{"id":90551,"date":"2022-11-20T11:45:08","date_gmt":"2022-11-20T10:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90551"},"modified":"2022-11-20T12:46:20","modified_gmt":"2022-11-20T11:46:20","slug":"lob-des-laizismus-warum-der-staat-selbst-gottlos-sein-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90551","title":{"rendered":"Lob des Laizismus \u2013 Warum der Staat selbst gottlos sein sollte"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem k&uuml;rzlich ins Deutsche &uuml;bersetzten Buch <em>&bdquo;Lob des Laizismus&ldquo;<\/em> sorgt sich die franz&ouml;sische Autorin Caroline Fourest um unsere m&uuml;hsam erk&auml;mpfte Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit. Ihr Pl&auml;doyer: Wir m&uuml;ssen unsere freiheitliche Gesellschaft gegen jede Form religi&ouml;ser Anma&szlig;ung verteidigen. Von <strong>Helmut Ortner.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9061\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-90551-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=90551-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221118-Lob-des-Laizismus-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Beginnen wir hierzulande. Noch immer gibt es eine F&uuml;lle anachronistischer Gesetze und Subventionen, etwa bei der horrenden &ouml;ffentlichen Finanzierung von Kirchentagen oder der Abl&ouml;sung der Staatsleistungen an die Kirchen, die Finanzierung theologischer Fakult&auml;ten an staatlichen Universit&auml;ten bis hin zu Kirchenredaktionen in deutschen Landes-Rundfunkanstalten. Daran wird sich auch in naher Zukunft wenig &auml;ndern. Zu stark ist der klerikale Lobbyismus, die Kirchenh&ouml;rigkeit der Politik. Dabei gibt es einen klaren Verfassungsauftrag in Deutschland, die Komplizenschaft von Kirche und Staat zu beenden. Seit mehr als einhundert Jahren. Doch passiert ist bislang nichts. <\/p><p>Dabei hat eine integrationsbedingte Pluralisierung der religi&ouml;sen Geografie die bew&auml;hrte, traditionelle Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat in Schieflage gebracht. Der Staat ist gefordert, sich religionspolitisch neu zu orientieren. Wie das Neutralit&auml;tsgebot des Staates angesichts wachsender kultureller, ethnischer und religi&ouml;ser Vielfalt vorangetrieben, wie Grunds&auml;tze des s&auml;kularen Staates verteidigt werden k&ouml;nnen, dar&uuml;ber besteht wenig Einigkeit. <\/p><p>Vielleicht kann die Lekt&uuml;re des gerade auf Deutsch erschienenen Buches der franz&ouml;sischen Autorin <em>Caroline Fourest<\/em> hier f&uuml;r beschleunigten Erkenntnisgewinn sorgen. Ihre Streitschrift m&ouml;chte uns daran erinnern, das Weltliche vom Religi&ouml;sen zu trennen, gerade weil die fundamentalistische Verschmelzung von beidem vielerorts hoch im Kurs steht. Notwendiger denn je ist &ndash; so die Autorin &ndash; eine &raquo;laizistische Wachsamkeit&laquo;. Fourest kl&auml;rt auf: Schon der Begriff <em>Laizismus <\/em>wird vielfach unterschiedlich definiert und gedeutet. Im Arabischen wird er h&auml;ufig mit Atheismus verwechselt, w&auml;hrend die englischsprachige Welt ihn mit &raquo;S&auml;kularismus&laquo; gleichsetzt. H&auml;ufig einigt man sich darauf, darunter die Trennung von religi&ouml;sen und zivilen R&auml;umen zu verstehen, ohne jedoch auf einer rigiden Separierung beider Bereiche zu bestehen.<\/p><p>In Frankreich ist man da etwas anspruchsvoller &ndash; und strikter. Was mit Laizismus zum Ausdruck gebracht wird, ist die unbedingte Leidenschaft f&uuml;r Gewissens- und Weltanschauungs-Freiheit. Im Gesetz von 1905 hei&szlig;t es: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Republik gew&auml;hrleistet Gewissensfreiheit, garantiert die freie Aus&uuml;bung der Religion (&hellip;) erkennt jedoch weder einen Kultus an, noch zahlt sie ihm Geh&auml;lter oder Subventionen.