{"id":9078,"date":"2011-04-14T09:00:33","date_gmt":"2011-04-14T07:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9078"},"modified":"2016-07-19T12:02:03","modified_gmt":"2016-07-19T10:02:03","slug":"rezension-norbert-blum-ehrliche-arbeit-ein-angriff-auf-den-finanzkapitalismus-und-seine-raffgier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9078","title":{"rendered":"Rezension: Norbert Bl\u00fcm, Ehrliche Arbeit \u2013 Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier"},"content":{"rendered":"<p>Nein, Norbert Bl&uuml;m ist nicht so eitel, dass er eine Biografie geschrieben hat, wie es gestandene oder weniger gestandene Politiker &uuml;blicherweise tun, er hat mit seinem Buch &bdquo;Ehrliche Arbeit&ldquo; vielmehr ein biografisches Verm&auml;chtnis verfasst. Der 76-J&auml;hrige hat die M&uuml;hen und Widerst&auml;nde des Schreibens eines dicken Buches &uuml;berwunden und sich dabei selbst gefunden.<br>\n&bdquo;Widerst&auml;nde &uuml;berwinden und sich selbst finden&ldquo;, dass ist f&uuml;r Bl&uuml;m auch der Kern der Definition von &bdquo;ehrlicher Arbeit&ldquo;. Und die neue soziale Frage ist f&uuml;r ihn die &bdquo;Rehabilitation der ehrlichen Arbeit&ldquo;. (315). Der Kapitalismus werde daran zugrunde gehen, dass er Arbeiter und ihre Arbeit nicht w&uuml;rdigt. (80) Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nBiografisch ist das Buch, weil es mit dem Berufseinstieg des 14-j&auml;hrigen &bdquo;verhaltensauff&auml;lligen&ldquo; Jungen als Lehrling bei Opel beginnt, dem sein Lehrgeselle &bdquo;Ausdauer und Hartn&auml;ckigkeit&ldquo; beigebracht hat. Bl&uuml;m erz&auml;hlt wie ihm eine seiner Enkelinen die Frage stellte, &bdquo;warum brauchen wir eigentlich Geld&ldquo; und welche M&uuml;he er hatte ihr das einigerma&szlig;en verst&auml;ndlich zu erkl&auml;ren. Bl&uuml;ms Buch endet mit den letzten Worten seines Vaters auf dem Sterbebett &bdquo;Gretel, es war alles sch&ouml;n&ldquo;, mit denen dieser seine &bdquo;ehrliche Arbeit&ldquo; als die &bdquo;Sorge f&uuml;r die anderen&ldquo; und die &bdquo;Anerkennung der anderen&ldquo; als &bdquo;erf&uuml;lltes Leben&ldquo; zusammenfasste. <\/p><p>Es ist ein &bdquo;typischer Bl&uuml;m&ldquo;, der zum Leser spricht &ndash; flott geschrieben, mit polemischer Zuspitzung und mit nicht enden wollenden Bonmots und Apercus und einem schier unstillbaren Mitteilungsbed&uuml;rfnis. Der oftmals als Clown Verspottete, macht in diesem Buch klar, dass sich hinter der lustigen Maske des Spa&szlig;machers ein tiefgr&uuml;ndendes moralisches Anliegen verbirgt. <\/p><p>&Uuml;ber zwei Drittel des &uuml;ber 300 Seiten starken Buches arbeitet sich Bl&uuml;m buchst&auml;blich damit ab, was bei allem Wandel in unseren Arbeitsweisen Kern der Arbeit und was ihre Schale ist (243). Wer eine moralisch fundierte, nahezu fl&auml;chendeckende Kritik des gegenw&auml;rtigen Wirtschaftens und dessen skandal&ouml;se Ausw&uuml;chse lesen m&ouml;chte, der findet in diesem Buch geradezu verschwenderisch viel Stoff. <\/p><p>Das Buch l&auml;sst sich nur schwer zusammenfassen, denn Bl&uuml;m erz&auml;hlt (oft am Beispiel von M&auml;rchen) und er hat viel dar&uuml;ber zu erz&auml;hlen, was zu kritisieren ist, was