{"id":9065,"date":"2011-04-13T09:47:09","date_gmt":"2011-04-13T07:47:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9065"},"modified":"2014-08-13T14:18:47","modified_gmt":"2014-08-13T12:18:47","slug":"netzsperren-zur-aufbesserung-der-staatseinnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9065","title":{"rendered":"Netzsperren zur Aufbesserung der Staatseinnahmen"},"content":{"rendered":"<p>Die Freude der Zensurgegner w&auml;hrte nur kurz. Eine Woche nachdem sich die Bundesregierung nun auch offiziell von ihrem Gesetzesvorhaben zur Einrichtung von Netzsperren verabschiedete, wollen nun offenbar die Bundesl&auml;nder Netzsperren einf&uuml;hren. Nun geht es nicht mehr um Kinderpornographie, sondern um Gl&uuml;cksspiele, die in Deutschland keine Konzession besitzen. Hintergrund ist die Neuauflage des Gl&uuml;cksspielstaatsvertrags, in dem der Staat erstmals st&uuml;ckweise von seinem Monopol abr&uuml;ckt und den Bereich der Sportwetten teilprivatisiert. Nat&uuml;rlich geht es den L&auml;nderf&uuml;rsten dabei nicht um die Suchtpr&auml;vention, sondern um die Optimierung ihrer Steuereinnahmen. Ob diese L&ouml;sung mit der Verfassung und dem europ&auml;ischen Recht zu vereinbaren ist, darf jedoch getrost bezweifelt werden. Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Der Markt f&uuml;r Sportwetten ist gigantisch. Im Jahr 2009 soll die Branche alleine in Deutschland 7,8 Milliarden Euro <a href=\"http:\/\/www.goldmedia.com\/index.php?id=994\">umgesetzt haben<\/a>. Das ist umso erstaunlicher, da Sportwetten in Deutschland gesetzlich reglementiert sind und nur der staatliche Monopolist Oddset und einige zugelassene Buchmacher f&uuml;r Pferdewetten vollkommen legal auf dem Markt operieren d&uuml;rfen. Dieser legale Markt hat aber nur einen Anteil von 6%, rund 13% des Marktes werden dem Schwarzmarkt zugerechnet, operieren illegal in Deutschland und zahlen gar keine Steuern. Den gr&ouml;&szlig;ten Teil stellt mit 81% der &bdquo;Graumarkt&ldquo; dar. Hierbei werden die Wetten &uuml;ber Anbieter abgewickelt, die in Deutschland &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur vermittelnd t&auml;tig sind und ihr eigentliches Gesch&auml;ft mit einer Lizenz aus dem europ&auml;ischen Ausland betreiben. Der popul&auml;re Anbieter bwin hat beispielsweise seinen Sitz in &Ouml;sterreich, bietet seine Sportwetten aber &uuml;ber eine Lizenz im Steuerparadies Gibraltar an. Solche Anbieter bewegen sich in Deutschland in der rechtlichen Grauzone. Das Anbieten von Sportwetten ist in Deutschland genehmigungspflichtig, jedoch aufgrund des geltenden &bdquo;Staatsvertrags zum Lotteriewesen in Deutschland&ldquo; nicht genehmigungsf&auml;hig.<\/p><p>Gl&uuml;cksspiele und Sportwetten sind in Deutschland keinesfalls verboten, sie unterstehen jedoch einem staatlichen Monopol. Die Ums&auml;tze aus Lotterien und Sportwetten werden einheitlich mit 16,67% bis 20% versteuert, wobei die Steuereinnahmen (rund 1,7 Mrd. Euro pro Jahr) ausschlie&szlig;lich in die Kassen der Bundesl&auml;nder flie&szlig;en. Satzungsgem&auml;&szlig; m&uuml;ssen die &Uuml;bersch&uuml;sse der Landesgesellschaften des Deutschen Lotto- und Totoblocks als F&ouml;rdergelder f&uuml;r Sport, Kunst und Kultur, Denkmalpflege oder soziale Projekte verwendet werden. Aus gemeinn&uuml;tziger Perspektive w&auml;re es also prinzipiell w&uuml;nschenswert, dass der graue und der schwarze Markt des Gl&uuml;cksspielsektors nach den gleichen Regeln spielen m&uuml;ssen. Da Gl&uuml;cksspiele jedoch auch unter dem Gesichtspunkt des Suchtverhaltens