uuml;ber Inhalte &uuml;berhaupt begonnen haben, stellt nun die SPD &bdquo;ihre&ldquo; Kabinettliste vor. Nun k&ouml;nnte die rasche Entscheidung von Franz M&uuml;ntefering aus der Sorge begr&uuml;ndet sein, dass er das Aufkeimen einer miese Kampagne stoppen wollte.<br>\n&bdquo;Kriegt die SPD nicht gen&uuml;gend Minister zusammen?&ldquo; fragte BILD mit Riesenlettern und druckte eine fingierte Stellenanzeige ab: Gesucht wird &bdquo;Vizekanzler(in) und\/oder Bundesau&szlig;enminister(in)&ldquo;&hellip; Bewerbungen bitte an den SPD-Vorstand. Sollte es also wie unter Gerhard Schr&ouml;der weiter so bleiben, dass man &bdquo;mit BILD und Glotze&ldquo; das Land regieren kann? <\/p><p>Ohne Zweifel hat die SPD Personaln&ouml;te. Wie sollte es auch anders sein, wenn eine ganze Nachfolgegeneration von SPD-Politikern zu den Gr&uuml;nen abgewandert ist und das &bdquo;Alpha-Tier&ldquo; Schr&ouml;der alle weggebissen hat, die seine Kreise h&auml;tten st&ouml;ren k&ouml;nnen. Wie weit da mit einer ehemals sozialdemokratischen Politikrichtung Tabula rasa gemacht wurde, das beweist allein schon die Tatsache, dass der ehemalige Parteivorsitzende der SPD, Oskar Lafontaine nur &uuml;ber die Gr&uuml;ndung einer neuen Partei wieder politischen Einfluss aus&uuml;ben kann. <\/p><p>Diese Dilemmata seien zugestanden, aber rechtfertigt das, sich in den inhaltlichen Gespr&auml;chen sich des wichtigsten Drohmittels zu berauben, die angestrebte Koalition auch noch scheitern lassen zu k&ouml;nnen. Denn dass die SPD jetzt &uuml;ber alle &bdquo;St&ouml;ckchen&ldquo; (M&uuml;ntefering) springen muss, ist unausweichlich, wenn man die auf die Kabinettliste gesetzten Personen nicht der L&auml;cherlichkeit preisgeben will. Man stelle sich nur mal vor, welchen Spott Steinmeier, Steinbr&uuml;ck, Gabriel oder Tiefensee als &bdquo;Beinahe-Minister&ldquo; in der &Ouml;ffentlichkeit ernten w&uuml;rden, wenn sie pl&ouml;tzlich leer ausgingen. <\/p><p>Es gibt eigentlich keine andere vern&uuml;nftige Erkl&auml;rung f&uuml;r diese historisch einmalige Entscheidungsfolge: Der SPD geht es entgegen aller sozialrhetorischen Beteuerung gar nicht mehr um Inhalte bzw. sie hat gar keine Inhalte &uuml;ber das &ldquo;Weiter so&ldquo; hinaus anzubieten. Daf&uuml;r spricht allein schon die Teilnahme, des sich von der aktiven Politik zur&uuml;ck ziehenden und nur noch an seinem eigenen Denkmal arbeitenden Kanzlers Gerhard Schr&ouml;der, an den Koalitionsverhandlungen. Er hat nie etwas anderes gesagt, als des es ihm bei allen Paraden um nichts anderes als die &bdquo;konsequente Fortsetzung seiner Reformpolitik&ldquo; gegangen ist.<br>\nDaf&uuml;r spricht auch die Benennung seines &bdquo;Consigliere&ldquo; Frank-Walter Steinmeier, der ja als &bdquo;Spiritus Rector&ldquo; und Verwalter der Agenda 2010 gilt. Dass die Kanzlerin Merkel mit ihm keine Probleme haben wird, hat sie schon ganz offen bekannt.