{"id":90642,"date":"2022-11-21T10:34:20","date_gmt":"2022-11-21T09:34:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90642"},"modified":"2022-11-21T11:15:43","modified_gmt":"2022-11-21T10:15:43","slug":"bericht-der-sonderberichterstatterin-francesca-albanese-zur-situation-der-menschenrechte-in-den-palaestinensischen-besetzten-gebieten-seit-1967","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90642","title":{"rendered":"Bericht der Sonderberichterstatterin Francesca Albanese zur \u201eSituation der Menschenrechte in den pal\u00e4stinensischen besetzten Gebieten seit 1967\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Bericht findet in den normalen und die &ouml;ffentliche Meinung bestimmenden Medien unseres Landes kaum einen Niederschlag. Deshalb k&ouml;nnen wir <strong>Norman Paech<\/strong> nur dankbar sein, dass er f&uuml;r die NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser seinen Text zur Verf&uuml;gung stellt. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nAn Berichten &uuml;ber die Situation der Menschenrechte in den von Israel besetzten Gebieten Pal&auml;stinas fehlt es dem UN-Menschenrechtsrat nicht. Seit dem ersten Bericht des S&uuml;dafrikaners John Dugard im Jahr 2007 haben er und sein Nachfolger seit 2014, der US-Amerikaner Richard Falk, als Sonderberichterstatter mehrere Untersuchungen der Menschenrechtslage in den besetzten Gebieten vorgelegt. In einem waren sie sich alle einig, in der scharfen und ungeschminkten Verurteilung der Gewalt, der Unterdr&uuml;ckung und schweren Menschenrechtsverbrechen der Besatzung. Sie nannten es schon damals ein Apartheidsystem. Und eines war ihnen auch noch gemeinsam, eine Ver&auml;nderung der Verh&auml;ltnisse in Israel und Pal&auml;stina konnten sie nicht bewirken. Beide Autoren, angesehene j&uuml;dische V&ouml;lkerrechtsprofessoren, wurden vielmehr aus Jerusalem angegriffen, und nach kurzen Jahren verloren sie ihre Aufgabe. Als dann Richard Falk und seine Kollegin Virginia Tilley im Auftrag der Wirtschafts- und Sozialkommission der UNO (ECOWAS) 2017 einen weiteren Bericht erstellten, steigerte sich die Emp&ouml;rung &uuml;ber den Vorwurf der Apartheid und des Rassismus derart, dass UN-Generalsekret&auml;r Guterres den Bericht kurz nach seinem Erscheinen von der Website der UNO nehmen lie&szlig;.<\/p><p>Und nun liegt ein weiterer Bericht der neuen Sonderberichterstatterin Francesca Albanese vor, noch analytischer, sch&auml;rfer und pointierter die schweren Verbrechen aufzeigend, die sich aus ihrem Befund des Siedlerkolonialismus und des Apartheidsystems notwendig ergeben. Auch ihr wurde der Zutritt zu den besetzten Gebieten verwehrt, sodass sie ihre Untersuchung auf die juristische Analyse der reichhaltig vorhandenen Dokumente, Reports und Literatur sowie Gespr&auml;che, Interviews und Online-Treffen st&uuml;tzte.<\/p><p>Schon zu Beginn macht sie deutlich, dass der in j&uuml;ngerer Zeit in den Vordergrund ger&uuml;ckte Begriff der Apartheid zwar den systematischen Charakter der israelischen Verbrechen hervorheben kann, aber dennoch einige Begrenzungen hat. So beziehe er nicht die Erfahrungen der pal&auml;stinensischen Fl&uuml;chtlinge mit ein und ber&uuml;cksichtige nicht die dem System von Anfang an innewohnende Rechtswidrigkeit der Besatzung. Vor allem aber benenne er nicht die Grundursachen des Netzes rassendiskriminatorischer Gesetze, Verordnungen und Ma&szlig;nahmen, die das t&auml;gliche Leben in den besetzten Gebieten seit 1967 strangulieren mit der eindeutigen Absicht, sich das Land anzueignen, die Bev&ouml;lkerung zu vertreiben und durch die eigenen Siedler zu ersetzen. &bdquo;Das ist das Markenzeichen des Siedlerkolonialismus und ein Kriegsverbrechen nach dem R&ouml;mischen Statut.