<\/em>&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das Gesetz ist Text und Ideal zugleich. Keine Religion wird staatlich bevorzugt. Es schafft ein gesellschaftliches Gleichgewicht, das den Kr&auml;ften des religi&ouml;sen Dogmatismus in einem jahrhundertelangen Kampf abgerungen wurde. Doch das &raquo;franz&ouml;sische Modell&laquo;, um das es in diesem Buch zentral geht &ndash; also die Trennung von Staat und Kirche sowie die religi&ouml;se Neutralit&auml;t des Ersteren &ndash; steht unter heftiger Kritik. H&ouml;chste Zeit also f&uuml;r dessen Verteidigung, meint Caroline Fourest, Sachbuchautorin, Journalistin und Filmemacherin, die sich selbst als &raquo;Charlie-Hebdo-Linke&laquo; bezeichnet. Mit klarer Sprache und rhetorischer Verve verweist sie darauf, dass Frankreich sich in einem fanatischen, m&ouml;rderischen Religions-Kampf befindet, was hierzulande gerne ignoriert wird: Zwischen 1979 und 2021 gab es 82 islamistische Attentate mit &uuml;ber 330 Toten. Eine Schreckensbilanz. Die Autorin pl&auml;diert f&uuml;r eine offensive Gegenwehr. <\/p><p>In dieser brisanten Melange aus Terror, Hass, Gleichg&uuml;ltigkeit, Rechtfertigung und gegenseitiger Schuldzuweisung stehen auch die Grunds&auml;tze und Grundwerte des Laizismus unter Beschuss. Zwar findet der Laizismus in der &ouml;ffentlichen Meinung Frankreichs weitgehende Zustimmung &ndash; und doch hat er Feinde, auch viele falsche Freunde. Ob Extremisten, Nationalisten oder Identit&auml;re, alle bedienen sich seiner. Von der Rechten und der extremen Rechten jahrhundertlang bek&auml;mpft, wird er als Waffe zur Verteidigung des <em>christlichen Abendlandes<\/em> gegen den Islam benutzt. Fourest verwahrt sich hier gegen jede Form vereinnahmender Instrumentalisierung, die, wie etwa Marine Le Pens <em>Rassemblement National,<\/em> laizistische Argumente im Kampf gegen Islam und Islamismus einsetzt, dabei <em>&bdquo;die Neutralit&auml;t der laizistischen Schule beschw&ouml;rt und eine christlich-klerikale Idee von Nation verteidigt. Das Gegenteil der republikanischen Idee von Gleichheit und Br&uuml;derlichkeit, welche der Laizismus ist&rdquo;<\/em>&nbsp;(S. 211). <\/p><p>Die Linke hingegen traue sich nicht, offensiv laizistische Argumente zu benutzen, weil sie bef&uuml;rchte, damit den grassierenden Rassismus zu st&auml;rken, moniert Fourest. Einer der kursierenden Einw&auml;nde lautet, dass der Laizismus gegen religi&ouml;se Minderheiten wie Muslime gerichtet sei. Etwa in der Debatte um das Tragen des Kopftuchs. Die Autorin wendet sich gegen diese selektive Wahrnehmung, kritisiert die dortige Identit&auml;tslinke, die etwa Frauendiskriminierung innerhalb von religi&ouml;sen Minderheiten relativiere oder verharmlose. Die &bdquo;neuen Antirassisten&rdquo; von links seien&nbsp;&bdquo;<em>eher pro-islamisch, Anh&auml;nger des Opferwettstreits zwischen Juden, Arabern und Schwarzen, und manchmal &auml;u&szlig;ern sie sich auch rassistisch gegen&uuml;ber Juden und verachten Homosexuelle&rdquo;<\/em>&nbsp;(S. 45). <\/p><p>Die Frage, ob sich das Modell des franz&ouml;sischen Laizismus als Strukturprinzip demokratischer Verfassungsstaaten eignet oder aber religi&ouml;sen Radikalismus eher beg&uuml;nstige, beantwortet Fourest mit klarer Kante: Nein, der Laizismus f&uuml;hrt keineswegs zur Radikalisierung. Und die in angels&auml;chsischen L&auml;ndern ge&auml;u&szlig;erte Kritik, der Laizismus habe zur islamistischen Radikalisierung in Frankreich beigetragen, kontert sie mit dem Einwand, dass im Nachbarland Belgien &bdquo;prozentual doppelt so viele Dschihadisten hervorgebracht&rdquo; worden seien, obwohl das Land &bdquo;st&auml;rker kommunitaristisch als republikanisch organisiert&rdquo; sei. <\/p><p>In diesen Zusammenhang widmet sich die