{"id":91010,"date":"2022-11-30T11:00:46","date_gmt":"2022-11-30T10:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91010"},"modified":"2022-11-30T16:46:53","modified_gmt":"2022-11-30T15:46:53","slug":"russlands-krieg-im-spiegel-von-westlichem-voelkerrechtsnihilismus-und-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91010","title":{"rendered":"Russlands Krieg im Spiegel von westlichem V\u00f6lkerrechtsnihilismus und Propaganda"},"content":{"rendered":"<p>Der seit 2014 laufende verdeckte Krieg zwischen Russland und der Ukraine nahm am 24. Februar 2022 eine neue, offen kriegerische Qualit&auml;t an. Der Angriffskrieg wird nach russischer Sprachregelung nicht als Krieg, sondern als &bdquo;Spezialoperation&ldquo; bezeichnet, obschon er alle Merkmale eines Krieges aufweist. Mit der Vermeidung des Begriffs &bdquo;Krieg&ldquo; soll der Vorwurf des Bruchs des in der UN-Charta kodifizierten zwingenden Gewaltverbotes, der mit dem Begriff Krieg unmittelbar assoziiert wird, entkr&auml;ftet werden. Ganz nach dem Motto: Da wir das nicht Krieg nennen, ist es kein Krieg und somit stellt das Vorgehen auch keinen V&ouml;lkerrechtsbruch dar. Mit der Orwell&rsquo;schen Umbenennung &uuml;bernimmt die russische F&uuml;hrung eine Gepflogenheit westlicher Kriegspropaganda. Von Dr. <strong>Alexander S. Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91010-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91010-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221130_Russlands_Krieg_im_Spiegel_von_westlichem_Voelkerrechtsnihilismus_und_Propaganda_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer erinnert sich nicht an das jahrelange &bdquo;Brunnenbohren der Bundeswehr&ldquo; in Afghanistan, bei dem 59 Soldaten und noch viel mehr Afghanen ihr Leben verloren. Bis 2009 der deutsche Michel angesichts der Bombardierung von zwei Tanklastwagen, veranlasst auf Weisung des damals deutschen Oberst Klein, mit &uuml;ber 100 get&ouml;teten Zivilisten aus seinem wohlverdienten humanistischen Tiefschlaf gerissen wurde. Es war der damalige Verteidigungsminister und bis dahin verkannte Plagiatsexperte KT zu Guttenberg, der kurz darauf erstmals den Begriff &bdquo;Krieg&ldquo; &ouml;ffentlich benutzte. Nicht minder verharmlosend die Bezeichnung des v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieges der US-gef&uuml;hrten NATO gegen Rest-Jugoslawien 1999. Auch dieser wurde nicht Krieg genannt, sondern euphemistisch als &bdquo;Air Campaign&ldquo; bezeichnet.<\/p><p>Mit folgenden Worten stimmte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der die Bev&ouml;lkerung in Deutschland auf den &bdquo;altruistischen&ldquo; und somit im westlichen Selbstverst&auml;ndnis v&ouml;lkerrechtlich unproblematischen Krieg ein, ohne den Krieg beim Namen zu nennen, ja geradezu zu negieren: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Liebe Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger, <\/p>\n<p>heute Abend hat die NATO mit Luftschl&auml;gen gegen milit&auml;rische Ziele in Jugoslawien begonnen. (&hellip;). Wir f&uuml;hren keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche L&ouml;sung im Kosovo auch mit milit&auml;rischen Mitteln durchzusetzen. Die Milit&auml;raktion richtet sich nicht gegen das serbische Volk. (&hellip;). Die Bundesregierung hat sich ihre Entscheidung nicht leichtgemacht, schlie&szlig;lich stehen zum ersten Mal (sic!) nach Ende des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten im Kampfeinsatz.