anzuprangern ist, was zu &auml;ndern w&auml;re, was zur&uuml;ckgeholt werden oder auf was man sich zur&uuml;ckbesinnen m&uuml;sste. Bl&uuml;m will alles so einfach wie m&ouml;glich ausdr&uuml;cken, manchmal allerdings auch einfacher als m&ouml;glich. <\/p><p>In seiner Denkwelt der katholischen Soziallehre flankiert von der kantschen Philosophie erhebt er eine nicht enden wollende Verteidigungsrede &uuml;ber den Wert und des Sinns der Arbeit als &bdquo;menschlichen Wesenskern&ldquo; (101) gegen&uuml;ber einer Vielzahl f&uuml;r ihn nur zeitgeistigen Str&ouml;mungen und Interpretationen &uuml;ber die Ver&auml;nderung des Charakters der Arbeit.<\/p><p>In vielen Exkursen beschreibt er dazu die Unkenntnis und Ignoranz von Bankern, Wissenschaftlern und Staatslenkern und sieht das M&auml;rchen von des Kaisers neue Kleider als die Antizipation der Beschreibung der Finanzkrise. Es sei diese Trinit&auml;t der Weltreligion des Finanzkapitalismus, die zur Katastrophe gef&uuml;hrt habe, n&auml;mlich Deregulierung, Privatisierung und Kostensenkung. Bl&uuml;m ist f&uuml;r die Einf&uuml;hrung einer B&ouml;rsenumsatzsteuer und schimpft auf die Steuerfreiheit des Verkaufs von Unternehmensanteilen. Selbst dem Zinsverbot des Islam kann er einiges abgewinnen, er sieht in den dort an die Stelle des Zinses tretenden Anrechten an zuk&uuml;nftigen Gewinnen, eine engere Koppelung an die Realwirtschaft. So viel wie mit Geldgesch&auml;ften, k&ouml;nne mit ehrlicher Arbeit kein Mensch verdienen. (26) Er &uuml;bt bei&szlig;ende Kritik an den herrschenden Unternehmensphilosophien. (190 ff.) Der Manager unterscheide sich vom klassischen Unternehmer durch die Aufl&ouml;sung des Zusammenhangs von Risiko und Haftung. Die Manager hielten sich f&uuml;r das Gemeinwohl nicht zust&auml;ndig, wollten aber den Staat abkassieren. (202) &bdquo;Das Unternehmenssystem von heute ist damit ein System von Eigentumsbeauftragten geworden, die die sich vom Auftraggeber gel&ouml;st haben. Manager im Aufsichtsrat bestimmen &uuml;ber Manager, die anderenorts wiederum &uuml;ber sie bestimmen. Jeder ist  mit jedem verbandelt. Das ist eine Art systemimmanente Korruption. Unter tausend Verpuppungen erscheint die letzte Figur, die alle anderen Puppen an ihren F&auml;den h&auml;lt: der Manager des Finanzkapitalismus.&ldquo; (196) <\/p><p>Dagegen setzt Bl&uuml;m die Wertsch&auml;tzung &bdquo;ehrlicher Arbeit&ldquo;, sie sei der Hebel zur Ver&auml;nderung von der realit&auml;tsfernen Spekulationswirtschaft zur Realwirtschaft. (195)<\/p><p>Bl&uuml;m stellt sich gegen Darwin und Marx, gegen Marktideologen und &bdquo;Naturgl&auml;ubige&ldquo;  mit dem Ziel der Rettung der j&uuml;disch-christlichen Philosophie als die Befreiung von Macht, sei es der Macht der Wirtschaftsgesetze, sei es der Macht der unverr&uuml;ckbaren Gesetze der Natur. (58 ff.) Dass er mit seinen Interpretationen von Darwins Evolutionstheorie oder von Marxens Revolutionstheorie, deren Theoriegeb&auml;ude oft ziemliche Gewalt antut, verzeiht man Bl&uuml;m sp&auml;testens wieder, wenn er seine nicht enden wollenden Beispiele anf&uuml;hrt, mit denen deren (vermeintliche) Apologeten gescheitert sind. Bl&uuml;ms Rhetorik lebt in vielen Kapiteln des