betrachtet werden m&uuml;ssen, kann die L&ouml;sung des Problems nicht in der Maximierung der Steuereinnahmen und F&ouml;rdergelder liegen. Es ist jedoch mehr als verst&auml;ndlich, dass die Finanzminister der L&auml;nder neidisch auf die gigantischen Ums&auml;tze der ausl&auml;ndischen Wettanbieter schielen. Durch den Graumarkt gehen ihnen Jahr f&uuml;r Jahr rund 1,3 Milliarden Euro verloren &ndash; Geld, das bei den privaten Anbietern als Gewinn verbucht werden kann, da sie in ihren Steuerparadiesen ohnehin nur marginal durch den Fiskus bel&auml;stigt werden.<\/p><p>Der marktliberalen EU sind solche Monopole stets ein Dorn im Auge. Ohne die offizielle Begr&uuml;ndung, die da lautet, durch das Gl&uuml;cksspielmonopol die Spielsucht kontrollieren und bek&auml;mpfen zu wollen, h&auml;tte die deutsche Monopoll&ouml;sung keinen Bestand vor europ&auml;ischem Recht und auch das Bundesverfassungsgericht hat bereits im Jahre 2006 entschieden, dass ein Staatsmonopol f&uuml;r Sportwetten nur dann mit dem Grundrecht der Berufsfreiheit vereinbar ist, wenn es &bdquo;konsequent am Ziel der Bek&auml;mpfung von Suchtgefahren ausgerichtet ist&ldquo;. <\/p><p>Ginge es nach den Finanzministern der L&auml;nder, dann w&uuml;rde das staatliche Gl&uuml;cksspielmonopol bereits zum 1.1.2012 sp&uuml;rbar aufgeweicht. Die am 6. April verabschiedeten Eckpunkte zur Liberalisierung des Marktes sehen die Vergabe von sieben Gl&uuml;cksspiel-Konzessionen f&uuml;r den deutschen Markt vor. Diese Konzessionen sind jedoch nicht gerade preiswert &ndash; neben der Umsatzsteuer sollen die Anbieter eine Konzessionsabgabe von 16,67% des Gesamtumsatzes an den Fiskus abf&uuml;hren. Nat&uuml;rlich ist diese teure Einladung, legal auf dem deutschen Markt zu operieren, nur dann schmackhaft, wenn den Konzession&auml;ren gleichzeitig zugesichert wird, dass ihre Konkurrenz nicht mehr im Graubereich agieren darf. Aber wie soll man ein Online-Wettb&uuml;ro mit einer Lizenz in der europ&auml;ischen Peripherie, das seinen Sitz in einer Steueroase hat und dessen Besitzverh&auml;ltnisse den deutschen Beh&ouml;rden unbekannt sind, vom deutschen Markt ausschlie&szlig;en?<\/p><p>Um die Konzessionen zu versilbern und die L&ouml;cher in den Staatskassen zu stopfen, denken die L&auml;nder daher offen &uuml;ber die Einrichtung von Netzsperren nach. In &sect;9 Abs. 5 des <a href=\"http:\/\/glueckstv.piratenpartei-bayern.de\/GlueStV-Textentwurf-Endfassung-04042011.pdf\">aktuellen Entwurfs [PDF &ndash; 183 KB]<\/a> zur Neufassung des Gl&uuml;cksspielstaatsvertrags sehen die L&auml;nder vor, dass die Gl&uuml;cksspielaufsicht Internetprovider verpflichten kann, &bdquo;unerlaubte Gl&uuml;cksspielangebote&ldquo; zu filtern.<\/p><blockquote><p>(5) Diensteanbietern im Sinne des Telemediengesetzes, insbesondere Zugangsprovidern und Registraren, nach vorheriger Bekanntgabe unerlaubter Gl&uuml;cksspielangebote die Mitwirkung am Zugang zu den unerlaubten Gl&uuml;cksspielangeboten untersagen. Das Grundrecht des Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird insoweit eingeschr&auml;nkt. Hierdurch sind Telekommunikationsvorg&auml;nge im Sinne des &sect; 88 Abs. 3 Satz 3 des Telekommunikationsgesetzes betroffen.