{"id":91106,"date":"2022-12-04T11:45:07","date_gmt":"2022-12-04T10:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106"},"modified":"2022-12-05T09:22:24","modified_gmt":"2022-12-05T08:22:24","slug":"die-klassenidentitaet-ist-entscheidend-um-so-ziemlich-alles-in-venezuela-zu-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91106","title":{"rendered":"&#8220;Die Klassenidentit\u00e4t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit <strong>Reinaldo Iturriza<\/strong> &uuml;ber die j&uuml;ngste wirtschaftliche Erholung, soziale Ungleichheit, die Politisierung der popularen Klassen in Venezuela sowie zunehmende verbale Angriffe der Maduro-Regierung gegen linke Kritiker. Iturriza, Jahrgang 1973, ist venezolanischer Soziologe und politischer Aktivist. Nach dem Tod von Hugo Ch&aacute;vez war er in der ersten Regierung von Nicol&aacute;s Maduro zun&auml;chst 2013\/14 Minister f&uuml;r Kommunen und dann bis 2016 Kulturminister. Er ver&ouml;ffentlichte mehrere B&uuml;cher &uuml;ber den Chavismus und schreibt in seinem Blog&nbsp;<a href=\"https:\/\/elotrosaberypoder.wordpress.com\/\">&ldquo;Saber y Poder&rdquo;<\/a>&nbsp;(Wissen und Macht) &uuml;ber die politischen Entwicklungen in Venezuela. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Jan K&uuml;hn<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die wirtschaftliche Lage in Venezuela hat sich entspannt. Wurde das Land nach Jahren der Krise &ldquo;repariert&rdquo;, wie manche es darstellen?<\/strong><\/p><p>Es gibt eine wirtschaftliche Verbesserung, aber sie erreicht die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung nicht. Seit etwa einem Jahr w&auml;chst die Wirtschaft wieder &ndash; nachdem sie &uuml;ber acht Jahre auf etwa ein Viertel des urspr&uuml;nglichen Wertes geschrumpft war. Die Ursachen daf&uuml;r sind vielschichtig, aber nat&uuml;rlich spielt der Wirtschaftskrieg der USA gegen Venezuela eine bedeutende Rolle.<\/p><p>Von diesem sehr niedrigen Niveau aus k&ouml;nnen wir nun seit mehren Quartalen ein Wachstum beobachten. Es stimmt, dass die Kaufkraft in Teilen der Bev&ouml;lkerung gestiegen ist. Leider sind die verf&uuml;gbaren Daten hierzu aber extrem l&uuml;ckenhaft, es gibt kaum vertrauensw&uuml;rdige Statistiken &uuml;ber die reale Situation. Weder die offiziellen staatlichen Zahlen noch die von nicht-staatlichen Stellen wie oppositionellen Abgeordneten ver&ouml;ffentlichten Zahlen scheinen mir glaubw&uuml;rdig.<\/p><p>Es ist aber eindeutig, dass der Gro&szlig;teil der Menschen in Venezuela trotz des Wachstums heute eine Kaufkraft besitzt, die weit unter den Vergleichswerten vor etwa zehn Jahren liegt. Es hat in dieser langen Krise eine brutale Entwertung der L&ouml;hne gegeben. Der Einfluss der Hyperinflation auf die L&ouml;hne in der Zeit zwischen Ende 2017 und Anfang 2021 ist enorm. Zugleich ist auch klar, dass die negativen Auswirkungen der Krise auf die soziale Situation der Menschen weit &uuml;ber das hinausgehen, was die Lohnentwicklung abbildet.