Buches davon, dass er zun&auml;chst einen Buhmann aufbaut, um diesen dann anschlie&szlig;end mit seinem bei&szlig;enden Spott niederzumachen und um schlie&szlig;lich die &bdquo;Arbeit&ldquo; als Retter in letzter Not anzubieten. Das spricht allerdings in aller Regel nicht gegen die vernichtenden Beispiele, die er gegen seine Gegner aufz&auml;hlt. Bl&uuml;m kritisiert die Absurdit&auml;ten des Konsumismus (der &bdquo;Schn&auml;ppchenj&auml;gerei&ldquo;), die Blut- und Vernunftlosigkeit des Homo oeconomicus, das &bdquo;Internet-Nirwana&ldquo;, den &bdquo;digitalen Imperialismus&ldquo;  oder den &bdquo;gesichtslosen Imperialismus einer Arbeitswelt ohne Arbeit&ldquo;. Dagegen sei Arbeit ein &Uuml;berbleibsel aus schweren Zeiten aber zugleich Zuflucht unserer Humanit&auml;t: &bdquo;Der Schwei&szlig; auf der eigenen Stirn, die M&uuml;he des eigenen Nachdenkens, das ist m&ouml;glicherweise der letzte Damm, der uns vor dem Internet-Nirwana rettet.&ldquo; (124) &bdquo;Eine Welt ohne Arbeit w&uuml;rde das Ende der menschlichen Entwicklung bedeuten&ldquo;. (139) Oder: &bdquo;Arbeitslosigkeit hat gesellschaftliche Gr&uuml;nde. Sie ist nicht Folge wirtschaftlicher oder gar technischer Sachzw&auml;nge.&ldquo; &bdquo;Arbeitslosigkeit ist die Quelle von Armut. Aber Armut ist auch die Ursache von Arbeitslosigkeit.&ldquo; (141) Immer sp&uuml;rt man, dass Bl&uuml;m selbst erlebt hat oder als Christ mitf&uuml;hlt, wor&uuml;ber er spricht.<\/p><p>Er korrigiert mal so nebenbei die Paulus-Rezeption, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Er sieht in der sonnt&auml;glichen Ruhepflicht eine Errungenschaft der gewerkschaftlichen Avantgarde.<br>\nEr referiert die &bdquo;christliche&ldquo; (genauer die katholische) Soziallehre und st&uuml;tzt sich auf Papst Johannes II und seiner Enzyklika Laborem Exercens (102) und verlangt dementsprechend die Unterordnung des Kapitals unter die Arbeit. Wie ein Pfarrer in seiner Predigt greift Bl&uuml;m in seinen reichhaltigen Fundus philosophischer oder literarischer Versatzst&uuml;cke oder zu theologischen oder zu anderen mystischen Interpretationshilfen. So spannt er etwa den Bogen vom Turmbau zu Babel bis zum heutigen Drang nach den h&ouml;chsten Geb&auml;uden der Welt, um solches Streben als eitlen Tand abzutun gegen&uuml;ber den viel gr&ouml;&szlig;eren Innovationen der Erfindung der Sprache, der Musik und der Schrift. (116 ff.)<\/p><p>Durch die vielen Facetten an denen er sich auf der Suche nach einem Begriff der &bdquo;ehrlichen Arbeit&ldquo; abarbeitet, verliert man h&auml;ufiger den roten Faden. So ist Arbeit f&uuml;r ihn einmal &bdquo;jegliches planvolles Handeln&ldquo; (131), um sie dann wiederum weder im Sinne physischer Existenzsicherung noch als &bdquo;Herstellung&ldquo; im Sinne stofflicher Produktion sondern &ndash; auf Hannah Arendt zur&uuml;ckgreifend &ndash; als &bdquo;Handeln&ldquo; (136) im Umgang mit anderen Menschen, als &bdquo;Sozialarbeit&ldquo; zu charakterisieren. Arbeit sei auch im kulturellen Sinne eine &bdquo;Lebensmittel&ldquo;. (139) Gerne h&auml;tte der Leser die zahlreichen richtigen Beobachtungen und die treffende Kritik immer mal wieder auf einen allgemeinen und gemeinsamen Nenner gebracht. Der Nenner f&uuml;r Bl&uuml;m ist aber eben keine abstrakte Begriffsdefinition sondern immer wieder die R&uuml;ckkoppelung auf das Konkrete: &bdquo;Aber auch wenn wir uns gerne die Wissens-, Informations- oder Dienstleistungsgesellschaft vorgaukeln, noch immer leidet der gr&ouml;&szlig;ere Teil der Menschheit an Hunger, Durst, heilbaren Krankheiten und oft brutaler physischer Gewalt.