{"id":90561,"date":"2022-11-19T11:45:53","date_gmt":"2022-11-19T10:45:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90561"},"modified":"2022-11-19T12:19:53","modified_gmt":"2022-11-19T11:19:53","slug":"die-fussballweltmeisterschaft-und-die-moral-der-pharisaeer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90561","title":{"rendered":"Die Fu\u00dfballweltmeisterschaft und die Moral der Pharis\u00e4er"},"content":{"rendered":"<p>In Katar gibt es im Zusammenhang mit der Behandlung der ausl&auml;ndischen Arbeiter offensichtlich Verletzungen der Menschenrechte. Daran ist grunds&auml;tzlich nicht zu zweifeln. Wer dieses Problem allerdings differenzierter betrachtet, ger&auml;t sofort in den Verdacht, dass ihm die Menschenrechte offensichtlich nicht wichtig seien. Und genau das bezeichne ich als &bdquo;Moral der Pharis&auml;er&ldquo; und werde im Folgenden versuchen zu erkl&auml;ren, warum. Von <strong>J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kurzer historischer R&uuml;ckblick<\/strong><\/p><p>Die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2022 wurde im Jahr 2010 an Katar vergeben. Gleichzeitig erhielt Moskau den Zuschlag f&uuml;r die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2018. Warum zeitgleich &uuml;ber die Austragungsl&auml;nder von zwei Weltmeisterschaften entschieden wurde, hat die FIFA meines Erachtens nie nachvollziehbar und &uuml;berzeugend erkl&auml;rt.<\/p><p>Diese Weltmeisterschaft ist allerdings nicht das erste globale Sportereignis, das in Katar ausgetragen wird. Daf&uuml;r nur ein paar Beispiele: 2015 fand die Handballweltmeisterschaft in Katar statt, 2019 war es die Weltmeisterschaft der Leichtathleten, und 2021 wurde erstmalig ein Formel-1-Rennen in Katar ausgetragen, und das soll ab 2023 j&auml;hrlich stattfinden. Man k&ouml;nnte viele weitere internationale Sportereignisse nennen, ohne dass es zu nennenswerten Protesten im Ausland gekommen w&auml;re. Die Menschenrechtslage war w&auml;hrend all dieser Sportereignisse sicherlich nicht besser als heute. Warum also jetzt diese Proteste in vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern, zum Teil sogar mit Boykottaufrufen gegen&uuml;ber den Fu&szlig;ballfans?<\/p><p><strong>Hauptargumente der Gegner der diesj&auml;hrigen Fu&szlig;ballweltmeisterschaft<\/strong><\/p><ul>\n<li>Katar hat den Zuschlag nur mit Hilfe von Bestechung erhalten. Dieser Vorwurf ist sicherlich nur schwer bis gar nicht zu entkr&auml;ften, trifft allerdings wohl auch auf fr&uuml;here Weltmeisterschaften zu.<\/li>\n<li>Eine Fu&szlig;ballweltmeisterschaft bei Tagestemperaturen von 50&deg; Celsius und mehr kann weder den Spielern noch den Zuschauern zugemutet werden. Die FIFA ist diesem Argument gefolgt und hat die Spiele in den Dezember verlegt.<\/li>\n<li>Eine Fu&szlig;ballweltmeisterschaft im Winter ist v&ouml;lliger Bl&ouml;dsinn und gibt den Spielern in den Ligen zwischen Hin- und R&uuml;ckrunde zu wenig Zeit zur Erholung. Dazu ist festzustellen, dass man im Dezember nur in den L&auml;ndern der Nordhalbkugel Winter hat und die Belastungen f&uuml;r alle Spieler mehr oder weniger dieselben sind.<\/li>\n<li>In Katar werden Homosexuelle diskriminiert. Das kann man so sehen, obwohl man fremde Kulturen grunds&auml;tzlich respektieren sollte. Nicht jedes Land findet die deutsche Regelung, beim Geschlecht nicht mehr nur nach m&auml;nnlich und weiblich, sondern auch nach divers zu unterscheiden, nachvollziehbar. Au&szlig;erdem sei daran erinnert, dass Homosexualit&auml;t in Deutschland nach &sect;175 StGB bis 1994 noch unter Strafe gestellt war.