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Formulierung des letzten Satzes nach war der 2. Weltkrieg wohl auch nur ein Kampfeinsatz &hellip;<\/p><p>Zumindest hatte G. Schr&ouml;der im Kontext der verfassungswidrigen Sezession der Krim und der v&ouml;lkerrechtswidrigen Integration derselben in die Russische F&ouml;deration 2014 die vom Westen so gerne praktizierten Doppelstandards offengelegt, indem er eingestand, dieser NATO-Angriffskrieg sei ebenfalls v&ouml;lkerrechtswidrig gewesen: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Da haben wir unsere Flugzeuge nach Serbien geschickt, und die haben zusammen mit der NATO einen souver&auml;nen Staat gebombt &ndash; ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben h&auml;tte.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses ungew&ouml;hnliche, aber erfrischende Eingest&auml;ndnis des Bundeskanzlers a.D. sorgte im politischen und medialen Berlin f&uuml;r Verschnupfung &ndash; schien doch das bisherige, mit viel propagandistischer M&uuml;he gepflegte Narrativ von einer blo&szlig;en &bdquo;Air Campaign&ldquo;, die irgendwie doch v&ouml;lkerrechtlich gedeckt sei, gesichert. Die &bdquo;wissenschaftliche&ldquo; Sch&uuml;tzenhilfe f&uuml;r dieses Narrativkonstrukt leisteten seinerseits jene, die es eigentlich besser wussten und sich dennoch willig in den Dienst der Bundesregierung und der NATO stellten, womit sie ihrer Zunft keinen Gefallen taten: Die &bdquo;V&ouml;lkerrechtler&ldquo;, sie bem&uuml;hten sich mit erstaunlicher Phantasie, den NATO-Angriffskrieg doch als v&ouml;lkerrechtskonform zu interpretieren, w&auml;hrend diese &bdquo;V&ouml;lkerrechtler&ldquo; beim gegenw&auml;rtigen russischen Angriffskrieg wiederum keine Verst&auml;ndnisprobleme haben, die Buchstaben und den Geist der UN-Charta zu verstehen. Die NATO-Kriegspropaganda zeigte sich sehr kreativ, ihren Krieg gegen Jugoslawien in seinen Facetten zu verharmlosen. So wurden die menschlichen Opfer als &bdquo;Kollateralsch&auml;den&rdquo; final verdinglicht bzw. entmenschlicht und die Bombardierung der zivilen Infrastruktur &ndash; inklusive Krankenh&auml;user, Z&uuml;ge, Elektrizit&auml;tswerke etc. &ndash; als &bdquo;legitimes&ldquo; milit&auml;risches Ziel kategorisiert. Bruch des Humanit&auml;ren V&ouml;lkerrechts? Fehlanzeige. <\/p><p>Wie sehr die US-gef&uuml;hrte NATO die restjugoslawische zivile Infrastruktur als Objekt der Vernichtung im Blick hatte, wurde nicht zuletzt durch die &Auml;u&szlig;erungen ihres Chefpropagandisten f&uuml;r die heimischen Wohnzimmer, Jamie Shea, deutlich. Dieser sprach auch schon mal im &uuml;bereifrigen Redefluss davon, Jugoslawien in &bdquo;die Steinzeit zur&uuml;ckzubomben&ldquo;. CNN und die New York Times wussten zu berichten, mit der massiven Zerst&ouml;rung jugoslawischer Infrastruktur, inklusive der Stromversorgung, sollte die Unzufriedenheit in der Bev&ouml;lkerung gesch&uuml;rt und damit &bdquo;ermuntert&ldquo; werden, gegen die jugoslawische Regierung aufzubegehren. <\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/NATO?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#NATO<\/a>-Sprecher Jamie Shea (1999) auf die Frage, wieso die NATO den Zugang zu Elektrizit&auml;t &amp; Wasser f&uuml;r 70% der &#127479;&#127480;Bev&ouml;lkerung zerst&ouml;rt: \"Wenn Milosevic wirklich will, dass seine Bev&ouml;lkerung mit Wasser &amp; Strom versorgt wird, dann muss er nur die 5 Bedingungen der NATO akzeptieren.\" <a href=\"https:\/\/t.co\/PEeksn4bcJ\">pic.twitter.com\/PEeksn4bcJ<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Florian Warweg (@FWarweg) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FWarweg\/status\/1597213614422695936?