<\/p><p>Bis vor kurzem hat der Staat eine sehr bedeutende Rolle als regulierender Faktor gespielt. Etwa ab 2016 hat er sich aus immer mehr Bereichen des Marktes zur&uuml;ckgezogen und sie anderen wirtschaftlichen Akteuren und ihrer Profitlogik &uuml;berlassen. Es gab in Venezuela Zeiten mit deutlichen Versorgungsproblemen, diese Engp&auml;sse haben aufgeh&ouml;rt zu existieren. Aber zugleich wurden Millionen Menschen von der M&ouml;glichkeit des Konsums ausgeschlossen, weil sie nicht die notwendigen Mittel haben. Sozio&ouml;konomisch erinnert die aktuelle Situation an die 1990er Jahre, also an die Zeit, in der der Chavismus als politische Identit&auml;t entstanden ist. Angesichts dieser Entwicklung muss sich die Regierung fragen, wie effektiv ihre Politik ist. Es mag ja sein, dass bestimmte Ma&szlig;nahmen makro&ouml;konomisch positive Effekte haben. Aber eine sozialistische Regierung muss die sozialen Auswirkungen ihrer Ma&szlig;nahmen bemessen.<\/p><p><strong>Kann man von einer Art neoliberaler Wende sprechen, wie es manche linke Kritiker der Regierung von Nicol&aacute;s Maduro tun?<\/strong><\/p><p>Etwa 2016 gab es einen Wendepunkt. Ab diesem Zeitpunkt haben Str&ouml;mungen innerhalb des Regierungsapparates stark an Einfluss gewonnen, die der Ansicht sind, dass ein Verbleiben an der Macht nur durch Kompromisse mit Teilen der Bourgeoisie m&ouml;glich ist. Die neue &ouml;konomische Klasse hat ihre Verbindungen in die Regierung und den Staatsapparat. Das ist auch historisch immer das Modell in Venezuela gewesen. Im zur&uuml;ckliegenden Jahrhundert entstand die venezolanische Bourgeoisie immer unter dem Schutz der Verstrickungen mit dem Staat und vor allem aus dem privilegierten Zugang zur Erd&ouml;lrente.<\/p><p>Die erw&auml;hnte Hinwendung zu diesen neuen wirtschaftlichen Eliten geschah vor allem im Lichte der politischen Niederlage im Dezember 2015, als die Rechte eine deutliche Mehrheit in der Nationalversammlung gewann. In diesem Moment gab es eine Art Schisma in der politischen F&uuml;hrung des Chavismus. Die Stimmen, die bestimmte Deutungen der Rechten f&uuml;r die Ursachen der Niederlage bei der Wahl &uuml;bernahmen, gewannen die Oberhand. Damit meine ich zum Beispiel die Behauptung, dass alles unter Ch&aacute;vez Erreichte eigentlich nur wegen des Erd&ouml;lbooms m&ouml;glich gewesen sei. Wegen des Preisverfalls ab Ende 2014 sei diese Politik nicht mehr realistisch.<\/p><p>All das hat uns in eine bedeutende Legitimationskrise gef&uuml;hrt. F&uuml;r mich war schnell klar, dass die politische Niederlage von 2015 Ausdruck eines beginnenden Bruches im historischen Block war, der den bolivarischen Prozess getragen hat. Die politische F&uuml;hrung verlor die F&auml;higkeit, eine Hegemonie aufzubauen, wie sie es zuvor lange Zeit geschafft hatte.<\/p><p><strong>Seit dem Tod von Hugo Ch&aacute;vez sind bald zehn Jahre vergangen. Welche Bedeutung hatte sein Ableben in diesem Prozess?<\/strong><\/p><p>Das physische Verschwinden von Hugo Ch&aacute;vez im M&auml;rz 2013 hatte einen starken Einfluss auf diese Entwicklungen. Er hatte einen nach innen sehr verbindenden F&uuml;hrungsstil und eine unglaubliche F&auml;higkeit, die Differenzen zwischen politischen Akteuren, Gruppierungen und sozialen Bewegungen zu &uuml;berwinden. Als er verstarb, entstand eine Art interner Klassenkampf innerhalb des Chavismus in den Jahren 2013 bis 2015, der meines Erachtens noch viel zu wenig untersucht wurde.<\/p><p>Diese K&auml;mpfe versch&auml;rften sich, und zugleich gab es einen enormen Mangel an Entscheidungen durch die politische F&uuml;hrung. Hinzu kamen der Einbruch des Erd&ouml;lpreises Ende 2014 und die von der Rechten losgetretene Gewaltwelle im selben Jahr, die sich dann 2017 noch einmal potenziert wiederholte.