Autorin in einem umfangreichen Exkurs der laizistischen Wirklichkeit in den USA, die exemplarisch f&uuml;r eine unterschiedliche Auffassung bei der Trennung von Religion und Staat steht. Hier weist Fourest darauf hin, dass ein Vergleich mit den Vereinigten Staaten, wo nur ein Hundertstel der Bev&ouml;lkerung dem Islam anh&auml;nge, in Bezug auf die Radikalisierungs-Frage eigentlich absurd sei. Ohnehin: Im Hinblick auf die Haltung des Laizismus trennt Frankreich und die Vereinigten Staaten mehr als ein Ozean. In Frankreich werden staatliche Beh&ouml;rden als Besch&uuml;tzer des Individuums vor dem Druck und der Einflussnahme religi&ouml;ser Gruppen gesehen, w&auml;hrend in den USA religi&ouml;se Gruppen als Besch&uuml;tzer des Individuums vor staatlichen Eingriffen gesehen werden. Ma&szlig;nahmen, die in Frankreich zum Schutz der Gleichheit und der Gewissensfreiheit getroffen werden, gelten in den Vereinigten Staaten als Verletzung der Religionsfreiheit, als Angriff auf die B&uuml;rgerrechte. Hier lauert also eine Menge von Missverst&auml;ndnissen und falschen Vergleichen: von Anti-Sekten-Gesetzgebung bis hin zu gesetzlichen Verboten religi&ouml;ser Symbole in &ouml;ffentlichen Einrichtungen und Schulen. <\/p><p>In den abschlie&szlig;enden Kapiteln beschreibt Fourest noch einmal die aktuelle Situation in Frankreich und die daraus resultierende Notwendigkeit der Verteidigung der laizistischen Gesellschaft. Sie unterscheidet dabei zwischen freien und staatsb&uuml;rgerlichen Bereichen. Unter dem Motto &bdquo;Der Laizismus sch&uuml;tzt uns &ndash; sch&uuml;tzen wir ihn&ldquo; beschreibt sie zentrale gesellschaftliche Problemfelder und liefert &uuml;berzeugende Argumente f&uuml;r &uuml;berf&auml;llige Gesetzes&auml;nderungen und Reformen, die notwendig sind, um Rechte und Pflichten in einer multireligi&ouml;sen Gesellschaft neu zu justieren. Kernfragen des Laizismus betreffen etwa die Finanzierung von Glaubensgemeinschaften sowie die religi&ouml;se Neutralit&auml;t des Schulsystems. Erstere lehnt Fourest entschieden ab. In der Neutralit&auml;t der &ouml;ffentlichen Schulen sieht sie ein zentrales Element des Laizismus. Die Nichteinmischung seitens der Religion hat einen zentralen Stellenwert. Dies gilt gleicherma&szlig;en auch f&uuml;r Hochschulen. <\/p><p>F&uuml;r die deutsche Leserschaft liefert Caroline Fourest viel diskussionsw&uuml;rdigen Stoff. Auch wer nicht alle ihre Ein- und Ansichten teilt, wird die Streitschrift mit Gewinn lesen. Es geht hier nicht um die Austreibung Gottes aus der Welt &ndash; pers&ouml;nlicher Glaube und individuelle Spiritualit&auml;t sind in einer Demokratie Grundrechte eines jeden Menschen &ndash; nein, es geht um die Instrumentalisierung von Religion und ihrer fundamentalistischen Geltungsanspr&uuml;che. Diese aber darf eine offene Gesellschaft nicht zulassen. Gegenwehr ist gefordert.<\/p><p>&bdquo;Der Laizismus ist kein Schwert, sondern ein Schild&ldquo;, schreibt Caroline Fourest am Ende ihres Buches. Es ist ein kluges Pl&auml;doyer f&uuml;r eine Trennung von Weltlichem und &bdquo;Heiligem&ldquo;. Leidenschaftlich und lesenswert.<\/p><p>Caroline Fourest,&nbsp;<a href=\"https:\/\/edition-tiamat.de\/lob-des-laizismus\/\">Lob des Laizismus<\/a>, Berlin 2022, Edition Tiamat, 295 Seiten, 26 Euro<\/p><p>Titelbild: Vadim_N \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem k&uuml;rzlich ins Deutsche &uuml;bersetzten Buch <em>&bdquo;Lob des Laizismus&ldquo;<\/em> sorgt sich die franz&ouml;sische Autorin Caroline Fourest um unsere m&uuml;hsam erk&auml;mpfte Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit. Ihr Pl&auml;doyer: Wir m&uuml;ssen unsere freiheitliche Gesellschaft gegen jede Form religi&ouml;ser Anma&szlig;ung verteidigen. 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