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 28, 2022<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Nur mal so zur Erinnerung, wenn wir uns heute &uuml;ber die rechtswidrigen Angriffe Russlands auch auf die ukrainische Infrastruktur emp&ouml;ren. Leider kann ich mich nicht an eine mediale oder gesellschaftliche Emp&ouml;rung in Deutschland oder anderen europ&auml;ischen NATO-Staaten erinnern. Kein &bdquo;stand with Yugoslavia&ldquo; oder das Zeigen der jugoslawischen Flagge in den Fenstern der Gutmenschen war zu vernehmen &ndash; im Gegenteil. Es gab international auch keine Sanktionsforderungen gegen die NATO-Mitgliedsstaaten oder Forderungen nach Ausschluss aus internationalen Regierungsorganisationen, wie dem Europarat, der OSZE oder der UNO, womit Russland derzeit konfrontiert wird. Auch der v&ouml;lkerrechtswidrige Angriffskrieg der sogenannten &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; unter F&uuml;hrung der USA gegen den Irak 2003 ist nach westlicher Lesart bis heute kein V&ouml;lkerrechtsbruch. Die Bunderegierungen, beginnend mit rot-gr&uuml;n, haben diesen Angriffskrieg bis heute nicht als v&ouml;lkerrechtswidrig erkl&auml;rt. Es wird rumgeeiert bis zur L&auml;cherlichkeit. <\/p><p>Nicht anders die unter dem Vorwand der Selbstverteidigung wiederkehrenden Angriffe des NATO-Mitgliedsstaates T&uuml;rkei auf syrisches Staatsgebiet gegen die von den USA unterst&uuml;tzten kurdischen YPG-Milizen und gegen den erkl&auml;rten Willen der syrischen Regierung. Hinzu kommen die direkt gegen den syrischen Staat bzw. syrische Souver&auml;nit&auml;t und Hoheitsgewalt gerichtete dauerhafte Okkupation syrischen Staatsgebietes im Norden und Westen des Landes bis hin zur offenen und massiven Unterst&uuml;tzung islamistischer Terrororganisationen (insbesondere in der Provinz Idlib). All diese Rechtsbr&uuml;che werden bis heute von den Bundesregierungen nicht als v&ouml;lkerrechtswidrig anerkannt. Man befinde sich in der Phase der v&ouml;lkerrechtlichen Pr&uuml;fung, so die Argumentation, f&uuml;r die die Bundesregierung offensichtlich mehrere Jahre ben&ouml;tigt. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages ben&ouml;tigte 2018 auf meine Bitte hin, ein entsprechendes v&ouml;lkerrechtliches Gutachten zu erstellen, wenige Wochen. <\/p><p>Dieses Gutachten mit dem Titel &bdquo;V&ouml;lkerrechtliche Bewertung der &sbquo;Operation Olivenzweig&lsquo; der T&uuml;rkei gegen die kurdische YPG in Nordsyrien&ldquo; hat den t&uuml;rkischen V&ouml;lkerrechtsbruch zweifellos identifiziert. Kritische Berichterstattung unserer Mainstreammedien zu diesem faktischen Decken des t&uuml;rkischen Vorgehens seitens der Bundesregierung? Fehlanzeige! Demgegen&uuml;ber erweisen sich die Medien bei der Skandalisierung des russischen v&ouml;lkerrechtswidrigen Krieges als sehr eifrig. <\/p><p>Lie&szlig;en unsere Mainstreammedien auch so eine v&ouml;lkerrechtstreue Sensibilit&auml;t erkennen, wenn es um westliche Rechtsbr&uuml;che ginge, so w&auml;re ihre massive Kritik gegen&uuml;ber Rechtsbr&uuml;chen nicht-westlicher Staaten auch glaubw&uuml;rdiger. Doch in allen genannten F&auml;llen, dem Angriffskrieg der US-gef&uuml;hrten NATO gegen Rest-Jugoslawien, dem US-Angriffskrieg gegen den Irak-Krieg, dem auch faktisch t&uuml;rkischen Angriffskrieg gegen Syrien wie auch dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, fanden\/finden Br&uuml;che des Humanit&auml;ren V&ouml;lkerrechts statt. Und ausnahmslos in allen F&auml;llen handelt es sich auch um einen klaren Bruch des zwingenden Gewaltverbotes der UN-Charta (Art. 2 Abs. 4).