{"id":90571,"date":"2022-11-20T14:00:24","date_gmt":"2022-11-20T13:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90571"},"modified":"2022-11-20T14:48:58","modified_gmt":"2022-11-20T13:48:58","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-die-neue-welt-aus-sicht-der-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90571","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Die neue Welt aus Sicht der USA"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die &ldquo;Nationale Sicherheitsstrategie 2022&rdquo; zeigt, dass die USA sich noch st&auml;rker in die inneren Angelegenheiten der L&auml;nder Lateinamerikas einmischen wollen.<\/strong><br>\nDas Wei&szlig;e Haus ver&ouml;ffentlichte unl&auml;ngst das lang erwartete Dokument (National Security Strategy, NSS), das als Leitfaden f&uuml;r die Au&szlig;enpolitik der Regierung von Joe Biden dienen soll. Diese Art von Berichten sind seit 1987 obligatorisch geworden, um dem Kongress die Sicht der Exekutive auf die Probleme zu vermitteln, die die nationale Sicherheit des Landes beeintr&auml;chtigen. Die NSS soll die sich ver&auml;ndernden Herausforderungen, denen sich die USA international gegen&uuml;bersehen, verdeutlichen &#8210; ein besonders relevantes Thema im Kontext des derzeitigen Zusammenbruchs der Nachkriegsweltordnung &#8210; und die verf&uuml;gbaren Ressourcen zu ihrer Bew&auml;ltigung aufzeigen. Von <strong>Atilio Boron<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Bericht muss die auf dem Spiel stehenden nationalen Interessen, die Verpflichtungen gegen&uuml;ber Verb&uuml;ndeten und befreundeten Regierungen und die Strategie zur Gew&auml;hrleistung der nationalen Sicherheit (und der Sicherheit der B&uuml;rger, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen, die im Ausland t&auml;tig sind) er&ouml;rtern; und ebenso die n&ouml;tigen Verteidigungsressourcen zur Abwehr von Bedrohungen durch &auml;u&szlig;ere Feinde oder terroristische Gruppen, die innerhalb der USA operieren.<\/p><p>Diese Art von Dokumenten enthalten die allgemeinsten strategischen Richtlinien und ihr Wert liegt darin, dass sie die au&szlig;enpolitischen Priorit&auml;ten umrei&szlig;en, die sich in dem vom Kongress zu genehmigenden Staatshaushalt widerspiegeln m&uuml;ssen. Mit anderen Worten: Sie liefern n&uuml;tzliche Indikatoren zur Bestimmung des Kurses, den die US-Regierung in globalen Angelegenheiten mit ziemlicher Sicherheit einschlagen wird.<\/p><p>In der NSS von 2002, die von der Regierung George W. Bush ein Jahr nach den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 ver&ouml;ffentlicht wurde, wird beispielsweise die Doktrin des &ldquo;Pr&auml;ventivkrieges&rdquo; (und auch die des &ldquo;Endlosen Krieges&rdquo;) aufgestellt, die den Irak-Krieg (2003 &ndash; 2011) vorwegnimmt und die Aggression gegen Afghanistan rechtfertigt, die zwanzig Jahre lang, von 2001 bis 2021, andauern sollte.<\/p><p>Ein weiteres Beispiel ist die von der Regierung von Donald Trump erstellte NSS von 2017, in der China und Russland zum ersten Mal als &ldquo;revisionistische M&auml;chte&rdquo; bezeichnet werden, wobei gleichzeitig der &ldquo;Klimawandel&rdquo; als globale Bedrohung ausgeschlossen wurde. Es sei daran erinnert, dass Trump die USA Ende 2020 von der Liste der Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens zur&uuml;ckziehen w&uuml;rde. In demselben Dokument wurde der in fr&uuml;heren Formulierungen verwendete Ausdruck &ldquo;Gemeinschaft der Nationen&rdquo; aufgegeben und der stark wettbewerbsorientierte Charakter der globalen B&uuml;hne und die daraus resultierende Notwendigkeit unterstrichen, die F&uuml;hrungsrolle der USA durch eine aggressive Politik gegen&uuml;ber den &ldquo;revisionistischen M&auml;chten&rdquo; zu sichern.