{"id":91161,"date":"2022-12-05T09:00:51","date_gmt":"2022-12-05T08:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91161"},"modified":"2022-12-05T14:53:10","modified_gmt":"2022-12-05T13:53:10","slug":"im-reichen-land-kein-geld-fuer-geschenke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91161","title":{"rendered":"Im reichen Land kein Geld f\u00fcr Geschenke"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten steht vor der T&uuml;r. Sogleich f&auml;llt das Stichwort &bdquo;Geschenke&ldquo;. Wir Deutschen rennen los, welche zu kaufen. Vor allem zu kaufen, hei&szlig;t das gel&auml;ufige Klischee. Als w&auml;re es so einfach. Mehr als ein Drittel der Bundesb&uuml;rger hat f&uuml;r das Frohe Fest 2022 leider kein oder kaum Geld f&uuml;r Geschenke-Eink&auml;ufe f&uuml;r ihre Lieben, konstatieren Umfragen. Und die Not, der Zwang zu Verzicht hat Hochkonjuktur. Nur gut, dass wir ein Land der Dichter und vor allem der Denker sind. Die Ratgeber f&uuml;r das &bdquo;Schenken trotz leerer B&ouml;rse&ldquo; laufen genau wie die gut situierten Experten zum Thema &bdquo;Energiesparen&ldquo; zu Hochform auf. Geschenkt. In harten Zeiten wie diesen kommt einem die Erinnerung an die eigene Kindheit in den Sinn und interessant fallen die Antworten auf die Nachfrage in der Verwandtschaft und Bekanntschaft aus, wie denn anno dazumal geschenkt wurde &ndash; bei knapper Kasse und dennoch gro&szlig;er Zuneigung an die Bescherten. Doch sich an das Sch&ouml;ne in der Not zu erinnern, sollte eine nostalgische Angelegenheit bleiben. Heute aus der Not nicht oder wenig oder wegen akuten Geldmangels improvisiert schenken zu m&uuml;ssen, ist keine Errungenschaft, auf die wir in unserem reichen Land stolz sein k&ouml;nnten. Von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3165\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-91161-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=91161-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"221202_Im_reichen_Land_kein_Geld_fuer_Geschenke_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Kein Geld f&uuml;r Pr&auml;sente, also selbst welche herstellen<\/strong><\/p><p>In meiner Familie wurde immer kreativ damit umgegangen, stand wenig Geld f&uuml;r Geschenke zur Verf&uuml;gung, erfuhr ich in Gespr&auml;chen in diesen Tagen rund um den ersten Advent. Und ja, aus eigener Erfahrung kann ich ebenfalls sagen, dass mit wenig finanziellen Mitteln dennoch recht viel an herzlichen Pr&auml;senten verschenkt werden kann, l&auml;sst man sich mit Fantasie und Hingabe etwas einfallen. Die Fantasie sollte jedoch freiwillig bleiben, nicht aus Mangel gefordert sein, sind wir in unserer famili&auml;ren Diskussion einig.      <\/p><p>Der Blick zur&uuml;ck. Die Puppen f&uuml;r die M&auml;dchen in meiner weitverzweigten Familie, sie erhielten fr&uuml;her halt &bdquo;neue&ldquo; Kleider. Die M&auml;dchen merkten es nicht, alles sah neu und chic aus. Die Kleider wurden schlicht selbst gefertigt und die Freude zur Bescherung war keine kleinere, als w&auml;re die Puppe frisch aus dem Spielzeugladen geordert worden. Fahrr&auml;der wurden verschenkt, aufgearbeitete aus zweiter Hand, ebenso ein Roller mit luftbereiften R&auml;dern, der nach fachgem&auml;&szlig;er Reparatur mit einem neuen himmelblauen Anstrich versehen bestens zum Erkunden der Umgebung geeignet war. Mit meinem Vater fuhr ich in den Sp&auml;tsommerwochen dann mit diesem Vehikel in den Wald zum Pilze Sammeln.   <\/p><p>Ganz gro&szlig;e Augen bekam auch ich einmal, als ich als kleiner Steppke bei einer Bescherung reich (so dachte ich) beschenkt wurde. Unter einem gro&szlig;en Betttuch, welches vom Vater dann voller Theatralik weggezogen wurde, kam ein richtiges Puppentheater zum Vorschein. Ich muss ganz gro&szlig;e Augen bekommen haben, als ich das Wunder erblickte. Ja, es war f&uuml;r mich wie ein Wunder. Das Theater war bunt angemalt. Dazu gab es Handpuppen, den Kasper, den Prinzen, die Prinzessin, den Teufel, sch&ouml;ne Kulissen f&uuml;r spannende Geschichten, dazu einen roten Vorhang. Das Theater war f&uuml;r mich sehr sch&ouml;n zu begehen. Ich, der frisch gek&uuml;rte Puppenspieler, war sehr froh und voller Tatendrang, Theaterst&uuml;cke zu erfinden. Die Eltern mussten selbstverst&auml;ndlich mein Publikum sein, sie hockten artig vor meiner B&uuml;hne. Das Besondere an meinem Theater war, dass die Konstruktion sich als ein angemalter und mit Holzlatten stabilisierter Pappkarton (einer Waschmaschine) entpuppte. In einem Spielzeugladen bei uns in der Kleinstadt, der Laden hie&szlig; &bdquo;Flax und Kr&uuml;mel&ldquo;, stand auch ein Holztheater, ich sah es durch das Schaufenster. Meines aus Pappe war sch&ouml;ner, fand ich damals an Heiligabend. Ich wusste nicht, dass meine Eltern nicht so &bdquo;in die Tasche&ldquo; konnten.  <\/p><p><strong>Auch das gab es: gar nichts<\/strong><\/p><p>Ein enger Verwandter, der als Kind den 2. Weltkrieg erlebt hat, erinnerte sich an seine Weihnachten nach dem Krieg. Als Fl&uuml;chtlingskind zun&auml;chst in Sachsen-Anhalt mit der Familie untergekommen, waren seine ersten Jahre in Frieden vor allem noch voller Entbehrung und Verzicht gepr&auml;gt. Die Weihnachtszeit r&uuml;ckte n&auml;her, der Advent wurde bescheiden, dem&uuml;tig gefeiert und der endlich aufkommende Heiligabend weckte Hoffnungen, die dann aber schwer entt&auml;uscht wurden. &bdquo;Wir haben gar nichts bekommen, es waren zu viele Leute, zu wenig zu essen, alles war zu wenig vorhanden. Was habe ich gemacht? Ich habe geheult.&ldquo; Vielleicht war es die Ersch&ouml;pfung der Erwachsenen, ihren Kindern nichts geben zu k&ouml;nnen. Immerhin wurde der kleine Junge immer mal wieder zu Bauernfamilien zum Essen eingeladen, eine Geste gegen&uuml;ber den Fl&uuml;chtlingen aus dem Osten, die schlie&szlig;lich blieben und die deutschen L&auml;nder in Ost und West mit aufbauten.<\/p><p><strong>Das Eisenbahnbrett f&uuml;r den Bruder<\/strong><\/p><p>Als Lehrling erhielt ich ein monatlichen Betrag von 160 Ost-Mark. Ich war sparsam. Ich wollte mir und meinen Lieben gern auch immer mal etwas Gutes tun. So auch zu Weihnachten. Um den Schenkungseffekt zu vergr&ouml;&szlig;ern, improvisierte ich. &bdquo;Gro&szlig;&ldquo; bedeutete mehr &bdquo;Krawall&ldquo;, mehr Eindruck, spekulierte ich. Meinem kleinen Bruder wollte ich etwas Besonderes unter den Tannenbaum legen, besser daneben stellen: eine Modelleisenbahn. Wir sagen dazu &bdquo;Zugbrett&ldquo;. Wer etwas Ahnung hat, wird fix zusammenrechnen und mir sagen: Junge, das kostet doch mehr als Tausend M&auml;rker. Ja und nein, antworte ich. Das ging so: Ich hatte im Keller noch einige Utensilien meiner Eisenbahn, zwei Lokomotiven, mehrere Waggons, Schienen, Weichen, einen Trafo, drei, vier H&auml;uschen. Mit einem Schulkameraden zimmerte ich in dessen v&auml;terlicher Werkstatt zwei Holztafeln zu einem &bdquo;Zugbrett&ldquo; zusammen. Dort setzten wir auch das Projekt Eisenbahn-Geschenk in aller Ruhe und Heimlichkeit um. Nach drei Wochen Bastelei war das Brett fertig inklusive Berglandlandschaft und Wald und Tunnel und Bahnhofsgel&auml;nde und Dorf. Zugegeben, viel Technik und Brimborium gab es nicht. Dem kleinen Bruder war es egal, man kann sich vorstellen, wie &uuml;berw&auml;ltigt der war. Ich glaube, ich habe damals vielleicht hundert Mark f&uuml;r alles ausgegeben. Keine 1.000.