{"id":90862,"date":"2022-11-25T13:03:40","date_gmt":"2022-11-25T12:03:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90862"},"modified":"2022-11-28T09:12:13","modified_gmt":"2022-11-28T08:12:13","slug":"nur-wenn-jetzt-die-loehne-steigen-kann-die-rezession-wieder-abgewendet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90862","title":{"rendered":"Nur wenn jetzt die L\u00f6hne steigen, kann die Rezession wieder abgewendet werden"},"content":{"rendered":"<p>Die Inflation ist aktuell so hoch wie seit 50 Jahren nicht mehr. Anders als damals k&ouml;nnen die Preissteigerungen jedoch nicht durch hohe Lohnzuw&auml;chse abgefedert werden. Der Volkswirtschaft droht ein Kaufkraftverlust historischen Ausma&szlig;es. Nun sind die Gewerkschaften gefragt. Sie sollten sich bei den kommenden Verhandlungsrunden nicht durch das &ouml;konomisch falsche, aber &uuml;beraus popul&auml;re M&auml;rchen von einer drohenden Lohn-Preis-Spirale ins Bockshorn jagen lassen. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale war vielmehr schon lange nicht mehr so gering wie heute und ohne deutliche Lohnsteigerungen wird die Volkswirtschaft die kommende Rezession nicht so schnell &uuml;berwinden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6924\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-90862-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=90862-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221125_Nur_wenn_jetzt_die_Loehne_steigen_kann_die_Rezession_wieder_abgewendet_werden_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es gibt zahlreiche Faktoren, die Einfluss auf Preissteigerungen haben. Die L&ouml;hne und Geh&auml;lter sind einer davon. Wenn &Ouml;konomen von einer Lohn-Preis-Spirale sprechen, geht es vornehmlich darum, dass &uuml;berzogene Lohnforderungen die Unternehmen zwingen, ihre Preise zu erh&ouml;hen, was wiederum von den Gewerkschaften als Grund f&uuml;r weitere &uuml;berzogene Lohnforderungen bei der n&auml;chsten Tarifrunde genutzt wird. So treiben die L&ouml;hne die Preise und die Preise die L&ouml;hne &ndash; eine Aufw&auml;rtsspirale, die zu Inflation f&uuml;hrt und die Volkswirtschaft in eine Krise treibt. So zumindest die neoliberale Theorie. Doch wie realistisch ist ein solches Szenario?<\/p><p>Die Zeiten, in denen die Gewerkschaften &uuml;berzogene Lohnforderungen gegen die Unternehmer durchsetzen konnten, sind &ndash; wenn es sie in der Bundesrepublik denn jemals gab &ndash; l&auml;ngst vorbei. Aus gewerkschaftlicher Sicht spricht man bei den Lohnforderungen vom Verteilungsspielraum. Der addiert sich aus dem Produktivit&auml;tszuwachs, den Preissteigerungen und einer Umverteilungskomponente, &uuml;ber die die Arbeitnehmerschaft an den Unternehmensgewinnen teilhaben soll. Von den 1990ern bis zur Finanzkrise 2008\/2009 lagen die Tarifabschl&uuml;sse durchg&auml;ngig unter diesem Verteilungsspielraum. In den 2010ern sah dies schon besser aus. Jedoch muss man dazu auch wissen, dass immer weniger Arbeitnehmer &uuml;berhaupt noch nach Tarifl&ouml;hnen bezahlt werden. Heute sind weniger als die H&auml;lfte aller Besch&auml;ftigten &uuml;ber Tarifvertr&auml;ge abgedeckt. <\/p><p>F&uuml;r das Jahr 2022 muss man mit einer Preissteigerung von rund acht Prozent und einer Produktivit&auml;tssteigerung von rund einem Prozent ausgehen. Selbst ohne Umverteilungskomponente m&uuml;ssten die