&ldquo; (115) Arbeit gehe nicht aus, angesichts des Elends in der Welt und angesichts der &bdquo;schizophrenen Welt von Reichtum und Armut&ldquo; gebe es genug zu tun. (143)<\/p><p>Bl&uuml;ms Hoffnung auf Widerstand erinnert an H&ouml;lderlins Patmos-Hymne &bdquo;wo aber Gefahr ist, w&auml;chst das Rettende auch&ldquo;. So etwa wenn man etwa eines seiner Rettungsangebote liest: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Drei Widerst&auml;nde stehen dem gesichtslosen Imperialismus einer Arbeitswelt ohne Arbeit entgegen.<br>\nDer erste will den Marsch in eine abstrakte Globalit&auml;t stoppen, in der die Menschen, egal wo in der Welt&hellip;wenig mehr sind als die billigsten R&auml;dchen f&uuml;r das Getriebe der weltumspannenden Kapitalverwertung.<br>\nDer zweite Widerstand richtet sich gegen die anonyme Herrschaft der Experten, die sich auf ein von ihnen selbst vorselektiertes Wissen st&uuml;tzen und sich dahinter gegen jede demokratische Kontrolle verschanzen.<br>\nDer dritte und st&auml;rkste Widerstand wendet sich gegen das irrige Versprechen, eine anstrengungslose Leichtigkeit des Seins sei m&ouml;glich. Denn in einer Welt ohne Widerst&auml;nde, und nichts anderes w&uuml;rde eine Welt ohne ehrliche Arbeit bedeuten, w&uuml;rde sich der Mensch selbst nicht mehr sp&uuml;ren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wenn es gel&auml;nge, die konstruktiven Potentiale der &bdquo;neuen Arbeit&ldquo; zu f&ouml;rdern und ihre destruktiven zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, dann best&uuml;nde eine Chance, dass die drei genannten &bdquo;Widerst&auml;nde&ldquo; obsiegten. (172) <\/p><p>Geradezu lutherisch trotzt also der Katholik Bl&uuml;m allem von ihm selbst beschriebenen Unheil und dem Pessimismus: &bdquo;Wer glaubt, wird selig.&ldquo; <\/p><p>Lesenswert ist das Buch vor allem im Schlussteil, wo Norbert Bl&uuml;m auf sein ureigenes politisches Terrain einschwenkt und den Sozialstaat und die solidarischen Sicherungssysteme verteidigt. <\/p><p>Der Sozialstaat ist f&uuml;r ihn die evolution&auml;re Antwort auf die soziale Frage. (273) Der Sozialstaat entlastete die Betriebe von Aufgaben, die die Unternehmen in der Marktwirtschaft gar nicht oder nur schwerlich erf&uuml;llen k&ouml;nnten. Der Sozialstaat sei somit eine Funktionsbedingung der Marktwirtschaft. Ohne Gewerkschaften, die Massenkaufkraft sichern, und ohne Sozialstaat, der die Lebensrisiken abfedert, gebe es keine Marktwirtschaft. (275)<\/p><p>&bdquo;Die Erbs&uuml;nde des Kapitalismus ist, dass  der die Arbeit zur abh&auml;ngigen Variablen der Kapitals degradiert hat&hellip;Das Sp&auml;tere, n&auml;mlich das Kapital, herrscht &uuml;ber das Fr&uuml;here, n&auml;mlich die Arbeit. In der kapitalistischen Ordnung bestimmt also die Wirkung die Ursache. Diese Konstellation stellt die Weltordnung auf den Kopf. Arbeit ist ein personeller Wert, Kapital ein instrumenteller.