<\/p><p>W&auml;hrend die inneren Streitigkeiten ausgetragen wurden, haben wir uns stets einer unlauteren, illoyalen Opposition gegen&uuml;ber gesehen. Damit meine ich, dass sie antidemokratisch agiert und nach politischen &ldquo;Abk&uuml;rzungen&rdquo; sucht, um an die Macht zu kommen. Die venezolanische Rechte hat nie ihre politischen Niederlagen anerkannt. Und sie wirkte, ehrlich gesagt, selbst &uuml;berrascht, als sie im Dezember 2015 beinahe eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erreichte. Die Folge war aber nicht, dass sie den gewonnenen politischen Spielraum in der vorgesehenen Funktion nutzte. Statt dessen erkl&auml;rte sie als erstes, die Regierung binnen sechs Monaten st&uuml;rzen zu wollen, was in keiner Weise der verfassungsgem&auml;&szlig;en Rolle der Nationalversammlung entspricht.<\/p><p><strong>Wobei man im Machtkampf der Jahre nach 2015 auch der Regierung Maduro eine Illoyalit&auml;t gegen&uuml;ber demokratischen Spielregeln vorwerfen muss &hellip;<\/strong><\/p><p>Bevor ich zu den Fehlern der Regierung komme, m&ouml;chte ich noch auf einen Aspekt im Zusammenhang mit 2016 eingehen. Ich w&uuml;rde es eine programmatische Wende nennen, die begonnen wurde. Zum Beispiel in Bezug auf die Preiskontrollen und die staatliche Regulierung des Marktes. Die Kritik war nicht mehr, dass diese Kontrollen schlecht strukturiert waren oder nicht gut angewendet wurden, sondern dass alle Kontrollen schlecht seien. Man hat das Kind mit dem Bade ausgesch&uuml;ttet. Es war im Grunde genommen das Eingest&auml;ndnis, dass man den Kampf in der &ouml;konomischen Sph&auml;re verloren hat.<\/p><p>Nat&uuml;rlich sind Preiskontrollen und wirtschaftliche Regulierungsma&szlig;nahmen kein Zauberstab. Es gibt eine Realit&auml;t, auf die sie angewendet werden und sie k&ouml;nnen gut oder schlecht funktionieren, je nachdem, wie sie gemacht werden und von welche anderen Ma&szlig;nahmen sie begleiten.<\/p><p>2018 ergriff die Regierung Maduro eine Reihe wirtschaftspolitischer Ma&szlig;nahmen, die Experten als orthodoxe Wirtschafts- und Geldpolitik beschreiben: Die zirkulierende Geldmenge wurde eingeschr&auml;nkt, ebenso die Staatsausgaben und die &ouml;ffentlichen Investitionen. Die Tarifverhandlungen wurden eingefroren. Diese Ma&szlig;nahmen waren darauf ausgerichtet, die Hyperinflation zu stoppen. Das wurde auch erreicht, aber wie so oft war es die arbeitende Bev&ouml;lkerung, die den gr&ouml;&szlig;ten Preis daf&uuml;r bezahlt hat. Der wirtschaftliche Liberalisierungsprozess in Venezuela f&uuml;hrte schlie&szlig;lich zu einem neuen Status quo, in dem wir bis heute leben. Jetzt gibt es wieder alle Produkte. Aber w&auml;hrend zuvor 60 bis 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung einen deutlichen Zuwachs an Wohlstand erlebt hatten, k&ouml;nnen heute 50 bis 60 Prozent der Menschen die Preise nicht bezahlen. Die Hyperinflation wurde besiegt, aber die Entwertung der L&ouml;hne nie gestoppt. Vielmehr hat sie sich noch versch&auml;rft. Der Mindestlohn lag zeitweise bei etwa einem Dollar &ndash; pro Monat! Davon kann niemand leben. Wer den Mindestlohn erh&auml;lt, ist gezwungen, sich zus&auml;tzlich andere Einkommensquellen zu suchen.