{"id":9117,"date":"2011-04-18T08:53:30","date_gmt":"2011-04-18T06:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9117"},"modified":"2014-08-26T09:47:41","modified_gmt":"2014-08-26T07:47:41","slug":"was-zu-erwarten-war-das-burokratiemonster-bildungspaket-floppt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9117","title":{"rendered":"Was zu erwarten war: Das B\u00fcrokratiemonster Bildungspaket floppt"},"content":{"rendered":"<p>Rund 2,5 Millionen Kinder sollten &uuml;ber das Bildungspaket Kindern Nachhilfe, Musikschule, Sport Schulmittagessen oder Klassenausfl&uuml;ge angeboten werden. Nach einer Spiegel-Meldung sollen aber erst zwei Prozent der Berechtigten bei den Jobcentern Antr&auml;ge auf eine F&ouml;rderung durch das Bildungspaket <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,757284,00.html\">gestellt haben<\/a>. Bis Ende April sollten die Eltern die Antr&auml;ge einreichen, wenn sie die Leistungen r&uuml;ckwirkend zum 1. Januar beanspruchen wollten. Was jeder, mit einigerma&szlig;en gesundem Menschenverstand ausgestattete, vorhersehen konnte, ist nun eingetreten: Das mit dem Bildungspaket in die Welt gesetzte B&uuml;rokratiemonster frisst die Kinder, die es f&ouml;rdern sollte. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Was mit Hartz IV eingeleitet wurde, ist mit von der Leyens Bildungspaket konsequent fortgesetzt worden: Die Abkehr vom Sozialstaat zum Staat f&uuml;r bettelnde Almosenempf&auml;nger. Der Versuch,  Bildung und Teilhabe wie die Schildb&uuml;rger das Licht mit Eimern in das dunkle Geb&auml;ude von Hartz IV zu tragen (<a href=\"http:\/\/www.stefan-sell.de\/texte\/sozialpolitik\/Sozialpolitik_2011-11.pdf\">Stefan Sell [PDF &ndash; 394 KB]<\/a>) kann &ndash; selbst wenn die Antragsquote steigt &ndash; keinen Erfolg haben.<\/p><p>Es war doch klar, dass arme Kinder und vor allem deren Eltern mit dem b&uuml;rokratischen Antragsverfahren &uuml;berfordert sein w&uuml;rden. Es war doch f&uuml;r jeden Einsichtigen erkennbar, dass die schon jetzt mit der Betreuung von Arbeitslosen und Hartz IV-Empf&auml;ngern &uuml;berforderten Jobcenter und Optionskommunen nicht die organisatorischen Voraussetzungen bieten k&ouml;nnen, um dieses B&uuml;rokratiemonster zu bew&auml;ltigen. Geschweige denn, dass sie eine akzeptable Anlaufstelle f&uuml;r die Betroffenen sein w&uuml;rden. Haben die Hartz IV-Empf&auml;nger bisher mit ihren &bdquo;Fallmanagern&ldquo; schon ihre bitteren Erfahrungen sammeln m&uuml;ssen und vielfach eher Schikanen erfahren, als eine Arbeit ergattert, so sollen sie jetzt dort auch noch wegen ihrer Kinder &bdquo;betteln&ldquo; gehen. <\/p><p>Wer w&uuml;rde sich denn schon freiwillig der Schikane aussetzen f&uuml;r 10 Euro im Monat f&uuml;r Sport Kultur oder Freizeit einen Antrag bei der Beh&ouml;rde zu stellen, um dann anschlie&szlig;end beim Sportverein oder in der Musikschule ein von vorneherein als Hartz IV-stigmatisiertes Kind anzumelden? Warum m&uuml;ssen arme Kinder einen Zuschuss f&uuml;r eine warme Mahlzeit in der (nur selten vorhandenen) Schulkantine, im Hort oder in der Kindertageseinrichtung beantragen, um dann anschlie&szlig;end immer noch den als b&uuml;rokratische H&uuml;rde eingebauten Eigenanteil von einem Euro leisten zu m&uuml;ssen? Wer w&uuml;rde sich denn schon gerne erst dem peinlichen Gang zu einem Lehrer unterziehen, <a href=\"http:\/\/www.bafoeg-aktuell.de\/News\/2010\/11\/29\/bildungspaket-und-buerokratie-bei-hartz-iv\/\">wom&ouml;glich gar den schulpsychologischen Dienst einschalten<\/a>, um seinem Kind dann bescheinigen zu lassen, dass es das Lernziel nicht erreicht oder die Versetzung gef&auml;hrdet ist? Wer sollte denn das Risiko eingehen, dass der Nachhilfeunterricht wom&ouml;glich nicht dem orts&uuml;blichen Preis f&uuml;r eine Lernf&ouml;rderung entspricht? Wer versteht schon einen Antrag auf Kosten&uuml;bernahme f&uuml;r die Sch&uuml;lerbef&ouml;rderung, bei der allerdings die Kosten f&uuml;r andere Fahrten nur bezuschusst werden? Oder: wo bekommt man eigentlich, die tats&auml;chlich anfallenden Kosten f&uuml;r die Tagesausfl&uuml;ge in Schule oder Kita best&auml;tigt? Wie rechnet man den Zuschuss f&uuml;r den Schulbedarf ab? <\/p><p>Frau von der Leyen hat tausendmal in die Mikrofone ges&auml;uselt, dass mit ihrem Bildungspaket, die &bdquo;Hilfen direkt bei den Kindern ankommen&ldquo;. Das war glatt gelogen. Sie kommen n&auml;mlich nur dann bei den Kindern an, wenn die Eltern der betroffenen Kinder dem b&uuml;rokratischen Monster, das von der Leyen in die Welt gesetzt hat, trotzen und sich in einen kafkaesken, angstbesetzten und diskriminierenden Verwaltungsdschungel vorzudringen wagen. <\/p><p>Den Weg durch dieses Labyrinth findet auch ein jetzt als Alibi schnell einberufener &bdquo;Runder Tisch&ldquo; nicht.