{"id":907,"date":"2005-10-19T12:21:43","date_gmt":"2005-10-19T10:21:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=907"},"modified":"2016-03-03T10:54:49","modified_gmt":"2016-03-03T09:54:49","slug":"ungereimtes-und-immer-wieder-reformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=907","title":{"rendered":"Ungereimtes und immer wieder \u201eReformen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Tagebuchnotizen vom 18.10. abends. Wieder neigt sich ein denkw&uuml;rdiger Tag seinem Ende entgegen.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Der Bundespr&auml;sident verabschiedet das Kabinett Schr&ouml;der und dokumentiert in seiner kleinen Ansprache einmal mehr seine Parteilichkeit: Er lobt das Kabinett Schr&ouml;der daf&uuml;r, dass es die Bundeswehr zu Kampfeins&auml;tzen in den Kosovo Krieg geschickt hat, aber er erw&auml;hnt nicht die Weigerung der abtretenden Bundesregierung, in &auml;hnlicher Weise den Irak-Krieg mitzumachen. &ndash; K&ouml;hler bringt selbst in einer kurzen Ansprache die g&auml;ngigen Parolen der Neoliberalen unter: Zeichen des Umbruchs; versch&auml;rfter weltweiter Wettbewerb und Alterung erfordern eine neue Politik; um den Sozialstaat zu sichern, brauchen wir Ver&auml;nderung; die neue Bundesregierung muss die begonnenen Reformen fortsetzen und so weiter. Er redet so, als habe er das Wahlergebnis gar nicht zur Kenntnis genommen. Es dr&uuml;ckt jedenfalls alles andere aus als das, was K&ouml;hler sagt. Die Erkl&auml;rung des Bundespr&auml;sidenten ist als Anlage 1 angef&uuml;gt.<\/li>\n<li>Am gleichen Tag ver&ouml;ffentlicht das Bundespresse- und Informationsamt die Zusammenfassung einer Rede des scheidenden Chefs des Bundeskanzleramts und designierten Au&szlig;enministers Steinmeier auf einer Mittelstandstagung mit der gleichen Werbung f&uuml;r die Fortsetzung der Reformen. Alles ein bisschen sozialdemokratisch eingef&auml;rbt, aber im Kern die Agitation f&uuml;r die Agenda 2010. Sie w&uuml;rde zwar nicht mehr Agenda 2010 hei&szlig;en, aber um so konsequenter fortgesetzt werden m&uuml;ssen. Auch dieser Text ist als Anlage 2 angef&uuml;gt.<\/li>\n<li>Steinmeier meint &ndash; so die Erkl&auml;rung des Bundespresseamtes: &lt;&gt; Das klingt hier wie bei der Kampagne &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo;. oder der Er&ouml;ffnungsansprache des Alterspr&auml;sidenten des Deutschen Bundestages Schily und es ist interessant zu beobachten: Die gleichen Leute und Kr&auml;fte, die jahrelang unser Land und seine Strukturen schlecht geredet haben, um Strukturreformern &bdquo;alternativlos&ldquo; oder &bdquo;objektiv notwendig&ldquo; erscheinen zu lassen, und deren Bundespr&auml;sident seine Rede zur Aufl&ouml;sung des Bundestags mit einer dramatischen Schwarzmalerei begonnen hatte, schalten pl&ouml;tzlich um. Jetzt, wo sie mit der Gro&szlig;en Koalition ihre &bdquo;Reformen&ldquo; f&uuml;r gesichert halten, sehen sie die Welt pl&ouml;tzlich ganz anders. Das h&auml;tten Sie mal fr&uuml;her tun sollen, dann w&auml;re unser Land nicht in einer so tiefen, wirtschaftlichen und psychischen Depression gelandet.