&ldquo; (203)<\/p><p>Bl&uuml;m h&auml;lt ein leidenschaftliches Pl&auml;doyer f&uuml;r die &bdquo;Sozialpartnerschaft&ldquo; (204) und f&uuml;r den &bdquo;sozialpartnerschaftlichen Anstand&ldquo;, f&uuml;r starke Einheitsgewerkschaften, f&uuml;r den Mindestlohn (&bdquo;Wir lassen die T&uuml;r sperrangelweit auf, damit Unternehmen den Staat ausbeuten&ldquo; (219)), gegen atypische Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, gegen die Leiharbeit: &bdquo;Leiharbeit ist erstens Erpressungsinstrument, zweitens Lohndr&uuml;ckerei, und drittens Dreht&uuml;r zwischen Arbeit und Arbeitslosigkeit.&ldquo; (211) Besch&auml;ftigungswachstum habe sich in ein Wachstum der prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse gewandelt. (216) <\/p><p>Dagegen fordert er die &bdquo;die Rehabilitation der ehrlichen Arbeit (als) die Renaissance alter Werte der Achtung, der Treue und des Respekts vor der Arbeitssamkeit&ldquo;. (220) Arbeit werde sich auch zuk&uuml;nftig nie der Notwendigkeit der Selbst&uuml;berwindung durch Anstrengung entledigen k&ouml;nnen. (246) Dementsprechend &uuml;bt Bl&uuml;m auch scharfe Kritik am sog. &bdquo;bedingungslosen Grundeinkommen&ldquo;, am &bdquo;B&uuml;rgergeld&ldquo; oder an den Lobges&auml;ngen &uuml;ber das &bdquo;lohnlose Ehrenamt&ldquo;. Wer, so fragt er, w&uuml;rde die Maloche des Kanalreinigers oder die Nachtschicht im Elektrizit&auml;tswerk &uuml;bernehmen? Wahrscheinlich w&uuml;rde die B&uuml;rgergeld-Gesellschaft nach der Rosinen-Theorie funktionieren, jeder picke sich das Beste raus. F&uuml;r den Rest sorgt&hellip; eine Strafkompanie?  (247) Das Pendant zur Freiwilligenarbeit sei nicht die Zwangsarbeit, sondern die Lohnarbeit.<\/p><p>Bl&uuml;m ertr&auml;umt eine Welt zwischen Kapitalismus und  seinem &bdquo;Milchbruder&ldquo; (Nell-Breuning), dem Kommunismus. Er will keine wirtschaftliche Revolution, sondern er ersehnt eine kulturelle Revolution.  (250) Er will &bdquo;Eigentum in Arbeitnehmerhand&ldquo; und nicht revolution&auml;re Umverteilung des schon gebildeten Eigentums, ihm gen&uuml;gt eine &bdquo;partnerschaftliche Umverteilung&ldquo; des neu Entstehenden. Nur ein k&uuml;nftiges B&uuml;ndnis von Arbeit und Eigentum k&ouml;nne die Raffgier des Finanzkapitalismus &ndash; der weder mit Arbeit noch mit Eigentum verbunden sei &ndash; Grenzen setzen. (272)<\/p><p>Bl&uuml;m sieht in der katholischen Soziallehre (bei der er allerdings immer also auch die protestantische als die &bdquo;christliche Soziallehre&ldquo; mit vereinnahmt)  als den &bdquo;Dritten Weg&ldquo;:<br>\n&bdquo;Der Marxismus verteidigt das Gemeineigentum, w&auml;hrend der Liberalismus das Privateigentum verteidigt. Die Christliche Soziallehre verteidigt das Privateigentum, aber in sozialer Bindung. Die christliche Soziallehre verbindet also individuelle mit sozialen Rechten und Pflichten.