<\/p><p>In keinem einzigen Fall kann\/konnte glaubhaft mit dem Recht auf Selbstverteidigung argumentiert werden: Weder wurde Russland im Februar 2022 von der Ukraine, noch wurde das NATO-Vertragsgebiet 1999 von Restjugoslawien, 2003 dem Irak oder seit 2011 durch Syrien angegriffen, womit eine Berufung auf Selbstverteidigung gem&auml;&szlig; Artikel 51 der UNO-Charta definitiv entf&auml;llt. Auch gab\/gibt es f&uuml;r keinen dieser Angriffskriege eine legitimierende UNO-Sicherheitsratsresolution.<\/p><p>Interessant ist, dass Russlands Pr&auml;sident, W. Putin, gegen&uuml;ber Bundeskanzler O. Scholz bei seinem Besuch kurz vor dem russischen Waffengang mit Blick auf die Bewohner der beiden &bdquo;Volksrepubliken&ldquo; im Osten der Ukraine den Genozidvorwurf ins Spiel brachte. Auf diese Weise versuchte der russische Pr&auml;sident offensichtlich auf die westliche Legitimationsfigur der humanit&auml;ren Intervention (zentrales Argument der NATO 1999) f&uuml;r den anvisierten Krieg gegen die Ukraine zur&uuml;ckzugreifen. <\/p><p>Die humanit&auml;re Intervention wie auch die modernisierte Variante, die responsibility-to-protect-Doktrin (R2P-Doktrin), sind Interventionskonstrukte mit vorgeblich humanit&auml;rem Motiv westlicher Strategen. Beide Legitimationsfiguren sind weder v&ouml;lkergewohnheitsrechtlich etabliert und schon gar nicht in der UN-Charta kodifiziert, da es bislang keine abschlie&szlig;ende Verst&auml;ndigung dar&uuml;ber gibt, welche Instanz eine solche milit&auml;rische Intervention gegen einen souver&auml;nen Staat anordnen darf. Besonders der globale S&uuml;den ist in dieser Frage hochsensibel &ndash; zu tief sitzen die Erinnerungen an den westlichen Kolonialismus und Imperialismus &ndash; und f&uuml;rchtet deshalb den Missbrauch dieser Doktrin f&uuml;r westliche Machtpolitik. Und tats&auml;chlich, die missbr&auml;uchliche &bdquo;Anwendung&ldquo; der R2P-Doktrin lie&szlig; dann auch nicht lange auf sich warten: Im Falle Libyens 2011 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eigenm&auml;chtig ein R2P-basiertes Mandat zur Intervention, nicht aber zum Regime Change. <\/p><p>Genau das aber verfolgte die US-gef&uuml;hrte Koalition gegen die Regierung Gaddafi und interpretierte die UN-Sicherheitsratsresolution entsprechend. Gaddafi wurde gest&uuml;rzt und brutal get&ouml;tet. Dieser unverhohlene Missbrauch der R2P-basierten Sicherheitsratsresolution durch den Westen zwecks machtpolitischer Eigeninteressen hat die Bef&uuml;rchtungen des globalen S&uuml;dens sicherlich nicht entkr&auml;ftet und schlie&szlig;lich dazu gef&uuml;hrt, dass die Doktrin auf lange Zeit nicht mehrheitsf&auml;hig in der Staatenwelt sein wird.<\/p><p>Kurzum, es gibt zwei Ausnahmen vom zwingenden Gewaltverbot der f&uuml;r alle UN-Mitgliedsstaaten verbindlichen UN-Charta: Die individuelle und kollektive Selbstverteidigung (Art. 51) im Falle eines vorangegangenen Angriffs auf das eigene Staatsgebiet. Und die Erm&auml;chtigung durch den UN-Sicherheitsrat zu milit&auml;rischen Zwangsma&szlig;nahmen (Art. 42) zwecks &bdquo;Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit&ldquo; (Art. 42).<\/p><p>Die UN-Charta ist eindeutig, und das ist auch sinnvoll. Die Konsequenzen eigenm&auml;chtiger Interpretationen der UN-Charta seitens diverser Konfliktparteien (im &Uuml;brigen auch das Verst&auml;ndnis durch die Sympathisanten der einen oder anderen Seite) hingegen sind f&uuml;r die Stabilit&auml;t des internationalen Systems fatal. Es gibt immer irgendwelche entschuldigenden Motive f&uuml;r einen Rechtsbruch. Stehen jedoch die entschuldigenden Motive, warum hier und dort milit&auml;risch gegen einen Staat bei Umgehung des V&ouml;lkerrechts vorgegangen werden musste, im Vordergrund, so ist die direkte Konsequenz das Ende des modernen V&ouml;lkerrechts und damit einhergehend die Anarchisierung der Staatenwelt &ndash; kurzum, die R&uuml;ckkehr zu den Gesetzen des Dschungels.