<\/li>\n<li>Dem Vorsitzenden der Linkspartei Bisky hat die Mehrheit der Abgeordneten auch im dritten Wahlgang zum Vizepr&auml;sidenten des Deutschen Bundestages die Wahl verweigert. Einmal abgesehen davon, dass ich es f&uuml;r einen Affront gegen&uuml;ber den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern einer immerhin demokratisch legitimierten Partei halte, finde ich den Vorgang deshalb interessant, weil unter den Ablehnenden ja eine Mehrheit von Abgeordneten ist, die keine Gewissensbisse hat, einen Mann wie Wolfgang Sch&auml;uble zum Innen- und Verfassungsminister zu machen. Einen Politiker von dem man wei&szlig;, dass er so eben mal ein Kuvert mit 100.000 DM in bar, das von einem R&uuml;stungslobbyisten stammte, entgegengenommen hat, ohne wissen zu wollen, woher das Geld kommt und warum es geflossen ist. Sch&auml;uble musste damals zur&uuml;cktreten. Man stelle sich einmal vor, ein normaler Angestellter w&auml;re, wegen eines solchen Fehlverhaltens gefeuert worden. H&auml;tte er jemals wieder eine Chance, in der selben Firma wieder angestellt und gar noch in eine Leitungsfunktion &uuml;bernommen zu werden? Rechnet man wirklich auf ein so kurzes Ged&auml;chtnis der Menschen in unserem Land? Offenbar tut man das.<\/li>\n<li>Steinbr&uuml;ck &uuml;bt sich weiter in der Rolle als kommender Spar-Minister, sozusagen Hans Eichel als &bdquo;Sparkommissar&ldquo; im Quadrat. Er erzielt auch die gleichen Anfangserfolge in den Medien wie Hans Eichel zu Beginn seiner Zeit als Bundesfinanzminister. Die deutschen Medien lieben Sparkommissare &uuml;ber alles. Weil sie den R&uuml;ckzug des Sozialstaates wollen und weil sich Reiche einen armen Staat leisten k&ouml;nnen, und weil sie deshalb nicht begreifen wollen, dass in einer makro&ouml;konomischen Betrachtung Sparabsicht in der Haushaltspolitik nicht gleich Sparerfolg ist. Wir steuern auf eine Br&uuml;ning&rsquo;sche Situation zu. Das interessiert aber auch zu Beginn der gro&szlig;en Koalition offenbar niemanden. Als &Ouml;konom fasst man sich an den Kopf und ist entsetzt wie kopflos Politik und Medien unser Land und unseren Staat weiter herunterwirtschaften wollen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anlage 1:<\/strong><\/p><p>Erkl&auml;rung des Bundespr&auml;sidenten zur Verabschiedung des Kabinetts Schr&ouml;der: <\/p><p><strong>Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler hat die Arbeit des Bundeskanzlers und der Bundesministerinnen und Bundesminister mit dem Ende ihrer Amtszeit bei der &Uuml;berreichung der Entlassungsurkunden gew&uuml;rdigt und auf die Aufgaben der kommenden Bundesregierung hingewiesen<\/strong><\/p><p><strong>18.10.2005<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,<br>\nsehr geehrte Bundesministerinnen und Bundesminister,<br>\nmit dem Zusammentritt des 16. Deutschen Bundestages endet nach dem Grundgesetz auch Ihre Amtszeit als Bundeskanzler und als Bundesministerinnen und Bundesminister. Dies bringen die Urkunden zum Ausdruck, die ich Ihnen sogleich aush&auml;ndigen werde.<br>\nHerr Bundeskanzler, Sie haben mit Ihrer Koalition die Bundesrepublik Deutschland in das neue Jahrtausend gef&uuml;hrt. Die sieben Jahre Ihrer Amtszeit standen weltweit im Zeichen des Umbruchs.<br>\nGleich zu Beginn Ihrer Amtszeit trat die Bundeswehr an der Seite von NATO-Partnern in ihren ersten Kampfeinsatz ein, um eine humanit&auml;re Katastrophe im Kosovo zu verhindern. Der 11. September 2001 konfrontierte die Welt mit einem bis dato unvorstellbaren Angriff auf die Vereinigten Staaten von Amerika, der alle freien und friedliebenden Menschen und Nationen traf. In den Jahren danach wurde auch unser Kontinent Europa zum Ziel des Terrors.