<br>\nAuch Peer Steinbruck ist Garant f&uuml;r das &bdquo;Kurs halten&ldquo;. Damit hat er im NRW-Wahlkampf sogar als wichtigste Wahlbotschaft auf seinen Plakaten geworben (und grandios verloren). Dass der neue CDU-Ministerpr&auml;sident J&uuml;rgen R&uuml;ttgers seinen Vorg&auml;nger vor der Wahl als &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Schuldenmacher in der Geschichte des Landes&ldquo; beschimpfte, ist als moralischer Vorwurf b&ouml;sartig. Steinbr&uuml;ck hat als NRW-Finanzminister gespart, wo er nur konnte. Seine Sparkurs war aber ein exemplarisches Beispiel daf&uuml;r, dass Sparabsicht eben nicht gleichbedeutend mit Sparerfolg sein muss. Makro&ouml;konomisches finanzpolitisches Kreislaufdenken, wonach in einer Stagnation von staatlicher Seite nicht noch pro- bzw. abw&auml;rtszyklisch gespart werden darf, lehnt er als &bdquo;&uuml;berhholt&ldquo; ab, obwohl seine Sparma&szlig;nahmen Jahr f&uuml;r Jahr von der Neuverschuldung &uuml;berholt wurden. Dem &bdquo;eisernen Hans&ldquo; d&uuml;rfte also der &bdquo;Hans im Gl&uuml;ck&ldquo; unter dem Namen Peer folgen. <\/p><p>Dass Ulla Schmidt ihre Gesundheitspolitik so weiter betreiben wird, wie bisher versteht sich. Brigitte Zypries als neue und alte Justizministerin hat in er Rechts- und Innenpolitik schon einen Otto Schily nicht stoppen k&ouml;nnen, wie sollte sie das bei dem viel fintenreicheren potenziellen Innenminister Wolfgang Sch&auml;uble k&ouml;nnen. <\/p><p>Dass der gleichfalls als Ministerpr&auml;sident gest&uuml;rzte Sigmar Gabriel als bisheriger Pop-Beauftragter und als einer der Hauptgegner des Dosenpfands nun gerade die &ouml;kologische Flanke gegen den &ouml;konomischen Vorrang absichern k&ouml;nnen sollte, darf wohl auch mit einem gro&szlig;en Fragezeichen versehen werden.<br>\nF&uuml;r Gabriel und Steinbr&uuml;ck gilt, was Heribert Prantl in der SZ einem britischen Politiker &uuml;ber die Ernennung des FDP-Politikers Martin Bangemanns als Bundeswirtschaftsminister nach dessen Niederlage bei der Wahl zum Europ&auml;ischen Parlament in den Mund legte: &bdquo;What a splendid way to lose an election.&ldquo; <\/p><p>Der musische und freundliche Leipziger Oberb&uuml;rgermeister Wolfgang Isensee sa&szlig; in der Hartz-Kommission und man hat nicht geh&ouml;rt, dass er sich als Kritiker oder Verbesserer der Hartz-Reformen hervorgetan hat. <\/p><p>Heidmarie Wieczorek-Zeul wird auch k&uuml;nftig gut sein, als &bdquo;linkes&ldquo; Aush&auml;ngeschild f&uuml;r Juso-Kongresse und als Zust&auml;ndige f&uuml;r weltweites soziales Engagement &ndash; solange es blo&szlig; nicht die &bdquo;Reform&ldquo;-Politik in Deutschland selbst tangiert. <\/p><p>F&uuml;r Steinmeier, Steinbr&uuml;ck oder Gabriel gilt im Verh&auml;ltnis zu ihrer Partei, dass ihnen die SPD nur als l&auml;stiger M&uuml;hlstein am Hals erscheint, der sie allenfalls daran behindert, ihre K&ouml;pfe allzu sehr nach dem &bdquo;Wind of Change&ldquo; zu drehen. Werner Perger bezeichnete diese Verweigerung des Werbens um die Zustimmung zur eigenen Politik einmal sinngem&auml;&szlig; als &bdquo;Junta&ldquo;-artiges Verh&auml;ltnis gegen&uuml;ber der eigenen Parteibasis. <\/p><p>In