Arbeitnehmer also nach obiger Rechnung mindestens neun Prozent mehr Lohn erhalten. Das ist jedoch reines Wunschdenken. F&uuml;r das laufende Jahr gehen die Gewerkschaften lediglich von einem Tariflohnzuwachs <a href=\"https:\/\/gegenblende.dgb.de\/++co++c525866a-5503-11ed-b18b-001a4a160123\">von durchschnittlich drei Prozent aus<\/a> &ndash; das entspricht einer Reallohnk&uuml;rzung von rund acht Prozent und liegt mindestens sechs Prozent unter dem Verteilungsspielraum. Von &uuml;berzogenen Lohnabschl&uuml;ssen kann also nicht einmal im Ansatz die Rede sein und Lohnsteigerungen, die sehr deutlich unter der allgemeinen Preissteigerung liegen, k&ouml;nnen per Definition nat&uuml;rlich auch keine Lohn-Preis-Spirale ausl&ouml;sen.<\/p><p>Das ist auch keine &Uuml;berraschung. Die aktuellen Preissteigerungen sind schlie&szlig;lich eindeutig von anderen Faktoren getrieben. An erster Stelle sind da die Energiepreissteigerungen zu nennen. Aber auch die immer noch gest&ouml;rten Lieferketten haben die Erzeugerpreise deutlich nach oben getrieben. Im August und September dieses Jahres lagen die Erzeugerpreise mit jeweils 45,8 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahresmonat auf einem historischen Rekordniveau. Die j&uuml;ngsten Daten aus dem Oktober weisen immer noch eine Steigerung von 34,5 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahresmonat aus. Wenn wir das mit den gerade einmal drei Prozent bei den Lohnsteigerungen vergleichen, wird klar, wie gering der Anteil der Lohnsteigerungen an den Preissteigerungen ist. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221525_loehne_01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/221525_loehne_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>War die Konjunktur im laufenden Jahr immer noch auf einem &ndash; wenn auch sehr kleinen &ndash; Wachstumskurs, gehen die aktuellen Prognosen f&uuml;r das kommende Jahr von einer Rezession aus. Das spielt den Gewerkschaften bei ihren Lohnforderungen auch nicht gerade in die Karten. Lohnsteigerungen &ndash; so die neoliberale Logik &ndash; w&uuml;rden den Abschwung verst&auml;rken. In schlechten Zeiten s&auml;&szlig;en Unternehmer und Arbeitnehmer in einem Boot und Lohnzur&uuml;ckhaltung sei eine Art solidarischer Akt. Doch dies ist ein grandioser Denkfehler, der typisch f&uuml;r die neoliberale Denke ist. <\/p><p>Zu dieser Denke geh&ouml;rt es halt, sich die Volkswirtschaft wie einen gro&szlig;en Betrieb vorzustellen. Dabei wird ignoriert, dass die Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen am Ende der Wertsch&ouml;pfungskette jedoch auch noch von jemandem gekauft werden m&uuml;ssen. Betrachtet man die aktuelle Situation nun nicht auf betriebswirtschaftlicher, sondern auf makro&ouml;konomischer Ebene, kommt man genau zum entgegengesetzten Ergebnis.<\/p><p>Die Preissteigerungen haben bereits jetzt dazu gef&uuml;hrt, dass auf breiter Fl&auml;che das verf&uuml;gbare Einkommen gesunken ist. Je st&auml;rker die Kaufkraft schrumpft, desto weniger setzen die Unternehmen ab. Zu geringe Lohnsteigerungen haben daher durchaus einen negativen konjunkturellen Effekt und hier ist in der Tat eine Spirale nach unten zu bef&uuml;rchten. Weil die konjunkturelle Lage so bescheiden ist, m&uuml;ssen die L&ouml;hne nach dieser Logik abermals sinken und durch den weiteren Nachfrager&uuml;ckgang verschlechtert sich die konjunkturelle Lage abermals. Eine prozyklische Abw&auml;rtsspirale, die in einer Wirtschaftskrise m&uuml;ndet.