<\/p><p><strong>Alte und neue Politiken<\/strong><\/p><p>In dem uns vorliegenden Fall wird, wie auch schon in fr&uuml;heren Formulierungen, der angeblich unverzichtbare Charakter der USA und die Notwendigkeit ihrer F&uuml;hrungsrolle in der Welt bekr&auml;ftigt, insbesondere in Zeiten wie diesen, in denen der Krieg in der Ukraine und das zunehmende Gewicht der gemeinsamen Probleme wie Klimawandel, Ern&auml;hrungsunsicherheit, Pandemien, Terrorismus, Energiekrise und Inflation nicht nur eine richtige Orientierung, sondern auch eine entschlossenen F&uuml;hrung verlangen, um diese zu bew&auml;ltigen. Angesichts der Tatsache, dass die freundschaftliche &ldquo;Nach-Kalter-Krieg-&Auml;ra&rdquo; an ihr Ende gekommen ist, sei es notwendig, dem &ldquo;russischen Imperialismus&rdquo; (sic!) und den Ambitionen Chinas entschlossen entgegenzutreten.<\/p><p>Heute, so wird uns gesagt, verlaufe die Konfrontation nicht mehr zwischen Kapitalismus und Kommunismus, sondern zwischen Demokratie und Autokratie. Die &ldquo;revisionistischen M&auml;chte&rdquo; und ihre Verb&uuml;ndeten oder Partner (wie der Iran oder die Volksrepublik Korea, zu denen noch Kuba, Venezuela und Nicaragua gez&auml;hlt werden) wollen demnach eine neue Weltordnung schaffen, die nicht mehr auf Regeln beruht, wie sie die USA angeblich aufgebaut haben (ohne zu sagen, wen diese Regeln beg&uuml;nstigten), sondern die es ihnen erm&ouml;glichen w&uuml;rde, ihre Vormachtstellung auf der internationalen B&uuml;hne zu erreichen. Dies k&auml;me einer weltweiten Niederlage der Demokratie gegen&uuml;ber autokratischen, korrupten und gewaltt&auml;tigen Regimen gleich.<\/p><p>Das Dokument betont, dass Russland und die Volksrepublik China trotz ihres gemeinsamen &ldquo;Revisionismus&rdquo; unterschiedliche Herausforderungen darstellen.<\/p><p>Erstere, ausgehend von Wladimir Putin, &ldquo;stellt eine unmittelbare Bedrohung f&uuml;r das freie und offene internationale System dar und verst&ouml;&szlig;t gegen die grundlegenden Regeln der derzeitigen internationalen Ordnung, wie sein brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine gezeigt hat&rdquo;.<\/p><p>Diese Herausforderung sei jedoch laut NSS 2022 nicht stark genug, wie das Scheitern der russischen Invasion in der Ukraine zeige. Nach Auffassung des Autors untersch&auml;tzen die Verfasser die milit&auml;rische Macht Russlands &#8210; die, wie nordamerikanische Experten versichern, in der Ukraine nur teilweise eingesetzt worden ist &#8210; in gef&auml;hrlicher Weise.<\/p><p>Der Bericht stellt fest, dass die Volksrepublik China im Gegensatz zu Russland &ldquo;der einzige Konkurrent ist, der die internationale Ordnung umgestalten will und zunehmend &uuml;ber die wirtschaftliche, diplomatische, milit&auml;rische und technologische Macht verf&uuml;gt, um dieses Ziel zu erreichen&rdquo;. Der Rivale, den es zu besiegen gilt, ist also China, wobei man davon ausgeht, dass Russland infolge seines ukrainischen Abenteuers in tausend St&uuml;cke zerspringt, was es auf der internationalen B&uuml;hne in eine Randposition dr&auml;ngen werde.<\/p><p>Bei der Betrachtung der regionalen Szenarien f&auml;llt auf, dass die westliche Hemisph&auml;re (das hei&szlig;t Lateinamerika und die Karibik) zum ersten Mal in der Geschichte der verschiedenen Versionen der &ldquo;National Security Strategy&rdquo; eine privilegierte Position einnimmt und den Indopazifik, Europa, den Nahen Osten und Afrika verdr&auml;ngt. In der abschlie&szlig;enden Zusammenfassung dieses Dokuments hei&szlig;t es, &ldquo;keine Region hat einen direkteren Einfluss auf die USA als die westliche Hemisph&auml;re&rdquo;, aus deren demokratischer und institutioneller Stabilit&auml;t die USA wirtschaftliche und sicherheitspolitische Vorteile ziehen.<\/p><p>&ldquo;Gemeinsam&rdquo;, so hei&szlig;t es in dem Dokument weiter, &ldquo;werden wir eine effektive demokratische Regierungsf&uuml;hrung unterst&uuml;tzen und die Region gegen Einmischung oder Zwang von au&szlig;en, auch durch die Volksrepublik China, Russland oder den Iran, sch&uuml;tzen und gleichzeitig die demokratische Selbstbestimmung der V&ouml;lker Venezuelas, Kubas, Nicaraguas und aller L&auml;nder, in denen der Wille des Volkes unterdr&uuml;ckt wird, unterst&uuml;tzen&rdquo;.