&ldquo; (II A 10c, S. 15)<\/p><p>Francesca Albanese legt ihrer Untersuchung das Recht auf Selbstbestimmung zugrunde, welches in den K&auml;mpfen der Dekolonisation in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im V&ouml;lkerrecht und gest&uuml;tzt auf zahllose Resolutionen der UN-Generalversammlung zu einem zwingenden Recht erstarkte. Siedler-Kolonialismus und Apartheid erkl&auml;ren sich ihr zufolge erst durch den Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht der Unterworfenen. Es wird ihnen systematisch verweigert, ob in seiner politischen Dimension, eine eigene Regierung und Rechtsprechung ohne fremde Einmischung bilden zu k&ouml;nnen, seiner &ouml;konomischen und kulturellen Dimension, frei &uuml;ber ihre Reicht&uuml;mer und Ressourcen verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen, oder in seiner au&szlig;enpolitischen Dimension, die die volle Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber das eigene Territorium und die uneingeschr&auml;nkte Handlungsf&auml;higkeit auch international bedeutet. <\/p><p>Die israelischen Regierungen haben nie einen Zweifel daran aufkommen lassen, das okkupierte Land nie mehr zu verlassen und auch dort die &bdquo;demographische Suprematie&ldquo; zu erlangen. Die Berichterstatterin macht deutlich, dass alle Regierungen ihre Vision eines j&uuml;dischen Staates vom Jordantal bis zum Mittelmeer ohne R&uuml;cksicht auf die pal&auml;stinensische Bev&ouml;lkerung verfolgt haben: vom Allon-Plan 1967 mit seinen entmilitarisierten Bantustans im j&uuml;dischen Staat, &uuml;ber die Annexion Ost-Jerusalems 1980, die Fragmentierung der Westbank durch den Oslo-Vertrag 1993 in die A-, B- und C-Zonen, die Verwandlung des Gaza-Streifens in eine &uuml;berbev&ouml;lkerte, verarmte Enklave nach den Wahlen 2006, bis zu den t&auml;glichen Dem&uuml;tigungen, Anschl&auml;gen, &Uuml;berf&auml;llen, Razzien und Verhaftungen ohne Schutz der Gerichte in der Gegenwart. Immer ist es das Ziel gewesen, das Leben f&uuml;r die Menschen so unertr&auml;glich zu machen, dass sie freiwillig ihr Land verlassen.<\/p><p>Die Berichterstatterin erw&auml;hnt zahlreiche der bekannten Ma&szlig;nahmen wie die Monopolisierung der Wasserquellen und die Verdr&auml;ngung der pal&auml;stinensischen Landwirtschaft aus der Zone C, dem fruchtbarsten Anbaugebiet im Jordantal. Die Vereinten Nationen kamen 2019 zu der Sch&auml;tzung, dass ohne die Besatzung das Pro-Kopf-Einkommen in der Westbank 44 Prozent h&ouml;her w&auml;re als aktuell. Man kann hinzuf&uuml;gen, dass die Weltbank seinerzeit den j&auml;hrlichen finanziellen Verlust der Pal&auml;stinenser durch die Vertreibung aus dem Jordantal auf &uuml;ber 3 Mrd. US-Dollar sch&auml;tzte. Sie erinnert an die Zerst&ouml;rung des Marokkanischen Viertels in Ost-Jerusalem zu Beginn der Besatzung, um Platz f&uuml;r die Klagemauer zu schaffen, die Entfernung der pal&auml;stinensischen Geschichte aus den Schulb&uuml;chern und die Umwandlung oder Schlie&szlig;ung von St&auml;tten, die die kulturelle, politische und religi&ouml;se Identit&auml;t der pal&auml;stinensischen Gesellschaft bewahren.