<br>\nAbschlie&szlig;ende Antworten auf die neuen weltpolitischen Herausforderungen haben wir noch nicht gefunden. Doch mit der Einf&uuml;hrung des EURO und mit der Erweiterung der Europ&auml;ischen Union um die jungen Demokratien in Mittel- und Osteuropa sind wir zusammenger&uuml;ckt und st&auml;rker geworden, und Deutschland leistet tatkr&auml;ftig einen wichtigen Beitrag f&uuml;r Frieden und Freiheit in der Welt.<br>\nIn der Zeit nach ihrer Wiederwahl 2002 konzentrierte sich die Bundesregierung auf die Gestaltungsaufgaben im Inneren. Der versch&auml;rfte weltweite Wettbewerb und die Folgen der Alterung unserer Gesellschaft erforderten eine neue Politik. Die Agenda 2010 zu entwerfen und gegen gro&szlig;e Widerst&auml;nde durchzusetzen, verlangte politischen Mut und hohen Arbeitseinsatz. Wie Sie wissen, habe ich diesen Reformkurs immer unterst&uuml;tzt. Er dient dem Wohle Deutschlands.<br>\nHerr Bundeskanzler, im Sommer haben Sie sich entschieden, Neuwahlen anzustreben, da Sie f&uuml;r Ihre Politik keine verl&auml;ssliche Mehrheit in den Reihen der Koalition mehr sahen. Meine Pr&uuml;fung der Lage f&uuml;hrte zu der Entscheidung, Neuwahlen anzusetzen.<br>\nDeutschland steht weiterhin vor gro&szlig;en Aufgaben. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Last der Schulden wiegen schwer. Wir alle wollen den Sozialstaat erhalten, aber wir wissen: Um einen modernen, starken Sozialstaat zu sichern, brauchen wir die Kraft und den Mut zur Ver&auml;nderung.<br>\nEs wird Aufgabe einer neuen Bundesregierung sein, diesen Weg zu gestalten und die begonnenen Reformen mit Stetigkeit, Stimmigkeit und Berechenbarkeit fortzusetzen. Eine breite Basis im Bundestag bietet die Chance, die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gemeinsam f&uuml;r diesen Weg zu gewinnen. Ich bin sicher: Deutschland hat die Begabung und die F&auml;higkeit, die vor uns liegenden Aufgaben zu meistern. Herr Bundeskanzler, meine Damen und Herren Bundes ministerinnen und Bundesminister:<br>\nF&uuml;r die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste spreche ich Ihnen Dank und Anerkennung aus.<br>\nSie haben mit Ihrer ganzen Kraft unserem Land gedient. Jedem von Ihnen w&uuml;nsche ich alles Gute f&uuml;r Ihren weiteren Weg und pers&ouml;nliches Wohlergehen. Herr Bundeskanzler, ich bitte Sie, die Gesch&auml;fte bis zur Ernennung Ihrer Nachfolgerin oder Ihres Nachfolgers im Amt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland weiterzuf&uuml;hren. <\/p><p><strong>Anlage 2:<\/strong><\/p><p>Presse- und Informationsamt der Bundesregierung<\/p><p>&ldquo;REGIERUNGonline&rdquo; &ndash; Wissen aus erster Hand<\/p><p>Ver&ouml;ffentlicht am: 18.10.2005<\/p><p><strong>Gro&szlig;e Koalition<br>\nFrank-Walter Steinmeier: Die Reformen gemeinsam konsequent fortf&uuml;hren<\/strong><\/p><p>Mit Augenma&szlig; und sozialer Verantwortung gelte es auch in der Gro&szlig;en Koalition, die mit der Agenda 2010 begonnenen Reformen zur Modernisierung der Sozialsysteme fortzusetzen und Deutschland zu neuer wirtschaftlicher St&auml;rke zu bringen. Das hat der Chef des Bundeskanzleramts Frank-Walter Steinmeier auf einer Mittelstandstagung der deutschen Industrie gefordert. <\/p><p>Die kommende Bundesregierung m&uuml;sse weiter daran arbeiten, &ldquo;das zu st&auml;rken, was Deutschland stark gemacht hat&rdquo;, sagte Steinmeier am 18. Oktober auf dem Tag des industriellen Mittelstandes beim Bund der Deutschen Industrie (BDI). Dazu z&auml;hlten neben einem hohen Innovationspotenzial vor allem weltoffene Unternehmer und gut ausgebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer &ndash; und nicht zuletzt ein hohes Ma&szlig; an sozialem Frieden in einem Staat, der verl&auml;sslich f&uuml;r Rechtssicherheit sorgt.