<br>\n&sect;9 Abs. 5 des Vertragsentwurfs vom 4.4.2011<\/p><\/blockquote><p>Die Infrastruktur ist ja dank des letztlich gescheiterten Versuchs, Internetsperren f&uuml;r kinderpornographische Angebote einzurichten, bereits vorhanden. So schnell kann es gehen, dass eine technische Internetzensur, die als vermeintliche &bdquo;ultima ratio&ldquo; zur Verhinderung von schweren Verbrechen gegen Kinder ins Spiel gebracht wurde, &uuml;ber Nacht zum Zwecke der Mehrung der Steuereinnahmen zweckentfremdet wird. Machen wir uns doch nichts vor &ndash; die minder schweren Auflagen f&uuml;r die staatlichen Konzession&auml;re sind eigentlich nur ein Feigenblatt, mit dem der Staat einen Eingriff in die Grundrechte rechtfertigt, der einzig und allein der Mehrung der Steuereinnahmen gilt. Mit dem Deckm&auml;ntelchen der Suchtpr&auml;vention, mit der das staatliche Monopol gerechtfertigt wird, ist eine Teilliberalisierung des Marktes ohnehin nicht zu vereinbaren. Eine Privatisierung dient &ndash; wir haben diesen Spruch schlie&szlig;lich noch im Hinterkopf &ndash; der St&auml;rkung des Wettbewerbs, und ein Wettbewerb um die Wetteinnahmen der B&uuml;rger steht dem Gedanken der Suchtpr&auml;vention nun einmal diametral entgegen.<\/p><p>Wenn die Suchtpr&auml;vention nun aber keine ma&szlig;gebliche Rolle bei der Novellierung des Gl&uuml;cksspielstaatsvertrags spielt, dann wird das gesamte Gesetz auch keine Chance haben, vor dem Bundesverfassungsgericht oder dem europ&auml;ischen Gerichtshof zu bestehen. Beide Institutionen haben in der Vergangenheit klipp und klar erkl&auml;rt, dass das deutsche Gl&uuml;cksspielmonopol keinen Bestand mehr hat, wenn es sich nicht glaubw&uuml;rdig aus der Suchtpr&auml;vention herleiten l&auml;sst. Sollten die L&auml;nder sich also nicht in letzter Minute noch besinnen, wird aller Voraussicht nach wieder einmal das Bundesverfassungsgericht &uuml;ber die Verfassungskonformit&auml;t eines Gesetzes befinden m&uuml;ssen, das im krassen Widerspruch zum freien Informationszugriff im Internet steht. Gestern war es die Kinderpornographie, heute sind es die Staatseinnahmen aus dem Gl&uuml;cksspielsektor. Die Geister, die ich rief &hellip; welche Inhalte werden morgen Bestandteil von Netzsperren sein? Verst&ouml;&szlig;e gegen das Urheberrecht? Verst&ouml;&szlig;e gegen da Jugendschutzgesetz? Verst&ouml;&szlig;e gegen den politischen Mainstream? Mit der technischen Einrichtung der Zensurinfrastruktur im Rahmen der Diskussion um das L&ouml;schen oder Sperren von Kinderpornographie wurde die B&uuml;chse der Pandora ge&ouml;ffnet und es scheint so, als sei die Informationsfreiheit bereits zur Verhandlungsmasse im Spiel der Interessen von Politik und Wirtschaft verkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freude der Zensurgegner w&auml;hrte nur kurz. Eine Woche nachdem sich die Bundesregierung nun auch offiziell von ihrem Gesetzesvorhaben zur Einrichtung von Netzsperren verabschiedete, wollen nun offenbar die Bundesl&auml;nder Netzsperren einf&uuml;hren. Nun geht es nicht mehr um Kinderpornographie, sondern um Gl&uuml;cksspiele, die in Deutschland keine Konzession besitzen. Hintergrund ist die Neuauflage des Gl&uuml;cksspielstaatsvertrags, in dem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9065\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[160,28,137],"tags":[1084,1083,220],"class_list":["post-9065","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-markt-und-staat","category-privatisierung","category-steuern-und-abgaben","tag-gluecksspiele","tag-netzsperren","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9065","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9065"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9071,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9065\/revisions\/9071"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9065"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}