&ldquo; (266)<\/p><p>Bl&uuml;m unterscheidet drei Varianten des Sozialstaats:<\/p><ol>\n<li>als staatliche Institution und steuerfinanziert (skandinavischer Wohlfahrtsstaat)<\/li>\n<li>als private Initiative, vorwiegend mit Hilfe von Privatversicherungen und mit risikoabh&auml;ngigen Pr&auml;mien finanziert (angels&auml;chsische Modelle)<\/li>\n<li>als genossenschaftliche Selbsthilfe, verwirklicht als Sozialversicherung, die sich im Wesentlichen aus einkommensproportionalen Beitr&auml;gen ihr Geld beschaffe. (das kontinentale Modell) (279)<\/li>\n<\/ol><p>Sowohl das skandinavische als auch das angels&auml;chsische Modell bewegten sich auf beitragsbezogene Systeme zu, aber ausgerechnet das deutsche kontinentale Modell, werde in entgegen gesetzte Richtung verschoben. (280) Er nutzt das Buch als Gelegenheit, um seine Generalabrechnung  mit der Riester-Rente zu machen. Damit werde der Bock zum G&auml;rtner gemacht: mit ihr sinke das allgemeine Rentenniveau auch f&uuml;r jene, die sich Riester gar nicht leisten k&ouml;nnten. (Im unteren F&uuml;nftel der Haushaltseinkommen riestern nur 16%, im oberen rund 40% der Haushalte.) Die Schwachen zahlten die Rechnung f&uuml;r Leistungen, die die Starken erhielten. Das sei auf den Kopf gestellte Solidarit&auml;t. (281) Das Kunstst&uuml;ck der Riester-Rente sei: h&ouml;here Beitr&auml;ge f&uuml;r niedrigere Renten &ndash; Weniger f&uuml;r Mehr. (299)<\/p><p>Die Riester-Rente sei nicht mehr als die &bdquo;Melkkuh der privaten Versicherungswirtschaft&ldquo; (301). Bl&uuml;m attackiert die nackte Propaganda der Versicherungskonzerne und die Kumpanei von BILD und Allianz und die politische Korruption etwa von R&uuml;rup, Miegel, Raffelh&uuml;schen oder der INSM. Er erl&auml;utert auch, warum sich die gesetzliche Rentenversicherung nicht gegen die Angriffe der Privatversicherungen wehren k&ouml;nne: die Arbeitgebervertreter in deren Selbstverwaltung blockierten diese Selbstverteidigung.<br>\nMit der Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme und der dabei notwendig gewordenen staatlichen Grundsicherung, mendele sich der Sozialstaat zur &bdquo;Bed&uuml;rfnispr&uuml;fungsanstalt&ldquo;. Mit Hartz IV habe es angefangen, mit dem &bdquo;Gro&szlig;en Bruder Staat&ldquo; h&ouml;re es auf. (287) Der neue Sozialstaat sei der Nachfahre des alten Polizeistaates in der Maske des Wohlt&auml;ters. (288) <\/p><p>F&uuml;r Bl&uuml;m ist das Stellwerk der Sozialversicherung nicht nur eine Finanzierungsfrage sondern eine Wertfrage. Wenn sich soziale Sicherheit ums Kapital drehe, sei alle Aufmerksamkeit auf die Kapitelentwicklung gerichtet. Die Pflege der Gewinne stehe dann im Fokus dieser Art von Sozialstaat, weil die Gewinne auch seine Einnahmequelle seien. Wenn dagegen die Arbeit die Schl&uuml;sselkategorie des Sozialstaates sei, werde die Arbeit der Platzanweiser. Die Sorge um Lohn und Besch&auml;ftigung stehe dann im Mittelpunkt, denn die Rentenversicherung sei auf anst&auml;ndige L&ouml;hne angewiesen. (311)<\/p><p>An der Emphase seines Pl&auml;doyers f&uuml;r die gesetzlichen (genossenschaftlichen) solidarischen Sicherungssysteme und an der unerbittlichen Abrechnung mit deren Gegner, kann man heraussp&uuml;ren, wie sehr Norbert Bl&uuml;m darunter gelitten haben muss, dass er in den letzten Jahren nicht nur von den Medien, sondern auch von seiner eigenen Partei so gedem&uuml;tigt geworden ist. <\/p><p>So sehr ich Bl&uuml;ms Rettungsversuche f&uuml;r den Sozialstaats