<\/li>\n<li>Insgesamt ist die sexuelle Orientierung in Katar eingeschr&auml;nkt. Auch wenn vielleicht kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, sei daran erinnert, dass Eltern noch bis 1969 Gefahr liefen, nach &sect; 180 StGB wegen Kuppelei bestraft zu werden, wenn sie es z.B. erlaubten, dass der Freund ihrer Tochter in derselben Wohnung &uuml;bernachtete. Es musste nicht einmal dasselbe Zimmer sein!<\/li>\n<li>Frauen sind in Katar nicht gleichberechtigt, und auch das ist ein Versto&szlig; gegen die Menschenrechte. Auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft ist in erster Linie eine Frage der jeweiligen Kultur und deshalb zun&auml;chst einmal von Besuchern zu respektieren. Davon einmal abgesehen, sei daran erinnert, dass in Deutschland noch bis 1977 die Zustimmung des Ehemanns erforderlich war, wenn die Ehefrau einen Beruf aus&uuml;ben wollte. F&uuml;r Lehrerinnen galt in Deutschland im vergangenen Jahrhundert noch jahrzehntelang das s.g. &bdquo;Lehrerinnenz&ouml;libat&ldquo;. Im Klartext hie&szlig;t das, dass Lehrerinnen nicht heiraten durften, und wenn sie das trotzdem wollten, wurden sie aus dem Schuldienst entlassen. Erst 1957 erkl&auml;rte das Bundesarbeitsgericht, dass eine &bdquo;Z&ouml;libatsklausel&ldquo; im Arbeitsvertrag verfassungswidrig ist.<\/li>\n<li>Katar ist keine Demokratie. Das ist zweifellos richtig. Aber auch bei uns hat die Demokratie bis zur heutigen Auspr&auml;gung einen langen Entwicklungsprozess hinter sich. Es gibt sie erst seit 1918, und zwischen 1933 und 1945 wurde sie von den Nationalsozialisten abgeschafft. Noch bis zum Beginn der 1980er Jahre gab es vor den Wahlen in der katholischen Kirche Aufrufe von der Kanzel, nur Kandidaten mit &bdquo;christlicher Grundhaltung&ldquo; zu w&auml;hlen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Internationale Milit&auml;reinrichtungen in Katar, internationale politische, milit&auml;rische und wirtschaftliche Aktivit&auml;ten<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Al Udeid Air Base&rdquo; ist der gr&ouml;&szlig;te US-St&uuml;tzpunkt im Nahen Osten. Hier sind circa 10.000 amerikanische Soldaten stationiert. Neben dem &bdquo;US Central Command&ldquo; f&uuml;r die Region und verschiedensten US Air Force und US-Army-Verb&auml;nden ist &bdquo;Al Udeid&ldquo; auch ein Standort der britischen Royal Air Force und seit einiger Zeit auch von t&uuml;rkischen Truppen. Von Katar aus koordinieren die USA seit 2014 die Eins&auml;tze gegen die Terror-Organisation &bdquo;Islamischer Staat&ldquo; in Syrien und im Irak, und auch die US-Operationen in Afghanistan wurden vom &bdquo;US Central Command&ldquo; gef&uuml;hrt. Die ersten Gespr&auml;che zwischen den USA und den afghanischen Taliban wurden ebenso wie die sp&auml;teren Verhandlungen in Doha, der Hauptstadt von Katar, gef&uuml;hrt. Auch die Europ&auml;er kn&uuml;pften ihre Kontakte zu den Taliban in Doha.<\/p><p>Katar verf&uuml;gt &uuml;ber die drittgr&ouml;&szlig;ten Erdgasreserven der Welt. Das hat u.a. dazu gef&uuml;hrt, dass auch Deutschland versucht, die nicht mehr zur Verf&uuml;gung stehenden russischen Gaslieferungen durch Vertr&auml;ge mit Katar zu kompensieren. Dem aufmerksamen Beobachter ist der tiefe Diener unseres Wirtschaftsministers vor dem Emir von Katar bei seinem Besuch in Doha noch gut in Erinnerung. Es ist nur schwer vorstellbar, dass neben einer m&ouml;glichen Gaslieferung an Deutschland auch die Menschenrechtslage bei diesem Besuch thematisiert wurde.