<\/p><p>Ganz anders sieht es aus, wenn die L&ouml;hne sich antizyklisch verhalten. Wenn die Arbeitnehmer keine gro&szlig;en Reallohneinbu&szlig;en hinnehmen m&uuml;ssen oder gar Reallohnsteigerungen umsetzen k&ouml;nnen, stabilisiert sich die Nachfrage auch bei h&ouml;heren &ndash; durch die steigenden Energiekosten getriebenen &ndash; Preisen.  So gesehen sitzen Unternehmen und Arbeitnehmer tats&auml;chlich in einem Boot. Die Arbeitnehmer sind schlie&szlig;lich nicht nur Kostenfaktoren, sondern die Endkunden der Produkte und Dienstleistungen der Unternehmen. Den Unternehmen kann es langfristig nicht besser gehen, wenn es den Arbeitnehmern schlechter geht. Daher ist es auch aus makro&ouml;konomischer Sicht im Interesse der Unternehmen, eine Abw&auml;rtsspirale durch Reallohnk&uuml;rzungen zu verhindern und stattdessen die Konjunktur durch Reallohnsteigerungen anzukurbeln; und dies vor allem in einer Situation, in der die Konjunktur durch einen externen Preisschock gef&auml;hrdet ist. <\/p><p>Sicher ist hierbei Fingerspitzengef&uuml;hl vonn&ouml;ten. Dem B&auml;cker, der durch die hohen Energiekosten in seiner Existenz gef&auml;hrdet ist, ist es kaum zuzumuten, in dieser Situation auch noch h&ouml;here L&ouml;hne zu zahlen. Aus makro&ouml;konomischer Sicht haben wir jedoch keine &bdquo;B&auml;cker&ouml;konomie&ldquo;. Branchen wie beispielsweise die Pharma-, die Automobil- oder die Elektroindustrie und der Maschinenbau haben jeweils einen Energiekostenanteil an der Bruttowertsch&ouml;pfung <a href=\"https:\/\/www.capital.de\/geld-versicherungen\/stagflation---der-tsunami-fuer-unternehmensgewinne-32874964.html\">von weniger als drei Prozent<\/a>. Unternehmen aus diesen und anderen Branchen &ndash; insbesondere die Dienstleistungen &ndash; verdienen zurzeit pr&auml;chtig. Die H&auml;lfte aller Dax-Konzerne <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/management\/dax-fuer-diese-15-dax-konzerne-wird-2022-trotz-aller-krisen-ein-rekordjahr\/28685678.html\">werden 2022 als Rekordjahr abschlie&szlig;en<\/a> &ndash; dies liegt zum Teil auch daran, dass sie ihre Preise ohne Not als Trittbrettfahrer der Inflation &uuml;ber Geb&uuml;hr erh&ouml;ht haben. Gesamtwirtschaftlich ist der Verteilungsspielraum f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne gegeben. Dies betrifft &uuml;brigens auch den Staat, der &uuml;ber die Steuern am meisten an den Preissteigerungen profitiert und seine Steuersch&auml;tzungen immer <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Web\/DE\/Themen\/Steuern\/Steuerschaetzungen_und_Steuereinnahmen\/steuerschaetzungen_einnahmen.html\">wieder nach oben korrigieren<\/a> kann. Es gibt also f&uuml;r die Gewerkschaften keinen Grund zur Zur&uuml;ckhaltung. Im Gegenteil. <\/p><p>Titelbild: Pair Srinrat\/shutterstock.com<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a1282177a6a74cae91ed920999489547\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Inflation ist aktuell so hoch wie seit 50 Jahren nicht mehr. Anders als damals k&ouml;nnen die Preissteigerungen jedoch nicht durch hohe Lohnzuw&auml;chse abgefedert werden. Der Volkswirtschaft droht ein Kaufkraftverlust historischen Ausma&szlig;es. Nun sind die Gewerkschaften gefragt. 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