{"id":9093,"date":"2011-04-15T09:05:27","date_gmt":"2011-04-15T07:05:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9093"},"modified":"2014-08-13T15:54:10","modified_gmt":"2014-08-13T13:54:10","slug":"bertelsmann-umfrage-der-glaube-an-die-soziale-marktwirtschaft-hat-kaum-noch-ein-fundament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9093","title":{"rendered":"Bertelsmann Umfrage: Der \u201eGlaube\u201c an die \u201eSoziale Marktwirtschaft\u201c hat kaum noch ein Fundament"},"content":{"rendered":"<p>Ein Beispiel daf&uuml;r, zu welch widerspr&uuml;chlichen Interpretationen Meinungsumfragen dienen k&ouml;nnen, ist eine von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene infas-Umfrage unter dem Titel &bdquo;Zukunft Soziale Marktwirtschaft&ldquo;.<br>\nBertelsmann sieht den Glauben an die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft gest&auml;rkt. Nimmt man die Umfragewerte im Einzelnen, kann Meinung der Befragten nur so bewertet werden, dass sie die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; zwar (nach wie vor) positiv bewerten, aber gleichzeitig der Meinung sind, dass das &bdquo;Soziale&ldquo; schon jetzt zu kurz kommt und in Zukunft noch mehr abhanden kommt. Das Vertrauen, dass die Politik diesen Trend aufh&auml;lt, schwindet mehr und mehr. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Das Umfrageinteresse von Bertelsmann, n&auml;mlich dass die Deutschen an die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; glauben, wird schon dadurch erkennbar, dass die Stiftung die Ver&ouml;ffentlichung dieser Umfrage mit der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-E117F7FA-5010CB81\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_106057.htm\">&bdquo;aufmacht&ldquo;: &bdquo;Deutsche glauben an die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft&ldquo;<\/a>. Um diese Interpretation zu unterstreichen, wird ein <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/bst\/de\/media\/xcms_bst_dms_33576_33577_2.jpg\">spezieller Link auf die entsprechende Balkengrafik gesetzt<\/a>. Danach stimmen 14 % der Befragten der &bdquo;Aussage zu, dass in Deutschland eine soziale Marktwirtschaft existiert&ldquo; &bdquo;voll und ganz&ldquo; und 57 % stimmen dieser Aussage &bdquo;eher&ldquo; (!) zu. Ein gefestigter &bdquo;Glaube&ldquo; sieht anders aus.<br>\nInsgesamt 30 % stimmen eher nicht oder &uuml;berhaupt nicht zu.  <\/p><p>Schaut man sich die <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/bst\/de\/media\/xcms_bst_dms_33574_33605_2.pdf\">infas-Umfrage [PDF &ndash; 462 KB]<\/a> im Einzelnen an, so entdeckt man eklatante Widerspr&uuml;che zu dieser positiven Glaubens-Einsch&auml;tzung. <\/p><p>Wird gefragt, was die B&uuml;rger von der &bdquo;Sozialen Marktwirtschaft&ldquo; erwarten, so steht an erster Stelle, dass alle die gleichen Bildungschancen haben. Danach kommt die Erwartung, dass wenig Leute arbeitslos sind, dass die Wirtschaft w&auml;chst, dass Unternehmen international wettbewerbsf&auml;hig sind, dass B&uuml;rger mit h&ouml;heren Einkommen auch h&ouml;here Steuern bezahlen etc. Am wenigsten wird erwartet, dass die B&uuml;rger nur niedrige Steuern und Sozialabgaben zahlen m&uuml;ssen. Dass sollten die Steuersenkungsparteien endlich einmal zur Kenntnis nehmen.<\/p><p>Vor dem Hintergrund einer insgesamt positiven Einsch&auml;tzung &uuml;ber das Bestehen einer &bdquo;Sozialen Marktwirtschaft&ldquo; f&auml;llt auf, dass gerade dort, wo die Befragten die h&ouml;chsten Erwartungen an diese Gesellschafts- und Wirtschaftsform haben, n&auml;mlich bei gleichen Bildungschancen und geringer Arbeitslosigkeit, ihre Erwartungen eher mittelm&auml;&szlig;ig (Bildung) bzw. wenig (Arbeitslosigkeit) erf&uuml;llt sehen. <\/p><p>L&auml;sst man einmal das Schuldenthema au&szlig;er vor &ndash; bei dem auf den B&uuml;rgern offenbar ein unausl&ouml;schliches Trauma lastet, das ja auch t&auml;glich durch Politik und Berichterstattung neu ausgel&ouml;st wird &ndash; so ist die Differenz zwischen Erwartung und Realit&auml;t bei der Arbeitslosigkeit, bei der Chancengleichheit und bei den Bildungschancen mit deutlichem Abstand am gr&ouml;&szlig;ten. <\/p><p>Nach dieser Umfrage sehen 96% der