{"id":91271,"date":"2022-12-07T13:00:08","date_gmt":"2022-12-07T12:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91271"},"modified":"2022-12-07T14:39:00","modified_gmt":"2022-12-07T13:39:00","slug":"zeitenwende-auf-lateinamerikanisch-lateinamerika-und-der-krieg-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91271","title":{"rendered":"\u201eZeitenwende\u201c auf lateinamerikanisch? \u2013 Lateinamerika und der Krieg in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Auf der 77. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York trat der mexikanische Au&szlig;enminister Marcelo Ebrard mit einem Friedensvorschlag zur Beendigung des Ukrainekrieges auf, der von weiteren lateinamerikanischen L&auml;ndern unterst&uuml;tzt wurde. Es geht um die Beendigung des Krieges durch Verhandlungen. Kiew reagierte geradezu allergisch auf den Vorschlag. Ein Selenskyj-Berater implizierte, es sei in Wirklichkeit ein &bdquo;russischer Plan&ldquo;. Dabei hat Lateinamerika aufgrund seiner &Auml;quidistanz-Position zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten, der Vertiefung der regionalen Integration und durch die Diversifizierung seiner Au&szlig;enbeziehungen einen erheblichen politischen Freiraum errungen, der die Abh&auml;ngigkeit von den USA und von Europa sichtbar verringert. Dies pr&auml;destiniert die Region geradezu, als Vermittler im aktuellen Konflikt aufzutreten. Von <strong>Raina Zimmering<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer mexikanische Pr&auml;sident Lopez Obrador gab auf den Feierlichkeiten zum mexikanischen Unabh&auml;ngigkeitstag den Vorschlag das erste Mal bekannt (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88255\">die NachDenkSeiten berichteten<\/a>):<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Friedensmission muss unverz&uuml;glich die Einstellung der Feindseligkeiten in der Ukraine und den Beginn direkter Gespr&auml;che mit dem ukrainischen Pr&auml;sidenten Selenskyj und dem russischen Pr&auml;sidenten Putin anstreben.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Verhandlungsorganisatoren sollen der Papst, der UN-Generalsekret&auml;r und der indische Ministerpr&auml;sident Narendra Modi sein, die einen Waffenstillstand von f&uuml;nf Jahren durchsetzen sollen. Prompt kam die Antwort durch einen Berater von Selenskyj, der Obrador <a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/america\/mexico\/2022\/09\/17\/asesor-de-zelenski-reacciono-al-plan-amlo-para-pacificar-ucrania-usan-la-guerra-para-sus-relaciones-publicas\">vorwarf<\/a>, dieser wolle den Krieg ausnutzen, um &bdquo;Publicity&ldquo; f&uuml;r sich zu machen. Au&szlig;erdem twitterte er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ihr &sbquo;Plan&lsquo; ist also ein russischer Plan&ldquo;.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Was die ukrainische Regierung vollkommen untersch&auml;tzt, ist, dass der Vorschlag des mexikanischen Pr&auml;sidenten in einer Kontinuit&auml;tslinie seines Auftretens seit Beginn des Ukrainekrieges liegt und dass er sich im Einklang mit den meisten Staatsoberh&auml;uptern Lateinamerikas befindet. Mehrfach beklagten Obrador und eine Reihe lateinamerikanischer Staats- und Regierungschefs wie Alberto Fernandez und die Vizepr&auml;sidentin Cristina Kirchner aus Argentinien, der Pr&auml;sident Boliviens Luis Arce und der neugew&auml;hlte brasilianische Pr&auml;sident Luiz Ignacio Lula da Silva oder der kubanische Pr&auml;sident Miquel D&iacute;az-Canel, dass der Krieg in der Ukraine wegen mangelnder Verhandlungsbereitschaft nicht verhindert wurde. Sie geben sowohl Russland als auch den USA, der NATO sowie der Ukraine gleicherma&szlig;en die Schuld an dem Krieg in der Ukraine.<\/p><p>Die Regierung in Kiew hat scheinbar nicht wahrgenommen, dass die meisten L&auml;nder der Welt, mindestens zwei Drittel, wenn nicht sogar drei Viertel, eine andere Position als die westlichen Staaten zum Ukrainekrieg einnehmen. Auch wenn sie den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteilen, wie das in der UN-Vollversammlung im M&auml;rz 2022 mehrheitlich der Fall war, so beziehen sie zu den Sanktionen, der Schuld- und Verursacherfrage und vor allem mit Blick auf die Beendigung des Krieges eine andere Position als die westlichen Staaten und die Ukraine.