<\/p><p><strong>Nun r&uuml;ckt Weihnachten heran in Zeiten steigender Armut<\/strong><\/p><p>Zum Nachdenken bringt einen diese an und f&uuml;r sich besinnliche Zeit auch in Sachen Schenken und Freude Bereiten. Wir Menschen brauchen das, gerade jetzt. Pers&ouml;nliche Dinge kommen, glaube ich, sehr gut an, Kalender mit selbstgeschossenen Fotos, kleine Bastelarbeiten, Zeichnungen, ein Daumenkino vielleicht mit einer simplen Geschichte einer aufgehenden Sonne. Diese, meine Tipps sind aber alle keine, die die bestehende Not mit einer geduldigen Akzeptanz versehen. &bdquo;Dann sollen sie halt Kuchen essen&ldquo;, soll einst eine franz&ouml;sische Hoheit gesagt haben, als die erfuhr, dass das Volk sich das Brot nicht leisten konnte. Nein, ich schreibe keine Ratschl&auml;ge f&uuml;r Menschen, die kein oder wenig Geld haben. Ich w&uuml;nschte, jeder h&auml;tte genug, um ein ausk&ouml;mmliches, zufriedenes, gedeihliches Leben f&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Es ist viel dar&uuml;ber zu lesen, dass Menschen am Essen sparen, die Gans nicht auf den Tisch kommt, die Beleuchtung kleiner ausf&auml;llt. Die Quote der sehr armen Menschen, die weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verf&uuml;gung haben, sei zwischen 2010 und 2019 um gut 40 Prozent gestiegen, berichtete das WSI in seinem ver&ouml;ffentlichten Verteilungsbericht 2022. Trocken wird geschrieben, dass vieles daf&uuml;r spr&auml;che, dass die Corona-Pandemie, die Energiepreisexplosion und die hohe Inflation diese Entwicklung in den Folgejahren weiter versch&auml;rft h&auml;tten.<\/p><p><strong>Katzenw&auml;sche<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber den Verzicht auf das Duschen, dar&uuml;ber zu reden, muss hier nach dem Geschenke-Thema erw&auml;hnt sein d&uuml;rfen. Es w&auml;re zum Lachen, wenn es nicht so emp&ouml;rend w&auml;re. Ein hochbezahlter Ministerpr&auml;sident, immerhin Chef vom Bundesland von &bdquo;Schaffe, schaffe, H&auml;usle baue&ldquo;, hat mal wieder einen rausgehauen. Er reiht sich in die Liga der Tippgeber ein, die ihre eigenen Ratschl&auml;ge gar nicht n&ouml;tig haben, leben sie ja auf gro&szlig;em Fu&szlig;. Dennoch meint der Landesvater losschwadronieren zu m&uuml;ssen. Ganz im Wortsinn von &bdquo;G&uuml;rtel enger schnallen&ldquo; geht es bei seiner Werbung f&uuml;r die so genannte &bdquo;Katzenw&auml;sche&ldquo; um die Verwendung des guten alten Waschlappens als Zeichen &ouml;konomischer Klugheit und gesundheitlich empfehlenswerter Reinigung. Nee, nee, nicht t&auml;glich duschen, hei&szlig;t seine Devise, sondern Wasser sparen mit einer Katzenw&auml;sche. Das bringt zudem eine Schonung der Haut, weil eben nicht so viel Nass und soviel Shampoo auf des B&uuml;rgers Haut und Haar flie&szlig;t. Geschenkt! Katzenw&auml;sche landet auf meiner Liste der Flops im Land, wo die guten Zeiten gerade zunichte gemacht werden und der Bundespr&auml;sident auf sonstwas au&szlig;er auf etwas Gutes einschw&ouml;rt. <\/p><p><strong>Aufeinander Zugehen<\/strong><\/p><p>Fest steht, dass dieses Jahr Weihnachten wegen vieler trauriger, besch&auml;mender und vor allem gemachter Umst&auml;nde kein glanzvolles, kein wirklich friedliches Fest werden wird. Innehalten, ja, friedlich in Familie, ja. Um uns herum aber fliegt uns der ganze Laden gerade um die Ohren. Der gr&ouml;&szlig;te Wunsch steht ganz oben auf meinem Zettel: Frieden, Reden, Innehalten, aufeinander Zugehen.  <\/p><p>Titelbild: tommaso79\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten steht vor der T&uuml;r. Sogleich f&auml;llt das Stichwort &bdquo;Geschenke&ldquo;. Wir Deutschen rennen los, welche zu kaufen. Vor allem zu kaufen, hei&szlig;t das gel&auml;ufige Klischee. Als w&auml;re es so einfach. Mehr als ein Drittel der Bundesb&uuml;rger hat f&uuml;r das Frohe Fest 2022 leider kein oder kaum Geld f&uuml;r Geschenke-Eink&auml;ufe f&uuml;r ihre Lieben, konstatieren Umfragen. 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