{"id":91000,"date":"2022-11-30T10:00:11","date_gmt":"2022-11-30T09:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91000"},"modified":"2022-11-30T13:37:22","modified_gmt":"2022-11-30T12:37:22","slug":"ein-anregendes-buch-das-neueste-von-oskar-lafontaine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91000","title":{"rendered":"Ein anregendes Buch \u2013 das Neueste von Oskar Lafontaine"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel des neuen Buches von Oskar Lafontaine markiert die sicherheitspolitische Zielsetzung dieses &auml;lter gewordenen, aber immer noch einzigartig wachen Politikers: &bdquo;Ami, it&rsquo;s time to go!&ldquo; Und weiter im Untertitel: &bdquo;Pl&auml;doyer f&uuml;r die Selbstbehauptung Europas&ldquo;. Lafontaine redet nicht um den Brei herum. Es ist h&ouml;chste Zeit f&uuml;r eine breite Debatte seiner Forderung. Von 1945, als uns im Westen die GIs befreiten, bis heute sind 77 (!) Jahre vergangen. Ich habe ihre Panzer in unseren Dorfstra&szlig;en und ihre Sattelschlepper, gef&uuml;llt mit Kriegsgefangenen hinter hohen Bretterw&auml;nden, noch in Erinnerung. Vieles war gut an dieser Befreiung. Aber 77 Jahre reichen, zumal mit der weiteren Pr&auml;senz unser politischer Spielraum &uuml;ber das ertr&auml;gliche Ma&szlig; hinaus eingeschr&auml;nkt wird und die Kriegsgefahr w&auml;chst. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4682\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91000-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91000-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221130-Lafontaine-Ami-its-time-to-go-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das gerade im Westend Verlag erschienene Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist &uuml;berschrieben mit: &bdquo;Kein Nuklearkrieg in Europa! Wir m&uuml;ssen uns aus der Vormundschaft der USA befreien&ldquo;. &bdquo;Gedanken zum Krieg&ldquo; lautet die &Uuml;berschrift des zweiten Teils. In diesem Text erfahren wir von der pers&ouml;nlichen Betroffenheit des Autors. Sein Onkel, dessen Vornamen Oskar Lafontaine tr&auml;gt, ist 1941, also zwei Jahre vor Oskars Geburt, im Russlandfeldzug 200 km vor Moskau gefallen. Sein Vater ist im April 1945, also kurz vor Kriegsende, von einem US-Soldaten erschossen worden. <\/p><p>Der Autor beschreibt die Gefahr des Krieges &ndash; m&ouml;glicherweise eines Nuklearkrieges &ndash; begrenzt auf Europa und haupts&auml;chlich auf Mitteleuropa und dabei wiederum speziell gezielt auf die milit&auml;rischen Basen der USA in Deutschland. Das ist keine besonders &uuml;berraschende Analyse. Aber wer von den Offiziellen in der Politik und in den Medien analysiert unsere Lage &auml;hnlich ehrlich und ohne R&uuml;cksicht auf die aufgestellten Tabus? Von der NATO und ihrem Generalsekret&auml;r habe ich diese notwendigen Hinweise auf unsere konkrete Bedrohung noch nie gesehen oder geh&ouml;rt, von amtierenden und vergangenen Bundeskanzlern auch nicht, von bisherigen Verteidigungsministerinnen und -ministern nicht, von der amtierenden Au&szlig;enministerin sowieso nicht. Sie verschweigen uns in der Regel die besondere Bedrohung Deutschlands.<\/p><p>Oskar Lafontaine beschreibt unsere sicherheitspolitische Lage. Anders als die &uuml;berwiegende Mehrheit der sonstigen Zeitgenossen, die sich mit Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik besch&auml;ftigen, sieht er aus den zuvor genannten Gr&uuml;nden die Notwendigkeit, sich aus der Umklammerung durch die USA zu befreien. Denn ihre Pr&auml;senz in Europa und speziell in Deutschland wird f&uuml;r uns zunehmend zu einer Gefahr und nicht zum Anker unserer Sicherheit. <\/p><p>An vielen Stellen des Buches wird klar: Das Bild des Autors von den Vereinigten Staaten von Amerika und ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten ist ziemlich anders als das Bild, das von der deutschen amtierenden Politik und den lauten, etablierten Medien verbreitet wird. Hierzulande wird unentwegt verbreitet, die USA seien eine Demokratie. Lafontaine nennt sie &ndash; mit Berufung auf Jimmy Carter &ndash; eine korrupte Oligarchie. Lafontaine erinnert daran, dass US-Pr&auml;sident Biden &uuml;ber seinen Sohn Hunter in die korrupten Gesch&auml;fte der ukrainischen Oligarchie verwickelt ist. Er verweist darauf, dass die Waffenindustrie der USA die Mehrheit des Senats und des Kongresses kontrolliert. Er beschreibt und belegt, dass die USA keine Friedensmacht sind. Sie f&uuml;hren am laufenden Band Kriege. 