begr&uuml;&szlig;e und so weit ich auch mit seiner Utopie der &bdquo;partnerschaftlichen Umverteilung&ldquo; des neu Entstehenden sympathisiere, was er aus meiner Sicht weitgehend ausblendet, das ist die strukturelle Herrschaftsmacht, die durch die Konzentration des derzeit schon &bdquo;gebildete Eigentums&ldquo; (der Prim&auml;rverteilung) &ndash; also von den derzeit M&auml;chtigen in der Real- wie in der Finanzwirtschaft &ndash; auf die Politik, auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung und die Gesellschaft ausge&uuml;bt wird. Es erscheint mir v&ouml;llig unrealistisch, dass diejenigen Gruppen, die ihre derzeitige gesellschaftliche Stellung und Macht aus dem Besitz von Kapital und eben nicht aus dem Einsatz von Arbeit ableiten, sich der Umsetzung einer arbeitsorientierten Rationalit&auml;t beugen. Wer &uuml;ber die Dispositionsrechte von Kapital verf&uuml;gt, wird (und muss) den gesellschaftlichen Arbeitseinsatz in dem Rahmen zu halten versuchen, der durch die optimalen Verwertungsbedingungen des eingesetzten Kapitals vorgezeichnet ist.<br>\nDiesem &uuml;berm&auml;chtigen Propaganda- und Herrschaftsapparat des &bdquo;Gro&szlig;en Geldes&ldquo; gegen&uuml;ber bleibt Norbert Bl&uuml;m ein einsamer Rufer in der W&uuml;ste, der zur Umkehr mahnt. Das Buch ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Appell eines der letzten Vertreter der katholischen Soziallehre f&uuml;r eine von christlicher Moral gepr&auml;gte Gesellschaft und Wirtschaft. Norbert Bl&uuml;m ist damit einer der wenigen &uuml;brig gebliebenen wirklichen &bdquo;Christdemokraten&ldquo;. <\/p><p>Es w&auml;re viel gewonnen, wenn Bl&uuml;ms christlich-soziales Welt- und Menschenbild auch in seiner Partei, der CDU erkennbar w&auml;re, doch dort steht Bl&uuml;m so verloren da, wie bei seinem letzten innerparteilichen Kampf auf dem Leipziger Parteitag im Jahr 2003. <\/p><p>Norbert Bl&uuml;m hat mir sein Buch &bdquo;in treuer Verbundenheit f&uuml;r den Sozialstaat&ldquo; gewidmet. Dar&uuml;ber habe ich mich gefreut und in der Verteidigung des Sozialstaats sind wir uns mit all unserer Kraft verbunden. Angesichts seiner Pr&auml;gung aus dem katholischen Arbeitermilieu und seiner Orientierung an der katholischen Soziallehre, sehe ich ihm gerne nach, dass in seinem Buch die Impulse der Aufkl&auml;rung vom freien und m&uuml;ndigen B&uuml;rger und vor allem, die aus meiner Sicht, viel wirkungsm&auml;chtigeren Anst&ouml;&szlig;e des freiheitlichen und demokratischen Sozialismus f&uuml;r das Leitbild einer gerechten und solidarischen Gesellschaft und die K&auml;mpfe der Arbeiterbewegung daf&uuml;r ein wenig zu kurz kommen. Bei aller Sympathie f&uuml;r das christliche Menschenbild fehlt mir der aufkl&auml;rerische und das hei&szlig;t der emanzipatorische Impetus. <\/p><p>Bis auf die kompensatorische Rolle des Sozialstaats in der Marktwirtschaft, kommt in keinem einzigen Kapitel in Bl&uuml;ms Buch der demokratische Staat als solcher in seiner Funktion als Mitgestalter einer  sozial- und arbeitsorientierten Wirtschaftspolitik vor. An dem ungekl&auml;rten Verh&auml;ltnis zum demokratischen Staat wird das ewige Kreuz der katholischen Soziallehre erkennbar: Diese Lehre ist