<\/p><p>Denn in der sich herausbildenden multipolaren Weltordnung hat der durch den V&ouml;lkerrechtsbruch geschaffene Pr&auml;zedenzfall eine unmittelbare Nachahmungswirkung. Hat der Westen w&auml;hrend der unipolaren Epoche und der damit bedauerlicherweise &ndash; nicht zwangsl&auml;ufig &ndash; einhergehenden Hybris tats&auml;chlich geglaubt, dass seine eigenwilligen Rechtsinterpretationen bis hin zum offenen Rechtsbruch dauerhaft folgenlos blieben? <\/p><p>Der V&ouml;lkerrechtsbruch Krim ist die Antwort auf den V&ouml;lkerrechtsbruch Kosovo, genau genommen sogar die Antwort auf die vom Westen praktizierten v&ouml;lkerrechtswidrigen Anerkennungspolitiken der sezessionistischen jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina und somit die Zerlegung des V&ouml;lkerrechtssubjekts Jugoslawien. Sind die westlichen Hauptst&auml;dte tats&auml;chlich davon ausgegangen, dass diese von ihnen ohne N&ouml;te geschaffenen Pr&auml;zedenzf&auml;lle nicht durch andere Gro&szlig;m&auml;chte irgendwann aufgegriffen werden w&uuml;rden? Glauben die westlichen Schreibtischstrategen tats&auml;chlich, dass die seit Jahrhunderten w&auml;hrende westliche Globaldominanz ewig w&auml;hren w&uuml;rde? Glaubt man im Westen tats&auml;chlich, dass der Osten und der Globale S&uuml;den die neue Mogelpackung mit dem Terminus &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo; statt UN-Charta und das neue Projekt &bdquo;Demokratien gegen Autokratien&ldquo; zwecks faktischer Sicherung der westlichen Vorherrschaft widerstandslos hinnehmen werden? <\/p><p>Sollte das wirklich im politischen und medialen Westen geglaubt werden, so w&auml;re das ausgesprochen naiv. Das Ergebnis des j&uuml;ngst stattgefundenen G-20-Gipfels auf Bali sollte ein Weckruf sein. Das Ergebnis von Bali liegt hinter den Erwartungen (Isolierung Russlands) des Westens zur&uuml;ck. Russland hat sogar die Abschlusserkl&auml;rung mitgetragen, womit es eben keine 19:1-Abschlusserkl&auml;rung &ndash; also ohne Russland &ndash; gegeben hat und somit der Versuch der Isolierung Russlands vor der Welt&ouml;ffentlichkeit nicht wirklich erfolgreich gewesen ist. Die fortgesetzte Naivit&auml;t vom ewig dominierenden und &bdquo;hochzivilisatorischen&ldquo; Westen d&uuml;rfte vor allem Europa und Deutschland noch teuer zu stehen kommen.<\/p><p>Die Realpolitik, das hei&szlig;t die neuen, sich verfestigenden globalen Kr&auml;ftekonstellationen zu verstehen, damit konstruktiv, also nicht blockgebunden, sondern in friedlicher Koexistenz und auf der Grundlage der UN-Charta umzugehen, ist der einzig gangbare Ausweg, um europ&auml;ischen und deutschen Interessen in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts noch Geltung verschaffen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Alisusha<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89302\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89314\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 2<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/6678a74a511549ae87e36dd0de435b7f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der seit 2014 laufende verdeckte Krieg zwischen Russland und der Ukraine nahm am 24. Februar 2022 eine neue, offen kriegerische Qualit&auml;t an. 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