251 milit&auml;rische Interventionen der USA z&auml;hlen wir seit 1991. Lafontaine schreibt: W&auml;re der Hegemon (die USA) eine Friedensmacht, dann w&auml;re es v&ouml;llig einleuchtend, sich mit ihm zu verb&uuml;nden. Er ist es aber nicht.<\/p><p>&Uuml;ber alle diese Ungeheuerlichkeiten im Kontext der USA sei bis vor wenigen Jahren noch geschrieben worden. Heute seien sie aus der medialen Berichterstattung weitestgehend verschwunden. Das ist eine wichtige und alarmierende Botschaft des Buches.<\/p><p>Bei der auch nach meiner Meinung realistischen Sicht und Beschreibung der USA und ihrer Politik ist es nicht verwunderlich, dass der Autor von AMI, IT&rsquo;S TIME TO GO den USA keine Tr&auml;ne nachweinen w&uuml;rde. F&uuml;r die Mehrheit der deutschen Meinungsf&uuml;hrer gilt dies nicht. Sie sind in vielf&auml;ltiger Weise mit den USA verbunden. Weil die USA m&auml;chtig sind, weil sie die ver&ouml;ffentlichte Meinung und die &ouml;ffentliche Meinung in Deutschland ma&szlig;geblich bestimmen, wird Lafontaines Pl&auml;doyer f&uuml;r die Selbstbehauptung Europas wenig Beifall finden und stattdessen auf Widerstand sto&szlig;en oder einfach totgeschwiegen. Ein Grund mehr daf&uuml;r, Lafontaines Botschaft weiterzugeben und sie auch mit der neu erschienenen Schrift weiterzutransportieren.<\/p><p>Lafontaine wirft den heute in Deutschland Verantwortlichen von der SPD bis zu den Gr&uuml;nen vor, sie h&auml;tten aus der deutschen Geschichte nichts gelernt. Die beispiellose Aufr&uuml;stung, die Lieferung von Waffen in Kriegsgebiete und die Bef&uuml;rwortung von Krieg als Mittel der Politik bedeute nichts anderes als die K&uuml;ndigung der erfolgreichsten Au&szlig;enpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, n&auml;mlich der Brandt&rsquo;schen Entspannungspolitik.<\/p><p>Der notwendige Abzug der USA aus Europa bedeutet nach Meinung des Autors nicht, dass es um unsere Sicherheit geschehen sei. Europa m&uuml;sse und k&ouml;nne seine Sicherheit selbst besorgen. Oskar Lafontaine betrachtet die Zusammenarbeit von Frankreich und Deutschland als eine wichtige, auch verteidigungspolitisch wichtige Grundlage. Lafontaine ist ein verkappter Gaullist &ndash; dies nebenbei. Es gibt schlimmere Vergehen.<\/p><p>Der Verweis auf Frankreich und Deutschland beim Thema Sicherheit hat sachliche Gr&uuml;nde. Sie sind die beiden L&auml;nder Europas mit den gr&ouml;&szlig;ten milit&auml;rischen Potentialen. Beide zusammen geben mehr f&uuml;r R&uuml;stung aus als das gro&szlig;e Russland. Frankreich verf&uuml;gt &uuml;ber nuklear ausger&uuml;stete U-Boote. <\/p><p>Ich konnte diesen Gedanken, die Oskar Lafontaine auch im pers&ouml;nlichen Gespr&auml;ch &auml;u&szlig;erte, nicht vorbehaltlos folgen. Eigentlich, so dachte ich, sollte Europa den Versuch machen, seine Sicherheit durch Verst&auml;ndigung und durch Sicherheitspartnerschaft zu erreichen. Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein &ndash; dieser Gedanke w&auml;re die richtige Vorgabe f&uuml;r die Sicherheitspolitik Europas.<\/p><p>Die Selbstbehauptung Europas wird schwierig, weil das gemeinsame Handeln der europ&auml;ischen V&ouml;lker und Nationen schwierig wird und schon schwierig ist. Wir m&uuml;ssen n&auml;mlich feststellen, dass die USA und die mit ihnen verbundene NATO daf&uuml;r gesorgt haben, dass eine von den USA unabh&auml;ngige Selbstbehauptung letztlich schwer zu erreichen sein wird. Der Hintergrund ist einfach der, dass die USA &uuml;berall ihre Finger im Spiel haben &ndash; auch bei uns &uuml;ber eine F&uuml;lle von Einflusspersonen in Politik und Medien. Das ist ja kein Geheimnis. Es ist bekannt, dass einzelne Journalisten und Medienmacher mit US-amerikanischen und atlantischen Einrichtungen eng verbunden sind. Und es ist bekannt und wird jeden Tag sichtbar, dass einzelne wichtige Politiker und Politikerinnen mit den USA nahezu unverbr&uuml;chlich sympathisieren. Das gilt zum Beispiel f&uuml;r die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, die FDP-Abgeordnete Strack-Zimmermann. Es gilt f&uuml;r unsere Au&szlig;enministerin, die Teil des Young Leaders Programms ist. Wie will man mit diesen Personen die Selbstbehauptung Europas erreichen und aufbauen?