<\/p><p>Da gerade die lateinamerikanischen Staaten in ihrer Geschichte besonders oft Opfer von gewaltt&auml;tigen Interventionen der USA, von milit&auml;rischen Eingriffen bis zur Installation von Milit&auml;rregimen und der Unterst&uuml;tzung rechter Putschisten im Namen der US-amerikanischen Monroe-Doktrin waren, lehnen sie Gewalt in den internationalen Beziehungen, die Verletzung der Souver&auml;nit&auml;t und Integrit&auml;t anderer Staaten vehement ab und treten f&uuml;r die Einhaltung des V&ouml;lkerrechts ein. Und gerade deshalb hat kein lateinamerikanischer Staat in der UNO gegen die Verurteilung Russlands wegen seiner Intervention in die Ukraine gestimmt. Aber sie lehnen nicht nur die russische Intervention in der Ukraine ab, sondern alle Interventionen, auch die der USA in Lateinamerika und anderswo wie in Vietnam, in Afghanistan, im Irak, in Jugoslawien und in Syrien mit tausenden Toten.<\/p><p>Der Regierung von Selenskyj ist offensichtlich auch entgangen, dass sich Lateinamerika aus seinem Hinterhof- und Stellvertreter-Dasein gegen&uuml;ber den USA im Sinne der Monroe-Doktrin gel&ouml;st und, anders als die Ukraine, eine von den USA unabh&auml;ngige, auf Ausgleich und Frieden gerichtete Position in der Welt erlangt hat. Erst vor kurzem hat Lateinamerika beim Zustandekommen des Kernwaffenverbotsvertrages von 2021 eine Initialrolle gespielt. Dabei bauten die lateinamerikanischen L&auml;nder auf ihren Erfahrungen mit dem Vertrag von Tlatelolco &uuml;ber eine kernwaffenfreie Zone in Lateinamerika von 1967 auf. Sie wollen, obwohl sie so oft von den USA milit&auml;risch angegriffen wurden, diese auf die ganze Welt ausdehnen, um einen Nuklearkrieg zu vermeiden.<\/p><p>Aufgrund der &Auml;quidistanz-Position Lateinamerikas zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten, der Vertiefung der regionalen Integration im Mercosur und der CELAC &ndash; der Vereinigung Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten mit Kuba, Venezuela und Nicaragua, aber ohne die USA und Kanada &ndash; und durch die Diversifizierung seiner Au&szlig;enbeziehungen konnte Lateinamerika einen erheblichen politischen Freiraum erringen, der die Abh&auml;ngigkeit von den USA und von Europa verringerte. Dazu geh&ouml;ren vor allem der wachsende wirtschaftliche Einfluss Chinas als wichtigster Kreditgeber und zweitwichtigster Handelspartner und Investor auf dem Kontinent und der Ausbau der Beziehungen zu Russland, ohne dass diese beiden Staaten Lateinamerika ihre &bdquo;Werte&ldquo; aufdr&uuml;cken wollen. Aber auch die Intensivierung der S&uuml;d-S&uuml;d-Beziehungen geh&ouml;ren zu der auf Selbstst&auml;ndigkeit und St&auml;rkung des Eigenen ausgerichteten Politik Lateinamerikas. <\/p><p>Kurz vor Ausbruch des Ukrainekrieges besuchte etwa der argentinische Pr&auml;sident China und Russland, w&auml;hrend der brasilianische Pr&auml;sident nach Russland reiste. Lateinamerika baute in den letzten Jahrzehnten ein Netz von Beziehungen zu China (Belt &amp; Road-Initiative) und Russland auf. Beispiel ist auch der j&uuml;ngste Besuch des kubanischen Pr&auml;sidenten D&iacute;az-Canel in Russland, China, der T&uuml;rkei und Algerien im November 2022. Aber auch das Agieren Lateinamerikas in der Gruppe der G20 und den BRICS geh&ouml;ren zu der erfolgreichen Diversifizierungsstrategie. Der wachsende Freiraum zeigte sich auch in der selbstbewussten Position auf dem &bdquo;Summit of the Americas&ldquo; im Juni 2022, das zur OAS geh&ouml;rt und unter der Hegemonie der USA eine Neuauflage der Monroe-Doktrin zur Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Einflusses von Russland und China in Lateinamerika anstrebt. Eine Reihe von lateinamerikanischen Staatschefs folgte der Einladung nach Washington aus Protest gegen den Ausschluss Kubas, Venezuelas und Nicaraguas nicht. Diese Verweigerungshaltung lateinamerikanischer Regierungschefs war f&uuml;r die Neuauflage der hemisph&auml;rischen Hegemoniepl&auml;ne der USA ein herber R&uuml;ckschlag. Auch die &bdquo;Zweite Rote Welle&ldquo;, der Sieg von Mitte-links-Regierungen in einer Reihe von lateinamerikanischen L&auml;ndern (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Mexiko, Peru), selbst in dem &bdquo;NATO-Vorposten-Land&ldquo; Kolumbien, ist Ausdruck dieses Freiraumes. Diese Entwicklung kommt nun im eigenst&auml;ndigen und unabh&auml;ngigen Agieren der Lateinamerikaner im Zuge des Ukrainekriegs zum Ausdruck.