in einem Alternativradikalismus von freiem Markt oder zentralem Plan, also im polaren Denken von Marktradikalismus und Kommunismus gefangen. <\/p><p>Um Bl&uuml;ms Ideal der &bdquo;ehrlichen Arbeit&ldquo; in der Gesellschaft und vor allem im Wirtschaftsgeschehen Raum zu schaffen, bed&uuml;rfte es einer sozial geordneten Wirtschaft z.B. mit einer Gemeinwirtschaft in Konkurrenz zum kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb. Und in kapitalistischen Unternehmen m&uuml;sste es eine wirkliche Mitbestimmung der &bdquo;ehrlich&ldquo; Arbeitenden geben. Es bed&uuml;rfte einer Wirtschaftspolitik die &bdquo;ehrliche Arbeit&ldquo; und Arbeitspl&auml;tze f&uuml;r &bdquo;ehrliche Arbeit&ldquo; sichert und ausbaut. Es bed&uuml;rfte nicht nur einer Umverteilung des &bdquo;neu Entstehenden&ldquo; sondern einer Bek&auml;mpfung von real existierender Armut und Ungleichheit. Kurz: Es bed&uuml;rfte einer Politik auf der Basis eines gesellschaftlichen Leitbildes das &uuml;ber die kompensatorische (karitative) Flankierung der selbstregulierenden M&auml;rkte hinausgeht und diese bewusst einer demokratischen und sozialen Gestaltung unterordnet. Der konservative bismarcksche Sozialstaat, gepr&auml;gt von der christlichen Soziallehre, mit seinen korporatistischen und paternalistischen Strukturen, m&uuml;sste zum Wohlfahrtsstaat mit wirklichen sozialen B&uuml;rgerrechten und damit auch mit Rechten auf eine &bdquo;ehrliche Arbeit&ldquo; fortentwickelt werden.<\/p><p>Aber dabei h&auml;tte vermutlich Norbert Bl&uuml;m zu viel Angst vor zu viel Staat.<\/p><p><strong>Bibliografische Angaben:<\/strong><br>\nNorbert Bl&uuml;m, Ehrliche Arbeit &ndash; Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier; G&uuml;tersloher Verlagshaus, 2011; 318 Seiten; 19,99 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, Norbert Bl&uuml;m ist nicht so eitel, dass er eine Biografie geschrieben hat, wie es gestandene oder weniger gestandene Politiker &uuml;blicherweise tun, er hat mit seinem Buch &bdquo;Ehrliche Arbeit&ldquo; vielmehr ein biografisches Verm&auml;chtnis verfasst. Der 76-J&auml;hrige hat die M&uuml;hen und Widerst&auml;nde des Schreibens eines dicken Buches &uuml;berwunden und sich dabei selbst gefunden.<br \/> &bdquo;Widerst&auml;nde &uuml;berwinden und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9078\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,145,161],"tags":[628,284,785,527,317],"class_list":["post-9078","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-sozialstaat","category-wertedebatte","tag-bluem-norbert","tag-deregulierung","tag-finanztransaktionssteuer","tag-katholische-soziallehre","tag-mindestlohn"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9078","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9078"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9078\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9080,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9078\/revisions\/9080"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9078"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9078"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9078"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}