<\/p><p>Die Berichterstatterin brauchte nur auf die w&ouml;chentlichen Ver&ouml;ffentlichungen des United Nation Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA &ndash; Amt der Vereinten Nationen f&uuml;r die Koordinierung humanit&auml;rer Angelegenheit) zu schauen, um all die Vorw&uuml;rfe und Anklagen best&auml;tigt zu finden, die sie aus ihren Gespr&auml;chen und Interviews erfahren hat. So sind derzeit fast 4.500 Pal&auml;stinenserinnen und Pal&auml;stinenser in israelischen Gef&auml;ngnissen, 730 ohne Anklage und meistens auf Grund geheimer Anschuldigungen &ndash; die ber&uuml;chtigte Administrativhaft. Zwischen 500 bis 700 Kinder unter zw&ouml;lf Jahren werden j&auml;hrlich willk&uuml;rlich verhaftet. Hinzu kommen gezielte au&szlig;ergerichtliche T&ouml;tungen, Entzug der Wohnerlaubnis und Deportationen, Angriffe auf H&auml;user, Wohnungen und Geb&auml;ude. Die t&auml;glichen Meldungen aus den besetzten Gebieten k&ouml;nnten eine Vielzahl weiterer Beispiele rechtswidriger Gewalt und Aggression hinzuf&uuml;gen, die alle nur den Befund des Berichts unterstreichen, dass es sich um ein &bdquo;vors&auml;tzlich habgieriges, die Rassentrennung f&ouml;rderndes, repressives Regime&ldquo; (&bdquo;intentionally acquisitive, segregationist and repressive regime&ldquo;, VI, S. 21) handelt, mit dem einzigen Ziel, dem pal&auml;stinensischen Volk den Gebrauch seines Rechts auf Selbstbestimmung zu verhindern.<\/p><p>Der Bericht ist skeptisch gegen&uuml;ber den M&ouml;glichkeiten einer Friedensl&ouml;sung nach dem Modell der bisher gescheiterten Versuche. Sie h&auml;tten sich nicht auf die Menschenrechte, insbesondere das Selbstbestimmungsrecht konzentriert und den &bdquo;siedler-kolonialen&ldquo; Charakter der israelischen Besatzung &uuml;bersehen. Da das Selbstbestimmungsrecht aber zwingend und f&uuml;r alle verpflichtend sei, m&uuml;sse die israelische Regierung die &bdquo;Unterjochung&ldquo; (&bdquo;subjugation&ldquo;) des pal&auml;stinensischen Volkes beenden und sich aus den besetzten Gebieten zur&uuml;ckziehen.<\/p><p>Das ist dann auch die erste Empfehlung bzw. Forderung des Berichts, dass Israel seine Besatzung beende, sich sofort und bedingungslos zur&uuml;ckziehe und Reparationen leiste. Alle Staaten werden aufgefordert, die Verletzungen des pal&auml;stinensischen Rechts auf Selbstbestimmung durch Israel zu verurteilen, das sofortige Ende der rechtswidrigen Besatzung, die R&uuml;ckgabe des geraubten Landes und aller Ressourcen zu fordern und in der UN-Generalversammlung einen Plan zu entwickeln, &bdquo;um die siedler-koloniale Besatzung und das Apartheid-Regime zu beenden&ldquo; (VI, S. 21). Sollte Israel den Forderungen nicht folgen, sollten die Staaten diplomatische, &ouml;konomische und politische Ma&szlig;nahmen entsprechend der Charta der Vereinten Nationen ergreifen. Es sollte eine umfassende und transparente Untersuchung aller Menschenrechtsverletzungen, des humanit&auml;ren V&ouml;lkerrechts bis hin zu m&ouml;glichen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verbrechen der Aggression unternommen werden. Die Staaten sollten schlie&szlig;lich die T&auml;ter mit Hilfe des Internationalen Strafgerichtshofs und anderer universeller Justizorgane zur strafrechtlichen Verantwortung ziehen.<\/p><p>Der Bericht ist wie die vorangegangenen eine scharfe und schn&ouml;rkellose Abrechnung mit einem kriminellen System auf der Basis unanfechtbarer Tatsachen. Unsere Medien und Politik haben darauf bisher nicht reagiert, nur Israel &ndash; mit heftigen Angriffen auf die Autorin. Hoffen wir, dass sich die Spitze der UNO diesmal nicht von dem Bericht und ihrer Berichterstatterin distanziert.<\/p><p>Norman Paech<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Bericht findet in den normalen und die &ouml;ffentliche Meinung bestimmenden Medien unseres Landes kaum einen Niederschlag. Deshalb k&ouml;nnen wir <strong>Norman Paech<\/strong> nur dankbar sein, dass er f&uuml;r die NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser seinen Text zur Verf&uuml;gung stellt. 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