{"id":90852,"date":"2022-11-25T12:00:09","date_gmt":"2022-11-25T11:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90852"},"modified":"2022-11-25T12:46:45","modified_gmt":"2022-11-25T11:46:45","slug":"die-menschen-im-wertewesten-unter-der-knute-der-militaristen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90852","title":{"rendered":"Die Menschen im Wertewesten unter der Knute der Militaristen"},"content":{"rendered":"<p>Was f&auml;llt einem beim Anblick geradezu kriegerisch ausgestatteter Polizisten in St&auml;dten mitten in Europa f&uuml;r eine Frage ein? Warum machen die das? Antwort: Weil sie es k&ouml;nnen, weil sie es sollen, weil es eine Machtdemonstration darstellt. Polis hei&szlig;t eigentlich das Volk, Polizei steht bei derartig militantem Auftreten indes f&uuml;r etwas anderes, f&uuml;r das Volk agiert sie, meine ich, nicht. Die M&auml;chtigen in L&auml;ndern des Wertewestens wie beispielsweise Frankreich oder Deutschland, also die Befehlshaber der Polizei drehen weiter an der Eskalationsschraube. Das Milit&auml;rische bis tief in die Zivilgesellschaft hinein zu installieren, hat den Grund, den Status Quo &bdquo;Oben und Unten&ldquo; zu zementieren und berechtigten Widerstand gegen gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche Ungerechtigkeiten massiv einzud&auml;mmen. Friedliche Zeiten sehen anders aus. Ein Kommentar von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Daumenschrauben auf unserem Kontinent anzuziehen, nimmt Fahrt auf, dachte ich beim Lesen einer Information aus einem meiner Lieblingsl&auml;nder, dem sch&ouml;nen Frankreich. Dort wurde gerade ein neues Polizeigesetz durch das Parlament beschlossen. An und f&uuml;r sich sollte so ein Machwerk nicht die Stimmenmehrheit erhalten, denn die Macroniten, also die Gefolgsleute von Pr&auml;sident Macron, haben eigentlich keine Mehrheit. Macron hatte bei seiner knappen Wiederwahl auch gesagt, mit den oppositionellen Rechten nicht zusammenzuarbeiten. Doch das ist alles sch&ouml;ner Schnee von gestern. Gemeinsam im Verbund der Macroniten mit den Nationalkonservativen und den Ultrarechten (Le Pen) setzten sich all diese Militaristen und sich elit&auml;r W&auml;hnenden durch.<\/p><p>Das Polizeigesetz versch&auml;rft die Sanktionsm&ouml;glichkeiten gegen die B&uuml;rger bis hinein in deren Alltag, mutma&szlig;liche Ordnungswidrigkeiten zum Beispiel w&uuml;rden h&auml;rter geahndet, diese w&uuml;rden zunehmend &uuml;ber &bdquo;Geldbu&szlig;en&ldquo; geregelt. Das schmerzt vor allem die, deren Budget ohnehin klein ist. Angemessene Pr&uuml;fungen von Vorw&uuml;rfen vor Gericht seien hingegen nicht vorgesehen. Die Bestrafung m&uuml;sse schnell greifen, weg also mit dem l&auml;stigem juristischen Hin und Her und weg mit fairen Verfahren. Frankreichs Regierungen r&uuml;sten seit Jahren (auch) die Polizei auf, Ausr&uuml;stungen, Befugnisse, finanzielle Ausstattung inklusive. Man erinnere sich an eine schlimme Form der Bewaffnung der Polizei, die ber&uuml;chtigten Hartgummiwerfer LBD 40, ein Qualit&auml;tsprodukt aus der ach so gern neutral genannten Schweiz, deren Geschosse bei zahlreichen Demonstrationen zu schweren Verletzungen bei Demonstranten f&uuml;hr(t)en. Man bedenke, dass die Geschosse besonders gezielt abgefeuert werden, Augenverletzungen sind die h&auml;ufigsten Sch&auml;den.<\/p><p>Die Hintergr&uuml;nde des aggressiven Handelns der Regierenden in unserem Nachbarland habe ich bei einem Freund erfragt, Sebastian Chwala ist Frankreichkenner und Politologe. Er stellte unter anderem fest:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die f&uuml;nfte Republik begr&uuml;ndete von der ersten Minute an ihre Macht auf das Milit&auml;r, die Geheimdienste und den Repressionsapparat aus den beiden bewaffneten Gattungen &sbquo;Police&lsquo; (dem Innenminister unterstellt) und &sbquo;Gendarmerie&lsquo; (dem Verteidigungsminister unterstellt). Frankreich ist seit jeher ein Polizei-, Schn&uuml;ffel- und Repressionsstaat, mindestens schon seit Richelieus &sbquo;cabinet noir&lsquo;. Alle Pr&auml;sidenten von de Gaulle bis Macron haben ihre jeweilige Politik zur Not mit Schlagstock (Sarkozy), &sbquo;op&eacute;rations sp&eacute;ciales&lsquo; (Mitterrand), politischen Hinrichtungen (de Gaulle) und Zurschaustellung der &sbquo;force de dissuasion&lsquo; (Chirac) untermauert und abgesichert. Die Grande Nation hat eine etwas irritierende Faszination f&uuml;r Brutalit&auml;t.