<\/p><p>Wenn dieses wirtschaftliche Anpassungsprogramm von einer rechten Regierung durchgesetzt worden w&auml;re, dann w&auml;re die chavistische Basis auf der Stra&szlig;e gewesen und h&auml;tte die Regierung als neoliberal beschimpft. 1996 machte das erste Mal in der Geschichte Venezuelas die Zahl der informell Besch&auml;ftigten zusammen mit den Erwerbslosen mehr als 60 Prozent der arbeitsf&auml;higen Bev&ouml;lkerung aus. Es ist unm&ouml;glich, den Aufstieg des Chavismus von dieser wirtschaftlichen Realit&auml;t zu entkoppeln. Das &ldquo;R&uuml;ckenmark&rdquo; des Chavismus kommt dort her, aus dem, was manche Autoren das Subproletariat genannt haben. Aus dem Prekariat, das eine enorme industrielle Reservearmee darstellte, die einen bedeutenden Teil der arbeitenden Bev&ouml;lkerung ausmachte, die so gerade eben &uuml;berleben konnte. Ich gehe davon aus, dass der Anteil dieses Bev&ouml;lkerungsteils heute noch gr&ouml;&szlig;er ist als in den 1990er Jahren.<\/p><p><strong>Welchen Anteil haben die Sanktionen der USA, die sp&auml;testens seit 2019 als Wirtschaftskrieg bezeichnet werden k&ouml;nnen, an den von Ihnen geschilderten Problemen?<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re zynisch, &uuml;ber die venezolanische Krise zu reden, ohne die Wirtschaftsblockade zu erw&auml;hnen. Das determiniert nat&uuml;rlich fast alles. Man braucht kein Moralin, um die Realit&auml;t der Sanktionen zu beschreiben. F&uuml;r jedes Land der Welt, das einen derartigen Angriff auf die wichtigsten Zweige seiner Wirtschaft erf&auml;hrt, w&auml;re es verh&auml;ngnisvoll. Venezuela h&auml;ngt vom Erd&ouml;lexport ab, und dann kommt das m&auml;chtigste Land der Welt und untersagt allen anderen, mit dir Handel zu treiben. Wenn das R&uuml;ckgrat der Wirtschaft eines Landes von jeglicher Finanzierung ausgeschlossen wird, Verm&ouml;genswerte in Milliardenh&ouml;he eingefroren werden und dir dein wichtigstes Netz von Raffinerien buchst&auml;blich geraubt wird, dann ist es m&uuml;&szlig;ig, dar&uuml;ber zu diskutieren, ob du diesen Wirtschaftszweig vielleicht nicht gut genug verwaltet hast. Gerade bei einer so investitionsintensiven Industrie wie der Erd&ouml;lf&ouml;rderung.<\/p><p>Es ist offensichtlich, dass es hier nicht um die vorgeschobenen Menschenrechte oder die Verteidigung der Demokratie geht. Diese Argumente entkr&auml;ften sich von selbst, wenn man die blendenden Gesch&auml;fte ansieht, die die USA und auch die Europ&auml;ische Union mit allen m&ouml;glichen brutalen Diktaturen betreiben. Es geht im Kern darum, dass sich Venezuela in der von den USA beanspruchten Einflusssph&auml;re befindet und die venezolanischen Regierungen sich diesem Anspruch nicht untergeordnet haben. Sie haben es nicht mit politischen und milit&auml;rischen Verschw&ouml;rungen geschafft, die Regierung zu st&uuml;rzen, also versuchen sie es &uuml;ber die Wirtschaft. Mit exorbitanten sozialen Kosten, versteht sich.<\/p><p>Nat&uuml;rlich w&auml;re es unverantwortlich zu sagen, dass wir nur wegen des Wirtschaftskriegs in dieser Lage sind. Aber den enormen Einfluss der Sanktionen zu negieren ist alles andere als seri&ouml;s.<\/p><p><strong>Ist das Kalk&uuml;l der Sanktionspolitik &ndash; das Leid der Bev&ouml;lkerung in die H&ouml;he zu treiben, damit diese sich gegen die Regierung auflehnt &ndash; gescheitert?