<\/p><p>Mit diesen St&auml;rken solle Deutschland sehr viel selbstbewusster umgehen, betonte Steinmeier. Das legten auch die Urteile internationaler Experten nahe, die der Bundesrepublik in den vergangenen Wochen mehrfach beachtliche Wettbewerbsst&auml;rke und eine dynamische Entwicklung bescheinigt hatten. Die Mittelst&auml;ndler tagen in Berlin unter dem Motto &ldquo;In Deutschland zu Hause &ndash; erfolgreich in der Welt&rdquo;.<\/p><p><strong>Modernisierung eines Erfolgsmodells<\/strong><\/p><p>Die bevorstehende Gro&szlig;e Koalition habe von den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern den Auftrag zur Analyse und Renovierung des deutschen Erfolgsmodells erhalten, sagte Steinmeier. Bei der weiteren Modernisierung des Staates und der Sozialsysteme m&uuml;sse allerdings auf gesamtgesellschaftliche Ausgeglichenheit geachtet werden, so der Kanzleramtschef. Forderungen nach einem radikalen Wechsel w&uuml;rden von den Menschen weniger als Ausweg, denn als Bedrohung verstanden &ndash; und gef&auml;hrdeten so letztlich ihre Ver&auml;nderungsbereitschaft. <\/p><p>Frank-Walter Steinmeier erinnerte daran, dass gesellschaftliche Ver&auml;nderungen nicht allein Aufgabe der Politik seien, sondern ein gesamtgesellschaftliches Produkt. &ldquo;Jeder ist gefordert, um das Land gemeinsam nach vorn zu bringen&rdquo;, sagte Steinmeier und erinnerte an die Kampagne der Initiative Partner f&uuml;r Innovation unter dem Motto &ldquo;Du bist Deutschland!&rdquo;. Panikmache und ein &ldquo;fast schon masochistischer Pessimismus&rdquo;, wie er in j&uuml;ngerer Vergangenheit h&auml;ufig zu beobachten gewesen sei, seien dabei nur hinderlich.<\/p><p>&ldquo;Wir brauchen Ehrlichkeit und Klarheit &uuml;ber unsere Schw&auml;chen &ndash; aber auch &uuml;ber unsere St&auml;rken&rdquo;, so Steinmeier. Und die St&auml;rken seien unverkennbar: Als weltweit anerkannte so genannte &ldquo;Hidden Champions&rdquo; sorgten insbesondere die Unternehmen der mittelst&auml;ndischen Industrie f&uuml;r einen deutschen Spitzenplatz bei den Hochtechnologien: etwa in der Automobiltechnik, bei den regenerativen Energien oder im Maschinenbau. <\/p><p><strong>Keine &ldquo;Koalition des Stillstands&rdquo;<\/strong><\/p><p>Auch die Zeichen der vergangenen Monate seien ermutigend: So ist die Produktivit&auml;t der Unternehmen gestiegen, w&auml;hrend die Lohnst&uuml;ckkosten zur&uuml;ckgingen. &ldquo;Unser Land bewegt sich in die richtige Richtung&rdquo;, erkl&auml;rte Steinmeier. Diesen Wachstumstrend m&uuml;sse die Politik nun st&auml;rken, indem sie die sozialen Sicherungssysteme weiter zukunftsfest macht.<\/p><p>Gleiches gelte f&uuml;r die gemeinsame Einsicht in die Notwendigkeit, die Investitionen in Bildung und Forschung zu erh&ouml;hen sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Um an die deutschen Erfolge der Vergangenheit ankn&uuml;pfen zu k&ouml;nnen, sollen k&uuml;nftig drei Prozent des Bruttoinlandsprodukt (und damit rund 65 Milliarden Euro) in Forschung und Entwicklung flie&szlig;en.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuchnotizen vom 18.10. abends. 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