<\/p><p>Vorsitzender der gr&ouml;&szlig;ten Oppositionspartei ist Friedrich Merz. Er ist und er war mit den USA auf vielf&auml;ltige Weise verbunden. Zuletzt Aufsichtsratsvorsitzender des Europa-Ablegers des gro&szlig;en US-amerikanischen Kapitalsammlers BlackRock. Wie will man mit Friedrich Merz die Selbstbehauptung Europas hinkriegen? <\/p><p>Vorsitzender der SPD ist der aus dem milit&auml;risch gepr&auml;gten Munster in Niedersachsen stammende Lars Klingbeil. Wie wollen wir mit Lars Klingbeil f&uuml;r die Selbstbehauptung Europas arbeiten?<\/p><p>Oskar Lafontaine kennt seine fr&uuml;heren Parteifreunde in der Linkspartei. Sind diese noch potentielle Partner einer von den USA unabh&auml;ngigen Selbstbehauptung Europas?<\/p><p>Das alles sind keine Argumente gegen die Grundlinie und Grundforderung des Autors Oskar Lafontaine. Es sind Beobachtungen, die zeigen, wie schwierig die Operation ist. Dass alle diese Fragen bei der Lekt&uuml;re des Buches aufgekommen sind, zeigt, wie wichtig diese Schrift ist. Lafontaine will nicht sagen, dass die Basis einer europ&auml;ischen Sicherheitspolitik schon vorhanden ist. Er will uns sagen, dass wir daran arbeiten m&uuml;ssen. Auch wenn es schwierig ist: wir m&uuml;ssen anfangen, an den Fundamenten der Selbstbehauptung Europas zu bauen. Wir m&uuml;ssen damit anfangen, die Barrieren und Hindernisse auf dem Weg zu diesem eigenst&auml;ndigen Europa aus dem Weg zu r&auml;umen.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen dar&uuml;berhinausgehend daran arbeiten und pr&uuml;fen, ob es das selbstlose und sich selbst behauptende Europa auch ohne ein entsprechendes milit&auml;risches Gewicht g&auml;be. Die friedenspolitische Waffe des fr&uuml;heren Ministerpr&auml;sidenten von Schweden, Olof Palme, waren weder Panzer noch Divisionen noch atombest&uuml;ckte und atomgetriebene Unterseeboote. Die Basis der Entspannungs- und Friedenspolitik Willy Brandts war zwar auch ein St&uuml;ck eigenst&auml;ndiger milit&auml;rischer Potenz. Aber das war eigentlich nicht entscheidend. Entscheidend war die Aussage: Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein. Und die daraus folgende Praxis im Umgang mit anderen V&ouml;lkern.<\/p><p>Wenn man schon sagt: It&rsquo;s time to go, liebe Amis, dann darf man wohl zumindest austesten, ob eine fundamentale friedenspolitische Position nicht sogar das bessere R&uuml;stzeug f&uuml;r das Vorhaben &bdquo;Selbstbehauptung Europas&ldquo; darstellt.<\/p><p>Lauter Fragen, die sich bei der Lekt&uuml;re von Oskar Lafontaines Buch einstellen. Anl&auml;sse zum Nachdenken. <\/p><p>Mit diesen auf der Basis der Lekt&uuml;re von Lafontaines Buch weitergef&uuml;hrten Gedanken will ich das Denken &uuml;ber seine Forderungen nicht erschweren, zumal ich davon &uuml;berzeugt bin, dass seine zentrale Forderung bei der Mehrheit unseres Volkes Zustimmung findet. Es gibt in Deutschland eine latente Mehrheit f&uuml;r &bdquo;Amis, es ist Zeit, nach Hause zu gehen&ldquo;.<\/p><p>Bibliografische Angaben: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/club-der-klaren-worte\/langemanns-buchempfehlungen\/ami-it-s-time-to-go.html\">&bdquo;Ami, it&rsquo;s time to go!&ldquo;<\/a>, Westend Verlag Frankfurt, 2022, 62 Seiten, 12 &euro;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des neuen Buches von Oskar Lafontaine markiert die sicherheitspolitische Zielsetzung dieses &auml;lter gewordenen, aber immer noch einzigartig wachen Politikers: &bdquo;Ami, it&rsquo;s time to go!&ldquo; Und weiter im Untertitel: &bdquo;Pl&auml;doyer f&uuml;r die Selbstbehauptung Europas&ldquo;. Lafontaine redet nicht um den Brei herum. Es ist h&ouml;chste Zeit f&uuml;r eine breite Debatte seiner Forderung. 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