<\/strong><\/p><p>Ich denke, dass die Strategie in Teilen aufgegangen ist. Es ist deutlich, dass der Versuch des Regimewechsels gescheitert ist. Aber sie haben einen gewissen Erfolg bei dem gehabt, was wir aus der Geschichte des US-amerikanischen Vorgehens gegen Salvador Allende in Chile Anfang der 1970er kennen. Damals sollte die sozialistische Regierung aus dem Amt gebracht werden, indem die Wirtschaft zum &ldquo;Schreien&rdquo; gebracht wurde. In Venezuela hat dies zur programmatischen Wende der Regierung beigetragen, die ich zuvor erw&auml;hnt habe. Das sagen &uuml;brigens auch manche Oppositionelle: &ldquo;Wir haben zwar nicht eine andere Regierung erreicht, aber die Art und Weise ge&auml;ndert, wie sie regiert.&rdquo;<\/p><p><strong>Viele Menschen reden heute &uuml;ber die Krise als eine Sache in der Vergangenheit.<\/strong><\/p><p>Ja, durchaus. Dabei ist die Situation f&uuml;r die gro&szlig;e Mehrheit, materiell betrachtet, nicht besser als vor f&uuml;nf oder zehn Jahren. Nat&uuml;rlich ist es besser, wenn die Superm&auml;rkte mit Produkten gef&uuml;llt sind. Aber das Problem beginnt, wenn du zur Kasse gehst und nicht bezahlen kannst. Und das ist f&uuml;r die Mehrheit der venezolanischen Gesellschaft die Realit&auml;t.<\/p><p>Es gibt Wirtschaftswachstum, aber die unteren Klassen sind davon ausgeschlossen. Die soziale Ungleichheit ist in den letzten zehn Jahren exponentiell gewachsen. Wir haben die Bolivarische Revolution begonnen, um die Armut und die Ungleichheit zu bek&auml;mpfen. Und ja, es hat im zur&uuml;ckliegenden Jahrzehnt eine Art von Krieg gegeben in Venezuela. Aber das eine ist, was dein politischer Gegner tut, was der Imperialismus tut. Und das andere ist, wie du darauf reagierst, um dagegen vorzugehen. Und wenn deine Ma&szlig;nahmen nicht darauf orientiert sind, die Ungleichheit zu reduzieren, wor&uuml;ber reden wir dann?<\/p><p>Auf politischer Ebene gibt es immer Alternativen. Es ist wirklich absurd hier in Venezuela im Jahr 2022 mit einem Diskurs im Stile Margret Thatchers zu kommen, dass bestimmte Ma&szlig;nahmen alternativlos seien. Nat&uuml;rlich gibt es immer Alternativen.<\/p><p><strong>Ist das politische Projekt der Regierung Maduro noch das, das Ch&aacute;vez verfolgte?<\/strong><\/p><p>Ch&aacute;vez hat in erster Linie f&uuml;r das Subproletariat regiert. Es war das wichtigste politische Subjekt dieser Etappe. Auch die Mittel- und Oberschichten haben profitiert, aber das Subjekt seiner Politik waren diese historisch ausgeschlossenen Menschen. Das war die Klasse, die sich damals politisierte und die 2002 mobilisiert wurde, als gegen Ch&aacute;vez geputscht wurde. Diese Teile der Bev&ouml;lkerung wurden nicht zu einer neuen Mittelschicht. Aber sie schafften den Sprung zur &ldquo;normalen&rdquo; Arbeiterklasse mit vollen Rechten als Arbeiterinnen und Arbeiter, die sie zuvor nie hatten.<\/p><p>Im Zuge der Hegemoniekrise ab Ende 2015, nach den verlorenen Parlamentswahlen, hat es den Versuch gegeben, dieses Regieren f&uuml;r das Subproletariat zu ver&auml;ndern. An dessen Stelle sollten nach der Vorstellung mancher Teile des B&uuml;rgertums treten. Das bedeutet, sich auf einen v&ouml;llig anderen historischen Block zu st&uuml;tzen, der nat&uuml;rlich einen g&auml;nzlich anderen politischen Horizont hat. Es ist deutlich, dass der strategische Horizont unter Maduro zu verschwimmen begann. Programme m&uuml;ssen aktualisiert werden, aber den historischen Block zu ver&auml;ndern, ist eine andere Sache.