<\/p><p>Ich kann eigentlich nur wiederholen, was ich schon <a href=\"\/wp-print.php?p=6542\">vor einem Jahr geschrieben habe<\/a>: <\/p><p>W&auml;re es nicht viel einfacher, effizienter und zielgenauer, wenn man in den Kitas und in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen anb&ouml;te (und, wenn es denn sein muss, pauschal bei den Eltern abrechnete, die es sich leisten k&ouml;nnten)? W&auml;re es nicht viel treffgenauer, wenn an den Schulen (nachhelfender) F&ouml;rderunterricht in den relevanten F&auml;chern f&uuml;r schw&auml;chere Sch&uuml;ler eingerichtet w&uuml;rde (und, wenn es sein muss, die Lehrer Nachhilfeunterricht bei wem auch immer empfehlen, dessen Kosten Hartz-Familien beim Jobcenter abrechnen k&ouml;nnten). K&ouml;nnte man nicht f&uuml;r Sportvereine &bdquo;Anreize&ldquo; schaffen und solchen Kindern einen &bdquo;Sportgutschein&ldquo; ausstellen, den sie bei den Vereinen einl&ouml;sen k&ouml;nnten. (Bei den privaten Arbeitsvermittlern geht das doch auch.)<\/p><p>Wo bleibt eigentlich in der christlich-liberalen Koalition das urliberale Denken, dass die individuellen Familien noch am besten Wissen, wie sie ihr Geld zielgenau einsetzen k&ouml;nnen?<br>\nAber nein, stattdessen muss ein B&uuml;rokratiemonster ins Leben gerufen werden, das &auml;hnlich wie bei Hartz endlose Debatten ausl&ouml;st und unendliche politische und administrative Energien bindet, die nur davon ablenken, das grundlegende Problem anzugehen, n&auml;mlich Strukturen zu schaffen, die Armut m&ouml;glichst vermeiden.<\/p><p>Warum gibt es nicht mehr F&ouml;rderunterricht f&uuml;r Leistungsschwache (und Leistungsstarke) oder Hausaufgabenbetreuung? Warum gibt es nicht mehr Musik- und Sport oder gar Freizeitangebote an den Schulen durchaus in Kooperation mit Musikschulen, Sportvereinen oder anderen Jugendfreizeiteinrichtungen? Warum wird nicht die Stellenausstattung von Schulen &ndash; wie in der Schweiz &ndash; an sozialen Indizes orientiert? <\/p><p>Mit solchen &bdquo;bildungspolitischen&ldquo; Ma&szlig;nahmen w&auml;re allen Kindern und Jugendlichen geholfen, statt &uuml;ber die &bdquo;Sozialpolitik&ldquo; allgemeine Bildungsdefizite f&uuml;r eine gesetzlich erfasste Gruppe von Transferempf&auml;ngern notd&uuml;rftig und &uuml;ber komplizierte Umwege &ndash; von denen niemand wei&szlig;, ob sie begehbar sind oder begangen werden &ndash; zu kompensieren.<br>\nHinter dem &bdquo;Bildungspaket f&uuml;r Kinder und Jugendliche&ldquo; verbirgt sich letztlich eine bildungspolitische Kapitulationserkl&auml;rung: N&auml;mlich das Eingest&auml;ndnis, dass diese Regierung den Rechtsanspruch auf individuelle Bildungsf&ouml;rderung gegen&uuml;ber den allgemeinen staatlichen Bildungseinrichtungen nicht mehr erf&uuml;llt sieht und auf absehbare Zeit auch nicht erf&uuml;llbar betrachtet. Statt &uuml;ber allgemeine Steuereinnahmen das Bildungswesen von den Kitas bis zu den Hochschulen auf einen internationalen Standard zu bringen, versucht man nun soziale Byp&auml;sse zu legen, um den Patienten am Leben zu halten. Und das wird dann noch als &bdquo;effizient eingesetztes Steuergeld&ldquo; verkauft.<\/p><p>Der Verdacht ist wohl berechtigt, dass mit den b&uuml;rokratischen H&uuml;rden f&uuml;r das Bildungspaket wie bei der minimalen Anhebung der Hartz IV-Regels&auml;tze kein anderes Ziel verfolgt wird, als die Armen weiter zu diskriminieren, um Steuermittel zu sparen. Jedenfalls der Finanzminister wird sich freuen, wenn das Bildungspaket floppt. So wird selbst das Bildungspaket zum Sparpaket mit nicht mehr kalkulierbaren sozialen Kosten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rund 2,5 Millionen Kinder sollten &uuml;ber das Bildungspaket Kindern Nachhilfe, Musikschule, Sport Schulmittagessen oder Klassenausfl&uuml;ge angeboten werden. 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