<\/p><p>Nat&uuml;rlich taucht das Wort Blockade auf den 48 Seiten des Textes nicht auf, und wenn von Wirtschaftssanktionen die Rede ist, dann sind die gegen Russland, China und den Iran gemeint und nicht die, die auf Kuba, Venezuela und Nicaragua lasten.<\/p><p>Ein Jahr vor dem 200. Jahrestag der Monroe-Doktrin erkennt Washington schlie&szlig;lich an, dass dieser Teil der Welt (&ldquo;unsere Nachbarschaft&rdquo;, wie Laura Richardson, Kommandantin des S&uuml;dkommando der US-Streitkr&auml;fte<a href=\"#footnote1_g6qncs2\">1<\/a>, es ausdr&uuml;ckte) vor dem Ehrgeiz und der Gier anderer internationaler Akteure gesch&uuml;tzt werden muss, die unsere immensen nat&uuml;rlichen Reicht&uuml;mer pl&uuml;ndern wollen. Ein vorrangiges Ziel der Au&szlig;enpolitik des Wei&szlig;en Hauses gegen&uuml;ber Unserem Amerika (Nuestra Am&eacute;rica) ist es daher, China, Russland und den Iran, aber auch andere gro&szlig;e L&auml;nder mit hohem Bedarf an nat&uuml;rlichen Ressourcen wie Indien, von diesen Breitengraden fernzuhalten, und zwar in allen Bereichen: wirtschaftlich, technologisch, milit&auml;risch, diplomatisch und kulturell.<\/p><p>Angesichts des unaufhaltsamen Zusammenbruchs der alten Weltordnung will Washington sicherstellen, dass seine &ldquo;strategische geopolitische Reserve&rdquo;, wie schon Fidel Castro und Che Guevara warnten, f&uuml;r die &ldquo;revisionistischen M&auml;chte&rdquo; au&szlig;er Reichweite bleibt.<\/p><p>Damit wird der erneute Wille der USA best&auml;tigt, sich noch st&auml;rker in die inneren Angelegenheiten der L&auml;nder der Region einzumischen, um zu verhindern, dass unsere Reicht&uuml;mer in die &ldquo;falschen H&auml;nde&rdquo; fallen.<\/p><p>Der fortgesetzte Ausbau der US-Milit&auml;rst&uuml;tzpunkte in der Region (einschlie&szlig;lich des illegal im Bau befindlichen St&uuml;tzpunkts in der s&uuml;dlichen argentinischen Provinz Neuqu&eacute;n) spiegelt diese Politik deutlich wider. Es w&auml;re gut, wenn die Regierungen der Region diesen alarmierenden Angriff zur Kenntnis nehmen und eine Politik verfolgen w&uuml;rden, die darauf abzielt, die nationale Souver&auml;nit&auml;t und das Selbstbestimmungsrecht unserer V&ouml;lker zu bekr&auml;ftigen.<\/p><p><em>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/261046\/die-neue-welt-aus-sicht-der-usa\">Klaus E. Lehmann, Amerika21<\/a><\/em><\/p><p><em>Atilio Bor&oacute;n ist ein argentinischer marxistisch gepr&auml;gter Soziologe. Er arbeitete als Professor f&uuml;r Politikwissenschaft am Lateinamerikanischen Institut f&uuml;r Sozialwissenschaften und an der Universit&auml;t von Buenos Aires. Au&szlig;erdem war er Generalsekret&auml;r von CLACSO, einem akademischen Dachverband f&uuml;r Lateinamerika.<\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Alba_alioth<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90013\">Stimmen aus Kuba: Der europ&auml;ische Garten oder Borrells Eurozentrismus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874\">Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu &uuml;berwinden<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/a0c1948c5c58471aaa79922989ca1a63\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die &ldquo;Nationale Sicherheitsstrategie 2022&rdquo; zeigt, dass die USA sich noch st&auml;rker in die inneren Angelegenheiten der L&auml;nder Lateinamerikas einmischen wollen.<\/strong><br \/> Das Wei&szlig;e Haus ver&ouml;ffentlichte unl&auml;ngst das lang erwartete Dokument (National Security Strategy, NSS), das als Leitfaden f&uuml;r die Au&szlig;enpolitik der Regierung von Joe Biden dienen soll. 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