<\/p><p><strong>Man gewinnt den Eindruck, dass das einzige Ziel der Verbleib an der Macht ist, aber nicht ein politisches Ziel, das man umsetzen m&ouml;chte.<\/strong><\/p><p>Ein gewichtiger Teil der politischen Eliten des Chavismus sieht das so. Auch wenn sie es nicht offen zugeben. Zugleich ist es schwierig, nur diesen Teil zu sehen, ohne den Gegenspieler, die Rechte. Es war alles andere als leicht, an der Macht zu bleiben. Es geht ja nicht nur um die venezolanische Opposition, sondern um den Imperialismus. Sich angesichts der systematischen Aggressionen gegen das Land an der Macht zu halten, ist alles andere als einfach.<\/p><p><strong>Die Strukturen partizipativer Demokratie wie die Nachbarschaftsr&auml;te (Consejos Comunales) waren einst essentieller Bestandteil der &ldquo;Bolivarischen Revolution&rdquo;. Heute sind viele davon eher Anh&auml;ngsel des Staates oder der Regierungspartei. Was ist &uuml;briggeblieben vom Aufbruch in der Zeit nach der Konsolidierung des Chavismus an der Macht nach 2004?<\/strong><\/p><p>Man kann die Bolivarische Revolution, den politischen Prozess in Venezuela nicht verstehen, wenn man nicht einbezieht, was &ldquo;auf dem Boden&rdquo; passiert, also beim organisierten Volk. Just dieser Teil wird aber von vielen bewusst oder unbewusst ignoriert. Statt dessen wird den Chavisten eine Art Irrationalit&auml;t zugeschrieben, die dazu gef&uuml;hrt haben soll, dass sie blind Ch&aacute;vez gefolgt seien. Und als er dann fort war, blieben wir quasi schutzlos zur&uuml;ck. Als seien diese Menschen eine Art von Statisten und nicht Protagonisten dieses Prozesses. Dieses Bild hat rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun.<\/p><p>Das Gegenteil ist der Fall. Das Ph&auml;nomen Ch&aacute;vez w&auml;re nicht zu verstehen ohne dessen soziale Herkunft und die seiner Unterst&uuml;tzer. Die Klassenidentit&auml;t ist entscheidend, um so ziemlich alles in Venezuela zu verstehen. Der Politisierungsprozess der popularen Klassen in Venezuela war meines Erachtens einzigartig.<\/p><p>Ein Thema, mit dem ich mich seit Langem sehr intensiv besch&auml;ftige, ist die enorme Bedeutung des Territoriums f&uuml;r die politischen Prozesse in Venezuela. Im Zuge des Chavismus hat sich eine sehr eigene Form der &ldquo;Besetzung&rdquo; des Territoriums entwickelt, die meiner Ansicht nach zentral ist. Die Politik musste im Territorium gemacht werden, die Regierung musste dort pr&auml;sent sein. Ich will damit nicht die Bedeutung von Parteien, Gewerkschaften etc. kleinreden. Aber das Territoriale ist in Venezuela &auml;u&szlig;erst relevant. Sich im Territorium zu organisieren, die Potentiale und Schwierigkeiten vor Ort, die dort lebende Bev&ouml;lkerung zu identifizieren &ndash; all das ist zentral f&uuml;r die Organisierungserfahrung des Chavismus.<\/p><p>Auch die Sozialpolitik ist in dieser Art territorialisiert. Die Missionen zum Beispiel, die Ch&aacute;vez um 2003 zu gr&uuml;nden begann, w&auml;ren nicht ohne die kleinteilige Organisierung von unten m&ouml;glich gewesen. Die am weitesten entwickelten Formen dieser Organisierung sind meiner Meinung nach zun&auml;chst die Consejos Comunales und sp&auml;ter dann die Comunas, die mehrere Consejos Comunales zu einer gr&ouml;&szlig;eren Einheit zusammenschlie&szlig;en.