Befragten (voll und ganz + eher) die wichtigste Staatsaufgabe in der Finanzierung von Schulen und Hochschulen, 90 % meinen der Staat solle die B&uuml;rger bei seinen Entscheidungen st&auml;rker einbinden und 89% meinen, dass wer sein Leben lang gearbeitet habe, auch einen Anspruch darauf habe, dass der Staat den erreichten Lebensstandard sichert. <\/p><p>Ganz allgemein wird dem Staat von deutlich mehr als der H&auml;lfte der Befragten bei der Unterst&uuml;tzung Hilfsbed&uuml;rftiger, bei der Durchsetzung der Mitbestimmung von Arbeitnehmern (!), bei der Garantie von L&ouml;hnen, mit der der Lebensunterhalt bestritten werden kann, ein gro&szlig;es Gewicht beigemessen. 47 % messen dem Staat bei Fragen der sozialen Sicherheit eine &bdquo;sehr wichtige&ldquo; und weitere 46 % eine &bdquo;eher wichtige&ldquo; Rolle zu. Das sind also fast alle.<br>\nDie Bertelsmann-These von der Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates erf&auml;hrt also eine glatte Absage.<\/p><p>Dass bei der sozialen Sicherheit 61% (sehr wichtig) und weitere 31 % (eher wichtig) sich selbst in der Pflicht sehen, mag zun&auml;chst widerspr&uuml;chlich erscheinen, zeigt aber letztlich nur, dass sich die Befragten in punkto sozialer Sicherheit durchaus in der Mitverantwortung sehen.<br>\nDennoch sehen die Befragten zwischen der Erwartung an eine solche Selbstverantwortung des einzelnen und der eigenen Einsch&auml;tzung von deren Wahrnehmung dieser Verantwortung die gr&ouml;&szlig;te Diskrepanz zwischen dem Soll und dem Ist. Diese Abweichung l&auml;sst Spekulationen T&uuml;r und Tor offen. Die Anh&auml;nger der privaten Vorsorge d&uuml;rften daraus ableiten, dass der Einsicht in die Eigenverantwortung durch obligatorische private Versicherungen nachgeholfen werden m&uuml;sse. Man k&ouml;nnte genauso gut aber auch schlie&szlig;en, dass die Befragten gerne mehr Vorsorge betreiben wollten, wenn sie nur k&ouml;nnten. <\/p><p>F&uuml;r Gewerkschaften muss es entt&auml;uschend sein, dass ihr Engagement f&uuml;r die soziale Sicherheit eher gering eingestuft wird. <\/p><p>57% halten die aktuellen Leistungen der Rentenversicherung f&uuml;r geringer als das, was sie f&uuml;r richtig halten. 45% halten die Grundsicherung f&uuml;r Arbeitslose und 48% die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung f&uuml;r zu gering.<\/p><p>Keine allzu gro&szlig;en Hoffnungen setzen die Befragten darauf, dass sich die Situation auf den abgefragten Feldern in den kommenden 10 Jahren wesentlich verbessern wird. Auf keinem Feld gibt es auch nur ann&auml;hernd eine H&auml;lfte der Befragten, die eine optimistische Einsch&auml;tzung h&auml;tte. Hingegen sind 49% der Meinung, dass sie h&ouml;here Steuern bezahlen m&uuml;ssen, 29%  glauben sogar, dass sie sehr viel h&ouml;here Steuern belasten werden. Addiert gehen also insgesamt 78 % von h&ouml;heren Steuern aus. <\/p><p>Was geradezu auf eine Resignation im Hinblick auf die soziale Ausgleichsfunktion einer &bdquo;Sozialen Marktwirtschaft&ldquo; hinweist, ist das Ergebnis, dass insgesamt 61% der Befragten davon ausgehen, dass die Einkommensunterschiede gr&ouml;&szlig;er bzw. sehr viel gr&ouml;&szlig;er sein werden. Und &uuml;ber die H&auml;lfte ist der Meinung, dass der soziale Zusammenhalt abnimmt. 42% meinen, dass die individuellen Aufstiegschancen (noch) schlechter werden.  <\/p><p>Jeweils eine Mehrheit sch&auml;tzt, dass die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung, der Kranken- und der Pflegeversicherung &bdquo;etwas&ldquo; bzw. &bdquo;sehr viel niedriger&ldquo; sein werden. Am gr&ouml;&szlig;ten ist die Sorge bei der Rente. <\/p><p>Erschrecken m&uuml;sste die Politik &uuml;ber das geringe Vertrauen, das sie auf den unterschiedlichen politischen Ebenen genie&szlig;t. Das gr&ouml;&szlig;te Vertrauen wird noch der Kommunal-  und der Landespolitik mit allerdings nur zwischen 36% und 32% zu teil. Nur noch 26% haben in die Bundespolitik sehr gro&szlig;es und eher gro&szlig;es Vertrauen, beim drei Vierteln ist das Vertrauen eher gering oder sehr gering. Nur eine kleine Minderheit vertraut noch auf die Politik der EU.