die Reihe der Agenda-Verfechter und Sozialstaats-Reformer geh&ouml;rt auch die Personalie Olaf Scholz. Er, der als Generalsekret&auml;r der SPD einmal antrat, den Begriff der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; aus dem Parteiprogramm zu tilgen, soll wohl als neuer Parlamentarischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer die SPD-Bundestagsfraktion einbinden. <\/p><p>Bleibt also wieder einmal die &bdquo;Sphinx&ldquo; Franz M&uuml;ntefering. Er hat Schr&ouml;ders Kurs bis zur Selbstaufgabe gegen&uuml;ber einer aufm&uuml;pfigen SPD abgesichert. Er hat nach jeder &bdquo;Denkzettel&ldquo;-Wahl die Ergebnisse sch&ouml;n geredet. Er hat zwar mit der &bdquo;Heuschrecken&ldquo;-Debatte und mit der &bdquo;Reichensteuer&ldquo; im Wahlmanifest, die sozialdemokratische Wut gek&uuml;hlt, aber auf irgendwelche konkreten Vorschl&auml;ge f&uuml;r das was er ohne Unterlass als &bdquo;Erneuerung und soziale Gerechtigkeit&ldquo; oder &bdquo;Zukunftsf&auml;higkeit&ldquo; im Munde f&uuml;hrt, wartet man seit langem vergebens. Hat er etwas gegen die &bdquo;heuschreckenhaften&ldquo; Hedge-Fonds vorgeschlagen? Hat er etwas daf&uuml;r getan, dass der Staat nicht immer mehr finanziell ausblutete und immer handlungsunf&auml;higer wird? An das Alibi mit der &bdquo;Reichensteuer&ldquo; glaubt ohnehin niemand mehr.<br>\nMan k&ouml;nnte es ja als einen Erfolg feiern, dass endlich dem &ndash; nur dem Gel&uuml;ste nach einem Superministerium f&uuml;r Wolfgang Clement geschuldeten &ndash; Unfug ein Ende gesetzt wird, das Sozial- und Arbeitsministerium mit dem Wirtschaftsministerium zu verschmelzen. Aber dieser Vorschlag kam zum &Auml;rger von Clement nicht von der SPD, sondern war dem Drang von Edmund Stoiber in ein Super-Wirtschaftsressort zu verdanken. <\/p><p>Es steht zu bef&uuml;rchten, dass Franz M&uuml;ntefering nun als Vizekanzler sogar einer erh&ouml;hten Kabinettsdisziplin unterliegt, und seine Integrationsf&auml;higkeit im Hinblick auf die an der Gro&szlig;en Koalition verzweifelnden SPD-Mitglieder noch mehr gefordert sein wird als schon unter der Regierung Schr&ouml;der. Wenn es ihm denn &uuml;berhaupt noch gelingen sollte, eine Austrittswelle aus der SPD wie nach der Bildung der letzten Gro&szlig;en Koalition in den sechziger Jahren aufzuhalten. <\/p><p>Nimmt man also die Personalentscheidungen der SPD f&uuml;r ein Regierungsprogramm der Gro&szlig;en Koalition, dann kann man politisch nur noch &bdquo;schwarz&ldquo; sehen. Kein Wunder, dass die Union die Ministerliste lobt.<br>\nBeim &bdquo;rot&ldquo; der SPD ist es dann, wie mit dem Tucholskyschen Radieschen: Au&szlig;en rot und innen wei&szlig;.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir d&uuml;rfen auch nicht den Eindruck erwecken&hellip;, dass es in erster Linie um Posten geht&ldquo;, sagte Michael Glos im ZDF. Wo er Recht hat, hat er Recht. Ich beobachte nun Koalitionsverhandlungen und Regierungsbildungen seit den siebziger Jahren. 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