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Repressionsapparat wird also weiter ausgebaut und das mit enormen finanziellen Mitteln. Es gruselt einen schon, geht man im sch&ouml;nen Paris an den dunkelblau bis schwarz Uniformierten der Police oder der Gendarmerie vorbei, die sich voller Eitelkeit und Arroganz ihrer Wirkung durchaus bewusst sind. Ich frage mich stets, wen die da besch&uuml;tzen, sind sie doch unser aller Freund und Helfer. Oder bin ich da zu naiv? Nat&uuml;rlich bin ich nicht naiv, der Auftritt der Polizei tr&auml;gt die Botschaft: Wer nicht spurt, der hat die H&auml;rte der Gesetze der Obrigkeit, die Gewalt, die Anma&szlig;ung zu ertragen.<\/p><p>Auch in Deutschland sehen Polizisten zunehmend eher wie Krieger denn wie Helfer aus. In den vergangenen fast drei Jahren gab es passend zu den milit&auml;risch wirkenden Einsatzkr&auml;ften Wasserwerfer, Einsatzwagen, sogar Polizei-Panzer zu sehen und bei Eins&auml;tzen gegen Protestierende zu erleben. In meiner Heimatstadt fuhren bei einer Demonstration von Eltern mit ihren Kindern (!) gegen Schulschlie&szlig;ungen und Basta-Politik mehrere Hundertschaften der Ordnungskr&auml;fte auf. So viele Mannschaftswagen standen bis zu diesem Tag noch nie auf dem Postplatz, dem zentralen Platz im Zentrum meines Heimatortes. Es ist besch&auml;mend, dass statt gute, menschennahe Politik zu machen, auf den Protest gegen schlechte Politik mit derlei Aggressivit&auml;t und staatlicher Gewalt reagiert wird. Es ist aber eben so: Die Gesellschaft(en) besser zu machen, ist nicht vorgesehen.<\/p><p>Mindestens mutmachend ist es in Frankreich, dass die Menschen auf der Stra&szlig;e nicht gewillt sind, tatenlos der Militarisierung und weiteren Neoliberalisierung der Gesellschaft zuzusehen. Die Bewegung der Gelbwesten feiert gerade den vierten Jahrestag ihres Bestehens. Deren Aktivisten fordern einen Untersuchungsausschuss im Parlament, der sich mit den &Uuml;bergriffen und der Brutalit&auml;t der Polizei gegen die Demonstranten in den vergangenen Jahren besch&auml;ftigen soll. Bis heute seien T&auml;ter nicht zur Rechenschaft gezogen worden und eine Aufarbeitung dringend n&ouml;tig, lautet der Vorwurf.<\/p><p>Es bleibt viel zu tun und Widerstand zu leisten, Frankreich und weitere Staaten des Wertewestens r&uuml;sten auf, formulieren aggressive Strategien im In- und Ausland. W&ouml;rter wie Imperialismus und Kolonialismus fallen einem ein. Nirgends ist etwas von Frieden, Zusammenarbeit, Solidarit&auml;t, Koexistenz und so weiter zu lesen. Dabei sind wir doch die Guten, oder? W&auml;ren wir das, hierzulande und in der Nachbarschaft, w&uuml;rde die Polizei aber doch nicht auf-, sondern abger&uuml;stet werden, w&uuml;rden durch Parlamente soziale, progressive, optimistische und friedliche Gesetze beschlossen. Die kriegerische Realit&auml;t indes ist Gegenwart. Es n&uuml;tzt Leuten, den einfachen aber nicht.<\/p><p>W&auml;hrend ich &uuml;ber die Zeilen f&uuml;r diesen Kommentar nachdachte, fuhr ich auf der Autobahn im bayerischen Franken. Und f&uuml;hlte eine weitere Bedrohung, sie ist irgendwie typisch f&uuml;r unsere aus den Fugen geratene Zeit. Ich passierte mehrere zivile Transportfahrzeuge, auf denen milit&auml;rische standen: Panzer und Sch&uuml;tzenpanzer. Ich ahnte ihr Ziel. Im Autoradio liefen derweil bedrohliche Nachrichten: Waffenlieferungen gen Ukraine, Aufbau einer Friedenstruppe der NATO in Europa, t&uuml;rkische Bomben auf Syrien und Irak.<\/p><p>Was f&uuml;r eine friedliche Adventszeit, fiel mir nur noch mit bitterer Ironie ein.<\/p><p>Titelbild: Victor Joly \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f&auml;llt einem beim Anblick geradezu kriegerisch ausgestatteter Polizisten in St&auml;dten mitten in Europa f&uuml;r eine Frage ein? Warum machen die das? Antwort: Weil sie es k&ouml;nnen, weil sie es sollen, weil es eine Machtdemonstration darstellt. 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