<\/p><p>Die lateinamerikanischen Staaten tragen nicht die Auffassung des Westens mit, Russland durch Sanktionen und Aufr&uuml;stung der ukrainischen Streitkr&auml;fte zu &bdquo;besiegen&ldquo; oder gar zu &bdquo;ruinieren&ldquo; und damit auf einen langen Krieg hinzuarbeiten. Denn unter der L&auml;nge des Krieges, seiner Eskalation und unter den Sanktionen leidet nicht nur Russland, sondern die ganze Welt und am meisten der &bdquo;Globale S&uuml;den&ldquo;. Die lateinamerikanischen Volkswirtschaften haben auf die eine oder andere Weise bereits hohe Verluste hinnehmen m&uuml;ssen, die Hunger, Elend und Hyperinflation steigern. Sei es, dass Hauptexporte, wie in Ecuador, Argentinien und Uruguay, zum Erliegen kamen oder sei es, dass die D&uuml;ngemittelimporte in Brasilien, Argentinien und Mexiko zusammenbrachen und somit den Au&szlig;enhandelsvorteil der Getreideproduktion zunichtemachten. Auf die Volkswirtschaften und das Leben der Menschen in Lateinamerika hat das verheerende Auswirkungen.<\/p><p>Au&szlig;erdem erh&ouml;ht die Eskalation des Krieges die Gefahr eines Nuklearkrieges. Wie der argentinische Pr&auml;sident Alberto Fernandez sagte, betrifft das nicht mehr nur den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine oder den zwischen Russland und den USA, &bdquo;sondern es betrifft die ganze Welt.&ldquo;<\/p><p>Deshalb streben die lateinamerikanischen Staaten danach, diesen Zustand so schnell als m&ouml;glich zu beenden, ohne dass ein langer Krieg zu weiteren Toten, sozialen Verwerfungen und der Gefahr eines Weltkrieges f&uuml;hrt.<\/p><p>Die Initiative des mexikanischen Pr&auml;sidenten, die sich mit der Mehrheit der anderen lateinamerikanischen Staatsoberh&auml;upter deckt, ist daher kein billiger Publicity-Trick, sondern spiegelt das neue Selbstbewusstsein Lateinamerikas wider, das durch seine Erfahrungen mit der Monroe-Doktrin, seinen Kampf um Multipolarit&auml;t und V&ouml;lkerrecht, sein &Auml;quidistanzverhalten zwischen den Weltzentren und innerhalb der sich neu sortierenden Kr&auml;ftekonstellation im internationalen System ein eigenes Gewicht als Frieden bringender und stabilisierender internationaler Akteur gewonnen hat. Es kann dazu beitragen, dem V&ouml;lkerrecht und der Diplomatie in der Welt wieder zum Durchbruch zu verhelfen, um Kriege zu beenden und Konflikte nachhaltig einzugrenzen. Man kann das neue Verhalten Lateinamerikas im Gefolge des Ukrainekrieges auch als &bdquo;Zeitenwende auf lateinamerikanisch&ldquo; bezeichnen.<\/p><p><em>Eine Langversion des Artikels erschien in: Crome, Erhard (Hrsg.): Zeitenwende. Der Ukrainekrieg und die deutsche Au&szlig;enpolitik. Potsdam.<\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Jesse33<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88255\">W&auml;hrend EU und USA mehr Waffen schicken, pr&auml;sentiert Pr&auml;sident von Mexiko Friedensinitiative zur Beendigung des Ukraine-Krieges<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91103\">China und Russland: Bedrohungen f&uuml;r Lateinamerika?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/bb3d1d1c56834f8bb88710f0bdbb6eda\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der 77. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York trat der mexikanische Au&szlig;enminister Marcelo Ebrard mit einem Friedensvorschlag zur Beendigung des Ukrainekrieges auf, der von weiteren lateinamerikanischen L&auml;ndern unterst&uuml;tzt wurde. Es geht um die Beendigung des Krieges durch Verhandlungen. 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