<\/p><p>Die &ldquo;Ch&aacute;vez-Erfahrung&rdquo; hat die venezolanische Gesellschaft gepr&auml;gt. Damit meine ich nicht die Person Hugo Ch&aacute;vez, sondern all das, was dieses politische Experiment ausgel&ouml;st hat: die Organisierung an der Basis, die soziale Inklusion von historisch ausgeschlossenen Teilen der Gesellschaft, eine andere Art, die Politik zu verstehen. Wer heute &uuml;ber 40 ist und aus dem Subproletariat kommt, war h&ouml;chstwahrscheinlich in der einen oder anderen Form selbst Protagonist dieses Prozesses. Trotz der Krise der letzten Jahre sind all diese Prozesse nicht verschwunden.<\/p><p>Auch wenn die Organisationen vielerorts eingeschlafen sind, die Millionen Menschen, die die Organisationserfahrung in der Ch&aacute;vez-Zeit miterlebt haben, sind gr&ouml;&szlig;tenteils noch da. Und ich bin mir sicher, dass sich diese Strukturen zum gegebenen Zeitpunkt auch wieder aktivieren lassen. Vor 20, 25 Jahren hatten wir nicht eine solche Basis. Es gibt heute eine Art &ldquo;politische Akkumulation&rdquo; und die l&auml;sst sich nicht wegdekretieren.<\/p><p>Das ist das Eine. Dazu kommt ein Ph&auml;nomen, das ich f&uuml;r eines der bedeutendsten der letzten Jahre halte: Es gibt eine massive politische Entkopplung der Menschen von den politischen Akteuren. Die Tatsache, dass an vielen Orten die fr&uuml;her existierenden Organisationsstrukturen nur noch einem latenten Zustand bestehen, nimmt h&auml;ufig diese Form an. Menschen, die &ldquo;chavistisch&rdquo; denken und zugleich eine extrem kritische Sicht auf die real existierende Politik in Venezuela haben. Das ist aber kein Ausdruck einer Entpolitisierung. Im Gegenteil: Gerade weil diese Menschen noch immer sehr politisch sind, lehnen sie die Art ab, wie heute Politik gemacht wird. Weil sie sich unter anderen Bedingungen politisiert haben.<\/p><p><strong>Ist diese Position angesichts der Politik der Regierung Maduro nicht nachvollziehbar?<\/strong><\/p><p>Durchaus. Sie verbinden die chavistische Identit&auml;t heute mit der Regierung Maduro. Aber die chavistische Basis hatte immer eine sehr kritische Beziehung zur Regierung Ch&aacute;vez. Die Leute kritisierten die Regierung mit derselben Leidenschaft, mit der sie sie verteidigten. Der Unterschied ist, dass Ch&aacute;vez dies aktiv bef&ouml;rderte. Weil es Teil der Demokratie ist.<\/p><p>Heute gibt es diese Form des Austauschs zwischen Regierung und Basis praktisch nicht mehr. All dies hat das Ph&auml;nomen der politischen Entkopplung bef&ouml;rdert. Nichtsdestotrotz wechseln die wenigsten einfach so die Seiten, als w&uuml;rde man sich andere Kleidung anziehen. Deshalb ist meine Einsch&auml;tzung, dass nur ein sehr kleiner Teil des historischen Chavismus ins Lager des Antichavismus gewechselt ist.