<\/p><p>Gerade mal die H&auml;lfte traut etwa der Bundespolitik noch zu, dass sie einen wichtigen Beitrag f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit von Deutschland leistet. Noch schlimmer f&auml;llt das Urteil aus, wenn die Abweichung zwischen dem grunds&auml;tzlichen Vertrauen und der Hoffnung auf einen wichtigen Zukunftsbeitrag vergleicht. Diese Diskrepanz ist bez&uuml;glich der Bundespolitik mit am gr&ouml;&szlig;ten. 3% vertrauen darauf gar nicht, bei 24% ist das Vertrauen sehr gering bzw. &uuml;berhaupt nicht da und bei 46% eher gering. <\/p><p>Wenig ausgepr&auml;gt ist auch das Vertrauen in die Gewerkschaften &ndash; mit immerhin noch 41%. Dagegen schneiden die Verb&auml;nde der Arbeitgeber mit 31% deutlich schlechter ab. Nicht einmal jeder Vierte hat Vertrauen in die international t&auml;tigen Gro&szlig;unternehmen.  <\/p><p>Den gr&ouml;&szlig;ten Beitrag f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit erhoffen sich die Befragten von Schulen, Hochschulen, Forschungsinstituten und kleinen und mittleren Unternehmen. Auch auf die Initiativen von B&uuml;rgern setzt noch mehr als die H&auml;lfte Hoffnungen. Am wenigsten wird von Arbeitgeberverb&auml;nden und Gewerkschaften erhofft. <\/p><p>Ist es Galgenhumor oder schon l&auml;cherliche wirkende Sch&ouml;nrederei, wenn der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, Dr. Gunter Thielen, <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-E117F7FA-5010CB81\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_106057.htm\">das Umfrageergebnis damit kommentiert<\/a>: &ldquo;Die B&uuml;rger in Deutschland haben eine sehr realistische Sicht auf die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.&rdquo;<\/p><p>&bdquo;Realistisch&ldquo; kann die Studie doch eigentlich nur so bewertet werden, dass die Befragten, zwar die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; zwar (nach wie vor noch) positiv bewerten, aber gleichzeitig der Meinung sind, dass das &bdquo;Soziale&ldquo; schon jetzt zu kurz kommt und in Zukunft noch mehr abhanden kommen wird. <\/p><p>Der erschreckende Vertrauensverlust der Politik wird von der Bertelsmann Stiftung vorsichtshalber nicht erw&auml;hnt. Kein Wunder, wenn man im Glashaus sitzt. Man m&uuml;sste ja Steine werfen auf diejenigen, die die Mission dieser Stiftung flei&szlig;ig erf&uuml;llen und die &bdquo;Soziale Marktwirtschaft&ldquo; systematisch aush&ouml;hlen, so dass zum Schluss nur noch eine Marktgesellschaft &ndash; oder bildlich &ndash; eine Ellbogengesellschaft &uuml;brig bleibt.<\/p><p>Der Appell von Gunter Thielen, die Bildungschancen zu verbessern, kann dar&uuml;ber nicht hinwegt&auml;uschen, denn Chancengerechtigkeit hei&szlig;t f&uuml;r die Bertelsmann Stiftung nur die individuelle Wettbewerbsf&auml;higkeit zu erh&ouml;hen, um damit gleichzeitig soziale Ungleichheit und weiteren Sozialabbau zu legitimieren. F&uuml;r Bertelsmann hei&szlig;t doch Chancengerechtigkeit, dass jeder seines Gl&uuml;ckes Schmied sein k&ouml;nnen soll. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beispiel daf&uuml;r, zu welch widerspr&uuml;chlichen Interpretationen Meinungsumfragen dienen k&ouml;nnen, ist eine von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene infas-Umfrage unter dem Titel &bdquo;Zukunft Soziale Marktwirtschaft&ldquo;.<br \/> Bertelsmann sieht den Glauben an die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft gest&auml;rkt. Nimmt man die Umfragewerte im Einzelnen, kann Meinung der Befragten nur so bewertet werden, dass sie die &bdquo;Soziale<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9093\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,122,129],"tags":[232,409,413,528,291],"class_list":["post-9093","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-demoskopieumfragen","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","tag-bertelsmann","tag-bildungschancen","tag-schlanker-staat","tag-soziale-marktwirtschaft","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9093","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9093"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9093\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9096,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9093\/revisions\/9096"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}