<\/p><p><strong>Die Moral der Pharis&auml;er<\/strong><\/p><p>Offensichtlich waren die Menschenrechte in Katar f&uuml;r alle bisherigen internationalen Aktivit&auml;ten, Vorhaben und Ereignisse bislang kein entscheidendes Kriterium. Auch die hochmoderne Infrastruktur des Landes, all diese beeindruckenden, in den Himmel ragenden Geb&auml;ude sind sicherlich nicht von den Kataris selbst errichtet worden; denn davon gibt es weniger als 300.000. Nach UN-Angaben hat Katar die h&ouml;chste Quote an Arbeitsmigranten der Welt. Auf die gesamte Bev&ouml;lkerung bezogen sind etwa 88 Prozent der Einwohner (2,2 Millionen Menschen) ausl&auml;ndischer Herkunft. Es kann sicherlich nicht ausgeschlossen werden &ndash; um es einmal vorsichtig zu formulieren &ndash; dass die Arbeits- und Lebensbedingungen f&uuml;r die ausl&auml;ndischen Bauarbeiter auch in der Vergangenheit nicht entscheidend besser waren als w&auml;hrend der Phase, in der die Infrastruktur f&uuml;r die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft geschaffen wurde.<\/p><p>Was aktuell geschieht, ist, um es einmal banal zu sagen, das Zuschieben des Schwarzen Peters an all diejenigen, die f&uuml;r die Vergabe der Fu&szlig;ballweltmeisterschaft und die Menschenrechtslage in Katar &uuml;berhaupt nicht zust&auml;ndig, geschweige denn verantwortlich sind. Deutschland hatte &ndash; andere L&auml;nder nat&uuml;rlich auch &ndash; 12 Jahre Zeit, gegen die Entscheidung, die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft in Katar auszutragen, vorzugehen, im Extremfall, die Veranstaltung zu boykottieren. Das ist nicht geschehen und jetzt &uuml;berschlagen sich Politiker und Medien in ihren negativen Aussagen und Kommentaren zu dieser Weltmeisterschaft. Das k&ouml;nnte man noch als eine nicht un&uuml;bliche Verhaltensweise beschreiben, n&auml;mlich &bdquo;Verrat zu schreien&ldquo;, obwohl man selbst daran beteiligt war. Das Sch&auml;bige an der aktuellen Vorgehensweise ist, dass man versucht, all denjenigen ein schlechtes Gewissen einzureden, die sich einfach nur auf eine Fu&szlig;ballweltmeisterschaft freuen. Man versucht den Gastwirten, den Veranstaltern von Public Viewings und vor allem den Fans einzureden, dass das Schauen von Fu&szlig;ballspielen im Rahmen dieser Weltmeisterschaft letztlich das Ignorieren der Menschenrechtslage in Katar ist, quasi ein ganz pers&ouml;nlicher Versto&szlig; gegen die Menschenrechte. Mittlerweile sind wir in Deutschland fast so weit, dass sich niemand mehr traut zuzugeben, dass er sich diese Fu&szlig;ballspiele ansehen wird, weil er Angst haben muss, als jemand, dem die Menschenrechte egal sind, nicht nur ins fu&szlig;ballerische, sondern auch ins gesellschaftliche Abseits gestellt zu werden.<\/p><p>Viel mehr Pharis&auml;ertum seitens der Verantwortlichen ist f&uuml;r mich kaum vorstellbar.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ kovop58<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90331\">&bdquo;WM-Boykott&ldquo; im Operettenformat: Wie Protest zur sinnfreien Emp&ouml;rungsgeste wird<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90208\">Willkommen im Glutofen! Die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2022 in Katar<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/794684dc75c34b00ba970b2e66c4c6a2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Katar gibt es im Zusammenhang mit der Behandlung der ausl&auml;ndischen Arbeiter offensichtlich Verletzungen der Menschenrechte. Daran ist grunds&auml;tzlich nicht zu zweifeln. Wer dieses Problem allerdings differenzierter betrachtet, ger&auml;t sofort in den Verdacht, dass ihm die Menschenrechte offensichtlich nicht wichtig seien. 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