<\/p><p>Die Trag&ouml;die ist, dass diese Menschen nicht von der politischen Elite anerkannt werden. Was sich in der Welt des Subproletariats abspielt, hat heute keine politische Repr&auml;sentation. Sch&auml;tzungsweise um die 20 Prozent der Bev&ouml;lkerung k&ouml;nnen derzeit als politische Basis der Regierung gesehen werden, der harte Kern. Aber das ist nicht ansatzweise vergleichbar mit den Mehrheiten, die Ch&aacute;vez hinter sich hatte. Es geht nicht mehr um Selbstorganisation, sondern eher darum, die Leute zu dirigieren &ndash; um eine traditionellere, klientelistische Politik. Die gab es zwar immer, aber &uuml;ber einen langen Zeitraum in einem Spannungsverh&auml;ltnis mit dem partizipativen, protagonistischen Verst&auml;ndnis von Politik, wie es im Chavismus dominierte.<\/p><p>In der Beziehung der Regierung zur organisierten Bev&ouml;lkerung dominiert heute eine Vorstellung der Kooptation. Das war unter Ch&aacute;vez v&ouml;llig anders, der an die &ldquo;sch&ouml;pferischen Kr&auml;fte des Volkes&rdquo; glaubte und appellierte.<\/p><p><strong>2024 stehen Pr&auml;sidentschaftswahlen an. Was ist die Perspektive f&uuml;r die kommenden Jahre?<\/strong><\/p><p>Der Antichavismus ist sehr gespalten. Hinzu kommt, dass trotz der verbreiteten Unzufriedenheit mit der Regierung Maduro das Bild der Rechten ma&szlig;geblich von deren Klassismus und auch Rassismus gegen&uuml;ber den &Auml;rmsten des Landes gepr&auml;gt ist. Wenn die Regierung etwas integrativer gegen&uuml;ber dem eigenen Lager auftritt, halte ich es f&uuml;r nicht unwahrscheinlich, dass Maduro erneut gew&auml;hlt wird. Vor allem, wenn es dem Anti-Chavismus nicht gelingt, seine Spaltung zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Was ich wirklich nicht verstehen kann, sind die Angriffe der Regierung auf ihre linken Kritiker. Ich habe das Gef&uuml;hl, dass der Versuch aufgegeben wurde, eine Hegemonie zu erstreiten. Das, was die Politik unter Ch&aacute;vez ausgemacht hat. Dazu geh&ouml;rt, dass man alle m&ouml;glichen Verb&uuml;ndeten einbindet, statt sie zu verprellen. Wenn die Regierung sogar in der Lage ist, sich mit Teilen des B&uuml;rgertums, mit Unternehmerverb&auml;nden zu verst&auml;ndigen, warum dann nicht zum Beispiel auch mit der Kommunistischen Partei? Das erschlie&szlig;t sich mir nicht. Manchmal greift die Regierung ihre linken Kritiker mehr an, als die von Rechts.<\/p><p>Dieses Interview erschien zuerst in leicht gek&uuml;rzter Form in der Tageszeitung junge Welt. https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/438165.linke-in-lateinamerika-die-ch&aacute;vez-erfahrung-hat-die-gesellschaft-gepr&auml;gt.html Auf <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/260915\/interview-iturriza-venezuela\">Amerika 21<\/a> erschien eine l&auml;ngere Fassung am 27. November, die wir f&uuml;r die NachDenkSeiten &uuml;bernommen haben.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Edgloris Marys<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90265\">Venezuela: Der aufsteigende Pfad der Revolte<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=82730\">USA-Venezuela &ndash; Ukraine-Krieg, Sanktionen und der &Ouml;lpoker<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/1dc9c175b46d481c80005e0f7e05c13d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit <strong>Reinaldo Iturriza<\/strong> &uuml;ber die j&uuml;ngste wirtschaftliche Erholung, soziale Ungleichheit, die Politisierung der popularen Klassen in Venezuela sowie zunehmende verbale Angriffe der Maduro-Regierung gegen linke Kritiker. Iturriza, Jahrgang 1973, ist venezolanischer Soziologe und politischer Aktivist. 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